![]() |
Werner Krämer
Glossar/ Theory |
![]() |
HSLU VWL&Teilgebiete Tiefere Gliederung bei Sitemap Skripte Home Impressum
Übung macht den Meister Online - VWL - Lehrbuch, 1. Teil, 2.Teil, 3.Teil , VWL - Blogs)
Stonehenge, Südengland. Von Menschen der Jungsteinzeit vor über 5000 Jahren
gebaut. Es handelte sich um ein universelles Symbol für Leben und Tod mit
Ausrichtung auf einen bestimmten Sonnenstand.
Man sollte sich allerdings nicht auf Glück und
Übersinnliches verlassen, sondern obigem Motto folgen. Manchmal gilt auch:
"Nichtstun ist besser als mit viel Mühe nichts schaffen", Laotse.
Seiteninhalt Übungstheoreme aus folgenden ökonomischen Bereichen: Mikroökonomik, Makroökonomik, Umweltökonomik, Arbeitsökonomik, Außenwirtschaft (Globalökonomik), Mittelstandsökonomik (Wiki).
"Wenn
ein Autor bei einem anderen abschreibt, nennt man das Plagiat. Wenn ein Autor
bei vielen anderen abschreibt, heißt es Wissenschaft", anonym.
"Die Welt der Wirtschaft ist das Produkt der menschliche Natur; sie kann sich nicht schneller ändern als die Menschen selbst", Alfred Marshall (1842-1924): Principles of Economics, 1890; den Studenten vom Marshall-Diagramm her bekannt (auch daraus folgendes Zitat: "Economics is a study of mankind in the ordinary business of life").
Übungstheoreme: Wissensmodule, Glossar (Themen, Gesetze, Effekte, Kurven, Organisationen, Phänomene, Paradoxa, aktuelle praktische Anwendungen). VWL-Online-Lehrbuch. Methodische Aspekte finden sich auf der Seite "Methode/ Econometrics". Aktuelle Problembehandlungen enthält die Seite "Fallstudie/E-Learning".
Legite. Operae pretium erit.
Gliederung: Mikroökonomik, Makroökonomik, Umweltökonomik, Arbeitsökonomik, Globalökonomik, Mittelstandsökonomik (KMU).
Mikroökonomik (ökonomisches Verhalten, Institutionenökonomik, Industrieökonomik, Wettbewerb, zur Spieltheorie vgl. Übungsmodell): Verhalten einzelner, idealtypischer Wirtschaftssubjekte (Konsumenten, Unternehmen) und der von ihnen gebildeter Märkte. Viele mikroökonomische Prinzipen sind bei der Umwelt-, Arbeits- und Mittelstandsökonomik, also eher in der Anwendung, dargestellt.
Gliederung: Konsum, Produktion/ Angebot, Markt/ Wettbewerb/ Preise, Institutionen (Wohlfahrt). Weitere Theoreme der Mikroökonomik findet man bei der Umwelt-, Arbeits- und Mittelstandsökonomik..
Konsum (Nachfrage)
Engelsches Gesetz (Ernst Engel, deutscher Statistiker, 1821-1896): Wenn das Einkommen wächst, geht der Anteil der Ausgaben für Nahrungsmittel zurück. Absolut können die Ausgaben noch zunehmen. Das Gesetz gilt auch heute noch. Nahrungsmittel sind normale Güter mit einem hohen Anteil an inferioren Gütern. Diese haben eine Einkommenselastizität kleiner als Null. Mit steigendem Einkommen werden superiore Güter (Luxusgüter) immer stärker nachgefragt (Einkommenselastizität größer null). Anders ist die Situation grundsätzlich in vielen afrikanischen oder asiatischen Ländern, wo die Menschen oft 75% ihres Einkommens für das tägliche Brot aufwenden.
Veblen - Theorem: Reiche Leute schätzen teure Güter nicht wegen ihres Gebrauchtwertes, sondern vor allem deswegen, weil Ärmere sie nicht bezahlen können, Thorsten Veblen (1857-1929): Theory of the Leisure Class, New York 1965. Ähnlich der Snob-Effekt, bei dem eine negative Netzwerkexternalität besteht, bei der der Konsument ein einzigartiges Gut exklusiv besitzen will. Eine positive Netzwerkexternalität besteht beim Mitläufer-Effekt, bei dem der Konsument ein Gut deshalb besitzen will, weil andere (Nachbarn, gleichaltrige Jugendliche) es haben.
Giffen - Fall (bzw. -Gut; benannt nach dem britischen Journalisten und Statistiker Robert Giffen, 2. Hälfte 19. Jh.): Giffen - Güter sind inferiore Güter (Güter, dessen nachgefragte Menge bei einem Einkommenszuwachs sinkt), bei denen der Einkommenseffekt den Substitutionseffekt überlagert (steigende Nachfragekurve). Dies wurde z. B. in Irland beobachtet, als dieses Land noch arm und kein "keltischer Tiger" war. Die irische Nachfrage nach Kartoffeln verlief aufwärts geneigt. Jüngst wurde der Effekt für die chinesische Provinz Huan beim Reis nachgewiesen, allerdings nur bei mittleren Gruppen; vgl. Jensen, R. T./ Miller, N. H.: Giffen Behavior: Theory and Evidence, NBER Working Paper Nr. 13243 (Juli 2007).
Gossensche Gesetze: 1. Der Grenznutzen eines Gutes nimmt mit zunehmender konsumierter Menge ab, kann aber nicht negativ werden. 2. Grenznutzen muss in allen Verwendungsrichtungen gleich sein. Hermann H. Gossen, 1810-1858: Entwicklung der Gesetze des menschlichen Handelns, und der daraus fließenden Regeln für menschliches Handeln, Braunschweig 1854.
Indifferenzkurve: Graphische Methode zur Darstellung aller Kombinationen von zwei Gütern, Geld oder anderen Faktoren, die ein Akteur als gleichwertig empfindet, z. B. Haushaltstheorie mit ordinalem Nutzen (Pareto): Die obere Grenze an Gütern, die der Haushalt kaufen kann (Budgetrestriktion, Gütermengen x Preisen, kein Sparen) wird Bilanzgerade bzw. Budgetgerade genannt. Bei metrischer Nutzenmessung gibt es einen Grenznutzen (Gossensche Gesetze). Die Änderung des Konsums, die sich aus der Bewegung zu einer höheren oder niedriger liegenden Indifferenzkurve bei Konstanthaltung des relativen Preises ergibt wird Einkommenseffekt genannt (es gibt auch den Substitutionseffekt). Mit der Slutsky-Gleichung können die Auswirkungen einer Preisänderung exakt aufgeteilt werden. Mit der Indifferenzkurve lassen sich auch sehr praktische Probleme skizzieren, z. B. in der Personalpolitik, wenn es um Präferenzen eines Wind-Survers und eines Schachspielers geht, vgl. Lazear/Gibbs: Personnel Economics in Practice, 2009.
Grundlage der Theorie sind die Gedanken von dem Österreicher Carl Menger (1840-1921) und dem Franzosen Leon Walras (1834-1910) über eine neue Wert- und Preistheorie. Sie rückten die Nützlichkeit eines Gutes (Nutzentheorie) und nicht die in ihr steckende Arbeit in den Mittelpunkt. Man unterscheidet kardinale (um wie viel genau variiert ein Warenkorb gegenüber einem anderen) und ordinale Nutzentheorien. Mit der Nutzentheorie konnte das Wertparadoxon (Vergleich Gold-Wasser) gelöst werden. Vgl. auch: Deaton, A./ Muellbauer, J.: An Almost Ideal Demand System, in: AER, 1980.
Elastizität (Elasticity): Die relative Mengen - Änderung zur relativen Ursachen - Änderung (direkter Preis des gleichen Gutes, indirekter Preis bzw. Kreuzpreis und Einkommen). Preiselastizitäten sind normalerweise negativ (positiv bei Snob - Effekt), Einkommenselastizitäten positiv. Interessant ist die Anwendung der Preiselastizität bei Parkplätzen. Hierüber forscht der US-Ökonom Donald Shoup seit 35 Jahren. Leider planen die Städte die Gebühren in der Regel nach anderen Kriterien. Über die Kreuzpreiselastizitäten kann man die folgenden Beziehungen identifizieren:
Substitutions- und Komplementärbeziehungen zwischen Gütern: Substitutionsgüter ersetzen sich gegenseitig (Butter, Margarine), Komplementärgüter ergänzen sich (Benzin, Auto). Über die Kreuzpreiselastizität lassen sich diese Güter messen. "Wer lebenslang Butter gegessen hat, steigt nicht mit 80 auf Margarine um, nur weil die billiger wird", H. - W. Brachinger, Ökonom an der Uni Fribourg über Preissteigerungen bei Lebensmitteln, die besonders Rentner treffen.
Wirtschaftssubjekt: In der Ökonomie handelnde Person, über die oft bestimmte Annahmen gemacht werden.
Produktion/ Angebot
Produktionsfunktion: Sie ist die mathematische Beziehung zwischen der Inputmenge (Faktoreinsatz) und der Outputmenge (Ausbringungsmenge) der Produktion. Die drei bekanntesten sind die Cobb-Douglas-PF. (substitutionale Produktionstechik, vgl. Cobb, C./ Douglas, P.: A Theory of Production, in: AER, 1928), die ertragsgesetzliche PF (Turgot, Thünen) als Sonderfall der substitutionalen Produktion, da nur ein Faktor variiert wird, und die Leontief PF mit linear-limitationaler Produktionstechnik. Es ist sehr schwierig, in der Realität Produktionsprozessen Produktionsfunktionen zuzuordnen.
Grenzproduktivitätstheorem von J. H. von Thünen (1783-1850): Der Einsatz eines zusätzlichen Arbeiters ist vorteilhaft, solange der Mehrertrag höher ist als der Lohn: die Produktionsmenge, die sich mit einer Einheit Arbeit herstellen lässt, ist das Grenzprodukt der Arbeit; Der isolierte Staat in Beziehung auf Landwirtschaft und Nationalökonomie, Aalen 1990. Normalerweise liegt ein abnehmendes Grenzprodukt vor, d.h. das Grenzprodukt des Faktors "Arbeit" nimmt bei Konstanthaltung der anderen Faktoren mit steigendem Faktoreinsatz ab (diminishing marginal product). Allgemeiner sagt das Ertragsgesetz (law of diminishing returns): das Grenzprodukt jeder Inputeinheit sinkt, wenn sich die Menge des betreffenden Inputs erhöht, während alle anderen Faktoreinsätze konstant bleiben. Marginale Analysen werden in der VWL mathematisch mit Hilfe der Differentialrechnung umgesetzt. Sie wurde von Gottfried Wilhelm Leibnitz (1646-1716) entdeckt. Er veröffentlichte seine Ergebnisse und auch die bessere Methode vor I. Newton.
Opportunitätskosten: Kosten der entgangenen Nutzung eines Gutes oder Produktionsfaktors (z. B. entgangene Arbeitsleistung bei einem Weiterbildungskurs im Unternehmen). Opportunitätskosten des Kapitals ist die Ertragsrate, die man erlangen könnte, wenn man in ein alternatives Projekt mit ähnlichem Risiko investieren würde.
Verbundvorteile (economies of scope): Der gemeinsame Output einer einzelnen Firma ist größer als der Output, der durch zwei und mehr verschiedene Firmen erreicht werden kann (jedes stellt ein eigenes Produkt her). Das Gegenteil sind Verbundnachteile. Größenvorteile (econmies of scale): Der Output kann in einem bestimmten Ausmaß erhöht werden, ohne die Kosten im gleichen Ausmaß zu erhöhen. Es kann auch Größennachteile geben.
Informationsgüter: Ein Informationsgut ist ein Gut, bei dem der Wert aus der Information resultiert, die das Gut enthält. Informationsgüter haben eine wachsende Bedeutung für die Volkswirtschaften. Informationsgüter haben geringe Grenzkosten und hohe Fixkosten. Durch die Schaffung temporärer Monopole können Patente und Urheberrechte die Produktion erleichtern. Informationsgüter haben häufig Netzwerk - Externalität. Der Wert eines Gutes ist für ein Individuum größer, wenn eine große Anzahl anderer Individuen ebenfalls dieses Gut verwendet. Deshalb treten auch häufig positive Rückkopplungseffekte auf. Vgl. Krugman, P./Wells, R.: Volkswirtschaftslehre, Stuttgart 2010, S. 685ff.
Werbung: Umstritten ist die Rolle der Werbung vor allem im Rahmen der monopolitischen Konkurrenz. Dies ist mit den Namen Galbraith und Hayek verbunden: Ersterer stellte in seinem Buch "The Affluent Society" von 1958 die These auf, Werbung schaffe Nachfrage nach Produkten, die Menschen nicht brauchten. Hayek dagegen argumentiert in seinem Buch "Der Weg zur Knechtschaft" von 1944, das dies ein Teil des Phänomens sei, dass Präferenzen durch das soziale Umfeld beeinflusst würden. Nach: Mankiw/ Taylor: Volkswirtschaftslehre, Stuttgart 2008, S. 424f.
Kurzfristige Situation der Betriebsschließung: Wenn die gesamten Erträge eines Betriebes unter den variablen Kosten liegen, steht es besser da, wenn es sein Geschäft sofort einstellt und nur die fixen Kosten verliert. Beim langfristigen Marktaustritt wird das Unternehmen solange produzieren, wie die Einnahmen über den variablen Kosten liegen. Sie sind geringer als die Gesamtkosten, so dass gewartet werden sollte, bis die langfristigen Verträge (Fixkosten) auslaufen.
Markt/ Wettbewerb/ Preise
The law of one price (auch "law of indifference in the domestic economy", von Jevons): If two goods are identical, they must sell for the same price. Dieses Gesetz von der Unterschiedslosigkeit des Preises gilt auch auf dem Weltmarkt, also in der Außenwirtschaft: Die Arbitrage im Raum führt dazu, dass solange es Preisdifferentiale gibt, diese ausgenutzt werden (vgl. Siebert, Horst: Weltwirtschaft, Stuttgart 1997, S. 26). Die Grenze dieses Gesetzes wird durch den Balassa-Samuelson-Effekt aufgezeigt: Die Produktivitätsunterschiede zwischen Ländern in den Sektoren handelbarer und nicht-handelbarer Güter sind die Ursache für die Persistenz von Preisunterschieden. Vgl. Brunner/ Kehrle, Volkswirtschaftslehre, München 2009, S.669.
Coase - Theorem: Die Nutzung des Markt- bzw. Preismechanismus kostet Geld (sobald Transaktionskosten eine Rolle spielen, kommt es auf die institutionelle Einbindung an). Transaktionskosten sind Such-, Informations-, Kontroll- und Durchsetzungskosten; Ronald H. Coase: The Firm, the Market and the Law, Chicago 1990. Auch die reinen Kosten einer Preisänderung, die man Menu costs (Speisekartenkosten) nennt, gehören dazu. Coase erklärt auch Unternehmen: ein Unternehmen werde das Ausmaß der Arbeitsteilung solange in der eigenen Organisation bewältigen wie die Such- und die Vertragskosten größer sind als die Kosten für die Aufrecherhaltung der Organisation (The nature of the firm, in: Economica, Vol.4, No. 16 (1937), S. 386-405).Transaktionskosten spielen heute auch eine zentrale Rolle, wenn es um die Entscheidung zwischen öffentlicher und privater Leistungserstellung geht.
Schweinezyklus (A. Hanau, 1902-1985): auf etwa zwei Jahre hohe Schweinepreise und niedrigem Angebot folgen ca. zwei Jahre hohe Schweinepreise und hohes Angebot (Ursache sind die Gewinnerwartungen der Produzenten). Der Begriff wird auf andere Phänomene übertragen. Auch Cobweb-Theorem genannt. Es bezeichnet den wechselseitigen Anpassungsprozess von Preis und Menge auf einem Markt, der aufgrund der verzögerten Anpassung des Angebots entsteht.
Gesetz der unsichtbaren Hand von Adam Smith (1723-1790): Der Markt lenkt wie eine unsichtbare Hand die Handlungen der Menschen (An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, 1776, auch: "...It is not from the benevolenz of...the baker that we expect our dinner, but from their regard to their own interest..."). Also trage das eigennützige Streben der Menschen zum Wohl der gesamten Gesellschaft bei. Smith war Moralphilosoph: primär ging es ihm um die These, dass der, der sein eigenes Interesse verfolgt, häufig nachhaltiger das Wohl der Gesellschaft fördert als der, der es ausdrücklich beabsichtigt. Keine Idee ist in der Ökonomie wohl häufiger missbraucht worden. Schon 1939 hat der Ökonom Alexander Rüstow darauf hingewiesen: Der Aberglaube an an den gemeinwohldienstlichen Automatismus des Marktes verhindere die notwendigen gesellschaftlichen Bedingungen des Wirtschaftslebens. Smith gilt als Vater der Volkswirtschaftslehre. "Ökonomen sind bewaffnet und gefährlich - achten Sie auf die unsichtbare Hand", N. N..
Pareto - Optimum: Alle Handlungen wirken Wohlfahrt erhöhend, bei denen zumindest ein Wirtschaftssubjekt besser-, niemand aber schlechter gestellt wird; Vilfredo Pareto (1848-1923): Traite de sociologie generale, Paris 1917.
Bedingung von "veil of ignorance" ("Schleier des Unwissens", John B. Rawls, 1921-2002, A Theory of Justice, New Haven 1971): Modell eines fiktiven Urzustandes als Grundlage eines Gedankenexperiments über Gerechtigkeit. Seine Theorie der sozialen Gerechtigkeit entwickelt er mit einer Theorie des Gesellschaftsvertrages, von der er Grundsätze ableitete, die die Ideen von Freiheit, Gleichheit und wirtschaftlicher Effizienz verbinden. Die faire Umverteilung endet dort, wo die individuelle Freiheit beschnitten wird. J. Habermas entnahm hier wohl sein Diskurs-Modell. "Der Staat darf nur wegnehmen, was den am schlechtesten Gestellten zugute kommt", John Rawls.
"Friedhofsruhe": charakterisiert die Preispolitik im Oligopol (Preisstarrheit), die am besten spieltheoretisch erklärt werden kann. Eine stillschweigende Preisabsprache unter Firmen wird Kollusion genannt. Das Oligopol ist eine Branche mit wenigen Anbietern (zwischen 2 und 15). Dies ist etwa bei Energieversorgern der Fall. Multinationale Unternehmen sind auf dem Weltmarkt in der Regel in dieser Marktsituation. Hier kann leicht die Situation der Marktbeherrschung entstehen. Beispielsweise sind folgende Branchen betroffen: Transportbeton, Telekommunikationsnetze, Fernsehwerbung, Kalksandstein. Zusammen mit dem Monopol (ein Anbieter mit großer Marktmacht, beliebt ist hier Preisdiskriminierung, also Berechnung unterschiedlicher Preise bei unterschiedlichen Kunden für ähnliche Güter, Gleichgewicht im Cournot-Punkt, oft auch staatlich wie das Glücksspiel) und der monopolistischen Konkurrenz (vollständige Konkurrenz mit heterogenen Gütern) handelt es sich um die wichtigsten Marktformen in der Realität. Vgl. Dixit, A./ Stiglitz, J.: Monopolistic Competition and Optimum Product Diversity, in: AER, 1977. Wenn ein Unternehmen einen gesamten Markt allein zu niedrigeren Kosten versorgen kann als dies mehrere Unternehmen zusammen können, spricht man von einem natürlichen Monopol. Marktsituationen mit nur einem Käufer heißen Monopson. Häufig kommt dies am Arbeitsmarkt vor. Monopol und Monopson werden auch "Thin market" genannt. "Deutschland hat im Zeitalter der Globalisierung und angesichts der Konkurrenz durch Länder wie China und Indien nur mit einer liberalen Wirtschaftsordnung eine Chance", K. O. Pöhl, ehemaliger Bundesbankpräsident und Privatbankier.
Dorfman-Steiner-Bedingung: Bedingung für einen gewinnmaximalen Marketing-Mix. Es geht um die optimale Abstimmung von Preis- und Werbestrategie.
Vollständiger Wettbewerb ("perfect competition"): Wettbewerbssituation, in der alle Güter und Dienstleistungen einen Preis haben, auf Märkten gehandelt werden und in der kein Marktteilnehmer den Marktpreis beeinflussen kann. Als reale Beispiele werden Börsen genannt, die sich weitgehend dem Ideal annähern. Vollkommene Märkte haben Homogenität der Güter, keine Präferenzen, vollständige Markttransparenz und Offenheit. "Märkte können länger irrational bleiben als man selbst solvent", J. M. Keynes. Im idealtypischen Modell gibt es Produzenten- und Konsumentenrente. Zum Beispiel hätten die Produzenten das Gut auch unter dem Gleichgewichtspreis verkauft. Immer populärer wird der Begriff "Cooptition" als Mischung aus Konkurrenz und Wettbewerb. Dies gilt vor allen für den Energiemarkt. Ansonsten wetteifern die Länder der Welt härter denn je um Investitionen und Wohlstand. Wird die Annahme der Güterhomogenität aufgegeben, erhält man die Monopolistische Konkurrenz: die Unternehmen können frei eintreten und jeweils ihre eigene Marke oder Version eines differenzierten Produktes herstellen (doppelt geknickte Nachfragekurve). "Der Wettbewerb ist in erster Linie ein Entmachtungsinstrument. In einer Wettbewerbswirtschaft ist jeder von allen, aber keiner von einem bestimmten anderen abhängig", Franz Böhm, 1895-1977, Mitbegründer der "Freiburger Schule" und "Vater" des GWB.
Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB): Grundlage der deutschen Wettbewerbspolitik. Es trat 1958 in Kraft (von Ludwig Erhardt gegen den erbitterten Widerstand der Industrie durchgesetzt). Zentrale Bereiche sind das Kartellverbot, die Missbrauchsaufsicht sowie die Fusionskontrolle. Institutionalisiert werden das Bundeskartellamt und die Monopolkommission. Auf europäischer Ebene ist der Wettbewerbskommissar zuständig. 2009 soll das Kartellrecht in der EU verschärft werden: Schadensersatzklagen nach US-Vorbild. Ähnlich wie im deutschen GWB existieren im Wettbewerbsrecht der EU die gleichen drei Säulen. 2012 macht die EU massiv Druck gegen Google. Eswird Missbrauch der Marktmacht vorgeworfen. Die Bundesregierung will 2010 erstmals dem Bundeskartellamt Mittel in die Hand geben, mächtige Konzerne zu entflechten. Das amerikanische Anti-Trust-Recht enthält diese Mittel. Damit soll eine Gesetzeslücke geschlossen werden (Bekämpfung von "Frühstückskartellen"). "Die freie Marktwirtschaft ist ein wunderbares Instrument , um Wohlstand zu schaffen. Aber sie ist werteblind. Deshalb wird der Staat als Hüter der Ordnung gebraucht", Angela Merkel, Bundeskanzlerin.
Kartelle: Für die Überwachung des Kartellsverbots in Deutschland ist das Bundeskartellamt in Bonn zuständig. Für den europäischen Binnenmarkt ist der EU - Wettbewerbskommissar (ehemals Neelie Kroes, jetzt Joaquin Almunia) verantwortlich. Eine Weltkartellbehörde gibt es noch nicht (im Moment die WTO). Schwierig ist die Abgrenzung des relevanten Marktes. Absprachen gibt es vor allem bei relativ homogenen Gütern. Es gibt eine Kronzeugenregelung und Bußen. Geldbußen auf europäischer Ebene wurden verhängt u. a. gegen Eon und Gaz de France Suez 2009 (Marktabsprache beim Gas), gegen das Wachskartell 2008 und gegen das Fensterglaskartell 2007. Kartellstrafen treffen immer wieder die Zementindustrie, Pharmaindustrie (Vitamine) und Stahlindustrie. Ende 2009 z.B. wird Heidelberger Cement von der polnischen Kartellbehörde bestraft; die Kaffeeröster Tschibo, Melitta und Dallmayr müssen auch eine hohe Strafe zahlen (jahrelang Preise auf Kosten der Verbraucher künstlich hochgehalten). 2010 werden Preisabsprachen im Handel (Metro, Rewe, Edeka, Lidl, Rossmann) aufgedeckt, ebenso ein Brillenglas-Kartell und ein Tapetenkartell. Bekannt wurde 2010 auch die Kartellstrafe gegen die Schokoladenfabrik Ritter, die die Existenz des Unternehmens gefährden könnte. Das Bundeskartellamt prüft auch Fusionen. So etwa die Übernahme von Karmann durch Magna 2010, die abgelehnt wird. Auch die EU - Kommission kann Kartellstrafen verhängen. So 2010 622 Mio. € gegen ein Kartell von 17 Bad-Einrichtern und gegen ein Stahlkartell (Spann-Stahl, 500 Mio. €). Ende 2010 wird auch wieder mal gegen ein Zementkartell ermittelt. Unter den acht verdächtigen Firmen ist auch Heidelberg Cement. 2011 rücken die E-Books-Verlage ins Visier der EU-Wettbewerbsbehörde. 37 Mrd. € soll der Schaden betragen, den Europas Konsumenten und Unternehmen jährlich durch Kartelle erleiden. 2011 bescheinigt das Kartellamt den fünf marktbeherrschenden Tankstellenbetreibern (Aral/BP, Shell, Total, Esso, Jet) für zu hohe Kraftstoffpreise gesorgt zu haben. 2011 ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ein Stahlkartell, das in Europa der Bahn überhöhte Preise für Bahnschienen abgenommen hat. Sie nennen sich "Schienenfreunde". Im Herbst 2011 geraten die Kugellagerhersteller (Schaeffler, SKF) ins Visier der EU. Im November 2011 "outet" Henkel (Somat) Benckiser (Calgonit) bei Spültabs. Am bekanntesten waren folgende Fälle der EU-Wettbewerbsbehörde aus deutscher Sicht: 1994 wurde der Zusammenschluss von Bertelsmann und Kirch untersagt; 1996 erhielten Saint-Gobain und Wacker Chemie eine Absage; 1998 durfte die Deutsche Telekom Beta Research nicht übernehmen. 2012 will die Bundesregierung eine Markttransparenzstelle beim Bundeskartellamt einrichten, um die Ein- und Verkaufpreise von Benzin und Diesel zu erheben und auszuwerten. "Die Unternehmen verstehen sich ohne Worte. Das führt zu überhöhten Preise", Andreas Mundt, Kartellamts-Präsident).
Walras-Gesetz: In einer Welt mit n Märkten, wenn n-1 im Gleichgewicht sind, dann auch der n-te Markt. Leon Walras lebte von 1834-1910. Von ihm stammt auch das Bild des Auktionators, der für alle Märkte stets den markträumenden Preis findet.
Preispolitik: Staatliche Festpreise, staatliche Höchstpreise, staatliche Mindestpreise. Beispiele sind der EU-Agrarmarkt, der Arbeitsmarkt, der Wohnungsmarkt und der Devisenmarkt. Staatlich verordnete Mindestpreise führen theoretisch zu Produktionsverzerrungen, Wohlfahrtseffekten und Verteilungswirkungen. Sie können durch staatlichen Ankauf oder Anbaubeschränkung gelöst werden. Höchstpreise haben vergleichbare Wirkungen. Sie können z. B. durch Warteschlangen, Qualitätsverschlechterung, Diskriminierung, administrative Rationierung und Schwarzmärkte gelöst werden. Die Wohlfahrtswirkungen werden normalerweise im Marshall-Diagramm dargestellt (Konsumentenrente, Produzentenrente, Gesamtwohlfahrt). Vgl. Vogt, G.: Faszinierende Mikroökonomie, München/ Wien 2007, S. 248 ff. Der reale Preis ist ein inflationsbereinigter Preis. Der Reservationspreis ist der Preis, den der Kunde maximal zu zahlen bereit ist. "Preisforscher müssen zwischen Sonderangeboten und dauerhaften Preisänderungen unterscheiden", Emi Nakamura, Columbia-Universität.
Preisstrategie: Der Preis kann Aktionsparameter (Monopol) oder Reaktionsparameter (vollständiger Wettbewerb) sein. Bei letzterem spricht man auch von Preisnehmer (Price Taker), weil ein kleiner Käufer wenig Einfluss auf den Markt als Ganzes hat. Bei der Bündelung werden zwei oder mehr Produkte als Paket verkauft.
Preisdifferenzierung: Preispolitik durch Spaltung des Absatzmarktes in Teilmärkte. Insbesondere eine Strategie des Angebotsmonopolisten. Der Markt kann räumlich, zeitlich, sachlich oder personell differenziert werden. Bei einer Marktagglomeration sind die Teilmärkte bereits vorgegeben. Vgl. Puhani, J.: Volkswirtschaftslehre für Betriebswirte, München 2009, S. 58ff.
Winner`s Curse: Damit ist der Fluch des Gewinners bei Auktionen gemeint. Unter bestimmten Bedingungen hat die Partei, die eine Sache ersteigert hat, mit Sicherheit zu viel geboten (vor allem, weil die zu erwerbende Sache überbewertet wird). Auktionsmärkte sind Märkte, auf denen Produkte durch formale Bietprozesse ge- bzw. verkauft werden. Eine Auktion kann mit gemeinsamem Wert (Gegenstand hat für alle Bieter den gleichen Wert; diese erkennen den genauen Wert nicht; deshalb weichen die Schätzungen voneinander ab) oder mit privatem Wert (jeder Bieter kennt den Wert, wobei die Bewertungen voneinander abweichen) durchgeführt werden.
Experimente: Mittlerweile wird die Preisbildung auf Märkten zunehmend mit Feld- und Laborexperimenten erforscht. Die Anfänge liegen in den USA (Vernon Smith 1956, Nobelpreis 2002). Bei Laborexperimenten, mit denen in der experimentellen Wirtschaftsforschung meist gearbeitet wird, ist die Übertragbarkeit auf das reale Leben umstritten.
Auktionsmärkte: Produkte werden im Rahmen eines formalen Bietprozesses ge- oder verkauft. Man unterscheidet Auktionen mit gemeinsamem Wert (gleicher Wert, aber unbekannt) und privatem Wert (persönlicher Wert bekannt).
Schwarzmärkte: Sie entstehen bei zu starker staatlicher Regulierung auf den Märkten, insbesondere bei staatlicher Preispolitik. So führen staatliche Höchstpreise, die unter dem Marktgleichgewichtspreis liegen, mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem Schwarzmarkt. In Berlin blüht der Handel mit illegal eingeführten Zigaretten, weil Tabaksteuer relativ hoch ist (illegale Fabriken in Polen, Markenfälschung). Jin Ling ist die meistgerauchte Zigarette in Berlin. Sie wird in Kaliningrad produziert. Der Straßenhandel wird von der vietnamesischen Mafia organisiert.
Institutionen (Wohlfahrt, Kapitalmarkt, neuere Entwicklungen, vgl. auch Außenwirtschaft)
Ethik: "Den griechischen Philosophen ging es um ethische Fragen des "guten Lebens", nicht um effizientes oder rationales Wirtschaften", Mikl-Horke, G.: Sozialwissenschaftliche Perspektiven der Wirtschaft, München/ Wien 2008, S. 8. Aristoteles unterschied zwischen "oikonomia" (Hauswirtschaft, daher kommt der Begriff "Ökonomie"), "chresmatia" (Erwerb von Geld, Bereicherung) und "katallage" (Austausch, Ausgleich). Dieser Gedanke findet sich auch in der chinesischen Philosophie. Im Jahre 1759 entstand "Die Theorie der ethischen Gefühle" von Adam Smith. Der schottische Moralphilosoph beobachtete die Prinzipien hinter dem menschlichen Verhalten (Einfühlungsvermögen, Wohlwollen, Fairness, Gewissen). Empirische Studien deuten darauf hin, dass sich Ökonomen eher von Effizienzkriterien und Laien eher von Fairness und Moral leiten lassen. Ende 2010 starten in Deutschland Spitzenmanager die Initiative "für verantwortliches Handel". Die Unterzeichner verpflichten sich zu fairem Wettbewerb, Sozialpartnerschaft, Leistungsprinzip und Nachhaltigkeit. Der tschechische Ökonom Tomas Sedlacek landet mit dem Buch "Die Ökonomie von Gut und Böse" einen großen Erfolg. Er fundiert die ethische Bindung der Ökonomie in der Ideengeschichte, die auch eine Geschichte der Menschheit ist. David Graeber, einer der führenden Köpfe der "Occupy Wall Street" - Bewegung sieht eine feste Verbindung zum Markt: "These I Weder der Egoismus noch der Altruismus stellen natürliche Triebe dar; sie erwachsen vielmehr aus der wechselseitigen Beziehung zueinander und wären ohne den Markt undenkbar" (Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus, München 2012, S. 120). "Wenn die Sittenlehre nur eine Glückseligkeitslehre wäre, so würde es ungereimt sein, zum Behuf derselben sich nach Prinzipien a priori umzusehen", Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Stuttgart 1986. "Die moderne Ökonomie ist um ein Vielfaches ärmer geworden durch die Distanz zur Ethik", Amartya Sen (Harvard, geb. 1933 in Indien, 1998 Nobelpreis, Ökonomie für den Menschen).
Wirtschaftsordnungen: Walter Eucken (1891-1950, Grundsätze der Wirtschaftspolitik 1952; auch Grundlagen der Nationalökonomie, 1940) unterschied die Marktwirtschaft und die Planwirtschaft als Idealtypen. In der konkreten Ausgestaltung gibt es ein breites Spektrum von Differenzierungsmöglichkeiten. Wirtschaftsordnungen können transformiert werden (Transformation). Hier ist auf die Konsistenz von Einzelbereichen, die inhaltliche und zeitliche Koordinierung und die Kultur zu achten. Eucken war auch Mitbegründer des Ordoliberalismus. Diese zeigt auf, wie eine marktwirtschaftliche Ordnung beschaffen sein muss, damit sie Wachstum schafft und den Menschen dient. "Der Staat muss durch einen entsprechenden Rechtsrahmen die Marktform - das heißt die Spielregeln, in denen gewirtschaftet wird - vorgeben", Walter Eucken, Mitbegründer der "Freiburger Schule".
Dienstleistungen können nicht gelagert werden und sind in der Regel nicht übertragbar. Außerdem finden Erstellung und Konsum gleichzeitig statt und es kommt zu einer Interaktion zwischen Kunde und Anbieter. Das größte Problem ist die Beurteilung der Qualität. Auch staatliche Eingriffe (siehe Preispolitik) helfen nicht zwangsläufig. Vgl. R. Clement: Dienstleistung im Spannungsfeld von Preis- und Qualitätswettbewerb, in: WISU 3/2008, S. 384-390.
Arrow-Paradoxon: Ergebnis einer Mehrheitswahl ist im Falle mehrgipfliger Präferenzfunktionen von der Reihenfolge und der Anzahl der Abstimmungen abhängig. Kenneth J. Arrow (1921 geboren, Nobelpreis 1983), bekannter Wohlfahrtsökonom (Social Choice and Individual Values, New York 1964). Nicht zu verwechseln mit dem Unmöglichkeitstheorem: kein Verfahren zur Aggregation individueller Präferenzen, das transitiv ist und alle Bedingungen erfüllt. Wichtigster Aufsatz von Kenneth Arrow: Uncertainty and the Welfare Economics of Medical Care, in: AER, 1963. Berühmt ist auch der mathematische Beweis von Arrow und Debreu (Gerard, 1921 bis 2004), dass die Überlegungen von Adam Smith mit der unsichtbaren Hand tatsächlich korrekt sind.
Wohlfahrtsökonomie: sie geht auf Alfred Marshall (1842-1924) zurück. Er entwickelte Methoden, Produktion und Konsum zu quantifizieren. Er unterschied scharf bei der Angebots- und Nachfragemethode zwischen Bewegungen auf und Verschiebungen der Kurven.
"Homo oeconomicus": utilitaristisches Menschenbild der Mikroökonomik, nach dem rational handelnde Menschen durch Eigennutz motiviert ihren Nutzen immer maximieren wollen. Neuere empirische Forschungen (Laborexperimente) zeigen jedoch: Menschen verhalten sich in der Realität nicht so streng egoistisch, wie es der "Homo oeconomicus" in den traditionellen Modellen tut. Dies wird mit dem ERC-Modell erklärt (Equity, Reciprocity, Competition, G. Bolton/ A. Ockenfels, in: American Economic Review, 2000. Vgl. auch: Fehr/ Schmidt: A Theory of Fairness, Competition, and Cooperation, in: Quaterly Journal of Economics, 1999. Das Menschenbild des "homo oeconomicus" hat auch zu einer Ausblendung der Kultur in der VWL geführt. Mittlerweile hat die Psychologie mit ihrer empirischen Forschung bewiesen, dass Menschen soziale Wesen sind, die ohne Gefühle nicht entscheiden können (G. Gigerenzer, MPI für Bildungsforschung, Berlin). Immaterielle Werte wie Fairness und Vertrauen können auch die Effizienz der Wirtschaft steigern. Viele Experimente und Befragungen zeigen, dass Menschen beschränkt rational sind und soziale Motive eine wichtige Rolle spielen. "Die Ökonomen, die ich unterrichte, gehen dorthin, wo die Macht ist und wo das Geld ist. Ich kenne eine Menge, die Millionäre geworden sind. Ihr Eigennutz motiviert sie", Paul A. Samuelson, in: DIE ZEIT, Nr.29, 19.07. 2008, S. 21. Er starb 2009.
Verhaltensökonomie (Behavioral Economics): Diesen Forschungsbereich gibt es schon sehr lange in der Volkswirtschaftslehre, vor allem wenn man die Klassiker einschließt. In Deutschland wurde diese verhaltensökonomische Forschung nach dem 2. Weltkrieg von Günther Schmölders in Köln aufgebaut. In den Neunzigerjahren wird die Forschungsrichtung in den USA wieder populärer, insbesondere nach der Finanzkrise (bekannter Vertreter Robert Shiller). Emotionen (Gefühle allgemein) und das soziale Umfeld spielen eine größere Rolle als die Rationalität. Gerade an den Finanzmärkten haben irrationale und ineffiziente Elemente (Herdentrieb, Überschätzung) eine große Bedeutung.
Behavioral Finance: Am Finanzmarkt gibt es eine spezielle Rationalität und Menschen gewichten bei ihren Entscheidungen Verluste höher als Gewinne, verdrängen Niederlagen, neigen zur Selbstüberschätzung und sind durch Referenzpreise stark zu beeinflussen (psychologische Prospekttheorie, Kahneman, Nobelpreis 2002). Intelligenz beeinflusst die Geduld und die Risikobereitschaft positiv. Da viele Analysten nur abschreiben, sollte man nicht Empfehlungen folgen. Wirtschaftssoziologen sehen eher das Glücksspiel als Bedingung des Funktionierens von Börsen. Die Börse sei zur Wahlurne des kleinen Mannes geworden (vgl.: Stäheli, U., Spektakuläre Spekulation - Das Populäre der Ökonomie, Frankfurt 2007). Trotz immer größerer Informationsdichte werden immer noch viele Fehlinvestitionen produziert: Hauptursache ist der Herdentrieb. Konsequenz: "Ignore the Crowd"! (T. Hens, Züricher Bankeninstitut). Neuere Forschungen scheinen zu belegen, dass menschliches Verhalten in der Wirtschaft auch genetisch bedingt ist: Gene und Hormone machen den Menschen geizig und raffgierig. In Deutschland haben knapp 3,8 Mio. Menschen Aktien, dies sind 5,8% der Bevölkerung (Aktienfondsbesitzer sind etwas mehr).
Capital Asset Pricing - Modell (CAPM): Hier hängt die Risikoprämie einer Kapitalinvestition von der Korrelation des Investitionsertrages mit dem Ertrag des gesamten Aktienmarktes ab.
Fairness: ist im Sinne von Akerlof und Shiller (animal spirits, Frankfurt/ New York 2009, S 29 ff.) ein wichtiger Erklärungsfaktor und ökonomisches Handlungsmotiv, das auf Albert Rees zurückgeht. Entsprechendes Verhalten kann in Experimenten nachgewiesen werden. Fairness wirkt positiv beim Tauschen und beim Beraten. Gegenpart ist die Arglist, die in der Regel zu Korruption führt. Besonders wichtig ist auch Vertrauen (Vgl. den gleichnamigen Band von Niklas Luhmann dazu). Es ist eine Art riskante Vorleistung und spielt bei allen Transaktionen eine Rolle.
Prinzipal Agent: Ein Agent ist jemand, der für einen anderen (Prinzipal) tätig ist. Folglich ist ein Prinzipal jemand, für den ein anderer (Agent) agiert. Die Theorie ist geeignet für die Erklärung der Unternehmensführung in Kapitalgesellschaften moderner Industriegesellschaften. Sie gilt auch für die Beziehung Wähler - Politiker - Ministerialbeamte.
Ockham´s Razor (Rasiemesser, Wilhelm von Ockham, 1287-1347): Es ist nicht zulässig, Theorien aufzustellen auf der Basis von Annahmen, die weder offensichtlich noch im Einklang mit den empirischen Tatsachen sind.
Freakonomics: ökonomische Auswertung von originellen natürlichen Experimenten am Rande der Ökonomie (Fernseh-Spielshows, Sumo-Ringen). Zuerst kommt die "sexy" Datenlage und dann wird "clever" mit einer interessanten Fragestellung das Beste daraus gemacht. Vgl. Steven Levitt/ Stephen Dubner: Freakonomics, 2005; mehr: Freakonomics Blog
Virtuelle Mikroökonomie: wird durch das Internet ermöglicht. Jeder kann z. B. bei Google, eBay und Amazon mitspielen. Auch digitales Arbeiten mit der Ware "Aufmerksamkeit" ist leicht möglich, ebenso wie virtuelle Dienstleistungen. Kreativität wird reproduzierbar, das Schlüsselloch fällt weg. Vgl. Friebe, H./ Lobo, S.: Wir nennen es Arbeit, München 2008, S. 213 ff. "Eine transparentere Welt schafft eine besser regierte Welt und eine gerechtere Welt", Mark Zuckerberg, Gründer von Facebook.
Nobelpreisträger G. Akerlof, Präsident der American Economic Association (AEA), fordert 2007 eine methodische Neuausrichtung der Disziplin. Anstelle der "positiven" solle eine "naturalistische" Ökonomie treten, die ein größeres Gewicht auf Fallstudien legen müsse und wirtschaftliche Entscheidungsträger genau beobachten müsse, um ihre Motivationen herauszufinden.
Makroökonomik (Konsum, Investition, Konjunktur, Wachstum, Finanzwissenschaft/Public Finance, Geldtheorie und -politik): gesamtwirtschaftliche Variablen (Niveau und Wachstum des Nationaleinkommens, Zinssätze, Preisniveaus, Inflation), um eine Volkswirtschaft quantitativ und qualitativ zu beschreiben und zu erklären. Viele Prinzipen der Makroökonomik finden sich auch in der Außenwirtschaft.
"Die Makroökonomik befindet sich in einem Erklärungsnotstand", Klaus Zimmermann, ehemaliger Chef des DIW, der für 2010 keine Prognose abgeben wollte.
Gliederung: Nationaleinkommen/ Theorie (Keynes, Konjunktur, Wachstum), Wirtschaftspolitik, Finanzpolitik, Geldpolitik (einschließlich Geldtheorie). Zu weiteren Theoremen vgl. Außenwirtschaft.
Die Methode der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) ist beim empirischen Lerndatenraster kurz erläutert (Link zur VGR). So werden die unterschiedlichen Berechnungsarten, ihre Methoden, ihre Beziehungen und ihre Aussagekraft beschrieben. Beim BIP findet eine Verkettung statt, weil das reale BIP immer in Preisen des jeweiligen Vorjahres ausgedrückt wird. Durch den Vergleich des BIP verschiedener Jahre wird das Wirtschaftswachstum ermittelt (z. B. 2010 gegenüber 2009 preisbereinigt 3,6% Wachstum). Dir durchschnittliche Wachstumsrate mehrer Jahre wird mit dem geometrischen Mittel gemessen. Das Bruttonationaleinkommen eignet sich nur bedingt als Indikator für Wohlstand. Die Haushaltsproduktion, ökologische und soziale Aspekte, Ehrenamt, Arbeit für die Familie und Schwarzarbeit finden keine Berücksichtigung. Die Siglitz - Kommission (mit Sen) hat 2009 Empfehlungen gemacht, wie Wohlstand und Lebensqualität besser zu ermitteln sind. Diese Vorschläge greifen Ende 2010 die Wirtschaftsweisen in Deutschland und Frankreich auf. Sie schlagen keine weichen Faktoren wie "Happiness", aber die Aufnahme von "Lebensqualität" und "Nachhaltigkeit" vor. Im Januar 2011 nimmt eine Bundestagskommission zur Wohlstandsmessung ihre Arbeit auf. Sie ist mit 17 Abgeordneten und 17 Wissenschaftlern besetzt. 2010 sind die USA die größte Volkswirtschaft der Erde mit einem BIP von 14,8 Billionen $ (Prognose). Es folgen China (5,36), Japan (5,27) und Deutschland (3,33). Pro Kopf liegen die USA (47702 $) vor Japan (41366) und Deutschland (40679). China liegt bei 3999 $.
Haushaltsproduktion: Die Produktion privater Haushalte hat sich auf der ganzen Welt im Laufe der Jahrhunderte gewandelt. Durch die wachsende Erwerbstätigkeit von Frauen und den Wandel in der Rolle der Frau werden mehr Leistungen am Markt bezogen. Dadurch sind Zeitreihen und Vergleiche z. B. mit Entwicklungsländern ungenau. Es gibt grundsätzlich zwei Messkonzepte: Opportunitätskosten oder Marktpreise. In Deutschland folgt man Letzterem. Insgesamt handelt es sich um eine Zusatzrechnung zum BIP.
Berechnung des Glücks (vgl. auch oben): Über das Glück hat die Menschheit seit Jahrtausenden nachgedacht, zuerst die Philosophen, dann die Soziologen. Seit einigen Jahren auch die Ökonomen. Mittlerweile gibt es ein Journal of Happiness Studies. Einer der Pioniere der empirischen Glücksforschung ist Ruut Veenhoven von der Universität Rotterdam. Er legte eine Internet-Datenbank an, auf der Ergebnisse der Glücksforschung enthalten sind (World Database of Happiness).
Wirtschaftskreislauf: die Idee stammt vom Franzosen Quesnay (Tableau Economique), der als Arzt den Blutkreislauf zugrunde legte. Als Sektoren werden heute normalerweise Haushalte, Staat, Unternehmen, Übrige Welt (Ausland) und Vermögensrechnung betrachtet. Der Engländer Phillip Stone entwickelte aus diesem Modell die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (Vgl. empirisches Datenraster zur Berechnungsmethode). Heute ist das Systems of National Accounts (SNA) weltweit anerkannt zur Berechnung der Wirtschaftsleistung von Nationen.
Marginale Konsumneigung: Anteil, der vom zusätzlichen Einkommen in den Konsum geht (z. B. von 100 € mehr 80 €). Die Ergänzung zu 1 ist die marginale Sparneigung. Beide Größen sind international sehr unterschiedlich. Sie sind abhängig von Kultur, Sozialsystemen, Krisen und Einstellungen. In Deutschland liegt der Wert für die marginale Konsumneigung bei ca. 0,8. In Asien (China, Japan) ist der Wert geringer (0,7). In den USA ist der Wert größer (über 0,9).
Fundamental - psychologisches Gesetz: von J. M. Keynes (1883-1946) formulierte These im Rahmen seiner absoluten Konsumhypothese, nach der bei steigendem Einkommen ein immer kleinerer Teil konsumiert wird (General Theory of Employment, Interest and Money, Cambridge 1936: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, Berlin 1983); daran knüpft das Deficit-Spending an: weil der Konsum hinter dem Produktionspotential zurückbleibt, muss er durch staatliche Ausgabenpolitik gestützt werden. "In the long run, we are all dead". Das jüngste praktische Beispiel stellt Japan in den 90er Jahren dar, das allerdings in einer Liquiditätsfalle war. "Gute, ja kompetente Ökonomen sind wahrhaft seltene Vögel", John Maynard Keynes.
Als Gegenthese dazu gilt die Permanente Einkommenshypothese: Menschen richten sich bei ihren Konsumentscheidungen am erwarteten Lebenseinkommen aus, nicht am aktuellen Einkommen. Diese Hypothese wurde von Milton Friedman entwickelt (1912-2006, wichtigste Veröffentlichung: Capitalism and Freedom, 1962). In der Realität sind allerdings die Schwankungen im Ausgabenverhalten weit größer, was mit beschränkter Kreditaufnahme und begrenzter Rationalität zu tun hat. Friedman plädierte auch schon 1962 für ein Grundeinkommen für ein freies, selbstbestimmtes Leben (auch Bürgergeld genannt). "Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen", Milton Friedman. Franco Modigliani (1918-2003) hatte diese Idee bereits für das Sparen entwickelt: Sparen sei nicht vom jeweils verfügbaren Einkommen, sondern vom erwarteten Lebenseinkommen (einschließlich Erbschaften) abhängig. Berühmt ist auch seine These, dass die Kapitalstruktur eines Unternehmens auf einem vollkommenen Markt irrelevant sein muss. Zur Zeit liegt die Sparquote in Deutschland bei 10,5% (vor 20 Jahren bei 12%).
Saysches Theorem: Das Angebot einer Volkswirtschaft bestimmt die Nachfrage. Jede Produktion schaffe sich ihre eigene Nachfrage, die noch größer sei (klassische Lehre, gilt nur in einer Naturalwirtschaft, J. B. Say, 1803, Franzose, er lebte von 1767-1832).
Pigou - Effekt: Arthur Pigou (1877-1959) stellte die These auf, dass niedrige Preise die Nachfrage und den Konsum stimulieren, was zu höherem Einkommen und mehr Beschäftigung führt. Auch Pigou - Vermögenseffekt genannt. Er gilt auch als einer der Begründer der externen Effekte und der Besteuerung als Instrument der Umweltpolitik.
Investitionsmultiplikator: Messzahl, die durch den reziproken Wert der marginalen Sparquote gebildet wird und im einfachen keynesschen Modell angibt, um wie viel das Nationaleinkommen steigt, wenn die Investitionsausgaben um einen bestimmten Betrag (Investitionsprogramm) erhöht werden. Das keynessche Modell war in den 60-iger und 70-iger Jahre das beherrschende Modell zur Analyse von Wirtschaftssituationen. Wichtigster Erklärungsfaktor ist der Gütermarkt mit der effektiven Nachfrage. Ausrüstungsinvestitionen sind Maschinen u. ä., die von Unternehmen für den Einsatz bei der zukünftigen Produktion gekauft werden. Bei vollkommenem Kapitalmarkt und Sicherheit können Konsum- und Investitionsentscheidungen voneinander getrennt werden (Fisher-Hirschleifer -Theorem).
Feldstein-Horioka-Paradoxon: In den meisten Ländern ist die gesamtwirtschaftliche Investitionsquote relativ eng mit der gesamtwirtschaftlichen Sparquote korreliert. Erklärung in offenen Volkswirtschaften: Unvollkommenheit internationaler Kapitalmärkte, Komplementarität zwischen Real- und Humankapitalbildung. Insofern kann man hiermit auch messen, inwieweit die Welt globalisiert ist. Wenn Grenzen keine Rolle spielen, würden Sparer und Investoren sich überall auf der Welt bewegen.
Konjunkturtheorie: sie erklärt die Schwankungen der Wirtschaft (Zyklen). Ursachen können exogene Faktoren (Kriege; z. B. Irakkrieg: 3000 Mrd. $), Geldmengenschwankungen, das Agieren von Politikern, Labilität der Investitionen u. a. sein. Investitionen schwanken sehr stark im Zyklus, weil sie vom Ersatzzyklus und volatilen Rentabilitätserwartungen abhängen. Finn Kidland und Edward Prescott sprechen darüber hinaus von "realen Konjunkturzyklen": große Erfindungen, Naturkatastrophen und unerwartet große politische Ereignisse stören das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht. Der russische Wirtschaftswissenschaftler Kondratieff beschäftigte sich in den 20er Jahren ähnlich mit langen Wellen im 50 Jahre - Abstand, die durch Basisinnovationen ausgelöst werden. Es gibt auch den Kitchin-Zyklus (3-5 Jahre), den Juglar-Zyklus (7-12 Jahre) und den Kuznets-Zyklus (bis 20Jahre). Der Verlauf der Zyklen rückt immer mehr in den Mittelpunkt: So wird 2009 diskutiert, ob der Aufschwung im V, W oder U-Form kommen wird. Das Zeitalter langer Zyklen scheint aber nach der Finanzkrise 2008 vorbei zu sein. Die USA haben ihre Lokomotivfunktion verloren, die Schwellenländer beeinflussen immer mehr, die Staatsschulden und Rohstoffe haben eine prägende Wirkung. Konjunkturprognosen sind heute weniger treffsicher als früher vor 20 oder 30 Jahren (Bsp.: Prognosen der Fed). Schuld daran sind die "great moderation" in den Industrieländern (Zyklen weniger extrem) und die vorausschauende Geldpolitik der Notenbanken (dadurch sind aber die absoluten Prognosefehler geringer); vgl. Federal Reserve Information During the Great Moderation, A. D`Agostino/K. Whelan, Vortrag 22. Jahrestagung der European Economic Association, Budapest 2007. Die letzten Konjunktureinbrüche in Deutschland gab es 2002/2003 nach dem Platzen der Internetblase (-0,4) und 2009 nach der Finanzkrise (-5,1).
Die moderne Wachstumstheorie ist vor allem eine Theorie des endogenen Wachstums (durch wirtschaftspolitische Steuerung der Faktorallokation kann langfristig eine positive Wachstumsrate erzielt werden, ohne exogenen technischen Fortschritt). Bekannt ist hier vor allem das Modell von P. Romer und R. Lucas. Wird die Wirtschaftspolitik auch ausgeschaltet (Politikineffektivität) spricht man von semi-endogenem Wachstum. Harrod-Domar-Modell: Ausgangspunkt ist die Keynessche Annahme, dass es keinen Mechanismus zur Anpassung der Investitionen an das Sparverhalten gibt. Das Modell zeichnet einen Wachstumspfad mit labilem Gleichgewicht ("Wachstum auf des Messers Schneide"). Dieses Modell, das in seiner einfachen Struktur auf Domar zurückgeht, behandele ich im Unterricht (vgl. Puhani, J.: Volkswirtschaftslehre für Betriebswirte, München 2009, S. 125). Daneben gibt es noch folgende Wachstumsmodelle: neoklassische Modell von R. Solow (geb. 1924, Nobelpreis 1987, technischer Fortschritt entscheidend, deshalb baut er Innovationen ein). Höchstens 50 Prozent des langfristigen Wachstums sind durch höheren Einsatz von Arbeit und Kapital erreichbar, der Rest ist Folge des technischen Fortschritts. "Da die Wachstumsrate des technischen Fortschritts exogen gegeben ist, bestimmt sie und nur sie allein die stetige Wachstumsrate der Wirtschaft", Robert Solow. Das hybride Wachstums-Modell von Barro und Sala i Martin als Weiterentwicklung des Modells von Solow. Es führt das Wachstum der Weltwirtschaft langfristig auf die Innovationen in den führenden Ländern zurück. Von fundamentaler Bedeutung ist die Tatsache, dass sich demokratische Staaten ohne Wachstum nicht regieren lassen (Umverteilung!). Das Wachstum muss immer wieder durch finanzpolitische Maßnahmen unterstützt werden, die mit Staatsverschuldung finanziert werden. Dies dürfte auch die Weltwirtschaftskrise 2008/ 2009 mit verursacht haben. Deutschland braucht z. B. ab 2010 ein Wachstum von 3%, um die Verschuldungsprobleme in den Griff zu bekommen. Die Strategie 2020 für Wachstum und Beschäftigung von 2010 der EU zeigt, dass man nicht viel aus der Krise gelernt hat. Im Jahre 2005 hatte die EU in Lissabon "Integrierte Leitlinien" für Wachstum und Beschäftigung schon mal beschlossen. Darauf bauten die 27 Staaten nationale Reformprogramme auf. Bis 2010 sollten drei Prozent des BIP in Forschung und Entwicklung investiert werden.
Akkumulation: Bedeutet eine ständige Erhöhung des Kapitalbestandes einer Volkswirtschaft. Sie wurde zuerst von D. Ricardo als Bedingung für Wirtschaftswachstum genannt. Die Idee wurde von Marx aufgegriffen und zur Prognose einer krisenhaften Entwicklung des Kapitalismus genutzt (absoluter und relativer Mehrwert).
Langfristige Entwicklung: In den Wachstumstheorien fehlen Faktoren wie geographische Lage, Qualität der Institutionen und Wirtschaftspolitik. Für Landwirtschaft und Handel ist die Lage extrem wichtig.
IS-LM-Konzept (Hicks - Diagramm): Einfaches Keynes-Modell zur Bestimmung des simultanen Gleichgewichts auf dem Güter- Geld, und Arbeitsmarkt (Schnittpunkt von IS- und LM- Kurve). Es basiert auf der Annahme nicht markträumender Preise und Löhne. Die LM-Kurve ergibt sich nach der Liquiditätstheorie des Geldes als Ergebnis von Geldnachfragefunktion und Geldangebotskurve. Der eine Extrembereich spiegelt eine völlig zinselastische Geldnachfrage bei niedrigem Zins (Liquiditätsfalle). Hier sieht man, dass nur die Finanzpolitik wirkungsvoll ist. Mit dem Modell und seinem Multiplikator kann zum Beispiel die Wirkung eines Konjunkturprogramms berechnet werden. Die Gesamtnachfrage bestimmt die Höhe der Produktion und der Beschäftigung einer Volkswirtschaft; die Wirtschaft ist instabil und bedarf der Unterstützung des Staates. In der Veranstaltung VWL I benutze ich dieses Modell, um den Studenten exemplarisch zu zeigen, wie man eine Wirtschaftslage einschätzen kann.
Rezession: Vor allem die Phase der Rezession (wirtschaftliche Abschwungphase im Konjunkturzyklus) ist schwer frühzeitig zu erkennen und richtig zu datieren. Ein eindrucksvolles Beispiel sind die USA 2008. Der Rückgang des BIP ist immer weniger aussagekräftig (lt. Definition 2 Quartale in Folge Rückgang BIP =Rezession). 2009 haben wir in Deutschland die 22. Rezession seit 1741. Die Frage ist, wann der 23. Boom kommt. Die Bundesbank sagt in einer Prognose Mitte 2009 voraus, das der Aufschwung erst ab Mitte 2010 leicht eintreten kann, erwartet aber insgesamt für 2010 eine Stagnation. "Don´t worry"! Berühmte Rede des Reeders Georges Livanos, 1983. "Rezession ist, wenn ein Nachbar seinen Job verliert. Depression ist, wenn man den eigenen verliert", Ronald Reagan.
Akzelerator - Modell: Modell, demzufolge die Investitionen von der Änderung des Outputs abhängen (Accelerator model). Bei kleineren Rezessionen wirkt der Akzelerator hauptsächlich über Veränderungen der Lagerbestände (vgl. Krugman, P.: Die große Rezession, Frankfurt/ New York 1999, S. 181 ff.).
Wirtschaftspolitik (allgemeine)
Ökonomische Theorie der Politik (Anthony Downs, geb. 1930; J. Buchanan, auch "Public Choice", auch George Stigler ist dazuzurechnen): Politiker wollen ihre Stimmen maximieren, also beeinflussen Wahltermine auch den Konjunkturzyklus. Es sollte Politikern verboten werden, bestimmte Gruppen auf Kosten anderer zu bevorzugen. So wäre man gezwungen, über Ansätze von echten Gemeinwohlinteressen nachzudenken. Er überträgt die Mechanismen des Marktes auf die Politik. Er setzt die Parteien mit Unternehmen gleich und die Wähler mit rationalen Käufern. Der Staatshaushalt wird zum stimmenmaximalen Budget. Stärkerer politischer Wettbewerb führt zu wachstumsfreundlicher Politik. Traditionell hat der Forschungszweig keine hohe Meinung von der Politik (lange Amtszeiten, schlechte Politik). Die Orientierungslosigkeit der Politik in Deutschland, die in der Krise 2009/ 2010 sichtbar wird, gibt Downs Recht.
"Animal spirits": exogene Wellen von Optimismus und Pessimismus bezüglich der wirtschaftlichen Lage, die das Investitions- und Konsumniveau beeinflussen (Einfluss der Psychologie, vgl. Mankiw, Makroökonomik, Stuttgart 1998, S. 559; auch G. Schmölders). Shiller und Akerlof haben ein neues Buch mit gleich lautendem Titel veröffentlicht. Sie knüpfen an die "Theorie der ethischen Gefühle" von Adam Smith an. Danach handeln Menschen nicht nur eigensüchtig und rational. Es geht um "menschen-nähere" Ökonomie mit Gefühl. Gegendenker wäre etwa Gary Becker, der alles auf Nutzenmaximierung zurückführt.
Geistige Eigentumsrechte: Neues Wissen ist ein knappes ökonomisches Gut. Es stellt eine wichtige Wachstumsdeterminante dar. Der Schutz muss effizient gestaltet werden. Wichtig ist die temporäre Ausrichtung. Der Schutz ist aus Sicht der Verbraucher, der Unternehmen und der der Entwicklungsländer zu sehen. Der Schutz geistigen Eigentums führt zu Innovationen.
Sparquote: Makroökonomisch sind die Folgen des Sparens umstritten. Neoklassiker gingen davon aus, das steigende Ersparnisse die Zinsen drücken, so dass mehr investiert werden kann. Keynes sah dagegen den Konsum als unerlässliche Stütze der Wirtschaft. Durch übermäßiges Sparen breche die Nachfrage weg. Die internationalen Sparquoten liegen weit auseinander. Die Chinesen sparen am meisten (rund ein Drittel des verfügbaren Einkommens), die US-Amerikaner am wenigsten. Es gibt viele Einflussfaktoren: kulturelle wie Religion (Weber, Calvin) und gesamtwirtschaftliche (billiges Geld durch niedrige Zinsen). In China beeinflussen insbesondere die Verhältnisse auf den Land (Altersarmut, Risiken) die hohe Sparquote.
Wirtschaftspolitik: Sie folgt dem magischen Fünfeck, wobei
Zielkonflikte bestehen können, weil nicht alle Ziele gleichzeitig zu
erreichen sind. Außerdem können Time - Lags (Zeitverzögerungen)
auftreten. Als Inside-Lag bezeichnet man z. B die Zeit zwischen ökonomischem
Schock und dem Festlegen wirtschaftspolitischer Maßnahmen. Der Outside-Lag ist
die
Zeit vom Eingreifen bis zur Wirkung. Die Geldpolitik hat wesentlich kürzere Lags
als die Finanzpolitik. Der Lundberg-Lag ist die Zeitverzögerung zwischen
Nachfrage und Produktion. Die Wirtschaftspolitik wird in Ordnungs-, Prozess-
und Strukturpolitik eingeteilt. Ordnungspolitik ist vor allem
Wettbewerbspolitik (GWB). Die Prozesspolitik besteht aus Geld- und
Fiskalpolitik. Die Strukturpolitik besteht aus regionaler, sektoraler und
mittelstandsorientierter Politik. Vgl. auch wirtschaftspolitische
Grundkonzeptionen.
"Für einige Volkswirtschaften, unter ihnen auch wirtschaftlich starke Länder,
ist eine neue Fiskalpolitik der richtige Weg, der Finanzkrise zu begegnen", D.
Strauss-Kahn, ehemaliger IWF-Chef, auf dem World Economic Forum in Davos 2008.
Industrie-, Forschungs- und Technologiepolitik: Ist hauptsächlich auf EU-Ebene angesiedelt. Sie ist in den Titeln XV (Transeuropäische Netze, XVI (Industrie) und XVIII (Forschung und technologische Entwicklung) des EU-Vertrages geregelt. Schwerpunkt ist zur Zeit die Informationstechnologie.
Privatisierung: Umwandlung öffentlicher Institutionen in private. Wurde und wird vor allem auf kommunaler und staatlicher Ebene durchgeführt. Stellt den Kern in einer Transformation von einer Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft dar. Nach der Finanzkrise wird in den modernen Industriestaaten von einem Ende der Privatisierung geredet, die Devise "Privat vor Staat" wird nicht einfach akzeptiert. Gerade in der Kommune stellen öffentliche, kommunale Wirtschaftsstrukturen einen Stabilitätsfaktor dar.
Finanzpolitik (einschließlich Steuerpolitik)
Finanzpolitik: Staatliche Politik mit Einnahmen (Steuern, Beiträge, Gebühren, Unternehmensgewinne), Ausgaben (von Bund, Ländern, Kommunen, Sozialversicherungen, Sonderhaushalten), öffentlicher Verschuldung und Gewährleistung. Je nach Ziel kann die Politik weiter unterteilt werden (z.B. Konjunktur-Fiskalpolitik, Gesundheit - Gesundheitspolitik, Umwelt -Umweltpolitik). Es gibt drei übergeordnete Ziele laut Musgrave: Allokationsziel, Distributionsziel und Stabilisierungsziel. Träger der Finanzpolitik sind die Gebietskörperschaften und die Parafisci. Die Finanzpolitik wird in den Haushaltsplänen und mittelfristigen Finanzplänen dokumentiert. Diese sind nach Funktionen (Kapitel, Titel) und Ausgabearten unterteilt. In den Jahren nach der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 dürfte vor allem die Konsolidierung, dass heißt der Abbau von Schulden, im Vordergrund stehen. Nach der Weltwirtschaftskrise muss die öffentliche Hand auf Steuerausfälle von fast 39 Mrd. € bis 2013 einstellen. "In der längsten Rezession seit der Großen Depression sind die Risiken, die mit aktiver Fiskalpolitik verbunden sind geringer als der Verzicht auf sie", Auerbach/ Gale, Berkeley und Brookings Institution 2009.
Stabilitäts- und Wachstumsgesetz: Bereitstellung der Instrumente, mit denen die Fiskalpolitik des Staates das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht erhalten oder wiederherstellen kann (vgl. z. B. Neubäumer/ Hewel: Volkswirtschaftslehre, Wiesbaden 2005, S. 446ff.). Das "Grundgesetz moderner Wirtschaftspolitik" wurde während der Amtszeit von Karl Schiller (1911-1994, auch Begründer der Konzertierten Aktion) als Wirtschaftsminister 1967 beschlossen. In diesem Gesetz ist auch die Einsetzung eines Sachverständigenrats für Wirtschaft ("Fünf Weise") geregelt. Er gibt jährlich im Herbst ein Gutachten heraus, das eine Prognose enthält. "Wir haben 2006 gelernt: Die beste, wahrscheinlich einzige Methode, um aus allen Problemen herauszukommen, ist, Wachstum zu fördern und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass sich am Arbeitsmarkt etwas bewegt", Franz Müntefering, damals Vizekanzler und Bundesarbeitsminister.
Staatsverschuldung: Artikel 115 des Grundgesetzes begrenzt in Deutschland die Höhe der staatlichen Nettokreditaufnahme auf die Höhe der Investitionen (einschließlich Ersatzinvestitionen) des Staates. Bei der Definition von Investitionen und der Ausnahmeregelung (Abwendung eines gesamtwirtschaftlichen Ungleichgewichts, Vortrag nicht benötigter Kredite) gibt es Schwierigkeiten. Der Sachverständigenrat empfiehlt 2007 deshalb eine harte Schuldengrenze (Abschreibungen und Vermögensverkäufe abziehen) und damit eine Reform des Grundgesetzes. In diese Richtung mit Blick auf die Schweizer Schuldenbremse geht auch die Bundesregierung. Am 12.06.09 beschließt der Bundestag die Schuldenbremse: ab 2020 dürfen die Länder keine neuen Schulden mehr machen. Die finanzschwachen Länder bekommen Konsolidierungshilfen (800 Mio. €). Damit wird der Handlungsspielraum der Länder erheblich eingeschränkt. Das Schuldenparadoxon sagt aus, dass ein Staat zusätzlich Schulden macht, um Ausgaben zu finanzieren, die zur Expansion führen und zunehmende Steuereinnahmen ermöglicht. Ein Grundproblem der Verschuldung ist die Verlagerung auf zukünftige Generationen (Als - Ob - Gesellschaft, R. Dahrendorf). 2011 stoppt der Verfassungsgerichtshof den Nachtragshaushalt in NRW. Damit wird Artikel 115 in der Praxis angewandt (erstmals kommt der Stopp von Richtern). Vgl. als wichtigen Grundlagenaufsatz: Peter Diamond: National Debt in a Neoclassical Growth Model, in: AER, 1965. Die Messung der Schuldenbelastung erfolgt normalerweise, indem die Staatsschulden im Zähler durch das BIP im Nenner geteilt werden und mit 100 multipliziert wird. Hier bestehen viele Manipulationsmöglichkeiten (was ist der Staat?, ausgegliederte Haushalte). Für manche Fragen ist es besser, die Staatsschulden auf die Steuereinnahmen zu beziehen. Hier zeigt sich z. B. wie gefährlich 2011 die Situation der USA ist. 400% betragen die Schulden in Prozent der Steuereinnahmen, weil die USA nur 19% an Steuern im Verhältnis zum BIP haben (EU 40%). Relativ gesehen profitiert Deutschland in der großen Schuldenkrise, weil es keine hohen Zinsen zahlen muss (höchstes Rating AAA). Die Neuverschuldung lag 2006 bei 27,9 Mrd. €, HH-Defizit 1,7% (20,5 Mrd. € Neuverschuldung für 2007, Steuereinnahmen 2007: 520 Mrd. €), Gesamtschuldenquote 2005 68,6%, 2008 65,9% (EU-Stabilitätskriterium 60%). Durch die Finanzkrise ändern sich die Zahlen wieder dramatisch: So gibt es 2010 88 Mrd. € Haushaltsdefizit (3,3%, 2009: 3,1%, 79,3 Mrd.€). Die Neuverschuldung für 2008 lag bei 48 Mrd. €. 2009 und 2010 stieg die Gesamtverschuldung auf 80% (1,1 Billionen € 2009, 1,999 Billionen 2010, +18%, 15% für Zinszahlungen, 2011: 81%, 2,027 Billionen €, ohne Sozialversicherungen und kommunale Zweckverbände). Bis 2016 will der Bund mit der Schuldenbremse sein Defizit auf 10,1 Mrd. € herunterfahren (wahrscheinlich kann das Ziel schon 2014 erreicht werden). 2011 kann die Defizitquote aufgrund der günstigen Wirtschaftslage auf 1,0% gesenkt werden (tatsächliche Nettokreditaufnahme unter 25 Mrd. €). Für 2012 steigt die Neuverschuldung noch mal auf 26,1 Mrd. €. Den höchsten Anteil an Länderausgaben, die über Kreditaufnahme finanziert wurden, haben Bremen und das Saarland. Die gesamte Staatsverschuldung der USA liegt 2010 bei 102,9%. Japan hat 2010 fast 200% Staatsverschuldung (Griechenland 160% 2011, 360 Mrd. €)..
Staat: Welche öffentlichen Haushalte zum Staat gehören ist nicht einheitlich geregelt. Einmal ist der Staat ein Sektor in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen. Hier gehören zum Staat Bund, Länder, Kommunen, Sozialversicherungen und Sonderhaushalte (z. B. ERP, LAF, Soffin u. a.). Wichtig ist die Abgrenzung zur Berechnung der Staatsquote und der Schuldenquote. Durch Herausnehmen der Sozialversicherungen und der Sonderhaushalte ("Schattenhaushalte") lassen sich die Quoten "manipulieren". Die Haushaltsgrundsätze der "Wahrheit" und "Klarheit" sind bis zu einem bestimmten Grade dehnbar. Der Föderalismus in Deutschland ist mittlerweile ein Entscheidungs- und Kostenproblem (wahrscheinlich wären 8 Länder besser). Für 2010 plant der Bund Ausgaben von 325,4 Mrd. €. Der größte Einzelposten ist der Bereich "Arbeit und Soziales " mit 146,8 Mrd. €. Dann folgen mit 38 Mrd. € die Schulden. Tatsächlich werden es ca. 60 Mrd. €. Für 2011 ist ein Haushaltsdefizit von 57,5 Mrd. € eingeplant. Für die Ausgaben werden 307,4 Mrd. € veranschlagt. Gerade bei den Einnahmen sind viele Elemente ungewiss: Sparpaket, Konjunktur, Ungleichgewicht, Berücksichtigung der Schuldenbremse. Der Haushaltsentwurf für 2011 hat ein Gesamtvolumen von 305,8 Mrd. €. Das größte Ressort ist Arbeit und Soziales mit 131,3 Mrd. €.
Staatsreformen: Schon seit langem hat der deutsche Staat einige Baustellen, die für eine erfolgreiche Zukunftsbewältigung zu Ende geführt werden müssen. Der Föderalismus muss reformiert werden (Kleinstaaterei!). Dass Staatsdefizit muss verkleinert werden (Schuldenabbau!). Das Steuersystem muss vereinfacht werden. Die Sozialversicherungen müssen der Bevölkerungsentwicklung angepasst werden. Regelung der Bürgerbeteiligung in der Infrastruktur. Abbau von Subventionen. Neuer Energiemix.
Staatsbankrott: Streng genommen kann ein Staat nicht pleite gehen, weil es keine entsprechende Insolvenzordnung und keine Institution gibt, die einen Staat für bankrott erklären kann. Es Staat kann sich selbst für zahlungsunfähig erklären, wenn er seine laufenden Ausgaben (insbesondere den Schuldendienst) nicht mehr leisten kann und keine Kredite mehr bekommt (1998 in Russland, 2002 in Argentinien, 2008 in Island). Die rote Linie ist überschritten, wenn er sich nicht mehr refinanzieren kann, weil niemand mehr seine Anleihen kauft (werden von Rating - Agenturen eingestuft). Es wäre auch möglich die Schulden mit dem Vermögen zu vergleichen. Wenn die Schulden höher sind, ist ein Staat bankrott. Die Schwierigkeiten hier liegen in der Bewertung des Vermögens. Wegen der möglichen Kettenreaktion hilft in der Regel die Staatengemeinschaft (IWF, G14, EU). In Europa sind Griechenland, Spanien und Italien (auch Irland, Großbritannien, Lettland, Portugal) sehr hoch verschuldet und könnten in Zahlungsnot geraten. Griechenland hat 2010 die größten Probleme. Ein Notfallplan sieht vor, dass der IWF 30 Mrd. € (3%), die EU 80 Mrd. € (5%, D 22,4 Mrd. für drei Jahre) beitragen. Die Banken wollen sich beteiligen. Es ist noch unklar, ob der Finanzbedarf von 110 Mrd. € korrekt ist. Es ist auch angedacht, eine Insolvenzordnung für Staaten zu schaffen. Eine solche Ordnung könnte neue Krisen vermeiden. Sie könnte auch private Gläubiger an Umschuldungen beteiligen. Dies soll eine Task Force in der EU klären. Die Alternative "Rausschmiss aus der EU" ist nicht vorgesehen. Bei bisherigen Staatspleiten wie z. B. in Argentinien hatte das Land eine eigene Währung. Bei einer Rückkehr zur Drachme würden die Griechen die Banken stürmen. Nicht nur die Finanzkrise hat die Verschuldungsprobleme verstärkt, sondern auch die zunehmenden Kosten der Sozialsysteme durch die demographische Entwicklung. "Wer gemeinsam in einem Boot sitzt, sollte den Fluss friedlich überqueren", Sunzi, chinesischer Philosoph.
Gesetz von der wachsenden Staatstätigkeit (Adolph Wagner, 1835-1917): Hypothese, dass langfristig die staatlichen Aktivitäten im Vergleich zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung überproportional wachsen, so dass es im Zeitanlauf zu einer Zunahme der Staatsquote kommt. Wörtlich: "Beobachtungsmäßig, historisch und statistisch nachweisbar zeigt sich im Staate eine deutliche Tendenz zur Ausdehnung der ...Staatstätigkeiten mit dem Fortschritte der Volkswirtschaft und Kultur". Peacock und Wiseman sehen dabei einen "displacement effect": danach steigen in Krisenzeiten die Staatsausgaben überproportional, weil dann die Steuerwiderstände geringer sind. Nach der Krise sinken die Ausgaben nicht wieder auf das alte Niveau, weil die Bürger sich an höhere Lasten gewöhnt haben. Das Popitzsche Gesetz besagt die Anziehungskraft des zentralen Haushalts in einem föderativen System. Nach dem Brechtschen Gesetz führt zunehmende räumliche Bevölkerungskonzentration (Ballungsgebiet) zu steigenden Pro-Kopf-Ausgaben. Für 2010 sind in Deutschland 328 Mrd. € als Staatsausgaben vorgesehen.
Kommunalfinanzen: Die Gewerbesteuereinnahmen der Kommunen (Städte, Gemeinden) gehen drastisch zurück. Sie sind stark von konjunkturellen Schwankungen abhängig. Auch die übrigen Steuereinnahmen aus eigenen Steuern (Hundesteuer) und Anteilssteuern sinken (Finanzkrise, Steuersenkungen). Die Sozialausgaben steigen. Die Kommunen können viele Dienstleistungen nicht mehr aufrecht erhalten (Kindergärten, Schwimmbäder, Theater u. a.). Die Kommunen in Deutschland sind Hauptträger öffentlicher Investitionen und somit besonders wichtig für das regionale Handwerk. Seit 2005 wird von der kameralistischen auf die doppelte Buchführung umgestellt. Diese besteht aus den drei Säulen Vermögens-, Finanz- und Ergebnishaushalt. Die Finanzprobleme im Sog der Wirtschafts- und Finanzkrise bedrohen die kommunale Selbstverwaltung. RLP will mit einem Entschuldungsfonds helfen, in den Kassenkredite gestellt werden können, die von drei Stellen mit gleichem Anteil getilgt werden (Land, Kommune, kommunaler Finanzausgleich). Bis 2026 sollen zwei Drittel der Kassenkredite abbezahlt sein. Der Aufschwung 2009 bis 2011 rettet viele Kommunen vor dem Desaster. Viele Kommunen haben heute Probleme mit spekulativen Finanzprodukten. Diese wurden ihnen jahrelang von Banken verkauft. In der Finanzkrise haben die meisten ihre "Wetten verloren". Die deutschen Kommunen haben einen großen Investitionsrückstand. Dieser wird 2010 auf 74,7 Mrd. Euro geschätzt. Am heftigsten sind die Lücken bei der Kinderbetreuung/ Schulen und im Straßenbau/ Verkehrsinfrastruktur. Rheinland-Pfalz legt als erstes Bundesland 2011 einen Entschuldungsfonds für Kommunen auf. Betroffene Kommunen, Land und die Solidargemeinschaft der Kommunen sind beteiligt. Die Kommunen sind auch in diese Lage gekommen, weil die kommunalen Ausgaben für Soziales drastisch gestiegen sind (Grundsicherung im Alter, demographischer 'Wandel). Darüber entscheidet aber der Bund. Der rheinland-pfälzische Finanzgerichtshof stellt 2012 fest, dass die Kommunen unterfinanziert sind, was bis 2014 geändert werden muss. 2009 haben die kommunalen Kassen bundesweit ein Defizit von 7,1 Mrd. €. Vor allem die Gewerbesteuer brach um 21% ein, 2010 wird erneut ein Minus von 5% erwartet. Insgesamt beträgt das Defizit bei den Kommunen10 Mrd. € 2010 (Prognose 2011: 9,6 Mrd. €). Die meisten Kommunen planen höhere Gebühren und Steuern sowie Leistungsreduzierung und Investitionskürzungen für die Zukunft. Die geplante Gemeindefinanzreform ist sehr umstritten (Gewerbesteuer). Im Zuge der Hartz-IV-Beschlüsse 2011 werden die Kommunen bis 2015 um 15 Mrd. € entlastet (Übernahme der Grundsicherung im Alter durch den Bund bzw. BA). Dank des Wirtschaftsaufschwungs 2010/ 2011 sinkt das Defizit um rund 3,5 Mrd. € auf 4,8 Mrd. (StBA).
Finanzausgleich: Am bekanntesten ist der Finanzausgleich zwischen den Bundesländern. Bayern, Hessen, Baden-Württemberg und Hamburg sind Geberländer. Der Rest sind Nehmerländer. Am meisten muss Bayern zahlen, am meisten bekommt Berlin.121 Mrd. € verschoben die Länder zwischen 1995 und 2011 untereinander. 7,3 Mrd. € erhalten die ostdeutschen Bundesländer 2012 allein aus dem Solidarpakt. 2011 leiten die südlichen Geberländer eine Normenkontrollklage ein. Eine Verfassungsklage soll 2012 folgen. Neben diesem horizontalen Finanzausgleich gibt es vertikale Finanzausgleiche zwischen Bund und Ländern sowie zwischen Ländern und Kommunen. In Anbetracht der Finanzlage vieler Kommunen wird der Ausgleich zwischen Land und Kommunen immer wichtiger. Mittlerweile gibt es in der EU einen ähnlichen Mechanismus ("Transferunion"). "Der Staatshaushalt muss ausgeglichen sein. Die öffentlichen Schulden müssen verringert, die Arroganz der Behörden muss gemäßigt und kontrolliert werden. Die Zahlungen an ausländische Regierungen müssen reduziert werden, wenn der Staat nicht bankrott gehen soll. Die Leute sollen wieder lernen zu arbeiten, statt auf öffentliche Rechnung zu leben", Marcus Tullius Cicero, römischer Politiker und Autor.
Subventionen: Transferzahlungen des Staates an Unternehmen. Man unterscheidet Steuervergünstigungen und Finanzhilfen. Schwierig ist die genaue Definition des Begriffes Subvention. Nach dem IfW/ Kiel ist jede Geldleistung an private Haushalte oder Unternehmen eine Subvention. Nach dem Stabilitäts- und Wachstumsgesetz ist jede Geldleistung an Stellen außerhalb der Bundesverwaltung eine Subvention. In den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen werden die Subventionen bei der Umrechnung vom Marktpreiskonzept zum Faktorkostenkonzept addiert (Unternehmen). Einerseits können Subventionen sinnvoll sein: Durch Anreize kann der wirtschaftliche Start gefördert werden. Neuartige Entwicklungen können gefördert, Wettbewerbsverzerrungen (auch international) ausgeglichen werden. Auch ein Strukturwandel kann abgefedert werden oder regionale Unterschiede können ausgeglichen werden. Andererseits kann eine Subventionsmentalität entstehen, die zu Starrheit führt, oder Preise können verzerrt werden. Am ehesten dürften Subventionen vertretbar sein, wenn das Geld in die Entwicklung innovativer, umweltfreundlicher Produkte fließt. Aber auch hier kommt es zu Rigiditäten, wie das Beispiel "Nationale Plattform Elektromobilität" zeigt. Die Automobilfirmen haben selbst genug Geld. Die Kontrolle ist meist mangelhaft (Evaluation), die Befristung ungenügend und es mangelt an Zielen. Koch und Steinbrück entwickelten 2003 ein gemeinsames Papier zum Subventionsabbau (Rasenmäher-Methode). Es sah innerhalb von drei Jahren Kürzungen von 15,8 Mrd. € vor. Laut Subventionsbericht der Bundesregierung, der zweijährlich erstellt wird, betrugen die Subventionen 2008 21,5 Mrd. €. Die Abwrackprämie, die mit 2500€ pro Haushalt die Schlüsselbranche "Automobilindustrie" indirekt fördern sollte, kommt auch ausländischen Herstellern zugute und hat sicher auch Mitnahmeeffekte (genaue Zahlen gibt es nicht). Außerdem wurden mit fahrbereiten Autos volkswirtschaftliche Werte zerstört. Kurzfristig war es wohl ein erfolgreicher Markteingriff (Konsumverzicht in anderen Branchen wurde allerdings nicht gemessen). Am meisten profitieren die Händler und ausländische Hersteller. Reparaturbetriebe haben Einbußen. Viele Schrottautos wurden auch ins Ausland verschoben. Insgesamt wurden 5 Mrd. € zur Verfügung gestellt. Es könnte nun eine Rabattflut folgen. Im Jahr 2009 gibt es insgesamt 29,5 Mrd. an Subventionen, so viel wie nie zuvor. 2010 soll der Betrag auf 24,4 Mrd. € gesenkt werden (die Definition ist umstritten, das IfW, Kiel kommt für 2010 auf 163,6 Mrd. €). Davon sind 55% für die gewerbliche Wirtschaft (17,6 Mrd. Steuervergünstigungen, 6,8 Mrd. € Finanzhilfen). Die Förderung der Solarenergie soll um 10% gekürzt werden. Das größte Förderprogramm steht für den Steinkohlebergbau. Dieser ist auch am meisten umstritten (2014 oder 2018 Schluss? Streit zwischen EU, D, NRW). Die skurrilsten Förderungen sind Private Gleisanschlüsse, Bekämpfung Zwangsverheiratung, Frauen in Kommunalpolitik.
Mitnahmeeffekt: Inanspruchnahme von finanziellen Anreizen, bei denen auch ohne zusätzliche Förderung die gewünschte Verhaltens - Änderung bereits eingetreten wäre (Bsp.: ABM, Ich - AG). Der Mitnahmeeffekt bei Subventionen ist riesig: die zehn profitabelsten DAX-Konzerne erhalten 340 Mio. € Subventionen. Am meisten bekommt Siemens (108 Mio. €) vor Daimler (68 Mio. €). "Schon bald nach ihrer Einführung sehen sie die Begünstigten als Gewohnheitsrecht an", Bundesrechnungshof in einer Analyse.
Subsidiaritätsprinzip: Eine übergeordnete Gemeinschaft (z. B. der Staat) soll einer nach geordneten Einheit (z. B. Bürger, Familie) behilflich sein; aber nur ersatzweise als Reserve, wenn deren Kräfte zur Existenzerhaltung und Erfüllung von Aufgaben nicht ausreichen. Die Eigeninitiative hat Vorrang vor staatlichem Eingreifen (Praxisbeispiele: EU und Einzelstaaten, Gesundheitssystem in den USA, Umweltbewusstsein und Umweltpolitik). Ideengeschichtlich geht das Prinzip auf die liberalen Staatstheorien des 19. Jahrhunderts und auf die katholische Soziallehre zurück. Subsidiär, das aus dem Lateinischen kommt, heißt unterstützend. "Du bist für deinen eigenen Erfolg verantwortlich. Das ist, denke ich, auch ein Modell für entwickelte Länder", Mohammad Junus, Friedensnobelpreisträger 2006.
Laffer - Kurve: Nach dem US-Ökonomen Arthur Laffer benannter Zusammenhang von Steuersatz und Steuereinnahmen, der 1974 auf einer Serviette in einem Restaurant entstand. Die Steuereinnahmen steigen mit dem Steuersatz zunächst überproportional an, dann langsamer bis zu einem Maximalpunkt, danach sinken sie. Wenn Steuern ein bestimmtes Niveau übersteigen, weichen Steuerzahler aus und das Wirtschaftswachstum wird gedämpft. Reagan in den USA und Thatcher in GB setzten die Idee in der politischen Praxis um. Zwei IWF-Ökonomen haben die Kurve weiterentwickelt: Steuersünder werden einbezogen. 2009 versucht die Schwarz-Gelbe Koalition die Gratwanderung zwischen Stimulierung der Wirtschaft durch Steuersenkung und Konsolidierung des Haushalts. Das Haavelmo-Theorem besagt, dass eine Steuererhöhung, deren Einnahmen sofort wieder für Waren und Dienstleistungen ausgegeben werden, nicht neutral, sondern positiv auf das Sozialprodukt wirkt. Steuersenkungen als Anreizinstrument sind umstritten (Spielraum, höherer Wachstumspfad, kalte Progression, Wahltaktik). Vom Schuldenstand der meisten Länder her gesehen sind sie Selbstbetrug. Das Schuldenloch wächst schneller als die meisten Wirtschaften. So werden Steuersenkungen über Schulden plus Zinslast bezahlt ("Steuererhöhungen von morgen", Generationen). In Deutschland zahlten 2004 die 8,2% der Steuerpflichtigen mit dem höchsten Einkommen die Hälfte des Einkommensteueraufkommens.
Prinzipien der Steuerpolitik: Die Steuerpolitik strebt nach Steuereffizienz, sollte aber auch Steuergerechtigkeit bzw. Steuerfairness erreichen. Zwei Prinzipien der Gerechtigkeit: Äquivalenzprinzip (wer von den Ausgaben profitiert, soll die Steuern tragen) und Leistungsfähigkeitsprinzip (Steuerlast nach der ökonomischen Leistungsfähigkeit). Vgl. Diamond, P./ Mirrlees, J., Optimal Taxation and Public Production, in: AER, 1971. Die moderne Steuerpolitik ist immer unsystematischer und trickreicher. Aufschläge, z. B. bei Bankgebühr, Stromrechnung und Urlaubsreise, werden häufiger. Sie haben eine geringere Merklichkeit. Bei vielen Steuern werden auch die wahren Gründe in den Hintergrund gedrängt. Z.B. werden bei der Zigarettensteuer und deren Erhöhung gesundheitliche Gründe genannt. Oft steht aber der Einnahmeaspekt im Vordergrund. Dabei kann es aber leicht zu Steuerhinterziehung bzw. -Ausweichung kommen (schon jede zweite Zigarette in Berlin ist "Jin Ling"). Im Oktober 2010 macht die Bundesregierung ein kleines Steuerpaket: höhere Tabaksteuer, geringere Ökosteuer. Die Prinzipien sind schwierig dabei analytisch umzusetzen. Bis 2014 gibt es aufgrund der Steuerschätzung 2011 mögliche Steuermehreinnahmen von 136 Mrd. € gegenüber früheren Steuerschätzungen.
Steuerprogression: Der deutsche Einkommensteuertarif hat eine Progressionszone, in der der Anstieg überproportional verläuft. Einerseits wirkt dadurch die Einkommensteuer als "Built in Flexibility" bei der Konjunktur. Andererseits werden bei den Beschäftigten Gehaltserhöhungen aufgefressen (zusammen mit der Inflation). Zu unterscheiden ist zwischen dem Grenzsteuersatz (2011 Spitzensteuersatz bei 42%, der bei einem Einkommen von 52.882 erreicht wird) und dem Durchschnittssteuersatz, wo die Steuerschuld auf das gesamte zu versteuernde Einkommen bezogen wird. Der Eingangssteuersatz liegt bei 14% (8004€). Die 383.000 Spitzenverdiener mit Einkünften von mehr als 172.000 Euro zahlen rund ein Viertel der Lohn- und einkommensteuer in Deutschland (StBA).
Steuerquote: Steueraufkommen in Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Diese ist in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich. In den skandinavischen Staaten ist sie relativ hoch (Dänemark ca. 50%). In den USA ist sie sehr niedrig (unter 30%). Deutschland liegt bei ca. 38%. Es besteht durchaus eine Korrelation zu der Verschuldungssituation, z. B. in den USA. Bei schrumpfender Bevölkerung sinkt auch die Basis der Staatsfinanzen. Man wird an höheren Steuersätzen nicht vorbei kommen, um Investitionen in Bildung und Infrastruktur zu tätigen. Durch das Steuerabkommen mit der Schweiz fließen viele zusätzliche Milliarden in die Haushalte von Bund und Ländern. Der Bund erwartet ca. 3 Mrd. €. Die Länder rechnen mit ca. 7 Mrd. €. Von 2012 bis 2016 sagt der Arbeitskreis Steuerschätzung ca. 30 Mrd. mehr Steuereinnahmen voraus.
Mehrwertsteuer: Sie ist eine indirekte Steuer, weil der Produzent Steuerschuldner ist, aber diese auf den Konsumenten abwälzt. Sie gehört zu den Steuern auf Umsatz. Umstritten sind in Deutschland die unterschiedlichen hohen Mehrwertsteuersätze: für einige Produkte gilt ein reduzierter Mehrwertsteuersatz von 7% (für ca. 200 Produkte, z. B. Lebensmittel, Bücher, Theaterkarten, Hotelleistungen, Gesundheitsleistungen). In der Hotelbranche hat der ermäßigte Satz zu Missbrauch geführt. Eigentlich müsste der ermäßigte Satz komplett abgeschafft werden (keine wissenschaftliche Begründung), bei einer Senkung des allgemeinen Satzes. Im Zuge der Steuerharmonisierung in der EU hat es oft Steuererhöhungen bei dieser Steuer gegeben auf zuletzt 19%. Umstritten ist die höhere Belastung niedriger Einkommen (höhere Konsumquote), die geringere Merklichkeit und die Gerechtigkeit in einer globalisierten Welt (Ausländer zahlen nicht). Im Zuge der Sparpläne der Bundesregierung 2010 wird eine Reduzierung der Ausnahmeregelungen (z. B. Rücknahme für Hotels) erwogen.
Konjunkturprogramme: Sie sollen die Konjunktur in Zeiten von Rezessionen ankurbeln (nach der keynesschen Theorie). Sie wurden in Deutschland 1967 (StabWG), 1974, 1977, 1978 und 1980 eingesetzt. Sie lagen zwischen 3,1 und 1,1% des BIP und wirkten mit einer Multiplikatorwirkung. Gearbeitet wurde im allgemeinen mit Steuerentlastungen, Beschäftigungsprogramme und Investitionen. Entscheidend für die Wirkung ist die Finanzierung (Kredite! Selbstfinanzierung?). In Zeiten der EU und des € raten viele Wissenschaftler davon ab, da die Wirkung nur für Deutschland gilt (im Unterschied zum Einsatz in den USA). Entscheidend für die Beurteilung von Konjunkturprogrammen sind auch die Kosten einer Rezession: Der Nobelpreisträger R. Lucas z. B. schätzt sie sehr gering ein (1987, 0,1% des Lebenskonsums). Neuere Untersuchungen sehen die Kosten bei bis zu 10% des Lebenskonsums. Die Wirkung von Konjunkturprogrammen hängt stark von ihrer Höhe ab. In Deutschland müsste ein wirkungsvolles Programm mindestens 0,5% bis 1,0% des BIP umfassen, also etwa 25 Mrd. €. Generell wirken Nachfrageprogramme in Deutschland sehr begrenzt, weil wir stark exportabhängig sind. Neuere Untersuchungen in den USA zeigen die positive Wirkung von Konjunkturprogrammen auf. Das jüngste Konjunkturprogramm 2009 (etwa 50 Mrd. €) der Bundesregierung arbeitet mit Steuern und Abgaben, einem "Rettungsschirm", mit Investitionen und Technologieförderung für die Automobilindustrie (auch Abwrackprämie) . 70% der Fördergelder sollen den Kommunen zugute kommen für Infrastrukturinvestitionen. Das Konjunkturpaket II führt zu einem Anstieg der kommunalen Investitionen um 5%. Heftig umstritten ist der Punkt, ob der Staat mit seiner Fiskalpolitik eher Steuersenkungen oder Erhöhung der Staatsausgaben praktizieren soll. Empirische Studien lassen einige Schlüsse zu: Konjunkturprogramme wirken kaum, solange der Finanzsektor große Probleme hat, der Staat darf die Programme nicht zu früh zurückfahren, Steuersenkungen sollten eher Bezieher niedriger Einkommen treffen. "Wir haben bereits in der Weltwirtschaftskrise gelernt, dass der Markt allein es nicht richtet. Aber das ist 80 Jahre her. Und irgendwann ist das Bewusstsein dafür verloren gegangen", Joseph Siglitz.
Sparpaket: Die Bundesregierung muss die Vorgaben der EU und der Schuldenbremse umsetzen. Im Juni 2010 beschließt die Bundesregierung ein Sparpaket, das 80 Mrd. € in vier Jahren bringen soll. Davon 2011 13,5 Mrd. € (5 Mrd. Soziales, 5 Mrd. Unternehmen, 3,5 Mrd. Staat). Es wird im Sozialen Bereich (Hartz IV, Elterngeld, Arbeitsmarktförderung), in der Wirtschaft (Brennelementesteuer, Luftverkehrsabgabe, Finanzmarktabgabe) und in der Verwaltung (-15.000 Arbeitsplätze, Weihnachtsgeld) eingespart. Das Paket enthält unsichere Elemente (Finanztransaktionssteuer), ist unausgewogen (bei Unternehmen vage, bei Sozialem konkret) und ohne klares Gestaltungsziel. Es dokumentiert eher Planlosigkeit. Subventionen und die Vergünstigungen bei der Mehrwertsteuer müssten reduziert werden. Es müsste auch mehr die Philosophie zu erkennen sein, die Verursacher der Krise überproportional an den Kosten zu beteiligen.
Haushalt Deutschlands: Der Haushalt des Bundes 2011 hat im Entwurf ein Gesamtvolumen von 307,4 Mrd. €. Der größte Einzelposten ist Arbeit und Soziales mit 131,8 Mrd. € (-7,9%). Dann folgen Bundesschuld (-1,9%) und Verteidigung. Haushaltspläne haben auch Bundesländer und Kommunen. Immer wieder umstritten ist die Lastenverteilung zwischen den Gebietskörperschaften, die durch Finanzausgleich auch umverteilt wird. Haushalte werden nach Prinzipien geführt, die gesetzlich festgelegt sind. Die kameralistische Buchführung wird immer mehr Richtung kaufmännisches Rechnungswesen umgewandelt. Eine wichtige Kennzahl für den Staat ist der Finanzierungssaldo in % des BIP. Von -3,3% 2010 und -1,3% 2011 soll er -0,2% 2012 betragen. Der Aufschwung am Arbeitsmarkt treibt die Steuereinnahmen in die Höhe.
Geldpolitik (und -Theorie)
Geld: Geld hat die Funktionen Tauschmittel, Recheneinheit und Wertaufbewahrung. Es kommt in den Erscheinungsformen Münzen, Banknoten und Buchgeld (Giralgeld) vor. Aufgrund des Münzregals haben die Staaten die Verfügung über die Münzen. Das Papiergeld soll eine Deckung haben. Früher war dies Gold (Goldstandard). Heute wird vom "Potential für Lug und Trug" (F. A. von Hayek) gesprochen. Oft traten wichtige Rohstoffe oder Nahrungsmittel an Stelle des Geldes. In Japan war das lange Zeit der Reis. In Ölstaaten ist es häufig das Öl gewesen. "Geld, Geiz, Gier - das sind die drei großen Konstanten", Hilmar Kopper, in: Der Spiegel 52/2011, S. 66.
Geldpolitische Instrumente: Dazu gehören im der Eurozone der EU Offenmarktgeschäfte (am wichtigsten Hauptrefinanzierungsgeschäfte), Ständige Fazilitäten (Einlagefazilität, Spitzenrefinanzierungsfazilität) und Mindestreserven. Träger der Geldpolitik in der EU ist die Europäische Zentralbank in Frankfurt (EZB). Am wichtigsten ist die Festsetzung des Leitzinses, der für Hauptrefinanzierungsgeschäfte gilt. In einem Weltwährungssystem mit flexiblen Wechselkursen, wie wir es zurzeit haben, hat die Geldpolitik Vorrang vor der Finanzpolitik. Vgl. als klassischen Aufsatz: Milton Friedman, The Role of Monetary Policy, in: AER, 1968. Die Wirkungsverzögerungen der Geldpolitik (time-lag) sind kürzer als die der Finanzpolitik. Um den Banken zu helfen, sind Refinanzierungsgeschäfte, geringere Anforderungen an die Sicherheiten, die Mindestreserve, Staatsanleihekäufe und Notfallkreditlinien geeignet.
Liquiditätsfalle: Sie steht für eine Situation, in der die geldpolitischen Instrumente an die Grenzen stoßen (Zinsen ganz unten). Das Konzept wurde von Keynes entwickelt. Normalerweise sollte die Finanzpolitik eingesetzt werden. Alternativ wären auch quantitative Lockerungen von den Notenbanken möglich. Als Fallstudie gilt immer wieder die Lage in Japan.
Maastricht-Kriterien (Konvergenzkriterien): Im Maastricht - Vertrag der EU von 1991 beschlossene Vorgaben für die Aufnahme von Ländern in die EWU. Sie beziehen sich auf Inflation (1,5%+ über dem Durchschnitt der drei preisstabilsten Länder), Verschuldung des Staates(3,0% Haushaltsdefizit; 60% Gesamtverschuldung, im Nenner BIP), Zinsniveau und Einhaltung von Wechselkursbandbreiten in den letzten 2 Jahren. Die Konvergenzkriterien sind auch nach dem Beitritt zur Eurozone einzuhalten. Ein Stabilitätspakt (Dublin) regelt die Kontrolle und die Sanktionen. Er wird im September 2011 nochmal verschärft. "I can´t get a job yet, but I´m already in debt", Kinder in den USA liefen nach der Krise mit diesen Plakaten rum.
Crowding-out-Effekt (Verdrängungseffekt): Maßnahmen der Fiskalpolitik verdrängen private Wirtschaftsaktivitäten von den Märkten, am häufigsten als Folge der zunehmenden öffentlichen Verschuldung: induzierte Zinserhöhungen verdrängen private Kreditnachfrager auf dem Kapitalmarkt. "Steigende Staatsschulden treiben die Steuern in der Zukunft in die Höhe. Das verzerrt die wirtschaftlichen Anreize und schmälert das langfristige Wachstumspotential der Wirtschaft", Martin Feldstein, Harvard.
Inflation (aus dem Lateinischen: aufblasen, anschwellen) ist eine dauerhafte Preissteigerung, die über ein bestimmtes Maß hinausgeht und zur Geldentwertung führt, so dass sich die Kaufkraft vermindert. Wer Geldvermögen besitzt wird auf kaltem Weg enteignet, es beginnt eine Flucht in die Sachwerte. Verantwortlich für eine Inflation können eine zu hohe Geldmenge, eine überhöhte Nachfrage, zu hohe Kostensteigerungen beim Angebot und der Import aus dem Ausland sein. Die Preissteigerung, die von ca. 600 Preisbeobachtern in ca. 40.000 Läden ermittelt wird, wird durch den Preisindex für die Lebenshaltung gemessen (Index von Laspeyres mit Betonung auf Basisjahr, zur Zeit 2005), dem ein repräsentativer Warenkorb (rund 750 Produkte, aufgrund der EVS mit 62.000 HH alle 5 Jahre gebildet; wie viel Geld für welche Produkte ausgegeben wird, fließt in ein Wägungsschema ein) zugrunde liegt. Die Kerninflationsrate schließt Lebensmittel- und Energiepreise aus. Mittlerweile gibt es auch einen Index der wahrgenommenen Inflation (IWI: gefühlte Preise, H. - W. Brachinger). Die Preisstabilität aufrecht zu erhalten, ist Aufgabe der Europäischen Zentralbank bzw. der Zentralbanken. Geringverdiener und Rentner sind stärker betroffen. Mit der hohen Staatsverschulung nach der Weltwirtschaftskrise steigt für die Regierungen die Verlockung, den Schuldenberg mit hoher Inflation abzutragen. Nach Ausmaß und Geschwindigkeit unterscheidet man schleichende und Hyperinflation. Vgl. als klassischen Aufsatz: Robert Lucas, Some International Evidence On Output-Inflation Tradeoffs, in: AER, 1973. Im vierten Jahrhundert vor Christus druckte als erster in der Geschichte der Herrscher von Syrakus Dyonysos Geld (alle Münzen wurden in doppelter Zahl und halber Größe verbreitet). Inflation gab es auch schon im Römischen Reich. Nero und seine Nachfolger streckten Goldmünzen. Ähnlich gingen die Fürsten im 30jährigen Krieg vor. 1923 gab es eine Hyperinflation in Deutschland mit 533 Mio. % Inflationsrate. Nach dem 2. Weltkrieg und der Währungsreform gab es in Deutschland eine Inflation von 14,8%. 1975 in vielen Industriestaaten (7,2% in Deutschland mit der Ölpreiskrise). Treffen Inflation und Stagnation (Wirtschaftsflaute) zusammen, spricht man von Stagflation. Unternehmen können wegen der schwachen Nachfrage die steigenden Kosten nicht in Form höherer Preise weitergeben und streichen Jobs. Ein Rückgang der Preise über eine bestimmte Zeit wird als Deflation bezeichnet. 2009 sind die USA und Japan betroffen. Japan kennt das Phänomen schon aus den 90ern. Prominente Ökonomen (Mankiw, Rogoff) in den USA fordern, eine hohe Inflation (6%), um die "Schuldenbombe" zu entschärfen. Im Jahre 2007 und 2008 steigen weltweit die Preise sehr stark, vor allem die Lebensmittelpreise und die Energiepreise. Dies sind in erster Linie Knappheitsprobleme: Die Öl- und Gasförderung der OPEC-Länder ist knapp geworden, ebenso wie die Versorgung mit landwirtschaftlichen Produkten. Vor einer Stagflation, zumindest vor einer Phase langsameren Wachstums, könnten deshalb Japan, China, die USA und Deutschland stehen. Weil der Preisschock von außen kommt (Ölpreis), können die klassischen geld- und finanzpolitischen Mittel nicht so einfach angewandt werden. 2010 wirft IWF-Chefvolkswirt O. Blanchard die Frage nach etwas mehr Inflation auf (4%, damit die Notenbanken mehr Spielraum gegen Wirtschaftskrisen haben). Im Dezember 2010 beträgt die Preissteigerung in der EU schon wieder 2,2%. Eine Erhöhung der Leitzinsen wird erwogen. In Deutschland steigt die Inflationsrate im September 2011 wieder auf 2,6% (ein Dreijahreshoch), sinkt aber im Oktober wieder auf 2,5. Im April 2012 sinkt sie wieder auf 2,0%.
Rationale Erwartungen: Geht auf eine Idee von Robert Lucas ( geb. 1937) zurück. Die Geldpolitik verliert ihre Wirksamkeit, wenn sich die Bürger rational auf politische Maßnahmen einstellen.
Quantitätsgleichung (M x U = P x Y, Fisher) und Geldmenge: Beziehung zwischen Geldmenge, Umlaufgeschwindigkeit und nominellem Wert des Outputs einer Volkswirtschaft. Kann auch geldmengeninduzierte Inflation erklären. Fisher-Effekt=Ein-zu-Eins-Anpassung des Nominalzinssatzes an die Inflationsrate (Irving Fisher, 1867 - 1947). Fisher war der erste große US-Ökonom. "Unsere Währung ist den Kreditbanken ausgeliefert, die nicht Geld verleihen, sondern Versprechungen auf Geld, das sie nicht haben", I. Fisher. In der EU wird mit der Geldmenge M3 gearbeitet (der Zusammenhang zwischen M3 und Verbraucherpreisinflation wird allerdings immer instabiler). Die Geldmenge M3 sinkt Ende 2009 erstmals seit dem Euro-Start (Kreditvergabe an Unternehmen stark rückläufig). Nach dem Greshamschen Gesetz drängt in der Geldzirkulation schlechtes Geld gutes Geld aus dem Markt. Erstmals wiesen M. Friedman und Anna Schwartz nach, dass die Geldmenge keine passive Größe ist, sondern ein Steuerungselement, das die Wirtschaftsdynamik entscheidend beeinflusst. Die EZB räumt 2007 Probleme mit ihrer geldpolitischen Strategie ein: es gebe keine stabile Beziehung zwischen Geldmengenwachstum und Inflation. Der Gleichlauf von Geldmenge und Immobilienpreisen bedarf dringend einer Klärung.
Goodhart´s Law : empirisch festgestellte Zusammenhänge zwischen Größen wie Geldmenge und Inflation lösen sich auf, wenn die Politik die Gesetzmäßigkeiten nutzen will, um beispielsweise die Inflation zu kontrollieren. (Fundamentalgesetz der praktischen Geldpolitik, geb. 1936, Cambridge & LSE, 20 J. bei der englischen Notenbank, Monetary Theory and Practice, 1984, neuestes Buch: The Regulatory Resonse to the Financial Crisis, 2009. Vgl. auch R. Lucas: Individuen handeln rational, indem sie sich sehr schnell anpassen: in rationalen Erwartungen antizipieren Sie die kommende Wirtschaftspolitik): "Any observed statistical regularity will tend to collapse once pressure is placed up for control purposes". Dies ist auch als Lucas-Kritik in die Literatur eingegangen.
Baumol-Tobin-Modell: Geldnachfrageansatz, bei dem die optimale Kassenhaltung durch den Vergleich der Opportunitätskosten aus entgangenen Zinserträgen mit dem Nutzen geringerer Zahl von Wegen zur Bank determiniert wird. Bei Keynes besteht die Geldnachfrage aus einer Transaktionskasse (vom Einkommen abhängig) und einer Spekulationskasse (vom Zins abhängig). "Die Phönizier haben das Geld erfunden - aber warum nur so wenig?", J. N. Nestroy.
Taylor-Regel: für eine optimale Höhe des nominellen Zinssatzes i , die von der Zentralbank unmittelbar beeinflussbar ist (John B. Taylor, geb. 1946, US-Ökonom und Finanzpolitiker, Uni Stanfort). Zusammenhang zwischen angestrebtem Realzinsniveau, Inflationsrate, realem und langfristigen Trendwert des Nationaleinkommens. Grob lautet die Regel, dass die Zinsen steigen können, sobald die Arbeitslosenquote unter sieben Prozent sinkt. Für die EZB ist der Leitzins der wichtigste Zins auf dem Finanzmarkt, der als Mindestbietsatz die Konditionen festlegt, zu denen sich Banken kurzfristig Geld bei der Notenbank leihen können. Vom Gesetz her gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen der Geldpolitik der Fed und der EZB: die Fed hat als Ziele Geldwertstabilität und hohe Beschäftigung, die EZB nur das erstere. Taylor ist mittlerweile sehr präsent im Internet mit Podcasts und Videos. Vgl. z. B.: http://blog.getdocued.net/2009/04/14/root-causes-of-the-financial-crisis/ . Er fordert nach der Weltwirtschaftskrise 2009 transparente Bankbilanzen und neue Regel für staatliche Eingriffe. "Die Fed kann notfalls Geld mit dem Helikopter abwerfen, um die Wirtschaft anzukurbeln", Ben Bernanke, US-Notenbankchef.
These der "Streikfähigkeit des Geldes" von Silvio Gesell (1862 - 1930): Die Überlegenheit des Geldes auf dem Markte gegenüber Ware und Arbeit bewirkt, dass sich der Geldsektor jederzeit ungestraft "weigern" kann, seine ihm zugedachten Aufgaben zu erfüllen (Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld, Lütjenburg 1991). Vgl. auch: B. Senf: Die blinden Flecken der Ökonomie, München 2001, S. 151ff. Die Deutschen besitzen ein Geldvermögen in Höhe von 4,5 Bio. € 2006. Die neoklassische Theorie trennt die Gesamtwirtschaft in Real- und Geldwirtschaft. Der monetäre Sektor soll langfristig keinen Einfluss auf den realen Sektor (wo Güter und Dienstleistungen produziert werden) haben. Man spricht von der realwirtschaftlichen Neutralität des Geldes. "Bullshit Walks, Money Talks", amerikanisches Sprichwort.
Wicksellsche Zinstheorie: Der schwedische Nationalökonom K. Wicksell unterscheidet zwischen zwei Zinssätzen: Der Darlehenszins, der sich auf dem Kreditmarkt aufgrund von Angebot und Nachfrage ergibt. Daneben steht der natürliche Zins, bei dem sich die Kreditnachfrage für Investitionszwecke und das Angebot an Ersparnis ausgleichen. Gleichgewicht in der Volkswirtschaft herrscht, wenn beide Zinsen gleich hoch sind. Nach Wicksell kann es zu Überinvestitionen kommen, wenn die Notenbank die zusätzliche Kapitalnachfrage durch Geldschöpfung finanziert, statt den Leitzins zu erhöhen. Sehr gut passt das Modell auf bestimmte Situationen Ostasiens, insbesondere Japans. Die Geldschöpfung über die internationalen Finanzmärkte hielt das Zinsniveau trotz Überhitzungsgefahr niedrig (Finanztheoretische Untersuchungen, 1896 erschienen).
Wirkungen von Zinssenkungen (in der Geldpolitik): Die amerikanische Notenbank "FED" hat innerhalb kurzer Zeit 2007/2008 die Leitzinsen mehrfach erheblich gesenkt (zuletzt nur noch von 0-0,25%). Die Wirkungen treten mit erheblicher Zeitverzögerung ("lag", 6 bis 12 Monate) ein: sofort gibt es einen psychologischen Effekt (gute Laune oder Warnung). Später wird der Konsum angeregt (die Leute sparen weniger). Ebenso werden Kredite (z. B. zum Bauen) und Kredit finanzierte Investitionen erhöht. Der Wert der Währung sinkt durch weniger Kapitalimporte, was die Exporte positiv beeinflusst. Umstritten ist die Frage, ob es negative Leitzinsen geben kann. Der Sinn liegt in in einer offenen Subventionierung der Banken durch die Zentralbank und im Zwang Vermögen und Geld abzubauen (Konsumanreiz). Die Idee geht auf Silvio Gesell zurück und wird 2009 in der Krise von Mankiw und Buiter wieder aufgegriffen. "Es fehlt das Geld. Nun gut, so schafft es doch", J. W. von Goethe, Faust.
Wirkungen von Zinserhöhungen (der EZB): Zunächst steigen Zinserwartungen und Zinsen am Geldmarkt. Dann steigen die Kapitalmarktzinsen und der Euro wird aufgewertet (weil mehr Euro-Anlagen nachgefragt werden). Konsum und Investitionen sinken, die Sparquote erhöht sich. Verbraucher- und Importpreise (hängt von Ausmaß an importierten Vorleistungen und Elastizität ab) sinken wie auch der Inflationsdruck. Nach zwei Jahren erhöht die EZB im April 2011 die Leitzinsen auf 1,25%. Eine weitere Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte auf 1,5% kommt am 07.07. 2011 (weiterer Zinsschritt Ende des Jahres). Am 03.11.11 wird der Zinssatz wieder auf 1,25% gesenkt, am 08.12. auf 1%.
Notenbanken (Zentralbanken) und Geldpolitik: Die Notenbanken haben in erster Linie für Geldwertstabilität zu sorgen. Die amerikanische Notenbank "Fed" hat mehr noch als die EZB auch die Aufgabe, die Binnenkonjunktur positiv zu beeinflussen. Erst seit 1913 besteht sie ununterbrochen (der Kongress beruft den Fed-Chef, der dem Offenmarktausschuss (FOMC) vorsitzt. Die EZB wurde am 1.7.1998 gegründet und hat ihren Sitz in Frankfurt (höchstes Beschlussgremium EZB-Rat, Sitzung jeden zweiten Donnerstag). Beide sind unabhängig (2009 gibt es in den USA Bestrebungen, die Geldpolitik staatlich zu kontrollieren: "Fed-Chef Büttel der Wall-Street"). Allerdings ist Unabhängigkeit als Kontinuum zu sehen, da die Einsetzung der Spitze bei der EZB durch die politischen Institutionen erfolgt (wurde bei Draghi gegenüber Weber sehr deutlich). Dagegen sind die Noten- Banken Chinas und Japans abhängig. Deshalb können sie durch die Anhäufung riesiger Devisenreserven massiver in den Wechselkurs ihrer Währungen eingreifen. Alle Notenbanken sind "Supermächte" in der Globalisierung. Ihr Hauptinstrument ist die Festlegung des Leitzinses, der die Liquidität der Banken und das Kreditverhalten der Wirtschaftsakteure determiniert. Die meisten Notenbanken arbeiten mit Offenmarktgeschäften, Ständigen Fazilitäten und Mindestreserve. Die Instrumente unterscheiden sich zwischen den Notenbanken innerhalb dieser Kategorien (auch zwischen ESZB, Bank of England und Fed). Der Diskontsatz in den USA entspricht etwa dem Spitzenrefinanzierungssatz der EZB. Der Hauptrefinanzierungssatz der EZB ist der Leitzins im Euroraum. Die Notenbanken sind auch Teil der Bankenaufsicht, die nach der Finanzkrise 2008/2009 noch ausgebaut wird. Probleme ergeben sich aus der grenzüberschreitenden Tätigkeit der Banken. Mit einer falschen Geldpolitik hat die amerikanische Notenbank (Chef B. Bernanke bleibt im Amt) die weltweite Finanzkrise mit verursacht. Auch 2010 hält sie den Zinssatz bei 0,25 extrem niedrig, um den Aufschwung nicht zu gefährden. Sie legt Kaufprogramme für Staatsanleihen auf (bisher 2). Vgl. Yellen, Janet: U.S. Monetary Policy Objectives in the Short and Long Run, Jahrestagung der American Economic Association in San Francisco, Januar 2009. Die Finanzkrise 2008/2009 hat zu der Grundsatzdebatte geführt, ob die Zentralbanken nicht nur gegen Inflation, sondern auch gegen Spekulationsblasen kämpfen sollen. Sehr umstritten ist auch der Kauf von Staatsanleihen durch die EZB (35 Mrd. Euro nach der Griechenlandkrise, 2011 schon über 140 Mrd. €). Er wird sogar vom Bundespräsidenten scharf kritisiert. Wegen des Anleihenkaufs tritt der Chefvolkswirt Stark im September 11 zurück (Nachfolger wird Asmussen). Auch 2011 überschwemmt die US-Zentralbank mit ihrem Quantitative Easing 2 (QE2) die Märkte mit Liquidität, was die Inflation beschleunigen dürfte. Für April 2011 erwägt deshalb die EZB eine Zinserhöhung (derzeit 1%). Diese kommt auch auf 1,25% und 1,5% (weitere Schritte werden 2011 erwartet). Am 03.11.11 erfolgt wieder eine Zinssenkung um 0,25 auf 1,25%. Ebenso am 08.12.2011 auf 1,0%. Damit soll die Kreditaufnahme von Unternehmen und Staaten erleichtert werden. Auch der Mindestreservesatz wird auf 1% gesenkt. Die Fed hat US-Anleihen im Wert von 600 Mrd. Dollar gekauft. Die britische Zentralbank hat 200 Mrd. Pfund für Briten-Bonds ausgegeben. Der britische Leitzins ist Ende 2011 bei 0,5% (obwohl Inflation bei 5%). Der Schweizer Leitzins liegt zwischen 0 und 0,25%. Am 30.11.2011 fluten mehrere große Zentralbanken (EZB, USA, Kanada, Japan, Schweiz, GB) die Finanzmärkte mit Geld (Liquiditätsnetzwerk gegen Schuldenkrise). Der Zinssatz für Dollar-Swaps fällt. 2012 stößt H. - W. Sinn eine Diskussion über die Target-Forderungen der Bundesbank im Euro-System an. Diese betragen 2012 500 Mrd. €. Das Risiko für den Ausfall trägt der deutsche Steuerzahler. "Die Aufgabe der Notenbank ist es, die Bowle wegzustellen, wenn die Party beginnt", George W. Schultz, war Reagon`s Außenminister.
Geldinnovationen und -reformen seit dem Zweiten Weltkrieg: Schon 1944 wird in Bretton Woods in den USA eine neue Weltwährungsordnung mit festen Wechselkursen eingeführt mit dem IWF und der Weltbank. 1947 fließt US-Kapital nach Deutschland (Marshallplan) und Japan (Clarkplan). In der Währungsreform 1948 wird die Reichsmark durch die Deutsche Mark ersetzt nach einer Hyperinflation. 1960 wird mit Diner`s Club die erste Kreditkarte eingeführt. 1962 gibt es Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten wegen Mauerbau und Cuba - Krise. 1979 wird das EWS gegründet. 1986 werden die Provisionen im Wertpapiergeschäft und die volle Computerisierung des Handels eingeführt. 1990 beginnt die deutsch-deutsche Währungsunion. 1997 beginnt die Asienkrise. 2008 mit dem Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers wird eine Weltwirtschaftskrise eingeläutet. Die Zentralbanken der Welt erschaffen seit der Finanzkrise 1,5 Billionen €. "In einem Produktionssystem, wo der ganze Reproduktionsprozess auf Kredit beruht, wenn da der Kredit plötzlich aufhört und nur noch bare Zahlung gilt, muss augenscheinlich eine Krise eintreten, ein gewaltiger Andrang nach Zahlungsmitteln", Karl Marx, Das Kapital, 3. Band, 1894.
Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (SoFFin): In der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 (im Oktober 2008 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise) gegründet als staatliche Organisation (erster Chef J. Sanio, neu Elke König). Anträge auf Stabilisierungshilfe (Bankenrettung) können Finanzunternehmen mit Sitz in Deutschland stellen. Für Garantien stehen 400 Mrd. € und zur Rekapitalisierung und Risikoübernahme 70 Mrd. € zur Verfügung. Diese soll die Liquidität und das Vertrauen in die Banken sicherstellen. Die betreffenden Institute müssen eine angemessene Eigenkapitalausstattung haben. Vorsitzender ist Hannes Rehm (Staatssekretär im Finanzministerium). Die SoFFin ist auch zuständig für die Befreiung der Bilanzen der Banken von so genannten toxischen Papieren. Mitte Juni 2009 wird das Volumen auf 230 Mrd. € beziffert. Favorisiert wird das Modell der "Bad Banks". Umstritten ist die Nachhaftungsregelung (zugeschnitten auf die Eigentümer der Landesbanken, insbesondere die Sparkassen). 2009 hat der Soffin 650 Mio. € Überschuss. Durch die Übernahme der HRE gerät er jedoch danach tief in die roten Zahlen. 2009 macht die Soffin 4 Mrd. € Verlust. Insgesamt half die Soffin den Banken mit Stillen Einlagen, Aktienkauf und Anleihegarantien. Die Soffin soll auch die Verwaltung des neuen Bankenfonds übernehmen, in die Banken einen Teil ihrer Gewinne als Krisenvorsorge zahlen (Bankenabgabe). 2013 soll die Soffin dann durch den Bankenfonds abgelöst werden. "Die Politiker werden uns einmal mehr beruhigen wollen. Wir werden hören, man habe alles unter Kontrolle. Aber die Weltwirtschaft ist außer Kontrolle geraten. Und zwar in einem Maß, das sich vielleicht noch immer unserer Vorstellungskraft entzieht", Paul Krugman, Nobelpreis 2008. "Retten ist leider kein lukratives Geschäft", Hannes Rehm, Chef des Soffin.
"Ich frage mich, ob wir in der Makroökonomie wirklich mehr wissen als vor 25 oder 50 Jahren", Clive Granger, San Diego, Ökonomie-Nobelpreisträger 2003, in der Wirtschaftswoche, Nr. 1/2, 2007, S. 40.
Umweltökonomik (Klimawandel, Ökologie, Sustainable Development, Nachhaltigkeit, Energie, Ressourcen, Umweltpolitik, Umweltmanagement, globale Aspekte der Umwelt):
Gliederung: Theorie/Ursachen, Umwelt-Politik, Praxis (betriebliches Umweltmanagement), Global Government (globale Aspekte der Umwelt), Ressourcen und Bodenschätze, Energie und Energiepolitik, Klima-Wandel, Messung (Empirische Aspekte, Operationalisierung).
Funktionen: Umwelt ist im Sinne von Natur zu sehen (nicht nur als Rahmenbedingung). Sie ist Konsumgut (Freizeit, Erholung), Produktionsfaktor (Rohstoffe, Energie) und Aufnahmemedium für Schadstoffe (Emissionen). Inder Volkswirtschaftslehre wird heute häufig der Produktionsfaktor "Boden" im Sinne von Umwelt interpretiert.
Subsidenz: über das Lebensnotwendige verfügen. Subsidenzwirtschaft heißt also, das Lebensnotwendige zu erwirtschaften. Der Gedanke stammt aus der Klassik (Adam Smith), spielt auch im Marxismus (Rosa Luxemburg) eine große Rolle. Die übergroßen Bedürfnisse und die Gier werden als Ursache des Umweltproblems gesehen. Der Gedanke ist heute als Gegenmodell zur Wachstumswirtschaft gerichtet, die ausschließlich Geld in den Mittelpunkt stellt und auf die Mehrwertproduktion ausgerichtet ist. Ziel sollte aber das Leben sein. Vgl. Bennholdt-Thomsen, V.: Geld oder Leben, München 2010.
Marktversagen: Märkte sind unter bestimmten Bedingungen funktionsunfähig (z. B. bei externen Effekten, öffentlichen Gütern, asymmetrischen Informationen). Hier muss in der Regel der Staat mit seiner Wirtschaftspolitik, d.h. Umweltpolitik, eingreifen. "Der Klimawandel ist das größte Marktversagen, das es je gab", N. Stern, britischer Ökonom und Umweltforscher (Stern-Bericht über Klimawandel 2006). Allerdings gibt es auch Staatsversagen, etwa durch Lobbys, Korruption und die Notwendigkeit, zu Wahlen anzutreten. Vgl. Vogt, G.: Faszinierende Mikroökonomik, München 2007, S.348 ff. Siehe auch meine Markt-Betrachtung.
Theorie öffentlicher Güter (Begründer Samuelson, Musgrave u. a.): Bei Öffentlichen Gütern gilt weder das Ausschlussprinzip noch das Konkurrenzprinzip (auch Rivalität genannt, z. B. Wissen, nationale Verteidigung). Bei gesellschaftlichen Ressourcen (auch Allmendegüter genannt), zu denen die Umwelt gehört, gilt das Ausschlussprinzip nicht, aber das Konkurrenzprinzip. Daneben gibt es noch Private Güter, Meritorische Güter und Natürliche Monopole. Bei Natürlichen Monopolen gilt das Ausschlussprinzip, nicht aber das Konkurrenzprinzip. Ein Angebot durch mehrere konkurrierende Produzenten ist daher ökonomischer Unsinn, weil die Fixkosten so hoch sind. Dies trifft vor allem auf Infrastrukturnetze wie Schienen, Gas, Wasser und Strom zu. Es wäre unwirtschaftlich, mehrere Netze, die dem gleichen Zweck dienen, nebeneinander zu betreiben. Vgl. Mankiw (2001), a. a. O., S. 247. Manche nennen diese Güter auch Clubgüter (auch Filme im Pay-TV, Computer-Software, Vgl. Krugman/ Wells, Volkswirtschaftslehre, Stuttgart 2010, S. 624). Wichtigste Theorie zur Erklärung von Umweltverschmutzung und zur Notwendigkeit des Staatseingriffs (Soziales Dilemma).
Institutionelle Sklerose von Mancur Olson (1932-1998, The Logic of Collective Action, Cambridge 1965, auch: The Rise and Decline of Nations, 1982): diese entsteht dadurch, dass Lobbygruppen durch Verteidigung ihrer Privilegien die Wettbewerbsordnung verzerren und damit die Anfälligkeit gegenüber externen Schocks erhöhen. Olson gilt als Nestor der Institutionenökonomik. Lobbyismus ist heute sehr stark in den USA ausgeprägt. Der Einfluss der reichsten Amerikaner auf die Politik des Landes ist unmittelbarer als gedacht. Zwischen 1984 und 2009 hat sich das Vermögen der Kongressabgeordneten mehr als verdoppelt (jeder Zweite Millionär), während die Amerikaner insgesamt ärmer geworden sind. Einen Wahlkampf können sich nur Reiche leisten. Schon bei den alten Römern sollen in der "lobia", in der Vor- und Wandelhalle des römischen Senats, Interessenvertreter auf die Senatoren eingewirkt haben. Bei der Bundestagsverwaltung sind zur Zeit 2000 Lobbygruppen offiziell registriert. "Alle Formen der Marktbeherrschung müssen Anlass zur Sorge geben, alle", Mancur Olson.
Prinzipal-Agent-Probleme: Die Präferenzen der Bürger kommen nicht direkt zur Geltung. Normalerweise beauftragt der Bürger als Wähler Politiker damit, seine Interessen wahrzunehmen. Es entsteht ein Delegationsverhältnis, das sowohl zwischen Bürger und Politikern als auch zwischen Politikern und Beamten der Bürokratie in der Verlässlichkeit Fehler und Missverständnisse haben kann. Vgl. als wichtigsten Aufsatz: Stephen Ross, The Economic Theory of Agency: The Principal`s Problem, in: AER, 1973.
Externe Effekte: Wirkungen einer wirtschaftlichen Tätigkeit, die außerhalb von Marktbeziehungen auftreten und bei denen Verursacher und Betroffener nicht übereinstimmen (Theorie der öffentlichen Güter, Erklärung umweltschädlichen Verhaltens, zusammen mit Free-Rider). Die Internalisierung negativer externer Effekte kann durch Verhandlungen, Grenzwerte (Emissionsstandards, Auflagen), Umweltsteuern und handelbare Emissionsrechte erfolgen. Probleme ergeben sich vor allem durch die Grenzüberschreitung der Effekte. "Just doing my bit for the environment", (ich trage nur meinen Teil zum Umweltschutz bei).
Wirtschaftswachstum und Umwelt: In der modernen Umweltökonomik gilt Wirtschaftswachstum nicht mehr als Ursache von Umweltzerstörung in Industrieländern, weil nachhaltiges Wachstum möglich ist (ohne mehr Energienutzung und Umweltzerstörung, der Zielkonflikt scheint aufgehoben). In Schwellenländern (China, Indien, Brasilien) gilt dies jedoch nicht. Die bisherige Entwicklung des Kapitalismus in den letzten 250 Jahren basierte auf fossilen Energieträgern: Kohle, Öl, Gas. Ohne sie wären Wachstum und Innovationen nicht möglich gewesen. Was passiert aber, wenn das Öl zu Ende geht? Kann man die fossilen Energieträger ersetzen? Das ist die entscheidende Frage der Menschheit heute. Sergei Podolinsky, ein ukrainischer Sozialist und Zeitgenosse von Karl Marx, erkannte im 19. Jahrhundert schon, dass Energie über die Zukunft des Kapitalismus entscheiden würde.
Bevölkerungswachstum und Urbanisierung: Das rapide Bevölkerungswachstum seit dem 18. und besonders im 20. Jahrhundert hat das Verhältnis zu den Ökosystemen radikal verändert. Ein weiteres Problem sind das Wachstum der Megastädte (27, erstmals lebt über die Hälfte der Menschen in Städten). Um eine Stabilisierung herbeizuführen ist eine bessere Bildung für Mädchen, Mit- und Selbstbestimmung für Frauen in der Familie und eine niedrige Kindersterblichkeit erforderlich. Die Zahl der Städte mit mehr als 10 Millionen Einwohner wächst ständig. Die größten Metropolen der Welt sind Tokio, Mumbai, Lagos, Schanghai, Jakarta, Dehli, Karachi, Peking, Sao Paulo und New York. Diese Städte müssen versorgt werden, so dass die Industrie dort mit wächst. "The bicycle is the most civilized conveyance known to man. Other forms of transport grow daily more nightmarish. Only the bicycle remains pure in heart", Iris Murdoch, 1919-1999, Anglo-Irish philosopher.
Flächenversiegelung (Flächenfraß): Immer weniger Menschen in Deutschland brauchen immer mehr Raum. 2011 bewohnt jeder Deutsche durchschnittlich 43 Quadratmeter.
Landwirtschaft und Umwelt: Durch den Düngemitteleinsatz, die Schaffung von Agrarflächen durch Rodung, den Anbau von Energiepflanzen und den CO2-Ausstoß von Kühen sowie die Abgabe von Giftstoffe in Nahrungsmittel ist auch die Landwirtschaft Zerstörer der Umwelt. In Europa ist etwa die Gegend um Moguer in Südspanien zu nennen: Durch die Erdbeermonokultur wird Natur verschlissen. Auch die Produktionsbedingungen und die Arbeitsbedingungen werden immer wieder kritisiert. 2011 wird in Deutschland ein Dioxinskandal aufgedeckt. 150.000t Tierfutter wurden mit großen Mengen des Giftes Dioxin kontaminiert.
Soziale Kosten: Die Summe aller gegenwärtigen und zukünftigen Kosten, die durch eine Transaktion ausgelöst werden, unabhängig davon, wer die Kosten trägt. Konkret wird vor allem bei der Planung öffentlicher Projekte die Kosten-Nutzen-Analyse (KNA) angewandt. Die Bewertung der Umweltqualität steht dabei im Vordergrund, aber auch die Kosten des Umweltschutzes sind schwierig zu ermitteln. Vgl. E. Fees: Umweltökonomie und Umweltpolitik, München 2007, 291ff. .
Nettowohlfahrtsverlust: Nettoverlust der gesamten Rente (Konsumenten- und Produzentenrente, Deadweight - Verlust). Wohlfahrtsökonomische Modelle der Umweltökonomik unterliegen einem Wandel. So hat sich der Zielkonflikt zwischen Wirtschafts-Wachstum und Umweltqualität in hoch entwickelten Ländern durch Nachhaltigkeit aufgelöst. Trotzdem wird der Zwang immer größer werden, rein quantitatives Wachstum zugunsten von Ressourceneffizienz zurückzudrängen. "Markt und Wirtschaft haben eine dienende Funktion für den Menschen. Wachstum und Energieverbrauch muss entkoppelt werden. Dies wird eine grundlegende Änderung der Lebens- und Wirtschaftsweise nach sich ziehen", Norbert Röttgen, Bundesumweltminister.
Allmendeproblematik (Aristoteles, 384-322 v. Chr., englisch: tragedy of the Commons): Was vielen gehört, wird mit geringerer Sorgfalt behandelt, da jeder vorzugsweise eher auf sein privates Eigentum achtet als auf das Gemeinschaftseigentum. Bekannt ist das Beispiel von Kleinbauern in England und Schottland im späten Mittelalter oder die globale Fischereiwirtschaft heute. Das Problem lässt sich entweder durch Privatisierung (im ersten Fall) oder durch staatliche Verfügungsgewalt in Kooperation (im zweiten Fall) lösen. Vgl. J Stiglitz: Die Chancen der Globalisierung, München 2006, S. 208ff. .
Schwache Eigentumsrechte (Property Rights): sie verursachen auch Umweltprobleme (vgl. Artikel vorher). Genauso wie der Schutz des Rechts am geistigen Eigentum Innovationen fördert, was in der Regel auch der Umwelt zugute kommt.
Free-Rider-Haltung (Schwarzfahrer-Haltung): Das Versagen des Ausschlussprinzips führt zu einem Verhalten, den individuellen Nutzen zu maximieren und die Präferenzen für ein öffentliches Gut zu verbergen. Das Gewissen wird mit der Geringfügigkeit des eigenen Beitrages beruhigt. Das Ausschlussprinzip ermöglicht erst private Güter, für die ein Preis zu zahlen ist. Die Schwarzfahrerhaltung überdeckt oft Bequemlichkeit und Ignoranz gegenüber der Umwelt.
Natürliches Monopol: wenn ein Gut dem Ausschlussprinzip unterliegt, aber kein Konkurrenzverhältnis der Güternutzung besteht (vgl. Mankiw, VWL, Kap. 11, S. 247).
Moral Hazard (Moralische Wagnisse): Möglichkeit unehrlichen Verhaltens in Situationen, in denen das Verhalten nur unvollkommen kontrolliert wird. Die am Markt orientierte Umweltpolitik setzt bei ökonomischen Anreizen an, um sie gezielt zu instrumentalisieren: Umweltschutz durch Eigennutz. "Der Großteil der Ökonomie kann in vier Worten zusammengefasst werden: Menschen reagieren auf Anreize. Der Rest ist Kommentar", Steven Landsberg, US-Ökonom. Moral Hazard gibt es auch in anderen Bereichen, z. B. auf den Finanzmärkten: die Notenbanken können nicht suggerieren, dass sie nicht eingreifen. Also planen die Akteure dies ein, vgl. F. S. Mishkin: Housing and the Monetary Transmission Mechanism, Fed, Series, 40/ August 2007. Entscheidend für Moral Hazard ist nach jüngsten Forschungsergebnissen (Torgler, Levitt) das soziale Umfeld. auch die Angst vor Überführung (Kontrolle) hat einen Einfluss.
Asymmetrische Information: Situation, in der einer der Akteure systematisch besser informiert ist als der andere. Sie kann sowohl als versteckte Information, versteckte Absichten und versteckte Handlungsmöglichkeiten (hidden characteristics, hidden intentions, hidden actions) als auch als negative Auslese (adverse selection) auftreten. Informationsmängel und Unsicherheit sind auch Ursachen der Umweltverschmutzung. Als Marktlösungen bieten sich nach der Prinzipal-Agent-Theorie hier Screening, Signaling und Interessenharmonisierung an. Vgl. Neubäumer/ Hewel (Hrsg.), Volkswirtschaftslehre, Wiesbaden 2001, S. 636ff. . Das Gegenteil ist ein informationseffizienter Markt, auf dem das Grossman-Stiglitz-Paradoxon gelten kann: wenn alle relevanten Informationen eingespeist sind, hat ein Einzelner keinen Anreiz mehr, Informationen zu erwerben (Wertpapiermarkt). Vgl. Grossman, S./ Stiglitz, J.: On the Impossibility of Informationally Efficient Markets, in: AER, 1980. Die Informationsasymmetrie gilt auch auf anderen Märkten, wie z. B. auf dem Kreditmarkt. Akerlof hat das Grundprinzip auf dem Gebrauchtwagenmarkt dargestellt: George Akerlof: The Market for Lemon`s: Quality, Uncertainty and the Market Mechanism, in: Quaterly Journal of Economics, Vol. 84, 1970, S. 488-500.
Signaling und Screening von Informationen: Eine Aktion, von unterrichteter Seite unternommen, um private Informationen gegenüber einer unwissenden Partei aufzudecken. Beim Screening geht es um das Vorgehen einer uninformierten Partei, die informierte Seite zur Preisgabe der Informationen zu veranlassen. Bei einer Preissignalisierung besteht eine stillschweigende Übereinkunft, so dass ein Unternehmen eine Preiserhöhung verkündet und dabei hofft, dass der Konkurrent das gleiche tut.
Haftungsrisiken: Diese sind global völlig ungeregelt. Ein Grund ist mangelndes Eigenkapital von Unternehmen. Ein weiterer Grund liegt in der ökonomischen Bewertung. Fehlende Haftungsrisiken haben schon die Finanzkrise 2008 mit verursacht. Mit entscheidend waren sie auch beim Atomunglück in Japan 2011. Die Reaktorenbetreiber werden sich kaum verantworten müssen.
Ökosystemtheorie: Immer mehr Ökonomen wollen von Biologen lernen, wie komplexe Netzwerke in der Natur funktionieren. Beispiele sind Bienenstöcke und Ameisenhaufen. Die bestehenden Theorien der Ökonomie sind zu sehr auf Optimierung ausgerichtet.
Politik (Umweltpolitik)
Instrumente der Umweltpolitik: Es gibt verschiedene Systematiken. Eine der bekanntesten ist die Einteilung in nichtfiskalische, fiskalische und marktorientierte Instrumente. Zu den den nichtfiskalischen werden Auflagen, Kooperationslösungen und Benutzervorteile gerechnet. Fiskalische Instrumente sind Abgaben und Gebühren sowie Steuern. Zu den marktwirtschaftlichen rechnen die Zertifikate.
Auswahl umweltpolitischer Instrumente (Beurteilungsraster für die Umweltpolitik): Effektivität, Effizienz, wirtschaftspolitische Verträglichkeit, administrativ-rechtliche Praktikabilität, politische Durchsetzbarkeit, Förderung des Umweltbewusstseins, Beachtung der Prinzipien, Evaluation.
Komplementarität wirtschaftspolitischer Ziele: Klimaschutz und Konjunkturpolitik kann man verbinden. Dies zeigen z. B. grüne Elemente in den Konjunkturprogrammen in der Weltwirtschaftskrise. Auch Umweltschutz und Vollbeschäftigung können sich ergänzen. Hier wird häufig auch ein Zielkonflikt konstatiert. Dies gilt auch für die Ziele Umweltschutz und Preisniveaustabilität. Für klare und differenzierte Aussagen fehlen allerdings die Forschungen.
"Green economy": Steht für ein umweltpolitisches Konzept, dass über Innovationsdruck und Markteinführungshilfen die "grünen" Produktionsbereiche ausbauen will. Die kapitalistische Wirtschaft soll zu einer nachhaltigen Wirtschaft transformiert werden. Die wirtschaftliche Dynamik soll soziale und ökologische Gerechtigkeit zusammenführen.
Nirwana-Approach: von Harold Demsetz. Real existierende, unvollkommene Zustände werden mit theoretischen Idealen verglichen. Besser ist es, real existierende Situationen zu vergleichen. Der Nirvana-Approach hat meist drei logische Fehlschlüsse: "the grass is always greener fallacy, the fallacy of free lunch, people could be different fallacy".
Verhaltensökonomie/ Paternalismus 2.0: Zunehmend setzt die Mikroökonomie auf das Verhalten. Diese Richtung findet auch immer mehr Einzug in die Politikberatung und Umweltökonomie. Richard Thaler aus Chicago beschäftigt sich mit "Nudge" (Anstupsen), das psychologisch der Staat das Verhalten von Menschen beeinflussen kann. Gruppendruck lässt sich ausnutzen, um die Menschen zum Beispiel zum Energiesparen zu bewegen.
Coase-Theorem in der Umweltökonomik: Das Coase-Theorem spielt auch eine Rolle in der Umweltökonomik bei der Internalisierung externer Effekte. Vorschlag von R. Coase: freiwillige Einigung von Schädiger und Geschädigtem bei Ausschaltung des Verursacherprinzips, weil negative externe Effekte reziprok sind, da beide das knappe Gut Umwelt beanspruchen . Für globale Fragen ist die Verhandlungslösung wohl ungeeignet, weil zu viele Akteure da sind.
Umweltethik: Ethische Prinzipien sind ein wichtiger Bestandteil des Umweltbewusstseins. In allen Religionen wird der Mensch als Hüter der Natur gesehen. Häufig wird auf die Ethik zurückgegriffen, wenn alle anderen Methoden nicht funktionieren (Lückenbüßer). Ökonomische Signale sollten immer damit verbunden sein, wenn die Handlungsfolgen abzusehen sind (auch Transaktionskosten werden gespart). Der Umweltethik können vor allem Religionen (Hinduismus, Buddhismus) förderlich sein. "Störe nicht den Himmel und verschmutze nicht den Luftraum", Hinduismus, Yajurveda, 5,43). "Natur und Umwelt zu schützen, um eine Welt des Friedens aufzubauen, ist die Pflicht eines jeden Menschen", Papst Benedikt XVI.
Anthroposophie: Rudolf Steiner (1862-1925), der 2011 150 Jahre alt geworden wäre, ist der Begründer der Waldorfpädagogik. Er hat aber auch ganz wesentlich den ökologischen Landbau beeinflusst. Heute gelten als anthroposophische Unternehmen DM, Weleda und Demeter. Steiner übernahm Meditationstechniken aus Fernost und den Glaube an die Reinkarnation. Seine politischen Ideen waren nationalistisch und antidemokratisch.
Prinzipien der Umweltpolitik: Vorsorge, Verursacher, Kooperation, Gemeinlast. Diese Prinzipien stehen auch in der Rangfolge ihrer Aufzählung. "Der Umweltpolitik fehlt bisher noch der makroökonomische Ansatz", Achim Steiner, Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms.
Äquivalenzprinzip: Gleichheit von Leistung und Gegenleistung (Gegensatz: Leistungsfähigkeitsprinzip, Rechtfertigungsgrundsatz der Besteuerung und der Gebühren bzw. Abgaben in der Umweltpolitik). Beispiel: Abwasserabgabe, die an den Wasserverbrauch gekoppelt ist.
Nachhaltigkeit (Sustainability): im Kern die schonende Nutzung der Produkte eines regenerierbaren natürlichen Systems in einer Weise, dass dieses im Wesentlichen erhalten bleibt und sein Bestand nachwachsen kann. Die Idee ist ca. 300 Jahre alt und wurde erstmals von Carl von Carlowitz (1645-1714) in seinem Werk "Sylvicultura oeconomica" (1713) formuliert. Er ist der Vater der Forstwirtschaftslehre und lebte in Freiberg, Sachsen. Danach wird ein Wald nachhaltig genutzt, wenn nur so viel Holz eingeschlagen wird, wie nachwächst. Bereits im 15. Jahrhundert findet sich der Begriff in Forstordnungen (Speyer 1442). Heute ist der Begriff ein Modewort, der auf viele Bereiche angewandt wird. Z.B. wird häufig die gleichberechtigte Berücksichtigung ökonomischer, ökologischer und sozialer Belange als "nachhaltig" bezeichnet. Mittlerweile kommt der Druck auch von den Kapitalgebern auf die Unternehmen, Nachhaltigkeit als Maßstab zu setzen. So wird es als Wert und als Maßstab für Erfolg etabliert. "Wer nachhaltig handelt, denkt an die Stabilität wirtschaftlicher, sozialer oder ökologischer Systeme übers Jahr hinaus. Er wird keine Strohfeuer entfachen", Franz Fehrenbach, Vorstandsvorsitzender Bosch, in: Handelsblatt, Nr. 253, 2010, S. 20.
Intra- und intergenerationelle Gerechtigkeit: Spielt zunehmend als Prinzip eine Rolle. Es wird international an Konzepten gearbeitet: Planetary Trust, Helmholtz-Gesellschaft, Weltbank. "Ich bin davon überzeugt, dass die Wirtschaft auf konventionelle Art nicht zu retten ist. Das Nachkriegszeitalter endete politisch mit dem Fall der Mauer, soziökonomisch endet es mit dem gegenwärtigen Crash", Hans Joachim Schellnhuber, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, am 26.03.09 in DIE ZEIT, S.18.
Ordnungsrecht bzw. Verordnungen (Auflagen): Gesetzliche Vorgaben von Grenzwerten. Diese Maßnahmen sind in der Regel genauso effektiv, aber weniger effizient als marktwirtschaftliche Instrumente. Seit Ende 2009 darf die US-Umweltbehörde EPA Grenzwerte für Treibhausgase verhängen.
Emissionsgebühr: Eine Gebühr, die auf jede Emissionseinheit eines Unternehmens erhoben wird. In der Regel gibt es dann einen Emissionsgrenzwert, der gesetzlich die Höchstmenge eines Schadstoffes festlegt. Bei einer zweistufigen Gebühr muss sowohl für den Markteintritt als auch für die Nutzung gezahlt werden. "Pecunia non olet, Geld stinkt nicht", berühmter Ausspruch vom römischen Kaiser Vespasian, als er zur Finanzierung des Baus vom Kolosseum eine Latrinenabgabe einführte.
Zertifikate: Zertifikate sind handelbare Rechte zur Inanspruchnahme von Umweltgütern. Sie zeichnen sich durch eine größere Effizienz aus (bei gleicher Effektivität kostengünstiger). Die Umweltbehörde legt im Zuge der Ausgabe die Menge der Umweltgüter fest. Probleme bereiten die Kalkulation der Menge pro Region und der Wettbewerb beim Handel. London ist Zentrum des weltweiten Handels, dessen Chancen immer mehr Unternehmen erkennen. Ein erhebliches Problem liegt darin, ob man sie zuteilt oder versteigert. In Deutschland werden die Zertifikate an der Energiebörse in Leipzig gehandelt. Sinnvoll wäre es sicher auch, den Straßenverkehr einzubeziehen. Die Firmen bekommen dabei weniger Zertifikate zugeteilt als benötigt. So sollen sie zu Einsparungen gezwungen werden. Unternehmen, die Emissionen verringern, können Rechte gewinnbringend verkaufen. Es gibt auch Handel zwischen Staaten (in der EU) sowie Zusammenarbeit zwischen EU und US-Staaten. Das Endziel ist ein globaler Markt. 2010 werden CO2-Rechte geklaut über gefälschte Zugangsdaten und Emails. Im Oktober 2003 ist die EU-Emissionshandelsrichtlinie in Kraft getreten. Einem "Grandfathering" - Ansatz folgend wurden den Betreibern von Großanlagen kostenlos Zertifikate zugeteilt. 2008 kommen neue Zertifikate bis 2012. Anfangs war der Preis mit 60 Cent pro t zu niedrig, in der nächsten Handelsperiode soll er über 20€ liegen. Die Industrie- und Stromfabriken erhalten ein festgelegtes Budget für den CO2-Ausstoß. Wer mehr benötigt, muss Rechte dazukaufen. Mittlerweile wurde eine Kooperation im Emissionshandel mit US-Bundesstaten, kanadischen Provinzen und Neuseeland vereinbart. Obama wird voraussichtlich bemüht sein, die Kooperation auszudehnen. Im Gegensatz zur ersten Handelsrunde dürfen die Teilnehmer jetzt auch Emissionsberechtigungen außerhalb der EU erwerben (Joint Implementation). Die Industrie der EU kann die Hälfte der CO2-Reduktionen im Ausland leisten. Ab 2012 werden auch die Fluggesellschaften, die die EU anfliegen, in den Emissionshandel einbezogen. Sie müssen Zertifikate für den Ausstoß von Kohlendioxid kaufen, den sie bei Starts und Landungen in Europa verursachen. Dies führt zu Streit mit den USA und China (Androhung von Handelskrieg). Strittig ist auch, wie der Handel ab 2013 funktionieren soll. Auch die Kraftwerksbetreiber und Osteuropa sind schwierig einzubeziehen. Die Produktionsunternehmen sollen zunächst ein Fünftel der Zertifikate ersteigern, 2020 100%. Im Januar 2011 muss der Handel für eine Woche ausgesetzt werden, wegen umfangreicher Betrügereien mit Verschmutzungsrechten und Sicherheitslücken im elektronischen Dateisystem.
Zertifikate gehören zusammen mit Abgaben zu den Markt orientierten Instrumenten. Andere Instrumente der Umweltpolitik sind ordnungsrechtliche Auflagen, finanzielle Anreize (insb. Steuern) und Kooperationslösungen (freiwillige Selbstverpflichtungen). Wer keine Zertifikate kaufen will, muss zur Modernisierungsstrategie greifen. Mit den steigenden Preisen für CO2-Zertifikate werden Anreize gesetzt, ineffiziente Anlagen zu ersetzen. Mit dem Personal Carbon Trading liegt auch ein Konzept zur Errichtung eines Emissionshandels für private Haushalte vor. Im Januar 2010 hielt ich einen Vortrag über die Funktionsweise von Zertifikaten im Rahmen der Kinder-Uni. "Wenn du schnell gehen willst, geh alleine, wenn du weit gehen willst, geh zusammen", afrikanisches Sprichwort.
Emissionshandel in der EU ab 2013: Die EU setzt eine Obergrenze fest, die jährlich um 1,74% reduziert wird. Große Emittenten (Zement-, Stahl-, oder Glashersteller) von CO2 erhalten einige kostenlose Emissionszertifikate (Erlaubnisscheine). Zugrunde gelegt werden frühere Produktionszahlen und ein Effizienz - Faktor. Die kostenlosen Zertifikate werden bis 2020 schrittweise reduziert. Alternativ kann in umweltfreundliche Technik investiert werden. Die Emissionszertifikate werden von der Deutschen Emissionshandelsstelle (Unterabteilung des Umweltbundesamtes) ausgegeben. Für Anlagen, deren Ausstoß über dem Effizienzfaktor liegt, müssen zusätzliche Zertifikate an einer speziellen Börse ersteigert werden. An der Börse (z. B. Leipziger EEX) bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis für die Zertifikate. 2011 muss der so genannte Spotmarkt ausgesetzt werden, weil Emissionszertifikate im Wert von 28 Mio. € im Computer gestohlen wurden. Auf andere CO2-Emissionswerte käme man, wenn man den Handel mit einrechnet. So würden sich die CO2-Emissionen Deutschlands um 222 Mio. t erhöhen, wenn die umweltschädlich produzierten Importe dazugezählt würden (z. B. aus China). Mittlerweile stellt der Emissionshandel für einige Firmen weniger ein Kostenfaktor dar, sondern eine Einnahmequelle. Dies betrifft vor allem die Unternehmen, die eine bestimmte Anzahl von Zertifikaten kostenfrei erhalten haben (Schutz bestimmter Branchen). Der Emissionshandel funktioniert wie folgt: Der Staat verteilt Emissionsrechte an die Unternehmen. Ein unternehmen mit modernen Anlagen benötigt diese Rechte nicht und verkauft sie direkt oder über den Handel an der Energiebörse. Auch die Banken handeln mit CO2-Zertifikaten, die die Preisentwicklung abbilden oder Handel im Auftrag eines Kunden.
Bei einer Umweltsteuer (Pigou - Steuer, Preislösung) ist der Steuersatz so zu gestalten, dass er dem Abstand zwischen sozialen Grenzkosten und privaten Grenzkosten der Produktion eines umweltschädigenden Gutes entspricht (externe Kosten). Wegen der extrem schwierigen Kostenmessungen ist dies in der Praxis schwierig umzusetzen. Einfacher ist die Besteuerung bei den anderen Produktionsfaktoren zu planen: immer sind die negativen Verzerrungen zu kalkulieren. Einkommensteuern machen Arbeit unattraktiver und senken die Beschäftigung. Trotzdem wählt man diesen Weg, je starrer das Arbeitsangebot ist. Die Kapitalertragsteuer ist insbesondere wegen ihrer Verteilungswirkung der Konsummöglichkeiten von Reich zu Arm zu wählen (optimal seien 36%). Pigou legte mit seinen Beiträgen zur Theorie externer Effekte den Grundstein für die Analyse von Umweltbelastungen. Sein zentrales Werk "Wealth and Welfare erschien 1912 (1920 Neuauflage als "The Economics of Welfare"). Seine Lehrer waren A. Marshall und H. Sidgwick.
In Deutschland war die erste Pigou - Steuer die Ökosteuer von 1999 (2006 ins Energiesteuergesetz überführt und EU-kompatibel). Insbesondere sollten die Beiträge der Sozialversicherung gesenkt werden. Erwägenswert wäre eine Öko-Steuer, die den Benzinpreis stetig steigen lässt. Die Ökosteuer sieht Ausnahmen für energieintensive Industriebranchen vor. Dieser Kreis soll 2011 eingeschränkt werden, wobei KMU und besonders energieintensive Unternehmen auch entlastet werden. In den Niederlanden wird ab 2012 Kfz-Steuer für jeden gefahrenen Kilometer gezahlt. Erfasst werden sollen die Fahrdaten durch GPS. Die EU schlägt eine weltweite Finanzmarkttransaktionsteuer vor, dessen Aufkommen für den Klimaschutz zur Verfügung gestellt werden soll. Die Bundesregierung plant eine Brennelemente - Steuer, die für Atomkraftwerke erhoben wird, die länger als geplant am Netz bleiben wollen (Gewinnanschöpfung). Vgl. Conesa J. C./ Kitao, S./ Krüger, D.: Taxing Capital? Not a Bad Idea after All! NBER Working Paper Nr. 12880, Dez. 2007.
KfZ-Steuer-Reform: 2009 wurde teilweise der CO2-Ausstoß einbezogen (in Deutschland und anderen europäischen Ländern). Der Bund erhielt die Ertragskompetenz. Damit rückt sie näher an die Energiebesteuerung. eine Klimasteuer ist noch nicht entstanden. Vgl. Gawel, E.: KfZ-Steuer-Reform und Klimaschutz, in: Wirtschaftsdienst 2011/2, S. 137ff.
Umwelthaftung: Seit Ende 1990 gibt es in Deutschland ein Umwelthaftungsgesetz (UHG). Es bestehen zwei Arten von Haftungsregeln: Verschuldungshaftung und Gefährdungshaftung. Die Regeln können bei Monokausalität, alternativer Kausalität und Multikausalität Anwendung finden, allerdings mit unterschiedlicher Effektivität (Wahrscheinlichkeit, Dezentralisierung).
Verhandlungslösungen: Zur Einschätzung effizienter Verhandlungslösungen wird in der Regel auf das Coase-Theorem zurückgegriffen. Hierbei werden Transaktionskosten einbezogen.
Umweltsubventionen: Mit diesen werden in der Regel alternative Energieformen gefördert. Am bekanntesten ist die Förderung für Solaranlagen auf Dächern. Ab 1. Juni 2010 soll diese um 16% gekürzt werden. Es soll eine "Überförderung" vermieden werden, die Solarindustrie fürchtet ihre internationale Spitzenstellung zu verlieren. Inzwischen wird erwogen, auch Zölle auf CO2-intensive Produkte als umweltpolitisches Instrument einzuführen. Die höchsten Subventionen für Ökostromerzeuger fließen nach Bayern (1101 Mio. € 2011). Dann folgen Schleswig-Holstein und Brandenburg.
Umweltgesetzbuch: Seit 1998 (A. Merkel Umweltminister) gibt es in Deutschland den Entwurf für ein Umweltgesetzbuch (UGB), dass alle umweltrelevante Regeln zusammenfassen soll. Auch im Koalitionsvertrag von 2005 wird ein Umweltgesetzbuch vereinbart. Im Januar 2009 scheitert das einheitliche Umweltrecht im Koalitionsstreit vorläufig. Auch die Aufnahme des Umweltziels ins Grundgesetz scheiterte immer wieder. Mitte 2009 gibt es stark abgespeckte Neuregelungen beim Naturschutz und beim Wasserrecht, um ein Mindestmaß an bundeseinheitlichen Umweltstandards sicherzustellen.
Umstrittene Umweltschutzmaßnahmen: Dosenpfand, Wärmedämmung, gelber Sack, Energiesparlampen, E10-Benzin widersprechen vielen Kriterien des Umweltschutzes und bringen ihn in Misskredit. Aufwand und Ertrag stehen oft in keinem Verhältnis zueinander. Biosprit führt z. B. zu zusätzlichen Treibhausgasen. Energiesparlampen werden unter fragwürdigen Bedingungen in China produziert und sind giftiger.
Grundsteuer - Differenzierung gegen Zersiedelung der Landschaft: Der Nabu hat diese Konzeption entwickelt. In intensiv genutzten Flächen innerorts sollte die Grundsteuer gesenkt werden. Auf unbebauten Flächen sollte sie dagegen erhöht werden.
Kommunaler Klimaschutz: Nationale Klimaschutzziele können nur zusammen mit den Kommunen erreicht werden. Deshalb gibt es eine Reihe von kommunalen Förderprogrammen (über das Umweltministerium). Diese sind z. B. für die Installierung von Klimaschutzmanagern, Energiesparmodellen an Schulen oder Kindergärten, sowie die Umstellung der Straßenbeleuchtung auf Leuchtdioden. Kommunen können sich auch dem "Masterplan 100 Prozent Umweltschutz" verschreiben und sich verpflichten, bis 2050 ihre Treibhausgasemissionen um 95 Prozent zu senken. Dann bekommen sie achtzig Prozent der Kosten ersetzt. Die Mittel stammen aus dem Handel mit Emissionszertifikaten.
Zahlungsbereitschaft für Klimaschutz: Der Klimawandel und das (globale) öffentliche Gut "Klimaschutz" genießen große Aufmerksamkeit und Unterstützung in der deutschen Öffentlichkeit. Wie sieht es aber mit der realen Zahlungsbereitschaft aus in Anbetracht dessen, dass Klimaschutz hohe Kosten verursacht? Ergebnisse zeigen, dass die Bereitschaft der Menschen sehr begrenzt ist. Deshalb sind Anpassungsmaßnahmen von größerer Bedeutung, die als privates Gut organisierbar sind. Vgl. Löschel/ Sturm/ Vogt: Die reale Zahlungsbereitschaft für Klimaschutz, in: Wirtschaftsdienst, 2010/11, S. 749-753.
Praxis (vor allem betriebliche Umweltwirtschaft, Umweltmanagement)
Porter - Hypothese (Michael Porter): durch eine strikte Umweltpolitik können Unternehmen strategisch zu Innovationen "gezwungen" werden, die ihre Gewinne verbessern. Dabei helfen zwei Mechanismen: die Vorreiterrolle bzw. first-mover advantage und der Innovationsausgleich durch Kosteneinsparungen an anderer Stelle. Die Strategie des Ökodumping ist kein Ausweg mehr, da der Verzicht auf vollständige Internalisierung inländischer Umweltschadenskosten zu riskant ist.
Technischer Fortschritt (technological change): Verbesserungen in den Produktionsprozessen von Gütern und Dienstleistungen (Prozessinnovationen), Veränderungen bestehender Produkte und die Einführung neuer Produkte (Produktinnovationen). Beide machen die Nachhaltigkeit (Sustainability, mehr Output bei gleichem Input und gleicher Umweltverschmutzung) in der Umweltökonomik erst möglich. Auf einen Zeitraum von 50 Jahren ist es schwierig, die technologische Entwicklung vorherzusagen. Es sollten aber dynamische Anreizwirkungen gesetzt werden. Der umwelttechnische Fortschritt kann auch als spezielle Form des technischen Fortschritts gesehen werden. Die Bundesregierung plant ein Aktionsprogramm zum Technologiewandel nach dem Welt-Klimabericht 2007. Technischer Fortschritt garantiert allerdings noch keine geopolitische Macht. Seit dem 15. Jahrhundert erst ist der technologische Vorteil des Westens über andere Kulturen wie China oder Arabien aufgebaut worden. Dies muss nicht so bleiben. Vgl. Headrick, Daniel: Power Over Peoples, Princeton 2010.
Neue Technologien: Sie sind auch notwendig, um den Produktionsstandort Deutschland zu sichern. Dafür erforderlich sind Innovationen und eine Akzeptanz. Diese kann nur durch technische Bildung erreicht werden. Umweltschutz setzt einen gewissen Reichtum voraus. Wir müssen mit besserer Technik die weniger und teurer werdenden Ressourcen ausgleichen. Vgl. Fuchs, Willi: Wachsen ohne Wachstum, München 2011.
Umwelttechnik (auch "Green Business"): Schon 2008 sind in dieser Branche die meisten industriellen Arbeitsplätze in Deutschland (1,1 Mio., 2020 sollen es 2,2 Mio. sein). Zu der Branche gehören die Bereiche Energieeffizienz, nachhaltige Wasserwirtschaft, nachhaltige Mobilität, Energieerzeugung, Rohstoff- und Materialeffizienz, Kreislaufwirtschaft. Die Konjunkturprogramme in der Weltwirtschaftskrise 2009 bringen viele Milliarden in die grünen Technologien. 30% beträgt der Weltmarktanteil deutscher Unternehmen bei den umweltfreundlichen Energien. Deutschland profitiert erheblich von der Öko-Wende. Man unterscheidet additive und integrierte Umwelttechnik. Die integrative Technik beinhaltet den Input, den Produktionsprozess und den Output. Additiv sind Rückstände, Emissionen aus Produktion bzw. Konsum. "Umwelt- und Klimatechniken haben das Potential, die Wachstumstreiber des 21. Jahrhunderts zu werden", Siemens-Chef Peter Löscher.
Umweltschutzinvestitionen: Sowohl die öffentlichen als auch die privaten Umweltschutzinvestitionen werden statistisch erfasst. Viele Studien belegen, dass Investitionen in Umwelt Wachstum sichern und Arbeitsplätze schaffen. Deshalb sollten die Produktionsstrukturen an Energieeffizienz, Umwelttechnologien und Klimaschutz ausgerichtet werden. Dies würde auch die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft vom Export reduzieren. Es gibt spezielle Rating - Agenturen für nachhaltige Investments, z. B. Oekom Research. Bei Einsatz ökologischer Investitionen in Unternehmen könnten 25% der Energie eingespart werden. Natürliche Ressourcen werden weltweit immer teurer. Erfolg wird nur noch derjenige haben, der ökologisch wirtschaftet. Nur so kann man noch wirtschaftlich effizient arbeiten.
Öko-Bilanzen: systematische Darstellung der Umweltbelastungen, die mit Produktionsprozessen, Produkten oder der ganzen Unternehmung verbunden sind. Folglich gibt Prozessbilanzen, Unternehmensbilanzen und Produktbilanzen. Von den 30 deutschen Dax - Konzernen haben Henkel, Deutsche Telekom und Allianz die besten Umweltstandards 2009. Das nachhaltige Lieferkettenmanagement steht erst am Anfang (noch bei 60% aller deutschen Großunternehmen unbekannt). In den USA bildete sich anlässlich des Weltklimagipfels 2009 die Partnerschaft für Klimaaktion (USCAP). Vier Großunternehmen (ConcoPhilips, BPAmerica, Caterpillar) steigen 2010 wieder aus. "Noch unsere kleinste Handlung beeinflusst das gesamte Universum", Dalai Lama.
Öko-Systeme: Sie haben einen ökonomischen Wert (Nutzen) für die Menschen. Dieser ist sehr schwierig zu berechnen (hier stößt die Ökonomie an die Grenzen), aber notwendig, weil sonst nur die Kosten betrachtet werden. Vor allem arme Menschen sind von einer gesunden Natur abhängig. Als Negativbeispiel gilt besonders die Umwandlung von Mangrovenwäldern zu Shrimpsfarmen in Thailand mit hohen Subventionen. Vor allem Frankreich will zukünftig die Unberührtheit der Natur und kulturelle Werte in die Wohlstandsmessung aufnehmen. Der Wert der jährlichen Nutzeffekte (z. B. Nährstoffkreislauf, Erosionshemmung, Regulierung der Atmosphäre, genetische Ressourcen, Erholung, Wasserversorgung) in der Welt wird auf 30 Billionen Euro geschätzt (Kurswert 2008).
Reach: Chemikalien - Tüv der EU. Schutz des Verbrauchers vor giftigen Substanzen. Wer jährlich eine Tonne einer Chemikalie herstellt, muss nachweisen, dass sie harmlos ist. Es wird geschätzt dies 9,5 Mrd. € und 54 Mio. Versuchstiere kosten wird. Mehr als 140.000 Chemikalien wurden registriert.
Technologien zur Abtrennung und Speicherung von Kohlendioxid: Erprobt werden sollen spezielle Speicher für CO2. Regionen mit Speichermöglichkeiten in Deutschland liegen im Norddeutschen Becken, im Alpenvorland-Becken u. a. Diese Möglichkeiten sind hoch umstritten. 2011 bringt die Regierung ein Gesetz auf den Weg. Enthalten ist die CCS-Technologie. Klimaschädliches CO2 wird abgetrennt und in Gasspeichern gelagert.
Spitzenlast-Preisbildung (Peak Load): Berechnung höherer Preise in Spitzenzeiten, wenn Kapazitätsengpässe die Grenzkosten ansteigen lassen.
Ecological Foot Print: Auf Produkte oder Unternehmen umgerechnete gesamte Umweltbilanz. In der globalen Wertschöpfung wird auch die Logistik dazugerechnet. Daneben gibt es den "carbon footprint", der die CO2-Bilanz misst. Seit 2008 müssen in Japan Lebensmittelverpackungen beschriftet werden, so dass Verbraucher erkennen können, wie viel CO2 bei der Herstellung, Lieferung und Beseitigung eines jeden Produkts ausgestoßen wird. Die Verantwortung liegt beim Handelsministerium, so dass Firmen Zahlen nicht manipulieren können. Der "water footprint" gibt den durchschnittlichen Wasserverbrauch eines Haushalts an.
Klimawandel und Unternehmen: Klimaveränderungen haben gezielte Auswirkungen auf die einzelnen Branchen. Die ökonomischen Systeme müssen sich anpassen. Dabei hilft die Bildung regionaler Netzwerke von Wissenschaft, Unternehmen, Verwaltung und gesellschaftlichen Bedarfsträgern. Besonderes Augenmerk muss auf Extrem(wetter)ereignisse gelegt werden.
Gentechnik: Methode, Ernteerträge zu erhöhen und Ausfälle zu vermeiden. Der Einsatz der Gentechnik ist sehr umstritten. China war das erste Land weltweit, in dem eine gentechnisch veränderte Pflanze kommerziell angebaut wurde: Tabak. Inzwischen ist eine Ausdehnung auf Hybrid-Reis erfolgt (Produktionssteigerung um 10%). Eine wachsende Bevölkerung soll mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Relativ stark auf Gentechnik setzen auch die USA, vorangetrieben durch die großen Saatgutkonzerne (z. B. der Agrochemiekonzern Monsanto). Gefordert wird international eine Kennzeichnung. Bisher gelangt Gentechnik in Europa vor allem über verändertes Pflanzenmaterial direkt oder indirekt über das Fleisch von Tieren zum Menschen.
Siegel für Öko-Standard: Am bekanntesten ist das staatliche Bio-Siegel in Deutschland (2001). Seit 2010 gibt es das EU-Gemeinschaftslogo. Daneben gibt es Bio-Siegel deutscher Anbauverbände: Bioland, Naturland, Demeter, Biopark, Ecovin.
Endlager: Es gibt nicht nur Endlager für Atommüll (z. B. Gorleben). Auch Chemieabfall wird endgelagert (z. B. in Herfa-Neurode an der Grenze Thüringens). Daneben gibt es noch andere Problemabfälle. Die Bundesregierung hat sich für Untertage-Deponien entschlossen (in der Regel alte Salzbergwerke). Andere Länder lagern in oberirdischen Deponien (z.B. Italien). Eventuell besteht ja irgendwann mal die Möglichkeit zum Recyclen. Das Kippen der Gifte in Ozeane ist in Deutschland verboten.
Global Government (internationale Aspekte der Umwelt)
Umweltaspekte des Welthandels: Es geht um den Einfluss von Umweltregulierungen auf die Wettbewerbsfähigkeit, um die Wirkung von Handelsliberalisierung auf die Umwelt, um die Legitimität handelspolitischer Maßnahmen für die Umwelt, um den Handel von Klimaschutztechnologien und um Ressourcenhandel und -konflikte. Die Klimadebatte wird auch zu Marktverschiebungen führen und industrielle Prozesse verändern: die Zement- und Grundstoffindustrie wird in Deutschland Probleme bekommen, es profitiert der Maschinenbau in Bezug auf Umwelttechnologie. Nur ein globaler Emissionshandel (bisher nur hauptsächlich Europa) könnte wohl die Klima - Veränderungen bremsen. Mittlerweile investieren die großen deutschen Energieversorger (RWE, Osram) in Projekte in Indien und China, um ihre Kosten für CO2-Emissionsrechte zu verbessern. Insgesamt führt auch die starke Produktionsverlagerung in Entwicklungs- und Schwellenländer gleichzeitig zu einer Verlagerung der CO2-Problematik in diese Länder. Vgl. auch: Mayer, H.: Umweltökonomische Aspekte der Globalisierung, in: Wirtschaft und Statistik, 12/2007, S. 1261-1269. "Was wir brauchen, sind innovative Klimaschutztechnologien, die wir ins Ausland verkaufen können. Nur das rettet das Klima", Sigmar Gabriel, ehemaliger Bundesumweltminister, jetzt SPD-Vorsitzender.
Öko-Dumping: Oligopolistische Weltmärkte können dazu führen, dass Multis ihre externen Effekte in Entwicklungs- und Schwellenländern produzieren oder Export in unbeteiligte Drittländer durchführen. Hiergegen müssen protektionistische Maßnahmen in den betroffenen Ländern, globalere Emissionsgrenzen oder strategische Innovationsanreize in den Ursprungsländern gegeben werden.
Globale Erwärmung (global warming): Sie ist größtenteils auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen. Treibhausgase (Methan, CO2, Halone, Lachgas, Russ) führen dazu und damit zum Anstieg des Meeresspiegels (seit der Jahrhundert-Wende jährlich um rund vier Millimeter). Zwischen 2000 und 21000 wird mit einer Steigerung der Temperaturen von 1,1 bis 6,4° gerechnet. Seit den Messungen 1978 schrumpft das Meer-Eis in der Arktis um etwa 11% im Jahr. 2011 wird eine beispiellose Schmelze registriert (größter Eisverlust seit 1500 Jahren). Kohlendioxid entsteht zu 80% durch Verbrennung fossiler Brennstoffe und zu 20% durch Entwaldung. Zusätzlich ist in den oberen Luftschichten in den letzten 45 Jahren die Konzentration des Wasserdampfs um 75% angestiegen, was den Temperaturanstieg etwa um die Hälfte beeinflusst. Ohne den Treibhauseffekt wäre die durchschnittliche Temperatur weltweit ca. -18 statt +15 Grad C. Den größten CO2-Emissionen-Ausstoß pro Kopf haben die USA (19,61 t), Australien (18,41 t) und Russland (10,79 t). Eine große Hoffnung setzen viele in das Elektroauto. Dabei ist die Weiterentwicklung der Lithium-Ionen-Batterietechnik entscheidend. Laut einem WWF-Report 2009 erwärmt sich die Arktis immer schneller. Dies führt wahrscheinlich zu Überschwemmungen und Wetteränderung. "Wenn das so weitergeht, haben wir in spätestens 40 Jahren keinen Winter mehr", Mojib Latif, Klimaforscher am Leibnitz-Institut der Uni Kiel.
Globaler Emissionshandel: Als komplexes System soll er Regierungen und der Wirtschaft helfen, die Reduzierung der Emissionen effizient zu erreichen. Er besteht aus zwei Elementen: Cap and Trade (Obergrenzen und Handel mit Emissionsrechten) und Offsetting (CO2-Ausgleich). Als Marktlösung entspricht er wirtschaftstheoretischen Überlegungen, die in die UN-Umweltgipfel von Rio bis Kyoto einfließen. Mit dem EU-ETS hat die EU den weltweit größten Markt für CO2-Zertifikate geschaffen und verfügt über die längste Erfahrung. In der dritten Phase gibt es Probleme durch angesparte Zertifikate, Ausgleichszertifikate und in der Vernetzung der Gesetzeslücken. Besonders umstritten ist weltweit REDD, d. h. die Reduktion von Emissionen aus Entwaldung und Bodenverarmung. Vgl. Gilbertson, T./ Reyes, O.: Globaler Emissionshandel, Frankfurt 2010. Es gibt auch noch andere negative Auswirkungen: So verhindert der Handel mit Emissionszertifikaten die Modernisierung von Kühlmittelfabriken in Indien und China. Z. B. stehen 12 dieser Fabriken in China, bei denen HFKW-23 anfällt, für deren Entsorgung Zertifikate verkauft werden dürfen. Spekulanten, Energiekonzerne und Kriminelle bereichern sich auch mittlerweile an Zertifikaten. US-Investoren kontrollieren den Handel. "Das ,was wir jetzt erleben, ist nur ein Vorgeschmack auf das, was uns bald erwartet", Mojib Latif, Klimaforscher.
G-77 und Aosis - Staaten: Die Gruppe der 77 ist einloser Zusammenschluss von überwiegend ärmeren Staaten des Südens. Sie versuchen die Entwicklungsländer zu kooperieren. Hauptsprachrohr ist China. Die Alliance of Small Island States (Aosis) ist ein Bündnis kleiner Inselstaaten, die vom Anstieg des Meeresspiegels bedroht sind. Dazu gehören Dominica und die Malediven. "Kopenhagen kann und muss der Wendepunkt im Kapf gegen den Klimawandel werden", Yvo de Boer, Chef des Un-Klimasekretariats.
Rio de Janeiro: 1992 fand dort der erste Weltklimagipfel statt. Es war eines der größten diplomatischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts. Es waren nahezu alle Politikgrößen der Welt vertreten. Damals wurden erstmals Leitlinien zur nachhaltigen Entwicklung der Welt festgelegt. Im Juni 2012 soll ein Jubiläumsgipfel wieder in Rio tagen. Allerdings bröckelt die Teilnehmerzahl merklich.
Umweltforen: Weltklimakonferenz sowie Klimaschutzplan der Bundesregierung und der G8, Klimaschutzpaket der EU: Im Jahre 2020 nur noch 737 Mio. t CO2 im Jahr (jetzt 1007). 1. Geringerer Stromverbrauch, 2. Effizientere Kraftwerke, 3. Erneuerbare Energien, 4. Wärmeerzeugung, 5. Kraft-Wärme-Kopplung, 6. Gebäudesanierung, 7. Verkehr, 8. Andere Treibhausgase. Das Klimaschutzziel soll pro Kopf definiert werden, um die Schwellenländer einzubeziehen. Daraus wird folgendes Klima-Paket im Sommer 2007 der Bundesregierung entwickelt und Mitte 2008 beschlossen: Bis 2020 rund 30% durch erneuerbare Energien (vor allem Kraftwärmekopplung). Bis 2020 Reduktion von CO2 um 40% gegenüber 1990. Das Paket besteht aus vier Gesetzen. Es soll bis 2020 500.000 zusätzliche Jobs schaffen und kostet 313 Mrd. €. Auf dem G8-Gipfel in Heiligendamm hatte man sich darauf geeinigt, dass bis 2050 eine Reduktion von CO2 um mindestens 50% geprüft werden soll und nur noch eine Erwärmung im Rahmen von 2 Grad toleriert werden kann. "Wir werden eine Halbierung der globalen Emissionen bis 2050 ernsthaft prüfen", aus der Abschlusserklärung der G8 2007 in Heiligendamm. 2008 haben sich die Umweltminister der G8 in Kobe (Japan) getroffen. Sie haben beschlossen, bis 2050 den CO2-Ausstoß mindestens um die Hälfte zu reduzieren. Die wird auf dem G8 Gipfel 2008 in Toyako/Japan bestätigt und soll Ende 2009 in ein Abkommen einfließen, aber nur, wenn die Schwellenländer (G5, zusammen 80% CO2) mitmachen. Neuere Studien zeigen, dass die G8 hinter ihren Zielen zurückbleiben. 2009 setzt Obama eine neue Umweltschutzpolitik in den USA durch: das CO2 -Ziel ist allerdings sehr bescheiden (bis 2020 soll CO2-ausstoß um 17% unter das Niveau von 2005 sinken). Auf dem G8-Gipfel im Juli 2009 in Italien geht es um die Vorbereitung von Kopenhagen: Die Industriestaaten alleine wollen den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2050 um 80% im Vergleich zu 1990 herunterfahren. Die Weltklimakonferenz (die 13.) fand im Dezember 2007 auf Bali statt (vom 3.-14.). Vertreten sind vor allem die 20 größten Energieverbraucher der Welt, insgesamt 190 Länder. Es ging um einen verbindlichen Fahrplan (Roadmap) sowie ein quantitatives Ziel (konnte nicht beziffert werden) und um einen Umweltfonds für Entwicklungsländer (bis 2012 Volumen von 500 Mio. $, mit einem Transfer umweltfreundlicher Technologien, auch Fonds zum Waldschutz). Im September 2007 wurde die Konferenz in Berlin vorbereitet. In Accra/ Ghana beraten vom 21. 08. 08 mehr als 1000 Delegierte aus über 170 Ländern über ein neues Klimaabkommen (UN-Klimatagung). Der neue globale Klimapakt soll 2009 beschlossen werden. Eine weitere vorbereitende Konferenz gibt es Ende 2008 im polnischen Poznan/Posen, die aber ohne konkretes Ergebnis endet (Anpassungsfonds von 300 Mio. $ zu gering). Weitere Konferenzen folgen 2009 in Bonn (März und Juni, 175 Länder, Aktion von 80 Städten der Welt: "Earth Hour"), im April in den USA und in Italien. Die Vorgespräche in Bonn im Juni 2009 gehen ergebnislos zu Ende (4600 Vertreter, Japan USA und Kanada sperren sich, immer weiter zurückgehende Basisjahre). Auf der UN-Klimakonferenz im September 2009 sichern die USA und China zu, die Treibhausgase zu mindern, machen aber keine konkreten Zusagen. Am 22.01.08 beschließt die EU-Kommission ein Klimaschutzpaket: bis 2020 soll der CO2-Ausstoß europaweit um 20% gegenüber 1990 sinken. Der Anteil erneuerbarer Energien soll auf 20% erhöht werden. Dies soll durch eine Verknappung der Zertifikate erreicht werden über einen Handel (die EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard will die Regeln im Emissionshandel verschärfen). Ein Solidaritätszuschlag für das Klima ist ein Zugeständnis an die Osteuropäer. Ende 2008 beschließt man, den Autofirmen mehr Zeit bei der Reduzierung von Kohlendioxyd zu geben (bis 2015 soll Ziel von 120g pro km bezogen auf die Autoflotte erreicht werden. Die Umweltminister der EU und der WWF glauben, dass die Treibhausgase der Industrieländer in den nächsten 40 Jahren um 95 % gesenkt werden. Vgl. auch zur Klimageschichte: http://www.klimaentwicklung.de. 2009 blockiert Polen die EU-Finanzhilfen für den Klimaschutz. 2012 blockiert Polen wieder den EU-Klimafahrplan (80% CO2-Reduktion bis 2050). Polen hat viele Kohlekraftwerke. Im April 2012 findet eine Konferenz der europäischen Umwelt- und Energieminister im Dänischen Horsens statt. Es soll in Ruhe über die Europäischen Klimaziele nach 2020 geredet werden. Vier EU-Länder wollen Subventionen für ihre Atommeiler. Im Mai 2010 findet in Bonn der "Petersberger Klimadialog" statt. Er soll in erster Linie der Vertrauensbildung nach der Pleite von Kopenhagen dienen und die Konferenz von Cancun Ende 2010 vorbereiten. Fortschritte werden aber erst auf der Konferenz 2011 in Südafrika erwartet. Deutschland hat in Europa die ehrgeizigsten Klimaziele: bis 2020 sollen die CO2-Emissionen um 40% im Vergleich zu 1990 gesenkt werden. Das Gemeinschaftsziel der EU fällt mit 20% viel geringer aus. Im Sommer 2011 lädt die Bundesregierung 35 Staaten nach Berlin, um die nächste Weltklimakonferenz Ende des Jahres in Südafrika vorzubereiten. Es geht erstmal um freiwillige Maßnahmen. "Großes wird auf Gipfeltreffen nicht bewegt, aber Schlimmeres verhindert", Helmut Schmidt.
Kyoto-Protokoll: Es wurde 1997 in Kyoto (Japan) beschlossen und schreibt vor, dass die Industrienationen ihren Ausstoß von Treibhausgasen (greenhouse gases) um durchschnittlich 5,2% relativ zu 1990 im Zeitraum 2008-2012 reduzieren (am 16. Februar 2005 ist es mit der Ratifizierung Russlands in Kraft getreten). China, Indien, sowie die USA sind nicht beigetreten (Australien erst 2007). Die Schwellenländer argumentieren mit der Verantwortung der Industrieländer für den Klimawandel. Enthalten ist auch das Joint Development: es wird einer Firma in einem Industrieland erlaubt, Investitionen zur Minderung von CO2 auch in einem anderen Industrieland vorzunehmen und sich diese anrechnen zu lassen. Daneben gibt es einen Clean-Development-Mechanismus (CDM), mit dem sich reichere Staaten von ihrer Pflicht freikaufen können, weniger Treibhausgase in die Luft zu pusten. China gehört hier zu den größten Nutznießern (z. B. Windparks in der Inneren Mongolei). Speziell zum Schutze der Ozonschicht wurde 1987 das Montrealer Protokoll beschlossen, das den Ausstoß der FCKWs regelt, damit sich die stratosphärische Ozonschicht erholen kann. Es könnte als Modell für globale Klimaabkommen genutzt werden. Gefährlich ist das Ozonloch, das eine starke Ausdünnung der Ozonschicht über der Antarktis bezeichnet, die jedes Jahr zu Beginn des Frühlings auf der Südhalbkugel beobachtet werden kann. Im September 2007 wird die Regelung verschärft: bis 2020 sollen die IL und bis 2030 die EL auf FCKW und H-FCKW verzichten. 1992 wurde in Rio de Janeiro das erste Weltklimaabkommen unterzeichnet (erste völkerrechtliche Abkommen). "Die Menschen müssen begreifen, dass sie das gefährlichste Ungeziefer sind, das je die Erde bevölkert hat", Friedensreich Hundertwasser, österreichischer Maler, gestorben.
Ein globaler Klimapakt, der über 2012 hinausgeht, soll 2009 auf einer UN-Konferenz in Kopenhagen beschlossen werden. Die Konferenz beginnt am 7. und endet am 18. Dezember. Viele Vorbereitungskonferenzen finden statt. Sehr wichtig ist die Haltung von den USA, China und Indien. Es geht auch um Gerechtigkeit und Geschichte, aber auch um Wirtschaftsinteressen (eine unrühmliche Rolle haben die arabischen Ölstaaten gespielt). Über 190 Nationen sollen den neuen Vertrag schließen. Als wichtigstes Ziel gilt, den Temperaturanstieg unter dem Wert von zwei Grad gegenüber vorindustrieller Zeit zu halten. Dazu müssen die Treibhausgase bis 2050 im Vergleich zu 1990 um mehr als 50% (IL 80%, EL 30%) verringert werden. Umstritten ist vor allem die Übertragung der Verschmutzungsrecht auf die Jahre nach 2012 (Osteuropa). Auf der APEC - Konferenz in Singapur Mitte November 2009, wo 60% aller CO2-Mengen - Länder zusammenkamen, wurden keine positiven Signale gesendet. Asiaten und die USA geben damit zu verstehen, dass ein Klimavertrag wohl erst später kommen kann. Damit sind die Aussichten gleich null auf eine erfolgreiche Klimakonferenz. Symbolisch wollen die USA unterstützen, indem Obama kommt. Außerdem wollen Sie bis 2020 um 17% ausgehend von 2005 den Kohlendioxid-Ausstoß senken. China bekundet, seinen Kohlendioxidausstoß im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung zu senken. Auch die Industrie ist an einem erfolgreichen Gipfel interessiert, weil sonst Katastrophen-Policen unbezahlbar würden. So will die Münchener einen Klimaschäden - Topf einrichten, der zum Teil aus Umweltsteuern bezahlt werden soll. Die Commonwealth-Staaten(53) fordern ein rechtlich verbindliches Abkommen und einen Fonds für Entwicklungsländer mit 10 Mrd. € (ab 2012). Indien will keine verbindlichen Zusagen machen. Deutschland will Zahlungen an die EL bei der Entwicklungshilfe-Quote anrechnen (0,7%). China, die USA, Russland und Indien sind für die Hälfte des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich. Es soll ein Klimafonds gegründet werden, aus dem die Entwicklungsländer bei ihrer Umweltpolitik unterstützt werden. Die EU will sich beteiligen (bis 2012 jährlich 2,4 Mrd. €). Japan bietet sogar 13,45 Mrd. € für EL an. In den kommenden drei Jahren stellen die Industrieländer insgesamt 30 Mrd. $ zur Verfügung. Bis zuletzt umstritten umstritten und offen bleiben drei Aspekte: Der Umfang der Minderung der Treibhausgase, die Finanzierung von Klimahilfen und die Vertragsform. Der Minimalkonsensus lautet: nicht mehr als zwei Grad Erwärmung bis Ende des Jahrzehnts (nicht als Abkommen und mit offener Verteilung bzw. Kontrolle). Konkrete Maßnahmen werden nicht beschlossen. Alle Industrieländer sollen bis 2010 nationale Treibhausgasziele vorlegen. Keiner muss internationale , unabhängige Klimaschutz-Überprüfungen im eigenen Land zulassen. Die Finanzierung des Regenwälder-Schutzes bleibt offen. "Die USA und China stellen ihre nationalen Interessen oft über die Umwelt. Das ist engstirnig, da auch sie ein Teil der Welt sind", Dalai - Lama.
UN-Weltklimakonferenz im mexikanischen Cancun 2010: Ende November und Anfang Dezember 2010 findet die Weltklimakonferenz in Cancun statt (194 Staaten). China und die USA bremsen so stark, dass kein Durchbruch stattfindet. In der Folge auch Japan. China und Indien gestehen ein, dass sie das Klima stärker als geplant belasten. Die Sicherheit der Nahrungsmittelversorgung steht auch im Mittelpunkt: 70% der weltweit erzeugten Kalorien hängen von den drei Quellen Mais, Reis und Weizen ab (wichtig auch Soja). Am stärksten vom Klimawandel in Wirkung auf die Agrarproduktion ist Afrika betroffen. Die sechs größten Klimasünder (gemessen an CO2-Emissionen) sind: China, USA, Russland, Indien, Japan, Deutschland. Pro-Kopf ergibt sich eine andere Rangfolge. Ein weiteres Schwerpunktthema ist der Schutz der Wälder. Mit Milliarden Dollar sollen jene Länder belohnt werden, die ihre Urwälder schonen. Urwälder waschen und speichern. Durch Rodung entstehen weltweit 17,4% der Treibhausgase. Weiterhin soll die Technologiekooperation zwischen Entwicklungs- und Industrieländern verbessert werden, ebenso die langfristige Finanzierung von Umweltschutzmaßnahmen in Entwicklungsländern (Grüner Klima-Fonds mit 100 Mrd. € aus öffentlichen und privaten Quellen über Weltbank). Alle Staaten bekennen sich in der Abschlusserklärung (Präambel) zum Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen (konkrete Grenzen auf der nächsten Klimakonferenz 2011 in Südafrika; bis 2015 1,5 Grad). Damit gibt es Reduktionsziele, die aber nicht bindend sind. China und die USA stimmen zu, vor allem Bolivien wollte mehr (konnte aber von Mexikos Außenministerin Parizia Espinosa umgestimmt werden). "Zeit ist im Klimaschutz nun einmal noch vor dem Geld die kostbarste Ressource", Die Rheinpfalz, 13. 12. 10, S. 2.
Weltklimakonferenz im Dezember 2011 in Südafrika (Durban, 28.11.-10.12.11): Ca. 190 Staaten. Es wird vor allem um den Emissionshandel gehen. Ziel soll mehr Klimagerechtigkeit sein. Vor der Konferenz warnt der Weltklimarat IPCC vor der Zunahme extremer Wetterereignisse. Nach der Internationalen Energieagentur steigen die weltweiten CO2-Emissionen bis 2035 ohne Gegensteuern auf 43 Mrd. t (mit beschlossenen Maßnahmen auf 37 Mrd. t, für das Zwei-Grad-Ziel dürfen es nur 10 Mrd. t sein). Die Chancen für das Zwei-Grad-Ziel schwinden. Nach der UN-Wetterorganisation WMO waren die letzten 13 Jahre die wärmsten auf der Erde. Polen, das bis Ende des Jahres 2011 die EU-Ratspräsidentschaft innehat, wird für die EU verhandeln (Bremsklotz bisher). Die großen Verursacher von Treibhausgasen (China, USA, Brasilien, Indien, Russland) bewegen sich nicht. Die EU kann eine Koalition mit den Entwicklungsländern schließen (120 Länder insgesamt: EU, afrikanische Staaten, am wenigsten entwickelte Länder, kleine Inselstaaten). Man einigt sich auf das Zwei-Grad-Ziel und beschließt einen Fahrplan, Klimafonds (jährlich 100 Mrd. $) und will ein internationales Klimaabkommen vorbereiten. Die Konferenz wird verlängert, um einen endgültigen Kompromiss zu finden (Kerngruppe von 28 Staaten mit Deutschland, USA, China). Umstritten ist die Bindung der Ziele. Am Ende findet man einen Fahrplan: bis 2015 soll ein neues, rechtlich verbindliches Protokoll beschlossen werden, das 2020 in Kraft treten soll. Das Kyoto-Protokoll läuft bis 2017 (Fortschreibung, allerdings nur für 37 Staaten). Kurz nach der Konferenz kündigt Kanada seine Mitgliedschaft im Kyoto-Protokoll (sonst wären wegen Nichterreichung des Zieles 14 Mrd. $ fällig). Mit dem Ausscheiden Japans wird auch gerechnet.
Die nächste Konferenz 2012 findet in Katar statt. Es wird insbesondere um die Verteilung der Lasten gehen. Dabei ist das Gerechtigkeitsprinzip entscheidend (Gleichheit, Verursacher, Leistungsfähigkeit, Souveränität (d. h. ausgehend vom Status quo der Emissionsverteilung).
Climate and Clean Air Coalition: Im Februar 2012 gegründet. Im Mai treten die G8-Staaten geschlossen bei.
Das grüne Paradoxon: Die grüne Politik der Kyoto-Länder soll dazu führen, dass die Kohlenstoffmengen, die von den Kyoto-Ländern nicht verbraucht werden, nach den USA, China u. a. wandern. Das Paradoxon setzt allerdings den Status-Quo von Kyoto voraus, was mit Obama nicht sicher ist. Vgl. Sinn, H. - W.: Das grüne Paradoxon, Berlin 2008, S. 405 ff.
Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) sieht im globalen UN-Umweltzustandsbericht 2007 (Geo-4, "Environment for Development", alle 3-5 Jahre) 60% aller Ökosysteme geschädigt und warnt vor großer Wasserknappheit. Durch verschmutztes Wasser sterben in Entwicklungsländern jährlich 3 Mio. Menschen. Das UN-Klimareferat befindet sich in Bonn (Leiter: de Boer). Es rechnet nicht vor 2009 mit einem Abschluss der Verhandlungen zum Klimaschutz. Alles fing 1992 mit der UNFCCC (United Nations Framework Convention on Climate Change) an. Der erste Umwelt-Weltgipfel fand 1972 in Stockholm statt. "Wir Menschen haben es mit einem globalen Notfall zu tun. Die Erde hat jetzt Fieber. Und das Fieber steigt," Al Gore.
Agenda 21: Ein entwicklungs- und umweltpolitisches Programm für das 21. Jahrhundert zur Erreichung einer nachhaltigeren Entwicklung. 178 Staaten haben es 1992 in Rio de Janeiro beschlossen. Dort gab es auch eine Deklaration, genannt Rio-Deklaration. Es ist ein Grundgesetz der Umweltpolitik (Präambel und 27 Grundsätze). "Reine Luft, saubere Böden, und ungiftige Lebensmittel gehören zu den Menschenrechten", Felipe, spanischer Kronprinz bei der UN-Wüstenkonferenz in Madrid.
UN-Artenschutz: Es werden regelmäßig Konferenzen über die Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt abgehalten. Die 9. Artenschutz-Konferenz findet im Mai 2008 in Bonn statt. 5200 Delegierte aus 190 Ländern beraten über das dramatische Tier- und Pflanzensterben auf der Welt. Es gibt zwei konkrete Ergebnisse: Stopp des künstlichen Düngens der Meere, Ausbau des weltweiten Netzes an Schutzgebieten. Die Naturzerstörung kostet jährlich schätzungsweise 2 Bio. €. Täglich sterben 150 Arten aus. Besonders der globale Waldschutz muss verstärkt werden. Die Schwellenländer fordern einen Ausgleich für die Nutzung ihrer "Apotheke Natur". Die Banken wollen mit dem Naturwert "Regenwald " handeln: Der Regenwald speichert große Mengen CO2. Fische sichern die Eiweißversorgung für ein Sechstel der Menschheit. Bienen, die wichtig für die Bestäubung der Agrarpflanzen sind, haben einen geschätzten Wert von 8 Mrd. $. Bedroht sind auch Korallenriffe, Amphibien und Menschenaffen. Der Schutz der Biodiversität ist überlebensnotwendig. Der Begriff bedeutet Biologische Vielfalt und geht über die Artenvielfalt hinaus. Die Bedrohung spiegelt sich in den "Roten Listen" wider. 2010 wurde von der UN zum Jahr der biologischen Artenvielfalt ernannt. "Wenn der Mensch nicht über das nachdenkt, was in ferner Zukunft liegt, wird er das schon naher Zukunft bereuen", Konfuzius.
Green GDP und 12. Fünfjahresplan in China: In diesem Plan, der von 2011 bis 2016 gilt, sind 1,5 Billionen Dollar für Elektromobilität, Solarenergie und Biotechnik vorgesehen (jährlich 300 Mrd. $). Die Ziele für die Verringerung von Kohlendioxyd-Ausstoß wurden strenger. Die Binnennachfrage soll gestärkt werden. Die einkommensschwachen Westprovinzen sollen speziell gefördert werden. China will zum Vorbild einer nachhaltigen Ökonomie werden und in absehbarer Zeit weltgrößte Wirtschaftsnation werden. "In China ist grünes Wachstum das entscheidende Merkmal der künftigen Wirtschaft", Josef Ackermann, Deutsche Bank-Chef.
Gentechnik: Gentech-Lebensmittel sind bei uns kaum zu erkennen. Vom Gesetz her ist "Verbrauchertäuschung ausdrücklich erlaubt". Sogar wenn "ohne Gentechnik" draufsteht, bedeutet dies keine Sicherheit. Viele Stoffe werden meist gentechnisch hergestellt (Vitamine, Käse, Backwaren, Glukosesirup). In den USA sind schon 69,0 Mio. Hektar mit gentechnisch veränderten Pflanzen bebaut (Mais, Soja, Baumwolle, Raps, Zuckerüben, Deutschland 35,5 Mio. Hektar Landesfläche). Dann folgen in der Reihenfolge der Anbaufläche Brasilien, Argentinien und Indien.
Ressourcen (Rohstoffe, Bodenschätze)
Ressourcenknappheit: Es ist der Ausgangspunkt der Ökonomie, mit knappen Ressourcen zu wirtschaften. Die Ressourcen können nicht unbegrenzt genutzt werden. Wir verlagern die Ausbeutung vom Raum in die Zeit zu Lasten nachfolgender Generationen. Der Wachstumsbegriff, der in der Politik und Wissenschaft als unangreifbar gilt, muss in Frage gestellt und diskutiert werden. Anzustreben ist eine strenge Trennung von Wachstum und Ressourcenverbrauch. Der Einsatz von grünen Produkten rechnet sich auch wirtschaftlich. Die Umwelttechnologie ist die Leitindustrie des 21. Jahrhunderts. Rapide steigende Rohstoffpreise infolge der Knappheit zwingen die Industrie zum wirtschaftlichsten Einsatz von Ressourcen (Effizienz). Die Rohstoffproduktivität ist im Vergleich zur Arbeitsproduktivität aber kaum gestiegen. Da Material den Löwenanteil der Produktionskosten ausmacht, ist hier anzusetzen. Hundert Jahre gab 1972 der Club of Rome der Weltwirtschaft - dann seien die wichtigsten Ressourcen erschöpft.
Hotelling-Regel (Harold Hotelling, 1895-1973): Grundregel der Umweltökonomik, nach der der Pareto - optimale Abbaupfad einer natürlichen Ressource so aussieht, dass der Nettogrenznutzen im Zeitablauf mit einer Rate wächst, die der sozialen Diskontrate entspricht (Nettogrenznutzen=Nutzungsgrenzkosten). Es handelt sich um eine Optimalitätsbedingung bei nicht-erneuerbaren Ressourcen.
Rohstoffe: Knappe Rohstoffe drohen immer mehr zum Sicherheitsrisiko zu werden. Wenigen Entwicklungsländern ist es gelungen, mit Rohstoffen Wirtschaftswachstum zu erreichen (75% der armen Bevölkerung leben in rohstoffarmen Ländern). Internationale Zusammenarbeit muss Regelungen finden (Konflikte entschärfen, Lage der armen Förderländer verbessern). Ein gutes Beispiel ist Nigeria, das das meiste Öl in Afrika hat. Die Rohstoffförderung beträgt 2,0 Mio. Barrel/Tag. Davon werden 1,7 Mio. Barrel/Tag exportiert. Trotzdem ist das Land arm, und das Nigerdelta (95% des Erdöls) ist verseucht. Ähnlich ist die Situation im Sudan. Sie wird verschärft durch die Abspaltung des Südens; im Grenzgebiet liegt die Ölregion Abyei und eine Pipeline führt durch den Norden. Nicht reich geworden durch Öl und Gas sind auch Algerien und Tunesien, genauso wie der Kongo als eines der rohstoffreichsten Länder der Erde. Deutschland muss seine Recycling-Quote erhöhen, die Forschung in Ersatzstoffe verstärken und eine zentrale Institution für Rohstoffe (Deutsche Rohstoff AG wie früher die Metallgesellschaft oder Preussag) schaffen. Zunehmend versuchen auch Minenbetreiber, wertvolle Metalle und seltene Erden mit Bakterien aus dem Gestein zu lösen (Biomining). Damit kehrt der Bergbau nach Deutschland zurück. Ohne Rohstoffe bzw. Bodenschätze gibt es kein Wachstum, ohne Wachstum gibt es in vielen Staaten soziale Unruhen (z. B. in China). Also werden die Staaten im Interesse des eigenen Überlebens notfalls auch Kriege um Rohstoffe und Rohstoffrouten führen. Insofern hängen Rohstoffe eng mit der internationalen Militärpolitik zusammen. Die Staaten werden auch darauf drängen, effizienter mit Rohstoffen umzugehen. Ein Weg dazu wäre eine Rohstoffsteuer. 2010 ist der HWWI-Rohstoffpreisindex um 41,3% gestiegen. Mit dazu bei trägt die Tatsache, dass seit 2005 Zug um Zug fachfremde Anleger, Spekulanten und Banken den Handel mit Rohstoffen übernommen haben. Auch der CRB-Rohstoffindex ist von Mitte 2010 bis Mai 2011 um 40 Prozent gestiegen. Mittlerweile gibt es eine sehr hohe Volatilität. Im Herbst 2011 fallen die Preise (Gold, Kupfer, Kaffee) sehr stark. Eine stringente Begründung gibt es nicht (nur Spekulation). Einen großen Einfluss haben die Schwellenländer mit ihrer Nachfrage (China, Indien, vor allem bei Kupfer), neue Technologien (Bedarf für "Seltene Erden") und ein knappes Angebot (Bergbau- und Transportkapazitäten, z.B. Naturkatastrophe in Australien bei Kohle). Die deutsche Regierung und die Industrie planen eine Rohstoffallianz noch 2011. Daran wollen sich ca. 10 Unternehmen beteiligen. Das Gemeinschaftsunternehmen soll weltweit nach Bodenschätzen suchen. Die größte Müllkippe der Welt ist Jardim Gramacho in Brasilien. 1500 Catadores sortieren Recyclingstoffe und verkaufen sie weiter.
Seltene Erden: Sind weiche, silbergraue Metalle, deren Schmelzpunkt je nach Element zwischen 900 und 1600 Grad C liegt. Je umweltfreundlicher und innovativer ein Produkt ist, umso größer ist die Abhängigkeit bei Seltenen Erden. Sie werden in Hochtechnologiebereichen und Energiespartechnologien eingesetzt. Konkrete Anwendungsbereiche sind Leuchtstoffe und Elektronik, Metallurgie, Katalysatoren, Keramik, Permanentmagnete, Batterien. China hat eine Quasi-Monopolstellung. Das Land arbeitet mit Exportquoten, um Produktionsstätten ins Land zu holen. Die Quoten werden 2012 erhöht. Weitere Vorkommen sind in den GUS-Staaten, Indien, Brasilien und Nordamerika. Der Klimawandel macht auch die Arktis wirtschaftlich interessant. So gibt es seltene Erden in der ostkanadischen Provinz Quebec. Deutschland schließt im Herbst 2011 ein Abkommen mit der Mongolei: Lieferung Seltener Erden, Investitionen in Bildung und Technologie in der Mongolei. Im Februar 2012 folgt ein Rohstoffabkommen mit Kasachstan. Eine Partnerschaft mit Kanada wird angestrebt. Seltene Erden gibt es auch in den USA, Australien und Russland. In der Regel haben diese Länder ihre Lagerstätten noch gar nicht angerührt. In den Industrieländern wird das Recyceln intensiviert.
Offensive der EU zur Sicherung zukunftsträchtiger Mineralien 2010: Folgende Mineralien stuft die EU als strategisch wichtig ein: Antimon, Germanium, Gallium, Indium, Kobalt, Platin, Tantal, Wolfram, Niobium, Beryllium, Magnesium, Fluorit, Graphite. Hautfundorte sind China, Indien, Russland, Afrika (Kongo, Ruanda Süd-Afrika), Brasilien Mexiko, USA, Kanada. Die EU will vor allem mit der Afrikanischen Union und der WTO gegen Chinas Rohstoffkartell zusammenarbeiten. Die Initiative ist dringend notwendig. China und Indien kaufen die Märkte leer und sichern sich zunehmend langfristige Bezugsquellen. Deutschland plant eine Rohstoffpartnerschaft mit Kasachstan.
Wald/ Wälder: Die Zerstörung und Abholzung der Wälder ist für 20% der jährlichen CO2-Emissionen verantwortlich. 54% aller Rodungen dienen zur Gewinnung neuen Ackerlands (Rest für Palmölplantagen und Viehweiden). Eine Ursache ist auch die Gewinnung von Holzkohle in Entwicklungsländern, die zum Kochen gebraucht wird. Die größten Rodungsflächen haben Brasilien (Amazonas-Regenwald, jährlich -10.000 Quadratkilometer), Indonesien und der Sudan. 2011 plant Brasilien eine Änderung des Waldgesetzes. Dies dürfte gravierende Änderungen auf den Regenwald haben (landwirtschaftliche Nutzung ausgeweitet, vor allem Mato-Grosso-Gebiet). Besonders wichtig für Ostafrika ist der Mau-Wald, der durch Rodungen bedroht ist. Die Rolle der Wälder bei der CO2-Bildung wird in der Keeling - Kurve abgebildet. Allein die Bäume des Amazonas speichern 90 bis 140 Mrd. Tonnen CO2 (WWF). Über die Bedrohung des Waldes und die entsprechende Umweltpolitik habe ich eine Kinder-Uni-Veranstaltung entwickelt. Die Waldvegetation hat großen Einfluss auf das Klima, was in gängigen Modellen kaum berücksichtigt wird: Wälder absorbieren Sonnenstrahlen wesentlich besser, weshalb Gebiete mit großen Waldflächen wärmer sind. "The way to get started is to quit talking and begin doing", Walt Disney (1901 - 1966).
Teufelskreis Regenwald: Regenwälder werden abgeholzt, um Land zu gewinnen und Tropenholz zu verwenden. Auf den Flächen wird Viehzucht betrieben, Soja oder Agrartreibstoffe angebaut. Die Rodung ist national extrem wirtschaftlich, international hat sie gravierende Folgen für den Wasserkreislauf, das Klima, die Ernährung und die Medizin (Regenwaldapotheke). Besonders wichtig sind Brasilien und Indonesien. Bei Indonesien ist auch das Korallendreieck sehr wichtig. Es ist die artenreichste Meeresregion der Erde (es umfasst außerdem die Länder Philippinen, Malaysia, Papua Neu Guinea und Solomon). Es ist zusätzlich ein Wirtschaftsfaktor (Fische, Schutz vor Wellen, Tourismus).
Agrarfläche und Lebensmittelkrise: In den letzten 10 Jahren sind die landwirtschaftlichen Nutzflächen nur in Vietnam, Indonesien und China (Düngemittel, Technologie, Ankauf von Flächen im Ausland, vgl. Lester Brown: Who will feed China) erheblich ausgebaut worden. Ansonsten sind sie geschrumpft. Da auch immer mehr Pflanzen für Energie verwendet werden und die Bevölkerung wächst, sind die Nahrungsmittelpreise explodiert (inzwischen auch spekulativer Anteil, s. u.): Milchprodukte, Öle und Fette, Getreide, Zucker und Fleisch. Der Kakaopreis erreicht 2011 den höchsten Stand seit 33 Jahren. Auch Weizen, Reis und Soja sind extrem teuer geworden. Die FAO erstellt einen Nahrungsmittelpreisindex. Dieser erreicht 2011 einen Höhepunkt (230,7). Die größte Exporteure von Agrarprodukten sind die USA, Frankreich und die Niederlande. Die größte Importeure sind die USA, Deutschland und Japan. Im Juni 2008 findet ein UN-Nahrungsmittel-Gipfel in Rom statt. Der nächste Gipfel findet im November 2009 in Rom statt. Eine ausreichende Versorgung aller Menschen würde bis zu 20 Mrd. $ jährlich mehr kosten (wer trägt die Finanzierung?). 2008 hungern weltweit ca. 963 Mio. Menschen. Die G8 beraten auf ihrem Treffen 2008 in Toyako/Japan über internationale Getreidereserven als ein Gegenmittel. Die FAO (Food and Agricultur Organisation of the United Nations) ist die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen. Sie soll Hunger und Unterernährung bekämpfen. Ihr gehören 191 Staaten an, ihr Sitz ist Rom. Im Jahre 2030 erwarten Fachleute eine doppelt so hohe Nachfrage nach Nahrungsmitteln wie heute. Grund ist der Bevölkerungsanstieg. 2009 sinken die Preise wieder, was dazu führen kann, dass den Produzenten der Anbau nicht mehr lohnend erscheint (die niedrigen Preise täuschen darüber hinweg, dass weltweit die Nachfrage schneller wächst als der landwirtschaftliche Ertrag). Zudem vergrößert die Klimaerwärmung das Risiko von Missernten aufgrund von Dürre und Überschwemmungen. Außerdem steigen die Erträge der Landwirtschaft in kühleren und feuchteren Weltgegenden im Gegensatz zu wärmeren Regionen. Der Klimawandel hemmt auch das Wachstum. Es findet 2009 ein UN Gipfel in Madrid statt. Der Teepreis steigt trotz Wirtschaftskrise (2009 um 15%). Grund sind die Dürren in den Anbauregionen Kenias, Indiens und Sri Lankas. Der Kaffeepreis ist stabiler, weil auch die Anbaufläche wächst (Vietnam). 2009 leiden 1 Milliarde Menschen Hunger (Welthunger-Index, bei 6,8 Mrd. Menschen). 70% davon sind Frauen. Am stärksten sind die Länder Kongo, Burundi und Eritrea betroffen. Weltweit hungern schon 2009 über eine Milliarde Menschen. Ihre Zahl steigt und 80% davon sind ausgerechnet Bauern. Bei den Lebensmittelpreisen kommt es auch immer wieder zu Spekulationswellen, vor allem im Zusammenhang mit Agrarrohstoffen (z. B. bei Zucker). Als Beispiele gilt der Preis für Kaffee und Kakao. 1,5 Mrd. Hektar sind 2010 als Ackerfläche der Erde nutzbar. 200.000 Menschen kommen jeden Tag zu den 6,8 Mrd. Menschen hinzu. Dies ist viel Raum für die große Spekulation. Vor allem Flächen in Afrika werden von ausländischen Investoren übernommen. Am stärksten ist 2010 der Preis für Weizen gestiegen (+98%). Spekulationen um Reis, Kakao, Mais, Soja oder andere Nahrungsmittel müssten verboten werden. Empfehlenswert ist der Report "The Future of Food and Farming", der von 400 Experten 2011 erstellt wurde. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) unterstützt 2011 100 Mio. Hungernde in 73 Staaten. Hohe Agrarpreise heizen weltweit Unruhen an (auch in Ägypten). Der Wettbewerb um agrarische Rohstoffe wird auf jeden Fall härter werden. "Längerfristig müssen wir schon auch unsere Ernährungsgewohnheiten ändern", Jeffrey Sachs, Earth - Institut, N. Y. Die EU will eine Agrarreform durchführen, bei der neue Umweltauflagen und weniger Geld für große Höfe vorgesehen sind (2014 bis 2020). In mehreren Berichten 2012 (WWF, Club of Rom) wird die Ausweitung der Agrarflächen für Soja und Raps durch Waldrodung angeprangert.
Biomasse: 4 Prozent aller Kraftstoffe werden 2010 aus Pflanzen gewonnen. Bei einer Ackerfläche von 1,5 Mrd. Hektar auf der Welt sollen zukünftig 10% für Bioenergie genutzt werden. Dies geschieht, obwohl ca. 15% aller Menschen unterernährt sind (1,02 Mrd.). Die Höhe des Biospritanteils wird bis 2020 am höchsten in Brasilien liegen (58%) vor China mit 15%. Die EU wird dann ca. bei 10% sein. Allerdings werden dadurch die Lebensmittelpreise in die Höhe getrieben. In den USA gehen bereits 30% der Maisernte in die Produktion von Bioethanol ein. Für die Bauern ist es ein Extrabonus, weil es Fördermittel gibt. Deutschland bringt 2011 E 10 (10% Bio-Ethanol), der aber nicht akzeptiert wird, weil zuverlässige Informationen fehlen. Es beginnt ein Schwarze-Peter-Spiel. Als Mittel des Klimaschutzes ist E 10 weniger geeignet, weil er zu teuer und ineffizient ist. Deshalb wird mit der geringeren Abhängigkeit von diktatorischen Regimen geworben. Andere Mittel dürften wirkungsvoller sein, wie z. B. den Verkehrssektor in den Emissionshandel einzubeziehen. 2/3 der Biomasse sind noch ungenutzt. Dazu gehören auch Stroh und Reisig. Ebenso Krabbenschalen und Löwenzahnkautschuk. Abfälle von Stroh werden z. B. mit Enzymen aus Pilzen oder Termiten in Sprit verwandelt. Versuchsanlagen gibt es in Dänemark, Spanien, China , USA. Rheinland-Pfalz experimentiert mit Wärme aus Traubentrester (Tresterpellets). Große Hoffnungen werden auch in Algen gesetzt.
Kurzumtriebsplantage: Hier werden schnell wachsende Hölzer wie Pappel oder Weide für die energetische Nutzung angebaut. Diese können nach drei bis acht Jahren maschinell geerntet werden.
Wasserkrise: Bis 2050 werden nach Angaben des 2006 von der UNESCO vorgelegten 2.UN-Weltwasserberichts im günstigsten Falle 2 Mrd. Menschen in 48 Ländern und schlimmstenfalls 7 Mrd. Menschen in 60 Ländern an Wasserknappheit leiden. Mehr als 70% der Erdoberfläche sind von Wasser bedeckt, allerdings ist nur ein Bruchteil davon als Trinkwasser oder zur Bewässerung von Feldern zu gebrauchen. Das Wasserproblem ist größer als das Ölproblem. Wasser ist der Rohstoff der Zukunft. Besonders betroffen ist auch China, vor allem im Weizengürtel. 243 Seen sind ausgetrocknet. In Tibet, wo fast alle großen asiatischen Flüsse entspringen, bat China Staudämme, um Wasser ins eigene Land zu lenken. Es wird immer wärmer (Klimawandel) und das Wasser wird zur Bewässerung eingesetzt. Indien baut einen riesigen Zaun zu Bangladesch, um Klimaflüchtlinge abzuwehren. Der 3. Bericht von 2009 sieht eine Verschärfung, weil 90% des Bevölkerungswachstum in Entwicklungsländern stattfindet mit zunehmender Bewässerungslandwirtschaft. In Saudi-Arabien liegt der Wasserverbrauch siebenmal höher als in Deutschland. Lima, die Hauptstadt von Peru, könnte mit 8 Mio. Einwohnern in eine Katastrophe geraten. Die weltgrößte Entsalzungsanlage befindet sich in El Paso, Texas (pro Tag 104 Mio. l Süßwasser, Umkehrosmose). In Deutschland sorgt der Klimawandel für steigende Regenfälle, was den Grundwasserspiegel steigen lässt (u. a. wird Bauen teurer und der Stromverbrauch steigt). Rheinland-Pfalz will 2012 einen Wasser-Cent auf die Entnahme von Grundwasser einführen. Für die Kühlwassernutzung (BASF) soll es eine geringere Abgabe geben. Im März 2012 tagen 30.000 Wasser-Fachleute in Marseille (Weltwasserforum des Weltwasserrates). Ursprünglich wurde der Rat von der privaten Wasserwirtschaft als Interessensgruppe gegründet. Mittlerweile sind auch das chinesische Wasserministerium und andere öffentliche Institutionen Mitglieder. Es geht um den Umgang mit der knappen Ressource. Größter Wasserverbraucher ist mit 70% die Landwirtschaft. Der Wasserbrauch wird durch die Schwellenländer, Stromerzeugung u. a. bis 2050 drastisch steigen. "We forgett, that the water cycle and the life cycle are one", Jacques-Ives Cousteau, (1910-1097, French marine explorer, filmmaker.
River-Sharing-Problem: Oft müssen knappe Ressourcen so aufgeteilt werden, dass sie von unterschiedlichen Akteuren nacheinander genutzt werden, beispielsweise beim Wasserverbrauch an einem Fluss. Hier muss eine sequenzielle Verteilungsregel entwickelt werden. Zur Verfügung stehen: Talmud-Regel, Constrained Equal Awards, Constrained Equal Losses, Proportionalitätsregel.
Erdöl: Die größten Ölverbraucher sind 2010 die USA (850 Mio. Tonnen), China (429), Japan (429) und Indien (156). Die größten Ölreserven liegen in Mrd. Tonnen 2010 in Saudi-Arabien (36,3), Venezuela (30,4), Iran (18,9) und Irak (15,0). Die größten Ölförderländer sind 2010 in Mio. Tonnen Russland (505), Saudi-Arabien (468) und USA (339). Iran steht 2012 für ca. ein Fünftel der Erdölproduktion. 1,6% des deutschen Ölverbrauchs werden vom Iran gedeckt. 17 Mio. Barrel Rohöl passieren jeden Tag die Straße von Hormus. Die Ölvorräte in der Welt sind schwer einzuschätzen, weil immer neu Öl entdeckt wird. Brasilien entdeckt 2012 neues Öl. Venezuela entdeckt neue Reserven. Gerade der hohe Ölpreis lohnt das Fördern aus dem Meer oder aus unzugänglichem Gestein. "Der Rohölmarkt bewegt sich zwischen diesen beiden Extremen: der Weltrezession auf der einen Seite und der möglichen Ölknappheit auf der anderen Seite", Analysten von Goldman Sachs (nach Handelsblatt 6./7. 1. 2012, S. 9).
Ölpreis-Schock und Ölfördermenge: 1973, 1979 und 1990 kam es zu Ölkrisen, weil der hohe Ölpreis die Weltwirtschaft nach unten zog. 2007und 2008 erreicht der Ölpreis ein Rekordniveau nach dem anderen, ohne dass die Weltwirtschaft bisher merklich darunter leiden muss. Dies wird heute mit einer anderen gesamtwirtschaftlichen Lage, mit anpassungsfähigeren Volkswirtschaften, der größeren Unabhängigkeit vom Öl und der höheren Energieeffizienz infolge des technischen Fortschritts erklärt. Die Frage ist, ob es nicht doch eine Schmerzgrenze gibt und wo diese liegt. Betrachtet man die Ölausgaben im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt sind wir fast auf dem Niveau der früheren Ölkrisen. Dies dürfte auch 2008 zu einer längeren Phase niedrigerer Wachstumschancen führen. Die Ursachen des hohen Ölpreises sind die Knappheit des endlichen Rohstoffs, die Angebotsverknappung durch die OPEC, Spekulation, Krisen (Golfregion, Nigeria), steigende Nachfrage aus Asien und USA, mangelnde Raffineriekapazitäten (auch durch Schäden infolge des Klimawandels). Erdöl ist auf dem Weg zu einem Luxusgut. Wahrscheinlich steigt der Preis (gemessen bei den beiden führenden Sorten Brent und WTI) mittelfristig so hoch, dass andere Energieformen wirtschaftlicher werden (langfristig werden 250 $ pro Barrel gesehen, DIW). Saudi-Arabien, das Land mit der höchsten Produktion und den größten Reserven, versucht immer wieder, durch eine Erhöhung der Fördermenge den Trend nach oben zu brechen. Diese Strategie wird vom Ölkrisengipfel in Dschidda unterstützt (Juni 2008, 36 Staaten und 22 Ölkonzerne). Die zweit- und drittgrößten Ölvorräte haben Venezuela und Kanada. Die G8 wollen Ölproduktion und Lagerkapazitäten erhöhen und mehr alternative Energien. Die Weltwirtschaftskrise 2009 wird die Preisexplosion bei Erdöl und Erdgas nur verschieben. Schon Ende 2010 geht der Preis wieder über 90 $, die Bundesregierung führt den Öko-Sprit ein (Super E10). 2006 war das Jahr, in dem das meiste Öl gefördert wurde (Produktionsmaximum?). Vgl. dazu: James D. Hamilton (Prof. of Economics in San Diego, Ölmarkt-Experte). In den USA ist die Energieintensität relativ hoch (deutlich höher als in Europa). Deshalb schlagen dort Ölpreise stärker auf die Konjunktur durch. Weil die USA immer noch eine Lokomotive sein können, ist indirekt auch immer die EU betroffen. Auf dem G8-Gipfel im Mai 2012 wird eine Freigabe der strategischen Ölreserven zur Preisstabilität abgelehnt. "Der Benzinpreis ist der Brotpreis der Nation", Axel Graf Bülow, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Freier Tankstellen.
Zunehmend kommt Kritik daran auf, dass das Öl in Dollar gehandelt wird. Russland, der zweitgrößte Exporteur, möchte in Rubel handeln und seine eigene Währung als Zahlungsmittel fördern. Auch die Rohöl-Benchmarks (WTI-West Texas Intermediate, Brent) werden in Frage gestellt. 2011 stellt das Kartellamt ein Oligopol bei den Tankstellenketten fest (fünf große Konzerne diktieren die Spritpreise über dem Marktpreis). Grundsätzlich setzt sich der Benzinpreis aus dem Produkteinstandspreis (internationale Ölmärkte), den Deckungskosten (Transport, Lagerhaltung, Verwaltung), und den Steuern (Energiesteuer, Mehrwertsteuer) zusammen. 2012 will die Bundesregierung einen Markttransparenzstelle für den Ölpreis einrichten. "Öl muss teurer werden, damit wir Öl sparen und andere Energieträger attraktiver werden", Thomas Straubhaar, HWWI.
Krisen und Öl sowie Preis: Krisen in einzelnen Regionen in der Welt beeinflussen immer wieder den Erdölpreis. Die Unruhen in Libyen 2011 sind ein Beispiel. Mehr als 85% der libyschen Ölexporte gehen nach Europa, das meiste nach Italien. In Libyen ist auch die BASF-Tochter Wintershall tätig. Algerien, Nachbarstaat von Libyen, gilt auch nicht als besonders stabil. Viele Staaten mit den höchsten Erdölvorkommen sind nicht besonders stabil (Venezuela, Russland, Mexiko, Kasachstan, Iran, Irak). Die arabische Revolution treibt den Ölpreis gegen 120$ und weiter gegen den Höchstpreis von 2008. Die Weltbank geht davon aus, dass dies besonders die Ölimportierenden Industrieländer trifft (Wachstumsverlust von 0,2 - 0,4 Prozentpunkte). Saudi-Arabien sorgt immer wieder für eine Stabilisierung. Der Ölpreis hat mittlerweile einen großen Einfluss auf den privaten Verbrauch in den Industrieländern. Er kann wie ein "Konsumkiller" wirken. Ökonomisch hat der Ölpreis einige interessante Aspekte: Warum hat der Rohölpreis einen immer geringeren Einfluss? Welche Rolle kann Biosprit spielen? Was ist mit dem Preis, wenn in den meisten Förderländern Demokratie herrscht? Beim Öl spielt auch der Handel eine große Rolle. Die größten unabhängigen Ölhändler der Welt sind Vitol, Glencore, Trafiga, Gunvor und Mercuria. Sie haben ihren Sitz alle in der Schweiz, bevorzugt in Zug. Umstritten ist die Umweltschädlichkeit der Ölgewinnung. Zunehmend muss Öl aus Sand gewaschen werden. Besonders problematisch ist diese Methode in Kanada. Die EU will dies in einer Kraftstoffrichtlinie berücksichtigen, Kanada will bei der WTO klagen. "Der Bedarf an Energie wird weltweit kräftig steigen. Das schließt auch die Tiefseeförderung ein - und die künftige Förderung in der Arktis", Bob Dudley, BP-Chef. Im weltweit einzigartigen Yasuni-Nationalpark in Ecuador wollen Konzerne nach Öl bohren. Der Rettungsplan der UN ist umstritten.
Erdgas: Die EU bezieht ihre Erdgaslieferungen aus Norwegen und vor allem aus Russland. Die russische Pipeline führt durch die Ukraine, was immer wieder zu Problemen führt. Mehr Unabhängigkeit für Europa soll die Nabucco-Pipeline bringen, die 520 km von Aserbaidschan über Griechenland und Albanien nach Süditalien führen soll. Bisher wird in Deutschland Erdgas (konventionelles) vor allem in Niedersachsen gefördert. Riesige Vorkommen an unkonventionellem Erdgas ( Blasen, Kohleflözen, Schiefer) werden in NRW vermutet. Weltweit wird immer mehr unkonventionell gebohrt. Dies bringt auch große Risiken mit sich. Die weltweit höchsten Erdgasreserven liegen in Nordafrika/ Naher Osten (am größten in Iran und Katar). Die Vorräte insgesamt sollen ab 2011 nach Schätzungen noch 63 Jahre reichen. Unkonventionell (Förderung auch in Tonstein, Sandstein und Kohleflözen) sind die Vorräte 1720 Billionen (Bio.) Kubikmeter (K.); konventionell 250 Bio. K.. Die größten Vorkommen liegen in Asien/Australien. Dann folgen Nordamerika und die GUS-Staaten vor Lateinamerika.
Kohle: Bei der Verbrennung von Kohle wird Wärme freigesetzt. Heute sind hier gravierende Effizienzsteigerungen möglich. Allerdings wird immer noch mehr klimaschädliches CO2 ausgestoßen. Es ist die weltweit verbreiteste Technik zur Erzeugung elektrischer Energie. Umstritten ist das Abfangen des CO2, um es in der Erde zu lagern.
CO2 als Rohstoff: Neue Technologien versuchen, daraus Rohstoffe für Alltagsprodukte zu machen. Es gibt auch Versuche, daraus in Verbindung mit Wasserstoff Benzin und Diesel zu entwickeln.
Energie (einschließlich Energiepolitik)
Atomenergie: Existenzielle Fragen der Atomkraft können nicht beantwortet werden: Ist die Atomkraft sicher? Kann Terror ausgeschlossen werden? Was geschieht mit dem Atommüll? Ist der Brennstoff Uran unendlich? Wie ist der Einfluss auf den Klimaschutz? Vgl. Rosenkranz, Gerd: Mythen der Atomkraft, München 2010. Die Atomenergie wird als "Brückentechnologie" bezeichnet. Die Frage ist nur, wie lang die Brücke stehen soll. In Deutschland gibt es 17 Atomkraftwerke. Für diese Atomkraftwerke werden in der Regel folgende Argumente ausgeführt: Gut für Klimaschutz, hohe Versorgungssicherheit, Energiemix, günstige Energiequelle (hängt von den Bewertungskriterien ab!), niedriger Strompreis, Staat verdient. Dagegen sprechen folgende Gründe: Müllproblem, Alters- und Havarierisiko. Atomkraft verstopft die Netze, Deutschland hat kein Uran, militärischer Missbrauch. Die meisten Atomkraftwerke haben die USA (104) vor Frankreich (58) und Japan (54). Die Türkei und Österreich haben kein Atomkraftwerk. Einen Stopp gibt es nach der Katastrophe in Japan in China (13, 50 geplant) und einigen anderen Ländern (z. B. Venezuela). Relativ viele Atomkraftwerke haben Russland (32), Südkorea (21), Indien (20), Großbritannien (19) und Kanada (18), auch die Schweiz hat 5. "Man masters nature not by force but by understanding". "Die Atomkraft ist keine Brückentechnologie, sondern nach Fukushima nur noch eine Abwicklungsindustrie", Mycle Schneider, Energieberater.
Atomkraftwerke: In Deutschland ist die Laufzeit der 17 Atomkraftwerke umstritten (AKW Emsland, Biblis A und B, Neckarwestheim 1 und 2, Brunsbüttel, Isar 1 und 2, Unterweser, Philippsburg 1 und 2, Grafenrheinfeld, Krümmel, Grundremmingen A,B,C, Grohnde, Brokdorf). 2003 wurde Stade als erstes stillgelegt (Rückbau erst 2015 abgeschlossen!). Vorher wurden die DDR-Atommeiler abgeschaltet (z. B. Lubmin). Anfang September 2010 einigte sich die Regierung auf einen Kompromiss: Sieben ältere Atomkraftwerke sollen 8 Jahre zusätzliche Laufzeit erhalten. Zehn Reaktoren, die nach 1980 ans Netz gingen, sollen 14 Jahre länger laufen. Die Betreiber sollen im Gegenzug sechs Jahre lang von 2011 bis 2016 jährlich 2,3 Milliarden Euro Brennelementesteuer zahlen (brutto). Zusätzlich sollen ein Teil der Gewinne an einen Fonds zum Ausbau erneuerbarer Energie gehen. Nicht alle Teile der Vereinbarung mit der Atomwirtschaft sollen veröffentlicht werden. Die Atomwirtschaft muss offenbar nicht für die Sanierungskosten für das marode Atommülllager Asse zahlen (zehnmal mehr mittelradioaktiver Müll). Für die Endlager soll offenbar der Steuerzahler aufkommen. Auch Fragen der Sicherheit sind nicht transparent. Die Rückstellungen - Regelung ist zum Vorteil der Betreiber und schwammig. Die Bindung künftiger Regierungen und etwaige Klagen belasten ebenfalls die Vereinbarung. Viele sehen eine Zementierung der Marktmacht des Oligopols der vier großen Konzerne. Immer wieder kritisiert wird auch der Einfluss der großen Energiekonzerne auf die Bundesregierung (Lobby, auch indirekt über große Kanzleien, die für beide arbeiten). Das größte Atomprogramm der Welt leistet sich China. Die europäischen Kraftwerksbauer verdienen kräftig mit (Areva, Siemens). SPD, Grüne, einige Bundesländer und Greenpeace klagen vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Verlängerung der Laufzeiten. Das schwere Erdbeben in Japan 2011 mit der massiven Schädigung zweier Atomkraftwerke löst eine neue Diskussion über die Sicherheit aus. Die japanischen Atommeiler sind außer Kontrolle geraten. Die Natur wird stark verstrahlt. In Deutschland gibt es ein Moratorium von drei Monaten für die Laufzeitverlängerung, was zu einer vorläufigen Abschaltung von sieben alten Reaktoren führt. Die Reaktorsicherheitskommission überprüft. Ergebnis sind Sicherheitsmängel, insbesondere gegen Flugzeugabstürze (damit stehen die älteren Meiler vor dem aus). Die Energiekonzerne stoppen ihre Zahlungen in den Öko-Fonds. Die Bundesregierung beruft weiterhin eine Kommission zu ethischen Fragen der Atomkraft (Tendenz ist, Atomkraft noch 10 Jahre bis 2021, Gaskraftwerke sollen die Lücke schließen). So lautet auch die Empfehlung, in 10 Jahren den Ausstieg zu schaffen (bis 2022). Dieser Empfehlung folgt die Bundesregierung. In der EU werden alle Atomkraftwerke einem einheitlichen Sicherheits-Check unterzogen (freiwillig?). Es gibt Versuche, die Kriterien zu entschärfen. Eon, RWE, EnBw und Vattenfall können Zusatzgewinne von ca. 12,3 Mrd. € erwarten (Nettogewinn: Bruttogewinn 25,5 - Brennelementsteuer und freiwillige Abgaben). Quelle: Der Spiegel, Nr.37, 13.9.10, S. 77. "35 japanische Kernkraftwerke funktionieren ja noch", Jürgen Großmann, RWE-Chef, nach der Katastrophe in Japan.
Atomunfälle: Der erste Unfall findet 1957 im britischen Windscale statt (Brand, radioaktive Wolke). 1973 folgt eine Explosion in der Wiederaufarbeitungsanlage Windscale. 1977 wird das Atomkraftwerk Grundremmingen in Bayern verseucht (Kurzschlüsse in Hochspannungsleitungen). 1979 kommt es zu einer Kernschmelze in Harrisburg/ USA. 1986 findet die bisher größten Katastrophe in Tschernobyl statt. Der neue Sarkophag ab 2011 kostet 550 Mio. € und wird von der ganzen Welt finanziert. 1999 folgt eine Kettenreaktion im Brennelementewerk Tokaimura in Japan. 2011 sind vier Reaktoren des Kernkraftwerks Fukushimi Daiichi betroffen. Es wurde 1971 in Betrieb genommen. Explosionen und Feuer nach einem Erdbeben und Tsunami setzen radioaktives Cäsium, Strontium, Plutonium und Jod frei (Störfall 7). In Japan handelt es sich um Siedewasserreaktoren. Durch die Kernspaltung erzeugen Brennelemente Wärme, die das umgebende Wasser erhitzt. Der entstehende Wasserdampf wird auf Turbinen geleitet, die Strom erzeugen (Stromgenerator). Der heiße, radioaktive Dampf wird im Kondensator abgekühlt und in den Reaktor zurückgeleitet. Die Kühlwasserpumpen werden elektrisch betrieben, im Notfall von Dieselaggregaten. Das Kühlwasser wird einem Fluss oder dem Meer entnommen. Die Steuerstäbe zur Schnellabschaltung im Notfall entfalten neutronenabsorbierendes Material. Bei einer Kernschmelze tritt eine atomare Kettenreaktion ein, die hochradioaktives Material in die Umwelt freigibt. Brennelemente, die aus Bündeln von Brennstäben bestehen, fangen bei über 1000 Grad Celsius an zu schmelzen und troffen auf den Boden. Noch im November 2011 treten Xenon und Xenon 133 aus, was auf neue atomare Reaktionen hindeutet. Bei der Information über die Sicherheit der Atomkraftwerke und bei dem nicht geschlossenen Entsorgungskreislauf hat es immer wieder eine Menge Lügen gegeben, so dass auch Unfälle im Prinzip intransparent sind. Technik und Personal sind veraltert. Belastungs- und Grenzwerte für Lebensmittel werden in Bequerel (Bq) angegeben. In Deutschland gilt für Lebensmittel ein Grenzwert von 600 Bq. Die biologische Wirkung der Strahlung für den Körper wird in Sievert (Sv) ausgedrückt. Grenzwerte sind hier unterschiedlich gesetzt (in Japan ständig hochgeschraubt, weshalb der Atomberater der Regierung zurücktritt). Die Ruinen der sechs Atommeiler bergen große Risiken. Gekühlt wird weiterhin mit Wasser, aber es gibt jede Menge Lecks. Jederzeit könnte ein neues Erdbeben in der Nähe ausbrechen. In Deutschland wird 2011 ein "Stresstest" (Risikoanalyse) der Atomkraftwerke durchgeführt. 100 Wissenschaftler sollen in 6 Wochen die größtmöglichen Katastrophen durchspielen. "Atomkraftwerke sind der intelligente Versuch, Kriege durch Massenselbstmorde zu ersetzen", Werner Schneyder.
Atomausstieg: in Deutschland bis 2022. 2015, 2017 und 2019 sowie 2021 und 2022. Ursprünglich mit "Stand-by-Lösung" für den Notfall (wurde nach Veto der Bundesländer fallen gelassen). Offen bleibt, wie der Strompreis steigt und wo endgelagert wird. Es findet in Deutschland eine Endlagersuche statt. Salzstöcke, Granit- und Tonschichten sind möglich. Experten sehen Salzstöcke als am besten geeignet an, weil sie am schnellsten umschließen. Die Abhängigkeit, insbesondere von Gas, könnte steigen. Es wird auch schwieriger, die Klimaziele zu erreichen. Offen ist die Verteilung der Ausstiegskosten. Am 30.06.11 beschließt der Deutsche Bundestag den Atomausstieg. Die USA ändern ihre Energiepolitik nicht nach dem Fukushima-Atomunglück. Zwei neue AKW werden 2012 genehmigt. Großbritannien, Frankreich, Tschechien und Polen wollen sogar Subventionen für Atomkraftwerke. Evtl. soll dies über garantierte Abnahmepreise erfolgen (in der EU eigentlich nur für alternative Energie vorgesehen). Im mittleren Westen der USA ist Atomausstieg ein Fremdwort. Im einstigen Land der Sioux-Indianer expandiert der Uranbergbau. Hunderte von Minen (alte und neue) stellen eine radioaktive Zeitbombe dar. Das Wasser ist vergiftet, die Strahlendosis bis zu achtmal höher als in Fukushima. "Das Kapitel ist für uns abgeschlossen", Peter Löscher, Siemens-Chef, zum Ausstieg aus der Atomtechnik im September 2011.
Erneuerbare Energien (der Begriff Energie kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Arbeit verrichten): Windkraft, Wasserkraft, Solarenergie, Biomasse (siehe oben), Holz, Geothermie (erneuern sich rasch und natürlich). In Deutschland beträgt ihr Anteil 2011 17% (Ziel: bis 2020 30%). 2010 lag der Anteil bei 16,8%. (davon: Windkraft 35,9; Biomasse 33; Wasserkraft 19,4; Fotovoltaik 11,8). Die Erweiterung dieser Energien ist nicht unproblematisch im Hinblick auf die Bevölkerungsentwicklung: Die Verdauung der Rinder heizt das Weltklima an und die zurückgehende Anbaufläche für Nahrungsmittel fehlt für die Ernährung der stark wachsenden Erdbevölkerung. Das Wasser ist weltweit sowieso schon knapp (1 Mrd. Menschen ohne sauberes Trinkwasser). Durch die höhere Durchschnittstemperatur der Erde verdunstet auch mehr Wasser und es besteht die Gefahr in Küstenregionen, dass Salzwasser einströmt. In Europa hat Österreich den höchsten Anteil an erneuerbaren Energien mit 62%, gefolgt von Schweden mit 55,5%. Erneuerbare bzw. alternative Energien werden auch oft als Backstop-Technologien bezeichnet. Weil fossile Energieträger (Öl, Gas, Kohle) zu viel CO2 produzieren und endlich sind, sollen sie durch erneuerbare Energien ersetzt werden. Die dabei anfallenden Kosten übersteigen im Allgemeinen die Kosten fossiler Energieträger, so dass staatliche Förderprogramme her müssen. Die Kosten für die erneuerbaren Energien regelt in Deutschland das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Danach werden die Kosten in den nächsten Jahren steigen, was die Akzeptanz verringern kann. Die Förderung des Solarstroms wird nach und nach zurückgefahren. Eine Reihe deutscher Großkonzerne (Eon, RWE, Siemens, Münchener Rück) plant 2009, Solarstrom in der Sahara zu erzeugen (Solarthermisches Kraftwerk, Volumen des Projektes 400 Mrd. €, Desertec). Im Bereich der erneuerbaren Energie hat Deutschland einen globalen Vorsprung. Die deutschen Weltmarktanteile liegen bei etwa: 90% Biogas, 35% Wasserkraft, 25% Windkraft, 23% Solarthermie, 21% Photovoltaik, 15% Pelletheizungen. Auf europäischer Ebene der EU wären mehr Investitionen notwendig (70 Mrd. € jährlich statt 35 Mrd. €). Dazu müssten auch die nationalen Fördersysteme der EU-27 reformiert und koordiniert werden. Die EU will bis 2020 den Anteil von 2007 von 6,5% auf 20% steigern. Weitere Beschlüsse im März 2007 sind: Klimaschutz (Reduzierung der Treibhausgase bis 2020 um mindestens 20%), Energieeffizienz (Energieverbrauch bis 2020 um ein Fünftel senken), Kernenergie (Landesautonomie), Wettbewerb auf dem Energiesektor, Versorgungssicherheit.
Erneuerbare und Wirtschaft: Hier geht es um zwei Aspekte. 1. um die Wirtschaftlichkeit: bleiben die Erneuerbaren immer von Subventionen abhängig? 2. um die Arbeitsplatzeffekte der Erneuerbaren: Wie viel neue Jobs entstehen? Zu 1 ist relevant, wie die Kostenstruktur aussieht (unter Berücksichtigung der externen Kosten und der Zeitleiste), wie kann man Investitionssicherheit gewährleisten und wie sind die Preise. "Wind, Sonne und Wasser schicken keine Rechnung", David McAllister, Ministerpräsident Niedersachsen.
Die dänische Insel Samsö gilt als Ökotopia, weil sie mit Windrädern, Solaranlagen, Strohbrennern und Milch-Wärmetauschern mehr Energie erzeugt als sie braucht. Sie wird auf dem Weltklimagipfel in Kopenhagen als Vorbild aufgebaut. "This is the way the world ends. Not with a bang but a whimper", T. S. Eliot. Weitere Projekte, die weltbekannt sind, sind die folgenden: Masdar City in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Hier werden eine Reihe von Technologien (Geothermie, Müll, Solarthermische Kraftwerke u. a.) gekoppelt. Allerdings steckt das Projekt 2011 in der Krise (Baumängel, Technik streikt). Desertec in der Sahara., wo Strom produziert werden soll.
Wasserkraftkleinkraftwerke: Früher deckten Wasserräder einen großen Bedarf an Strom in Deutschland ab. Vor allem galt dies für Süddeutschland im Mühlen- und Handwerksbereich. Heute können solche Kraftwerke aufgrund des technischen Fortschritts sehr effizient gestaltet werden. Wegen der hohen technischen Reife liegen die Erzeugerkosten heute schon auf dem Niveau fossiler Kraftwerke. Sie könnten eine große Rolle bei einer dezentralen Energieversorgung spielen.
Wasserstoff: Wasserstoff wird in einer Brennstoffzelle in Strom umgewandelt. Im Auto treibt dieser dann einen Elektromotor an. Hiermit können große Distanzen zurückgelegt werden.
Dezentrale Energieversorgung: Bei einer dezentralen Energieversorgung der Haushalte sind beide wichtig. Die Geothermie ist umstritten, weil sie Erdbeben auslösen kann, wobei der Zusammenhang schwierig zu messen ist (z. B. Geothermiekraftwerk Landau; Geoenergy). Biogasanlagen werden in der Regel von Landwirten betrieben, die auch Alternativen zur Milchwirtschaft brauchen (Abgabe von Nahwärme). Auch diese Energiegewinnung hat oft nicht die nötige Akzeptanz (Geruch, Geräusche u. a.). Biogas entsteht grundsätzlich durch Vergärung organischen Materials. Der dezentralen Energiegewinnung trotzdem gehört eindeutig die Zukunft in Deutschland, unterstützt durch transnationale Energieversorgung, fast ausschließlich aus erneuerbaren Quellen. Vgl. Scheer, Hermann: Der Energethische Imperativ, München 2010. Bei der dezentralen Versorgung spielen Wärmepumpen (auch Kraft-Wärmepumpen) eine immer größere Rolle. Sie können heizen und kühlen. Sie können mit einer Photovoltaikanlage gekoppelt werden. Mittlerweile gibt es Photovoltaikanlagen für den Eigenbau für ca. 700 €. Der große Vorteil einer dezentralen Versorgung ist auch der Verzicht auf Hochspannungsleitungen. Ein wichtiges Problem dabei ist die Speicherung. Mittlerweile lässt sich erneuerbare Energie wie Wind und Sonne in Methangas umwandeln (Pilotanlage in Morbach/ Hunsrück). Der Energieversorger Eon plant 2011 den Bau von 360 Block-Heizkraftwerken, die Energie direkt vor Ort für Mehrfamilienhäuser erzeugen sollen. Als Vorreiter in Deutschland gilt der Ort Feldstein in Brandenburg. Windräder, Biogasanlage und eigenes Netz locken auch viele Besucher aus Japan an.
Biogas: Es entsteht bei der Vergärung von organischer Substanz unter Luftausschluss. Es besteht vor allem aus Kohlendioxid, Wasserdampf und Methan. Je höher der Methangehalt, desto höher der Brennwert.
Geothermie: Man kann oberflächennahe und Tiefen - Geothermie unterscheiden. Erstere wird in der Regel mit Wärmepumpen weitergegeben. Wichtiges Kriterium ist die Effizienz. Bohrungen sind mit Risiko behaftet. Bei der Tiefen - Geothermie ist Island Vorreiter, sehr weit ist auch die USA. Es gibt auch immer mehr Geothermiekraftwerke. Sie produzieren rund um die Uhr. die Technik muss noch in großen Anlagen erprobt werden.
Solarstrom (von Latein Sol Sonne oder Solaris zur Sonne gehörig): Photovoltaik, bei der durch ein physikalisch-chemisches Verfahren Strom durch Halbleitermodule, z. B. auf Dächern, erzeugt wird. Es geht auch über Solarkollektoren, wo Rohrsysteme durch die Erwärmung von Wasser Sonnenenergie absorbieren. Es gibt auch mittlerweile Solarkraftwerke (CSP), in denen Sonnenstrahlen durch Spiegel konzentriert und damit Dampf produziert wird, mit dem eine Turbine angetrieben wird. Intensiv geforscht wird an Materialien, die tagsüber Wärme speichern, um sie nachts den Solarkraftwerken zur Verfügung zu stellen (z. B. Betonspeicher und Spezialsalztank). Deutschland führt bei den weltweiten Solar-Forschungskapazitäten (ca. 80%). 7,5 Gigawatt beträgt die gesamte maximale Leistung aller Fotovoltaikanlagen, die 2011 in Deutschland installiert wurden. 56% der Ökostrom-Subventionen entfallen auf Solarstrom. die größten Solarzellenhersteller weltweit sind Suntech Power (China), JA Solar (China) und First Solar (USA). 2012 kürzt die Bundesregierung die Subventionen für Solarstrom. Die auf zwanzig Jahre garantierte Vergütung für Solarstrom soll schon ab März um 15% gekürzt werden. Zusätzlich greift eine Kappung für anlagen bis zehn Kilowatt Leistung von rund 5%. Solar-Kraftwerke über zehn Megawatt erhalten keine Hilfe mehr. Im ehemaligen Braunkohlerevier in der Lausitz rund um das Dorf Meuro entsteht einer der größten deutschen Solarparks (152 ha, Solarmodule aus China).
Windkraft: Kurz- und mittelfristig bietet die Windkraft in Deutschland das wirtschaftlichste Potential (schon 100 n. Chr. gab es erste Windräder). Es werden auch "Offshore" - Windparks (als Rotoren im Meer) eine wichtige Rolle spielen. Es wird Windenergiegürtel im Nordseeraum geben. Um das Auf und Ab auszugleichen braucht man vorübergehend Sicherungskraftwerke (Gaskraftwerke?). Bis 2030 sollen 40 Offshore-Windparks in der Nord- und Ostsee entstehen. 2011 wird mit dem Bau des ersten CO2-freien Speichers in Grapzow in Mecklenburg-Vorpommern begonnen. Durch eine Elektrolyse entsteht Wasserstoff, der in Tanks gespeichert wird. Der erste Windpark vor der deutschen Ostseeküste, Baltic 1, ist 2011 in Betrieb gegangen.
Zahlungsströme für erneuerbare Energien: Bayern, Niedersachsen und Schleswig- Holstein profitieren am stärksten vom Ausbau erneuerbarer Energien. Diese Länder speisen überdurchschnittlich viel Strom aus Sonne und Wind ins Netz. Größter Verlierer ist Nordrhein-Westfalen.
Stromnetz: Das alte Konzept der Stromversorgung ist nicht mehr tauglich. Netzmodernisierungen sind überall in der Welt notwendig, vor allem in den USA und Kanada. Die notwendigen Technologien zum Aufbau eines Supernetzes sind verfügbar. In Deutschland gibt es vier große Stromkonzerne: E.On, RWE, Vattenfall und EnBW. Letzterer ist 2010 wieder mehrheitlich in Staatshand von B.-W. Die vier großen Energieversorger liefern laut Greenpeace nur 0,5% ihrer Energie aus alternativen Energiequellen. Daneben gibt es eine Reihe großer Stadtwerke (Thüga u. a.). Den Netzausbau beherrschen Siemens und ABB. Das Bundeskartellamt konnte in einer breit angelegten Untersuchung den Stromproduzenten 2011 kein Fehlverhalten nachweisen. Es bringt aber auch zum Ausdruck, dass es dem Markt nicht traut. Eine Markttransparenzstelle soll im Stromgroßhandel eingerichtet werden, die beim Bundeskartellamt angesiedelt ist. Wie notwendig dies ist, zeigt sich im Januar 2012 als das Stromnetz mehrfach vor dem Kollaps steht, weil Fehlkalkulationen professioneller Stromhändler dies herbeigeführt haben. Ohne neue Stromleitungen in Deutschland bekommen auch die erneuerbaren Energien Probleme. Tausende von Kilometer fehlen (ca. 4500 km neue Hochleitungsleitungen werden benötigt). Freileitungen sind nicht schön für das Landschaftsbild, Erdkabel sind doppelt so teuer. Da die Windenergie überwiegend in Norddeutschland erzeugt wird, eher im Süden aber gebraucht wird, regt sich Widerstand gegen Hochspannungstrassen und breite Gräben für Erdleitungen. Die EU will 2011 den Energiemarkt bis 2014 einen und beschließt Milliarden-Investitionen für den Bau neuer Strom- und Gasleitungen. Die Bundesnetzagentur will mit neuen Stromleitungen gleich auch Rohre für Glasfaser verlegen (vom Verbraucher vorfinanziert). Wichtig sind auch Intelligente Stromnetze. Sie gleichen Angebot und Nachfrage über variable Tarife aus. Ökostromanbieter in Deutschland sind EWS Schönau, Greenpeace Energy, Lichtblick und Naturstrom.
Ökostrom: In Deutschland verkaufter Ökostrom stammt meist aus österreichischen oder skandinavischen Wasserkraftwerken. Einer der größten Anbieter ist Naturstrom. Weitere Anbieter des grünen Stroms sind in Deutschland Lichtblick und Greenpeace Energy. Der Anstieg der Strompreise ist teilweise auch auf Subventionen von Solarstrom zurückzuführen. Trotzdem müssten erneuerbare Energien bevorzugt ins Netz eingespeist werden, um eine Energiewende herbeizuführen. Leider führt die Legitimation über den Ökostrom immer wieder zu fragwürdigen Strompreiserhöhungen. Das Statistische Bundesamt berechnet den Durchschnittserlös pro Nutzergruppe. Der Durchschnittserlös berücksichtigt den Energiepreis (Arbeits- und Leistungspreis sowie Nutzungsentgelte), die Stromsteuer sowie die staatlich festgelegten Abgaben nach den Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und dem Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz, nicht aber die Mehrwertsteuer. Dies schafft Transparenz in der Strompreisbildung. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen hat in einer Modellrechnung festgestellt, dass Deutschland sich Mitte des Jahrhunderts vollständig mit grünem Strom versorgen kann. Zwischen 2030 und 2040 wird die grüne Versorgungsvariante billiger als die konventionelle. Die Produktionskosten für Strom aus Wind und Sonne werden sich konventionellen Quellen nach und nach angleichen. Die Kürzungen der Einspeisevergütungen sollten sich nach dem technischen Fortschritt richten. 2010 wird die Nationale Plattform Mobilität von der Bundesregierung ins Leben gerufen. Es geht um Fahrzeuge, erneuerbare Ressourcen und Infrastruktur.
Energieschwankungen und Ausgleich: Hier liegt viel Entwicklungspotential. Stromspeicher (Seen), neue Batterietechnologien, Umwandlungen (in Wasserstoff) und Pumpspeicherkraftwerke können eine Lösung sein. Pumpspeicherkraftwerke speichern elektrische Energie durch Hochpumpen von Wasser. Wird Strom benötigt, lässt man das Wasser bergab fließen und erzeugt durch Turbinen und Generatoren Strom. Das größte Pumpspeicherkraftwerk in Deutschland soll im Hotzenwald im Südschwarzwald entstehen. Noch in der Testphase sind magnetische Energiespeicher (Energiefeld, permanente extreme Kühlung). Smart Grid: englische Begriff für ein intelligentes Stromnetz. Es erfasst Verbrauchsspitzen und steuert die Einspeisung und Verteilung der Energie. Die Steuerung des Stromflusses wird umso wichtiger, je mehr kleine, dezentrale Erzeugungsanlagen Strom ins Netz einspeisen.
Energiepolitik: Deutschlands fünf wichtigste Lieferländer für Gas: Russland (41%), Norwegen (29%), die Niederlande (24), Großbritannien und Dänemark. Die wichtigsten Lieferländer für Öl: Russland (34%), Norwegen (17), Großbritannien (12, Libyen (11), Kasachstan (7), Saudi-Arabien u. a. (3). Beim Erdöl und Erdgas spielen die Vorräte im Meer (z. B. vor der US-Ostküste), im Eis (z. B. Grönland) und im Wüstensand (z. B. China) eine große Rolle, deren Abbau mit steigenden Preisen immer rentabler wird. Die Versorgung muss weiterhin auf eine möglichst breite Basis gestellt werden. Am besten wäre es, die Besteuerung auf den Endverbrauch (Pigou!) zu erhöhen, damit die realen Energiekosten steigen und Innovationen angestoßen werden. Beim Ausbau internationaler Verträge muss die EU gemeinsam auftreten. Zunehmend bedrohen Kriege und Terroranschläge das internationale Netz der Öl- und Gas- Pipelines. Im Herbst 2011 wird die erste Pipeline von Russland durch die Ostsee nach Deutschland fertig (Nord-Stream-Pipeline, Erdgas). "Wenn wir es schaffen, den Verbrauch um ein Drittel zurückzuschrauben, könnten wir damit ein bis zu 50 Jahren längeres Ölzeitalter einkaufen", Matthew Simmons, US-Rohstoffexperte.
Industriepolitik mit Energiekonsens: Nach der Atomkatastrophe in Japan brauchen wir eine Neuorientierung der Energiepolitik. Noch 10 bis 15 Jahre wird es nicht ganz ohne fossile Kraftwerke gehen. Evtl. muss kurze Zeit die Stein- und Braunkohle ausgebaut werden (Problem: wegen CO2 müssen die Emissionen unter der Erde gelagert werden). Das Gesetz zur Speicherung von CO2 unterirdisch fällt jedoch durch. Daneben müssen wir uns Gedanken machen über Windparks in Nord- und Ostsee, Gezeitenkraftwerke und Energiespeicheranlagen. Norwegens Bergseen könnten die Batterie Europas werden. Die Zukunft gehört aber der dezentralen Energieversorgung. Wasserkleinkraftwerke, Wärmepumpen, Minisolaranlagen, Biomasseanlagen u. a. müssen ausgebaut werden. Trotzdem brauchen wir auch neue Netze, zumindest für die Industrie und in Städten. Es müssen zusätzlich Kraftwerke aus erneuerbaren Energieträgern (Geothermie, Wasserkraft, Bioenergie, Fotovoltaik, Windenergie) entstehen. Das größte Solarkraftwerk der Welt steht in Spanien, die größte Windenergieanlage ist in der Wüste Gobi in China.
Energiemix in Deutschland: 2010 sieht die Verteilung des Primärenergieverbrauchs wie folgt aus: Gesamtverbrauch in Mio. t SKE 243,3 Mineralöl 76,3, Erdgas 58,9, Steinkohle 32,2, Braunkohle 25,9, Kernenergie 25,6, Erneuerbare Energien 21,4. 2050 sollen 50% durch erneuerbare Energien gedeckt werden (Windkraft 9, Biomasse 31, Sonstige 10). Braun- und Steinkohle sollen dann noch 7% decken, Erdgas 16%, Mineralöl 20%. 2020 sollen die Erneuerbaren Energien einen Anteil von 65,6% haben, die Fossilen Energieträger 34,4%, die Kernenergie 0% (2010: 21,7%). 2011 nach der Naturkatastrophe in Japan leitet die Bundesregierung eine Energiewende ein: Förderprogramm für erneuerbare Energien (KfW), Ausbau von Netzen und Speichern, bessere Energieeffizienz von Produkten, flexible Kraftwerke. Vgl. auch McEwan, Solar (zusätzlich als Satire über den Wissenschaftsbetrieb).
Energiewirtschaftsgesetz: Verpflichtung für alle Netzbetreiber, ihre Netze (Natürliche Monopole) diskriminierungsfrei allen Kunden gegen ein angemessenes Entgelt zur Verfügung zu stellen. Nationale Umsetzung von EU-Gemeinschaftsrecht.
Energiesteuer: Indirekte Steuer und Verbrauchsteuer auf Kraft- und Heizstoff. Teil der ökologischen Steuerreform. Bekannt sind die Stromsteuer und die Energiesteuer (früher Mineralölsteuer) auf Benzin, Diesel, Flüssiggas und Erdgas. "Die Vereinigten Staaten borgen sich nach wie vor Geld von China, um Öl vom Persischen Golf zu kaufen und es auf eine Weise zu verbrennen, die den Planeten zerstört", Al Gore: Wir haben die Wahl, München 2009, S. 23.
Energieintensive Unternehmen und Steuervergünstigungen: Bei vielen Energiesteuern (z. B. bei der Stromsteuer) haben energieintensive Betriebe Vergünstigungen. Dies kann auch zu Mitnahmeeffekten führen. Deshalb ist ein Abbau geplant. Dies könnte aber die Wettbewerbsfähigkeit bedrohen. Insbesondere kleinere Unternehmen wären betroffen. Bei der Öko-Steuer versucht man Lösungen zu finden, die KMU nicht benachteiligen.
Energiemanagement im Unternehmen: Hier werden die betriebswirtschaftlichen Funktionen Facility Management, Logistik, Energiebeschaffung, PPS (Produktions-Planung und -Steuerung), Produktion, Instandhaltung und Informationstechnologie verbunden. Vgl. Kals, J.: Betriebliches Energiemanagement, Stuttgart 2010, S. 72ff.
Energiekonzept: In Deutschland ist kein Konsens zu erzielen. Die Berechnungen von Bedarf und Effizienz zwischen alternativen und traditionellen Energien sind höchst umstritten. Noch unklarer sind die Einschätzung der Risiken und die Auswirkung der Kosten auf bestimmte energieintensive Industrien (Aluminium, Zink). Wir brauchen auch ein neues Mobilitätskonzept, man kann Benzinautos nicht einfach durch Elektroautos ersetzen. Der Plan der Bundesregierung sieht vor, ab 2050 80% mit Ökostrom zu versorgen. Das größte Potential liegt in der Energieeffizienz. Um 80% soll bis 2050 der Primärenergiebedarf von Altbauten verringert werden. Der Nullemissionsstand für alle Wohngebäude im Jahre 2050 würde Gesamtkosten in Höhe von 2 bis 2,4 Billionen € verursachen. Allerdings würde eine solche Zwangssanierung die Grundsätze der Wirtschaftlichkeit und sozialen Ausgewogenheit verletzen.
Gebäude und Energie: Mit erneuerbaren Energien kann man Heizkosten sparen, wenn mehrere Technologien kombiniert werden. Zu nennen wären z. B. die Erdwärmepumpe, Holzpelletskessel, Solarkollektoren. Das Plusenergiehaus (Passivhaus) ist auch eine Möglichkeit (mit Nutzung von Sonneneinstrahlung).
Dritte industrielle Revolution: Gemeint ist die Verbindung von erneuerbaren Energien, neuer Mobilität und Speichertechniken zusammen mit dem Internet. Vgl. J. Rifkin: Die dritte industrielle Revolution, Frankfurt (Campus) 2011.
Energiewende: nach dem Atomausstieg relevant. Die Stromversorgung muss gesichert werden. Das Stromnetz muss ausgebaut werden. Gaskraftwerke dürften Vorrang bekommen. Die Frage ist, ob Abstriche beim Klimaschutz gemacht werden müssen. Neue Gas-Pipelines und neue Kraftwerke müssen gebaut werden. Windstrom sollte besser kontrolliert und geregelt werden.
Klima (Klimawandel)
Fossiles Zeitalter: Das fossile Zeitalter der Menschheit beginnt ca. 1820 n. Chr., also vor etwa 200 Jahren. Ab dieser Zeit setzen die Menschen fossile Energieträger in der Industrie ein. Die Verbrennung dieser Stoffe führt zu einem drastisch erhöhten Ausstoß von CO2, was das Klima auf der Welt verändert. Die aktuellen Auswirkungen zeigen sich seit rund 20 Jahren. Pro Kopf müsste der Stromverbrauch erheblich gesenkt werden, von jetzt 6000 Kilowatt auf 2000 (die Schweiz scheint am weitesten zu sein). Das fossil-nukleare Betriebssystem dürfte aber keine Zukunft mehr haben. "Grüne" Investitionen würden das Wachstum und den Wohlstandszuwachs nur leicht verzögern. Die Industriegesellschaft stößt aber auch an ihre Grenzen, denn Wachstum braucht Energie. Die Gewinnung der Energie zerstört den Planeten. Allein bis 2035 dürfte der weltweite Energieverbrauch um 50% ansteigen (US-Energieministerium).
Klimafolgenökonomie: Der Klimawandel führt zur Erderwärmung. Die Menschen stoßen immer mehr an die Grenzen ihrer Anpassungsfähigkeit. Neue Technologien und neue Verhaltensweisen sind erforderlich. Die betriebswirtschaftlichen, gesamtwirtschaftlichen und globalen Folgen müssen geschlossen ökonomisch analysiert werden. Dies sollte eine Klimafolgenökonomie leisten. Die weltweit wichtigsten Akteure müssen strategisch zusammenspielen. Am wichtigsten ist eine Anpassungsstrategie. Eine der schwersten Folgen ist der Anstieg des Meeresspiegels. Bis 2100 könnte dieser um 75 bis 190 Zentimeter höher liegen als 2010. Wichtige Eiswelten und Gletscher schmelzen. Dies ist z. B. so im Tianshan-Gebirge in Zentralasien. Länder wie Bangladesch werden seit langem immer wieder von Überschwemmungen heimgesucht. Durch künstlich erzeugte Wolken oder durch Schwefelimpfungen in der Atmosphäre wollen Forscher die Erderwärmung stoppen. Die Frage ist, wer für die Folgen des Geo-Engineering haftet. Ursprung ist die Silberjodid-Dusche gegen Hagel vor über Hundert Jahren. Diese wird auch heute noch in Russland, China und Deutschland eingesetzt (bei uns im Weinbau).
Klimaschutz: Der Mensch ist Verursacher des Klimawandels. Die erhöhten Temperaturen sind vor allem für bestimmte Regionen kritisch (besonders die armen Länder (Sahel-Zone) leiden, die an der Landwirtschaft hängen; die Malediven z. B. drohen unterzugehen, 2009 findet aus Protest eine Kabinettsitzung unter Wasser statt). Der Kohlendioxid - Ausstoß muss drastisch gesenkt werden. Als Weg dazu haben sich Emissionsrechte durchgesetzt. Insgesamt sind die Kosten der Reduzierung sehr hoch. Die EU gilt als Antreiber, China und USA sind "Wackelkandidaten". Japan will umschwenken zu den Antreibern. Die multinationalen Konzerne wollen längerfristige Investitionssicherheit und vergleichbare Chancen. Die Bundesregierung hat noch keinen Klimabeauftragten. "Immer mehr Güter zu produzieren und konsumieren, das ist auf Dauer nicht möglich auf einem begrenzten Planeten", Hans J. Schellnhuber, Klimaforscher.
Klimawandel: Folgen sind Überschwemmungen, Wüstenbildung mit Dürren, extreme Wetterlagen, Wirbelstürme, Umkehr der Meeresströmungen im Pazifik (ozeanische Zirkulation), Erdbeben, Erdrutsche und Schmelzen der arktischen Polkappe und des Permafrostbodens, Abnahme der Ozonschicht über der Arktis. Der Klimawandel führt vor allem zu einer Veränderung der Häufigkeit, Intensität, Ausdehnung, Dauer und Zeitpunkt des Auftretens extremen Wetters (Hitzewellen, Überschwemmungen, Dürre, Sturm). Von den Menschen sind in erster Linie die in Entwicklungsländern betroffen. Zum Beispiel ist als größtes Land Indien besonders betroffen, das auf eine Wasserkatastrophe zusteuert, bei der sich Dürre und schwere Überschwemmungen ablösen (Ernteausfälle). Auch die Prognosen für Ägypten sind düster, befürchtet wird eine Überschwemmung und Versalzung des Nildeltas durch das Mittelmeer. Rund 90% der Todesopfer bei Naturkatastrophen stammen aus armen Ländern. Über 66 Prozent (2/3) Treibhausgasausstoß, der Hauptverursacher, geht auf die Länder China, USA, EU-25, Russland, Indien und Japan zurück. 2010 wurde soviel Klimagas ausgestoßen wie noch nie. Auch der Anstieg war sehr hoch (564 Mio. t CO2 mehr als 2009, +6%). Die reicheren Länder haben ihren Wohlstand auf Kosten des Klimas ausgebaut, jetzt sollten sie den ärmeren Ländern bei der Anpassung helfen. Als einer der ersten Volkswirte hat sich der Amerikaner William Nordhaus mit dem Klimawandel beschäftigt. 1965 warnten Forscher in den USA erstmals Präsident Johnson vor den Folgen der Erderwärmung. Der Klimawandel zwingt uns, global zu denken. Dies ist positiv. Ziel muss sein, die gesamte Produktion klimaneutral zu gestalten und dafür eine neue Kultur aufzubauen. Insgesamt 200 Mio. Menschen werden bis 2050 wegen des Klimawandels umziehen müssen. 325 Mio. Menschen sind jährlich betroffen. Die wirtschaftlichen Folgekosten werden auf 90 Mrd. € geschätzt. In Rheinland-Pfalz viel der klimagedingte Temperaturanstieg nach dem Saarland am stärksten aus (nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes in den vergangenen 130 Jahren um 1,33 Grad). Dies geschah hauptsächlich durch eine Veränderung der Hauptwindsysteme (von der Westwindzone nordwärts).
Während in der Vergangenheit eher die Vermeidung des Klimawandels im Vordergrund stand rückt in jüngster Zeit die Anpassung an die Folgen verstärkt in den Mittelpunkt. Bestimmte Klimafolgen gelten als unvermeidlich und wirken sich auf Regionen und Wirtschaftszweige aus. Das wissen über Klimaänderung hat zugenommen, so dass Modelle für die Kostenschätzung der Anpassungsmaßnahmen entwickelt werden können. Vgl. Schulze, Sven: Anpassung an den Klimawandel von zunehmender Bedeutung, in: Wirtschaftsdienst, 2/2010, S. 125-131. Der Earth Song von Michael Jackson von 1995 ist einer der berühmtesten Umweltballaden. In dem Film "That´s it" von 2009 ist der Song in ein interessantes Video eingebunden.
Betroffenheit von Unternehmen und Kommunen durch den Klimawandel: Man unterscheidet natürlich-physikalische Betroffenheit, regulatorische Betroffenheit und marktliche Betroffenheit. Die strategischen Reaktionen sind Anpassung und Klimaschutz. Vgl. Chrischilles, E./ Mahammadzadeh, M.: Betroffenheit von Unternehmen und Kommunen durch den Klimawandel und Handlungsoptionen, in: Wirtschaftsdienst 2011/ 4, S. 258ff.
Klimakriege: Der Klimawandel führt zu Konflikten, vor allem in den ärmeren Gegenden der Welt. Vieles spricht dafür, das die Kämpfe des 21. Jahrhunderts um Raum, Wasser und Nahrung geführt werden. Seit dem Hurrikan "Katrina" in den USA beschäftigt man sich auch mit den Klimaflüchtlingen. Die Wanderungsbewegungen werden zunehmen. Wenn es um die menschliche Existenz geht, kann es zu radikalen Lösungen kommen. Die Entwicklungsländer werden zunehmend von den Industrieländern unterstützt werden müssen. Vgl. Welzer, Harald: Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird, Frankfurt (Fischer) 2008. "Die Früchte der Erde gehören allen, die Erde selbst niemanden", Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), Discours sur l´inegalite.
Klimakrise: Die Konsumentensouveränität kann die Nachhaltigkeit des Wirtschaftswachstums nicht gewährleisten (hier ist die klassische Theorie Fiktion). Der Strukturwandel muss durch gezielte Investitionen beeinflusst bzw. gelenkt werden. In Deutschland ist er beschäftigungsintensiv erfolgt (mehr neue Arbeitsplätze in Umweltbranchen als Arbeitsplatzverlust durch Umweltschutzinvestitionen). Vgl. Flassbeck, H.: Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts, Frankfurt 2010, S. 89ff. "Every day is Earth Day, if it`s cold or wet or hot. Pitch in (einspringen, sich engagieren, sich beteiligen) to save the planet - it`s the only one we`ve got", A Poem for our Earth (Langenscheidt Englisch-Kalender 2011).
Klimapolitik, aktuelle: Mit Präsident Obama ändert sich die Politik der USA: im Konjunkturpaket sind ca. 60 Mrd. $ klimarelevante Maßnahmen enthalten (neue Technologien, erneuerbare Energien, Energieeffizienzsteigerungen). Weil die LDJ die Wahlen in Japan gewonnen hat, werden die Umweltziele dort auch höher gesteckt. Seit 2004 gibt es eine Renaissance der Kohle, vor allem in China, Indien und den USA. Damit ist die Wachstumsrate für den Kohlendioxid-Ausstoß seit den letzten fünf Jahren so hoch wie seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr. Eine "gute" Klimapolitik müsste die Opportunitätskosten herausarbeiten. Als beste Instrumente gelten handelbare CO2-Emissionsrecht oder eine CO2-Steuer. Insgesamt sind rund 15% der weltweiten Konjunkturpakete 2009 gegen die Wirtschaftskrise ökologische Ausgaben. Denkbar wäre es, die ungewöhnlich hohe Schuldenanhäufung durch zusätzliche ökologische Steuern und Einnahmen aus CO2-Zertifikaten abzutragen. In Deutschland spielt der Klimawandel seit 1987 in der Öffentlichkeit eine Rolle (in diesem Jahr erscheint die Denkschrift "Warnung vor weltweiten Klima- Veränderungen durch den Menschen", danach wurde der Beirat für Umweltfragen eingerichtet). Von 2020 an will die EU jährlich bis zu 15 Mrd. € für den Klimaschutz in armen Ländern geben (3 Mrd. aus Deutschland). "Das Wasser nimmt nicht mehr Platz in einer Schale ein, als es bedarf. So gleicht es der Mäßigung", Konfuzius.
Klima- und energiepolitische Maßnahmen in Deutschland: 1. Erneuerbare Energien: Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz (2009), Gesetz zur Einführung einer Biokraftstoffquote (2007), Gasnetzzugangsverordnung (2005), Gesetz für den Vorrang Erneuerbarer Energien (2000). 2. Energieeffizienz: Gesetz über die umweltgerechte Gestaltung energie-verbrauchsrelevanter Produkte (2011), Reform der Kraftfahrzeugsteuer (2009), Gesetz über den Handel mit Berechtigungen zur Emission von Treibhausgasen (2004), Energiesparverordnung (2002), Gesetz über die Kraft-Wärme-Kopplung (2002), Ökologische Steuerreform (1999).
Grüne Klimafonds: Er wurde auf der Klimakonferenz in Cancun 2010 eingerichtet. 2011 findet der Verhandlungsprozess in den Vereinten Nationen statt. Es sollen sich Staaten beteiligen (eventuell unter einer neutralen Institution), die in den Fonds einzahlen, aus dem zukünftige Investitionen bezahlt werden sollen.
Naturkatastrophen: Als Folge des Klimawandels und der knapper werdenden Energie-Ressourcen häufen sich diese. Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, die Waldbrände in Russland, die Überschwemmung in Pakistan und Australien sind die aktuellsten. Der Schadensersatz für den Golf könnte BP das Genick brechen. Helfen soll ein Zusammengehen mit Rosneft aus Russland. Die Katastrophe macht das Öl noch knapper und könnte auch zu einer neuen Krise führen. Die Versicherungsbranche entwickelt sich zur treibenden Kraft der Vorsorge. Sie versorgen erneuerbare Energien mit Geld und Policen. Am stärksten von Naturkatastrophen, insbesondere Wetterkatastrophen, betroffen sind 2010 Pakistan und China vor Mexiko. 2011 erschüttert eine Flutkatastrophe Australien (Queensland). Diese wird den Weizen- und den Kohlepreis nach oben treiben. In der Nähe von Rio in Brasilien gibt es riesige Erdrutsche mit über 1000 Toten. Dann folgt ein Erdbeben mit Tsunami in Japan (Atomkraftwerke geraten außer Kontrolle). Es ist die teuerste Naturkatastrophe aller Zeiten. Viele Ballungszentren befinden sich auf Erdbebengebiet: Istanbul, Lissabon, San Franzisko, Mexiko City, Neapel, Jakarta. "Wenn die Preise uns vorgaukeln, die Natur sei unendlich, rennen der technische Fortschritt und die Zivilisation in den Abgrund", Ernst Ulrich von Weizsäcker, Umweltforscher.
Messung (Operationalisierung; empirische Quantifizierung)
Umweltbericht der Bundesregierung: Jährlich gibt der Bundesumweltminister einen Umweltbericht heraus. Hier sind alle umweltpolitischen Maßnahmen, auch die internationalen, enthalten. Das Statistische Bundesamt und das Umweltbundesamt veröffentlichen jährlich Berichte über den Zustand der Umwelt in Deutschland. Die Feinstaubbelastung ist 2011 weiter gestiegen.
Schlüsselindikatoren der OECD: Klimawandel, Ozonschicht, Luftqualität, Abfallaufkommen, Süßwasserqualität, Süßwasserressourcen, Waldressourcen, Fischressourcen, Energieressourcen, Biodiversität.
Umweltökonomische Gesamtrechnung (UGR, StBA): Veränderung im Naturvermögen, die durch wirtschaftliche Tätigkeiten ausgelöst werden. Durchführung Statistisches Bundesamt (StBA) als selbständige Rechnung. Drei Schritte: Umweltzustand, Entstehung der Umweltbelastungsströme und Flächennutzungen, Umweltschutzmaßnahmen. Indikatoren zur Umweltbelastung, Indikatoren des Umweltzustandes, Indikatoren des Umweltschutzes. Nicht-monetäre und monetäre Daten, Veränderungen des Umwelt-Kapitalstocks. Die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen verzerren aber weiterhin: In Ländern, die wirtschaftlich stark abhängig sind von Bergbau, Erdöl, Holz und anderen Ressourcen, geht ein Großteil des Konsums auf Kosten künftiger Generationen; vgl. J. Stiglitz, Im freien Fall, München 2010, S. 445.
Input-Output-Analyse: Matrix-Darstellung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen. Dies erlaubt die Analyse der güter- und produktionsmäßigen Verflechtung zwischen einzelnen Produktionsbereichen. Insbesondere können Liefer- und Bezugsverflechtungen durch Zwischenprodukte und Vorleistungen im Unternehmenssektor ausgewiesen werden. Diese Rechung wird vom Statistischen Bundesamt erstellt.
Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC): Es wurde von der Umweltorganisation der UN (UNEP) und der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) 1988 gegründet, um einerseits den wissenschaftlichen Kenntnisstand in der Klimaforschung zu dokumentieren und andererseits die Weltpolitik zu beraten (der 1. Bericht 1990 sprach noch von natürlichen Klimaschwankungen; der 2.Bericht 1995 war Grundlage des Kioto-Protokolls). 2007 erhielt er den Friedensnobelpreis. Der IPCC forscht nicht selbst, sondern trägt vorhandene Daten zusammen, analysiert sie und gibt Empfehlungen, über die verhandelt und abgestimmt wird. Aktueller Weltklima-Bericht am 02.02., 02.03., 03.05., 17.11. 2007, 2500 Wissenschaftler beteiligt; Präsident Rajendra Pachauri: der Mensch steht als Ursache des Klimawandels fest; in den nächsten 30 Jahren steigen die Temperaturen um 0,7 Grad, bis 2100 um 4,0 Grad. Mehr Wirbelstürme, stärkere Niederschläge und weiter schmelzende Eispanzer mit steigendem Meeresspiegel wären die Folgen. Bis 2020 soll die Welternte um 50% zurückgehen. Der Klimawandel sei eine so große Gefahr wie ein Weltkrieg. Ca 8 Jahre bleibt Zeit, gegenzusteuern (würde etwa -0,12 Prozentpunkte jährlich beim Wachstum bedeuten). Die Prognosen sind im Klimahaus Bremerhaven zu sehen. 2010 stellt sich heraus, dass schlampig gearbeitet wurde: die Gletscher im Himalaja werden nicht bis 2035 verschwunden sein. Deshalb richtet die UN 2010 einen Aufpasser ein. "The American way of life is not up for negotiation", George W. Bush auf dem Umweltgipfel in Rio 1992.Die USA zweifeln auch den Weltklimabericht an.
Global Monitoring for Environment and Security (GMES): Ein neues System zur Beobachtung der Erde. Von 2012 an soll es die Klima- und Wetterdaten von rund 25 europäischen Satelliten auswerten. "In tausend Bergen fliegt kein Vogel mehr./ Auf Wegen zugeweht der Menschen Spur./ Allein in seinem Kahn, mit Schilfumhang und Bambushut/ fischt ein Greis in kalter Flut", Liu Zongyan, Tang-Dichter, achtes Jahrhundert.
Global Marshall Plan Initiative: ökosoziale Marktwirtschaft global. Mathematische Denkfiguren, z. B. 15:50:35: 15% beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass die gegenwärtig praktizierte Form des Wirtschaftens in 20 bis 30 Jahren zum Kollaps führt. 50% Wahrscheinlicht sprechen für Brasilianisierung , bei der die reichen Staaten des Nordens zu Lasten der ärmeren Teile der Welt ein öko-diktatorisches Sicherheitsregime führen. 35% Wahrscheinlichkeit sprechen für das Modell einer ökosozialen Marktwirtschaft. 2 hoch 33=8.000.000.000: Jeder Unterstützer schafft pro Jahr bei einer weiteren Person Bewusstsein, so dass in 33 Jahren die gesamte Menschheit das gleiche Ideal teilt. Vgl. auch www.faw-neu-ulm.de ."Was wir nicht haben, ist Zeit", UN-Generalsekretär Ban Ki Moon über den Klimaschutz.
Klimazeitmaschine: Bei Freising im Kranzberger Forst steht eine Klimazeitmaschine. Ca. 300 Buchen und 500 Fichten werden mir Ozon und Kohlendioxid begast und dann überwacht. Man will herausfinden, wie der Wald auf den Klimawandel und andere Umweltprobleme reagiert.
Ökologische Effizienz: Situation, in der der soziale Grenznutzen durch ökologische Maßnahmen den sozialen Grenzkosten für diese Maßnahmen entspricht. Konkret wird die Wertschöpfung durch die Schadschöpfung geteilt. Die Ressourcenproduktivität ist die Relation zwischen dem Bruttoinlandsprodukt in konstanten Preisen und dem Ressourceneinsatz eines Landes gemessen in Tonnen. Als Dimension ergibt sich Währungseinheiten pro Tonne. Allgemein wird die Güterproduktion durch die Quell- und Senkenressourcen geteilt. Eine große Gefahr bei ökologischer Effizienz sind die Rebound-Effekte, d. h. die Effizienz wird durch mehr Wachstum aufgefressen. Deshalb sind hohe Preise der beste Schutz, also muss Energie teurer werden. "Die größte Ölquelle liegt unter Deutschland: Es ist die Energie-Effizienz", Jürgen Hambrecht, BASF-Vorstandschef bis 2011.
Energieeffizienz: Alle technisch bedingten Maßnahmen zur Verbesserung der Energieumwandlung. Z.B. Kraft-Wärme-Kopplung, d.h. die gemeinsame Erzeugung von Elektrizität und Wärme (15% Einsparung gegenüber getrennter Erzeugung). Sie ist die kostengünstigste und am schnellsten einsetzbare Ressource, die im Moment verfügbar ist. Wirkungsgrad: Verhältnis der erzeugten Energiemenge einer Anlage (z. B. Heizkessel) zu der eingesetzten Energiemenge. Beratung hierzu erhält man auf folgender Internetseite: http://www.thema-energie.de . Die Energieproduktivität entwickelt sich immer noch langsamer als die Arbeitsproduktivität. So hat sich die Arbeitsproduktivität im Laufe eines Jahrhunderts verzehnfacht, während Rohstoffe und Energie langfristig immer billiger geworden sind.
Wirkungsgrad: Die Effizienz eines Energieumwandlungsprozesses. Er ist immer kleiner als 1. Kohlekraftwerke z. B. haben Wirkungsgrade zwischen 35 und 45 Prozent. Fast alle Energie betriebenen Prozesse haben Verluste. Je höher die Effizienz, desto geringer die Verluste.
Energiebilanzen: Energiebilanzen sind Teil einer umfassenden Nachhaltigkeitsrechnung des Unternehmens. Sie beschreiben den Energiefluss in technischen Maßeinheiten wie Joule oder Kilowattstunden. Oft wird nach Energieträgern mit Input (Strom, Gas, Heizöl, Diesel, Benzin, Kerosin) und Output (Nutzenergie bei primären Prozessen, bei sekundären Prozessen, Wärmeverlust, Energieverlust, Erschütterungen, Lärm) gegliedert. Schwierig ist die Wirkungsabschätzung und Messung.
Klimaschäden - Berechnung beim Klimawandel (vgl. auch Klimarechner im Internet: http://uba.klima-aktiv.de): Schwierigkeiten bereiten vor allem die immateriellen Schäden. Umstritten sind die Eintrittswahrscheinlichkeiten von Katastrophen. Um den Gegenwartswert zukünftiger Schäden zu ermitteln, müssen diese mit einem Prozentsatz abgezinst werden (Diskontierungsfaktor). Je kleiner die Diskontrate, desto größer sind, über längere Zeiträume betrachtet, die Schadenszahlen. Hierbei ist auch der Nutzen von zukünftigen Generationen zu gewichten. Zentrale Unbekannte sind die Anpassungsfähigkeit des Menschen, der Wert von Menschenleben und die wahren Kosten der Atomenergie. Klimasubsysteme sind die Atmosphäre, der Ozean, die Kryosphäre (Summe allen Eises) und die Biologie. Die größten Klimafeinde sind die Flugzeuge, die Kohlekraftwerke, die Autos, der Smog (in Städten leben heute genauso viele Menschen wie 1950 auf der ganzen Erde), die schweren Waldbrände, die Kühe und der Reisanbau (Bakterien in Reisfeldern, die Methan produzieren). Besonders Afrika ist betroffen: es hat selbst nicht die Umwelt verschmutzt oder Ressourcen verbraucht, ist aber katastrophal vom Klimawandel geschädigt. In Adis Abeba formulieren 10 Länder 2009 eine Position für Kopenhagen. Nach einer Studie 2007 des Kieler IfW und des WWF werden die Klimaschäden in Deutschland nach 2071 jährlich bis zu 10 Mrd. € betragen (Arbeitsproduktivität jährlich bis zu -12%). Nach einer Studie des DIW 2007 kann mit Schäden durch den Klimawandel in Deutschland bis 2050 in Höhe von 800 Mrd. € gerechnet werden. 2012 legen der WWF und der Club of Rom Berichte vor. Beide kommen zu dem Ergebnis, dass die Erde über ihre Verhältnisse lebt. Es gibt zu viele Menschen, es werden zu viele Ressourcen verbraucht und der Eiweißverbrauch (Fleisch, Milch) ist zu hoch. Besondere Sorge macht der Ausbau der Agrarflächen für Soja und Raps durch Waldrodung.
Erderwärmungsberechnung: In den meisten Simulationsmodellen werden Szenarien zugrunde gelegt, die für das 21. Jahrhundert eine Erderwärmung um zwei bis vier Grad Celsius prognostizieren. Mit fünf Prozent Wahrscheinlichkeit können es acht Prozent Erwärmung werden. Das könnte das ende der Menschheit sein. Die Erderwärmungsberechnung ist die Basis der Klimaziele. Zu später Klimaschutz geht zu Lasten der nachfolgenden Generationen. Preise für das Leben festlegen zu müssen ist das große Problem aller ökonomischen Analysen.
Lichtverschmutzung: Die Zerstörung der Nacht durch Kunstlicht ist noch eine Forschungs- und Messlücke. Unter der Lichtverschmutzung leiden Pflanzen, Tiere (insbesondere Insekten, Vögel) und Menschen. Menschen reagieren sensibel auf Blaulicht im Licht. Dies ist z. B. auch relativ stark in Energiesparlampen.
Deutscher Umweltindex: umweltpolitischer Indikator (DUX, seit 2000), der die Erreichung der Zielwerte bei Klima, Luft, Boden, Wasser , Energie und Rohstoffproduktivität misst.
PM: Parts of million ist die Maßeinheit für die CO2-Konzentration in der Atmosphäre. Sie ist von 280 ppm in vorindustrieller Zeit auf 380 ppm bis heute gestiegen.
I-PAT-Gleichung: Environmental Impact (Einwirkung auf die Umwelt) = Population (Bevölkerung) x Affluence (Pro-Kopf-Einkommen) x Technology (Technologie). Vgl. J. D. Sachs: Wohlstand für Viele, München 2008, S. 45.
Evironmental Life Cycle Costing: Bewertung von Produkten und Dienstleistungen über einen gesamten Lebenszyklus mit Bewertung der Umweltaspekte. Dies ist eine schnelle Maßnahme zur Erhaltung der natürlichen Umwelt. Der Ablauf kann aus Kunden- und Nutzersicht betrachtet werden. Zunehmend wird auch die Logistik (Transport) eingebunden. Die produzierenden Unternehmen (Belader) wollen Umweltrechnungen, insbesondere CO2-Verbrauch, für das Produkt insgesamt. Im Moment hat dies meist antizipatorischen Charakter, wobei der Nutzen in der Öffentlichkeitsarbeit liegt. "Die Bürger der Vereinigten Staaten warfen in nur zehn Jahren so viele Aluminiumdosen weg, dass man damit die gesamte zivile Luftflotte der Welt 25-mal nachbauen könnte", The Container Recycling Institute. Die Politik greift auch zunehmend in den Kreislauf ein, z. B. 2010 mit höheren Klimaauflagen für Klein-KKW.
Globale Energieüberblicke: REN21 Global Status Report. Jährlich aktualisierter Überblick über weltweite Förderpolitik und Investitionen in der Welt. IEA, World Energy Outlook. Vorhersage der Zusammensetzung der Energiesysteme der Welt.
Methoden der Präferenzermittlung, um die Zahlungsbereitschaft für Umweltgüter abzufragen: Eine direkte Form der Ermittlung, die die Wirtschaftssubjekte zur wahrheitsgemäßen Aussage veranlasst, ist der Groves-Mechanismus. In der Praxis können einfachere Methoden verwandt werden. Indirekte Methoden arbeiten meist mit hedonischen Preisen.
Restrisiko: Vor der Japan-Katastrophe vor allem als Eintrittswahrscheinlichkeit angegeben. Heute Einschätzung auch vom Ablauf her und Neubewertung. Einbettung in eine neue Einstellung zu technischen Innovationen. Erdbeben, Flugzeugabstürze, Cyberattacken, Tsunamis und die Qualifikation des Personals sind in das Risiko nicht richtig eingerechnet. Müsste man die Meiler dagegen absichern, wären sie auch ökonomisch nicht mehr tragbar. Bisher ist die Haftung bei einem Atomunglück Sache des Staates. Die Betreiber müssen in Deutschland eine Deckungsvorsorge von 2,5 Mrd. € nachweisen (allerdings gegenseitige Garantieerklärungen). In Frankreich haften die Betreiber mit 91,5 Mio. € pro Kraftwerk. Diese geringe Haftung ist unfair gegenüber der alternativen Energie, die höhere Haftungseinlagen hat. Auch der aufwändige Abbau stillgelegter Atomkraftwerke rechnet zu den externen Kosten.
CO2-Fußabdruck: Er misst für eine Nation alle Emissionen, die durch den Konsum von finalen Gütern verursacht werden. So werden alle Emissionen einer Produktionskette einbezogen. Es spielt dabei keine Rolle in welchem Land die Emissionen entstehen.
Weitere Möglichkeiten der Nachhaltigkeitsmessung: Biodiversität, Rohstoffverbrauch (Rohstoffproduktivität), Treibhausgasemissionen (Niveau, pro Kopf).
"Wir sind ein Entwicklungsland. wir sind noch nicht in der Lage internationale Verpflichtungen zu übernehmen", Liu Deshan, Ökonom, Qinghua-Uni Peking (zitiert nach Der Spiegel, 4/2007, S. 128).
Arbeitsökonomik (Arbeitsmarktmanagement, Verteilung, Population, Sozialpolitik, Personalökonomik, Human Resource Management):
Gliederung: Verteilung und Wohlstand, Demographie, Lohn, Neue Arbeitsformen/ Steuern, Personalpolitik (HRM), Arbeitsmarkttheorie und -statistik, Arbeitsmarktpolitik, Sozialpolitik.
"Die Nationalökonomie geht von der Arbeit als der eigentlichen Seele der Produktion aus, und dennoch gibt sie der Arbeit nichts und dem Privateigentum alles", Karl Marx.
Verteilung (Einkommen, Vermögen, Armut, Wohlstand)
Drei-Sektoren-Hypothese: Langfristige Entwicklung der in drei Sektoren aufgeteilten Volkswirtschaft (von Fisher stammt die Idee, von Fourastie´ weiterentwickelt und bekannt gemacht, "Die große Hoffnung des 20 Jahrhunderts", 1949). Zunächst dominiert der primäre Sektor (Landwirtschaft, Forsten, Fischerei), dann kommt der sekundäre Bereich (industrielle Produktion) und schließlich der tertiäre Sektor (Dienstleistungen). Gilt für Industrieländer, nicht für alle Entwicklungsländer. Ist sehr schwierig empirisch zu messen (Nachfrage-Bias, Technischer Fortschritt). In der Regel nimmt man als Indikator die Erwerbstätigen. Berühmt ist die These von Baumol von der "Kostenkrankheit" (unbalanced growth): Mangelnder technischer Fortschritt bei vielen Dienstleistungen sowie die Anpassung der Löhne an die technisch fortschrittlichen Sektoren müssen dazu führen, dass der tertiäre Sektor die Wertschöpfung aufzehrt. 2007 hatte der Primäre Sektor in Deutschland einen Anteil von 1% (1990: auch 1%), der Sekundäre Sektor 30% (37%), der Tertiäre Sektor 69% (61%). Von den Erwerbstätigen 2010 sind 36,4% in Dienstleistungen, 12,1% im Produzierenden Gewerbe und 1% in Land- und Forstwirtschaft.
Kuznets-Kurve (Simon Kuznets, 1901-1985, National Income and its Composition, New York 1941, auch: Economic Growth and Income Inequality, in: AER, 1955): Zusammenhang zwischen Pro-Kopf-Einkommen und der personellen Einkommensverteilung; der Entwicklungsprozess verschlechtert sich zunächst, verbessert sich aber langfristig. "Wenn wir nicht reich werden, bleiben alle arm", Deng Xiaoping.
Lorenz-Kurve (Einkommensverteilung): statistischer Zusammenhang zwischen dem Anteil der Quantile von Einkommensbeziehern und dem Anteil der von ihnen empfangenen Einkommen am gesamten Volkseinkommen (personelle EV). Die Fläche ist mit dem Gini-Koeffizient berechenbar. Beide sind natürlich auch auf andere Probleme der Konzentration anwendbar. Die OECD hat zuletzt 2008 die Einkommensverteilung verschiedener Länder mit dem Gini-Koeffizienten vergleichen: Deutschland 0,30; USA 0,38; Schweden 0,23 (Growing Unequal?). Daneben gibt es noch die funktionale Einkommensverteilung und die EV im Sinne der VGR. Von der Verteilung schließt man auch auf die Gerechtigkeit in einem Land. Als Hauptursache für Einkommensungleichheit in einem Land gelten Technischer Fortschritt, Globalisierung und Wirtschaftspolitik (Steuerpolitik zugunsten höherer Einkommen). Nach einer Studie des DIW/ Berlin im Jahre 2006 hat das ärmste Zehntel der Bundesbürger zwischen 1995 und 2005 rund 5% seines Anteils am Gesamteinkommen eingebüßt und die Reichen sind immer reicher geworden. 10,6 Mio. Deutsche (13%) müssen mit weniger als 60% des Durchschnittseinkommen auskommen (Studie "Leben in Europa", Statistisches Bundesamt, 2006). International gehören Japan und Dänemark zu den Ländern mit den geringsten Einkommensunterschieden, und Brasilien und Süd-Afrika haben mit die größten. Laut dem "Spiegel" sind von 1992 bis 2006 die Einkommen bei den reichsten 10% der Bevölkerung um 31% gestiegen, bei den ärmsten 10% der Bevölkerung um 13% gesunken. Dies bekräftigt auch eine Studie des DIW 2008 (Frick/ Grabko): Durch die Globalisierung gehören noch 54% zur Mittelschicht. 2000 waren es noch 62%. Eine andere Untersuchung des DIW (Gornig/ Goebel) kommt 2010 zu dem Ergebnis, dass 2009 noch 61,5% zur Mittelschicht gehören (2000 noch 66,5%). Im selben Zeitraum stieg die Zahl der Menschen mit niedrigem Einkommen von 18 auf 22 %. Nach einer McKinsey-Studie 2008 werden bis 2020 weniger als 50% der Bevölkerung in Deutschland ein Einkommen auf Durchschnittsniveau haben. Die Löhne zwischen den Vollzeitbeschäftigten mit niedrigem und jenen mit mittlerem Einkommen sind seit 1997 weiter auseinander gedriftet: Während Geringverdiener Ende der 1990er Jahre noch 64% des mittleren Einkommens erhielten, erreichten sie 2007 nur noch 53% (IZA). Auch eine OECD-Studie 2011 kommt zu dem Ergebnis, dass die Einkommenskluft in Deutschland wächst (drittgrößter Schub in der OECD). Die hohen Haushaltseinkommen sind stärker angestiegen als die kleinen Einkommen. Hauptursache ist die Entwicklung der Löhne, vor allem durch die stark zunehmende Teilzeitbeschäftigung. Von allen 34 OECD-Ländern haben die USA, Großbritannien und Italien die geringste soziale Mobilität. Ende 2011 wächst das Geldvermögen in Deutschland auf den Rekordstand von 4,7 Billionen €.
Armut: Entscheidend ist die Definition und Operationalisierung, die für Deutschland und international erheblich abweichen dürfte. In Deutschland sind zwei Gruppen besonders betroffen: ältere Menschen (Altersarmut, vor allem Frauen) und Kinder. Wegen der starken Zunahme der geringfügigen Beschäftigung wird auch die Altersarmut zunehmen. In diesem Zusammenhang wird über eine Sockelrente (Mindestrente) bzw. eine Rente nach dem Grundeinkommen diskutiert. Es stellt sich die Frage, ob unser Sozialstaat noch effektiv die Armut verringern kann.2010 war das Europäische Jahr zur Bekämpfung von Armut und Ausgrenzung. Sehr kompliziert sind die Statistiken über Armut. Es muss unterschieden werden zwischen Armut und Ungleichheit. Die Frage ist auch, wo die "Armutsgefährdeten" einzuordnen sind (weniger als einen bestimmten Prozentsatz zum mittleren Einkommen). Der Armutsbericht der Bundesregierung 2008 zeigt deutlich, dass die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden (arm= unter 890 € netto als Alleinstehender, 1871 € für ein Paar mit zwei Kindern). Eine weitere Quelle in Deutschland ist der Armutsatlas. Er berechnet Armutsrisikoquoten. Eine wichtige Grundlage ist hier das Sozioökonomische Panel. Nach einer Studie des DIW 2010 steigt in Deutschland das Armutsrisiko: 14% waren 2008 armutsgefährdet (weniger als 60% des mittleren Einkommens). Die Weltbank bezeichnet Menschen, die weniger als 1 US-$ pro Tag verdienen, als arm. Auch in den USA wird das Elend unter den Armen immer größer. Nur noch 16% der Bevölkerung glauben, dass ihre Mittel reichen. Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise brechen die wichtigen Firmen-Spenden weg. 2010 berichtet die US-Statistikbehörde, dass jeder siebte Amerikaner unter der Armutsgrenze lebt (46,7 Mio.). Dies ist der höchste Stand seit 51 Jahren. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung für die OECD kommt 2011 zu dem Ergebnis, dass Deutschland unter den 31 OECD-Staaten bei der sozialen Gerechtigkeit nur Platz 15 belegt. Auch der Paritätische Wohlfahrtsverband gibt einen Armutsbericht heraus. 2012 werden vom Statistischen Bundesamt die Ergebnisse einer europaweiten Untersuchung bekannt gegeben. Danach sind 15,6% (ca. 13 Mio.) aller Deutschen armutsgefährdet. Dabei handelt es sich um ein mittleres Armutsrisiko.
Existenzminimum: Nach dem Sozialgesetzbuch jener Betrag, der jedem Bürger eine minimale Grundversorgung (gemäß Sozialstaatspostulat des Artikels 20 des Grundgesetzes) sichern soll. Diese Leistungen zum Lebensunterhalt werden vom BMA errechnet und vom Bundestag beschlossen. Sie spielen auch beim Kindergeld eine Rolle. Es gibt auch ein steuerliches Existenzminimum, nämlich der Grundfreibetrag der Einkommensteuer (2008: 7664 €). In der makroökonomischen Konsumfunktion wird C0 oft als Existenzminimum und Basiskonsum interpretiert. Es gibt auch steuerrechtliche und schuldrechtliche Konzeptionen des Existenzminimums. "Die Misere des Kapitalismus, so müssen wir den Sozialisten sagen, besteht nicht darin, dass die einen Kapital haben, sondern darin, dass die anderen es nicht haben", Wilhelm Röpke (1899-1966). Der Armutsatlas des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes von 2009 (Basis Mikrozensus von 2007) zeigt, dass die ärmsten Regionen in Deutschland Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sind. Arm ist, wer weniger als 60% des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Die Daten der Erhebung "Leben in Europa 2008" zeigen, dass in Deutschland jeder Siebte an Armutsgrenze lebt. Ohne Sozialleistungen wäre jeder Vierte betroffen.
Vermögensverteilung: Das Vermögen wird in Human- und Nichthumanvermögen unterteilt. Letzteres besteht aus Konsumtiv- und Produktivvermögen. Wichtigster Teil des Konsumtivvermögens ist das Geldvermögen. Beides zusammen wird auf 6,6 Billionen € in Deutschland geschätzt. Seit vielen Jahren driften die Vermögensverhältnisse in den Industrie- und vielen Schwellenländern auseinander. Berechnet wird odt ein Vermögensindex (Vermögen in Relation zum BIP). Zwischen 1999 und 2009 hat dieser in Deutschland bei den privaten Haushalten um über 20% zugenommen. Weitere Maße sind Gini und der Anteil bestimmter Quantile am Nettovermögen. 2007 hatten nach einer Studie des DIW in Berlin 10% der Bevölkerung ein Anteil am Gesamtvermögen von 61,1%. 1% Superreiche hatten 23% des Vermögens. Die Vermögensschere öffnet sich weiter. Vor allem Altersarmut ist in Zukunft zu erwarten (vor allem bei Langzeitarbeitslosen). "Besitzender ist jeder, der abends beim Zu-Bett-Gehen etwas für den nächsten Tag übrig behalten hat", Albert Schweitzer. Das Geldvermögen der Deutschen erhöhte sich 2009 um 5,4% auf 4,67 Billionen €.In den USA besitzt ein Fünftel der Menschen 84 Prozent des Vermögens. Das Fünftel am unteren Ende muss sich mit 0,1% zufrieden geben.
Millionäre und Reichensteuer: In Deutschland gibt es 2010 ca. 810.000 Personen mit investierbarem Vermögen von einer Million Dollar. Größer ist die Zahl in den USA mit 2.460.000 und in Japan mit 1.366.000. China hat schon 364.000 Millionäre. Die USA (11,7%) und Japan (9,0%) haben im Gegensatz zu Deutschland relativ hohe Vermögensteuern. Sogar der OECD Durchschnittssteuersatz von 5,6% liegt über dem deutschen Satz von 2,3%.
Ungleichheitseffekt der Informationstechnologie: Die Fortschritte in der Informationstechnologie führen zu immer größeren Ungleichheiten in den Industriegesellschaften (sie ersetzen das Gehirn und machen die Arbeit von vielen Menschen überflüssig). Produktivitätsgewinne verteilen sich immer mehr zu Gunsten der oberen Klassen (in US-Unternehmen ist dieser Effekt am stärksten, weil sie mehr aus der IT-Technologie herausholen). Notwendig wäre ein "Gleichheitsindex" im Steuersystem ("Steigende- Flut-Steuersystem"), der sich der Ungleichheit mit den Steuersätzen anpasst (Robert Shiller, Yale, Irrational Exuberance, Princeton 2000; New Financial Order, Princeton 2003). Shiller fordert eine Globalisierungsversicherung für jedermann. Er untersucht auch, wann Spekulationsblasen auf Immobilienmärkten platzen ("Historic Turning Points in Real Estate", Working Paper, Juni 2007). In Deutschland arbeiten 2007 61% aller Erwerbstätigen mit dem PC. Als wichtigster Aufsatz des Autors gilt: Do Stock Prices Move Too much to Be Justified by Subsequent Changes in Dividents, in: AER, 1981. R. Shiller hat auch ein Unternehmen gegründet, das erstmals Handel mit ökonomischen Risiken aller Art betreibt (Rezession, fallende Immobilienpreise, Arbeitslosigkeit). Der Name ist Makro Market. "Der herrschende Glaube an soziale Gerechtigkeit ist gegenwärtig vielleicht die größte Bedrohung der meisten anderen Werte einer freien Gesellschaft", Friedrich von Hayek, The Mirage of Social Justice.
Layard-Glückseffekt (Richard Layard, geb. 1934, LSE, The New Happiness, London 2005): es geht nicht darum, die materielle Versorgung, gemessen durch das BNE, zu maximieren, sondern es soll unmittelbar das Glück (happiness) der in der Gesellschaft lebenden Menschen erhöht werden (These von der Abkopplung des Glücks vom Wohlstand, Happiness Economics). Von einem bestimmten Einkommensniveau an macht ein höherer Wohlstand Menschen nicht glücklicher. Der Soziologe Layard erklärt dies mit Gewöhnung und Rivalität. "Wir brauchen einen wirtschaftspolitischen Kurswechsel", R. Layard. Vgl. auch : Glücksforschung bzw. Rätzel, St.: Ökonomie und Glück - zurück zu den Wurzeln, in: Wirtschaftsdienst 2007/5, S. 335ff. oder M. Ricard: Glück, München 2007 (Übersetzer des Dalai Lama). Die Einbeziehung des Glücks hat in England eine lange Tradition, die auf Jeremy Bentham (1748-1832) zurückgeht. Er war Begründer des Utilitarismus, der es als Pflicht der Regierung und des Einzelnen ansah, das Glück in der Gesellschaft zu befördern und den Schmerz einzudämmen. Zu Beginn der 90er Jahre warnt der französische Soziologe Pierre Bourdieu vor ungezügeltem Kapitalismus und stößt die Glücksforschung an. Der Schweizer Ökonom Bruno S. Frey (laut dem Handelsblatt der forschungsstärkste deutschsprachige Volkswirt) fand heraus, dass direkte Demokratie die Menschen zufriedener macht. Auch nach seinen Forschungsergebnissen steigt Lebenszufriedenheit nicht in ähnlichem Maße wie das Realeinkommen wächst ("Happiness and Economics", Glück: Die Sicht der Ökonomie, 2010") . Mittlerweile wird die Glücksökonomie stark angegriffen: Anspruchsniveau als intervenierende Variable, Schwächen empirischer Forschung. So belegt eine amerikanische Studie 2008 (Stevenson/ Wolfers), dass es sowohl in reichen als auch in armen Ländern eine sehr starke Verbindung zwischen subjektivem Wohlbefinden und Einkommen gibt. Den Glücksgedanken gibt es in der Praxis schon lange: Cross - National - Happiness in Bhutan. In neuerer Zeit war das Easterlin-Paradoxon 1974 ein wichtiger Ausgangspunkt der Glücksforschung: Geld macht zwar glücklich, aber nicht in erster Linie dank der besseren Konsummöglichkeit, sondern weil dadurch der relative Status in der Gesellschaft steigt. Vgl. auch Wilhelm Schmid: www.lebenskunstphilosophie.de . Vgl. auch Makroökonmik (VGR) auf dieser Web-Site.
Gross National Happiness: Ein Konzept für das Sozialprodukt in Bhutan. Es soll aus vier Säulen bestehen: Wirtschaftliches Wohlergehen, Bewahrung einer intakten Umwelt, Respekt vor Kultur und Religion, gute politische Verwaltung. Die Bewertung dieses Systems von Fachleuten schwankt zwischen reiner Öffentlichkeitsarbeit für ein Gewaltregime bis sehr erfolgreich (wenig Emigranten, 97% aller Bhutanesen seien glücklich).
Gerechtigkeit: Man unterscheidet Leistungsgerechtigkeit, Chancengerechtigkeit und Ergebnisgerechtigkeit. Es ist ein Dauerthema der politischen Diskussion, wenn effiziente Marktergebnisse als ungerecht empfunden werden. Nach Umfragen ist die gefühlte Ungerechtigkeit seit den 80er Jahren stetig gewachsen, seit 2008 sprunghaft. Viele glauben, dass Leistung nicht mehr gerecht gemessen wird. Auch Bildung kann Aufstieg nicht mehr garantieren. Es gibt nicht mehr genug Arbeit für alle, die arbeiten wollen. Der britische Sozialforscher Roger Wilkinson behauptet: Je ungleicher eine Gesellschaft, desto größer ihre sozialen Probleme. Insofern ist der wachsende Abstand zwischen Arm und Reich schlecht für alle (zusammen mit Kate Picket: Gleichheit ist Glück, 2010). Auch ungerechte Arbeitsbedingungen im Ausland werden oft angeprangert. 2011 werden Adidas und Puma der unmenschlichen Arbeit in El Salvador beschuldigt. "In Potsdam steht die erste deutsche Gated Community (geschlossene, bewachte Wohnsiedlung".
Demographie (Bevölkerungsentwicklung, Erwerbspersonen)
Demografischer Wandel: Es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Bevölkerungsentwicklung und Wirtschaftswachstum über die Altersgruppen, die am Arbeitsprozess beteiligt sind. Außerdem ist die Frage wichtig, wie bildungsbereit die Jungen und wie weiterbildungsbereit die Alten sind. Weil die europäischen Gesellschaften in allen 25 Mitgliedsstaaten der EU strukturell immer älter werden, müssen wir uns auf ein Sinken des Wirtschaftswachstums einstellen (soziale und wirtschaftliche Probleme). Die sozialen Gegensätze werden sich zuspitzen. Die arbeitende Bevölkerung in Deutschland wird ohne Zuwanderung bis 2020 um 7% zurückgehen. Im Jahre 2010 ist schon jeder fünfte Deutsche im Rentenalter. Im Jahre 2060 wird es fast ein Fünftel weniger Deutsche geben. 14% werden dann über 80 Jahre sein. Bis 2030 schrumpft die deutsche Bevölkerung um drei Millionen, die Weltbevölkerung soll um 40% steigen. Die Schülerzahl wird dramatisch sinken: bis 2025 um 18,9%. Die Zuwanderung ist schwierig einzuschätzen: weltweit gibt es 200 Mio. Migranten. Ab 2015 schrumpft die Bevölkerung in der EU insgesamt. Bis 2060 soll die Erwerbstätigenzahl um 19 Millionen sinken (2015: 43 Mio., 2020: 41, 2025: 38). Weltweit sinkt die Fertilität in den Industrieländern, in denen heute bereits 22% der Menschen älter als 60 Jahre sind. Der Alterungseffekt ist mit zeitlicher Verzögerung auch in den Entwicklungsländern zu beobachten. Hinzu kommt der Trend zur Urbanisierung der Weltbevölkerung. Seit dem Jahr 2008 leben erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Insgesamt leben 2011 6.973.762.000 Menschen auf der Erde. Die Weltbevölkerung wächst jährlich um die deutsche Größe (80 Mio.). In den kommenden 40 Jahren wächst sie wahrscheinlich auf 8 Mrd. an, wobei das Wachstum fast ausschließlich in den Entwicklungsländern ist. In Deutschland zeigt der Prognos - Zukunftsatlas, dass in der Mehrzahl der Städte und Kreis die Einwohnerzahl schrumpft. "Je mehr Menschen, desto mehr wächst die Kraft, Forderungen an die Schatzkammer der Natur zu stellen", Henry Ch. Carey, Ökonom aus den USA. 2010 waren 50,5% der deutschen Bevölkerung Kinder, Rentner, Arbeitslose, Nichterwerbspersonen.
Schrumpfende Regionen: Sie sind Folge der Polarisierung der Bevölkerung in Deutschland. Städte wachsen, die Bevölkerung in ländlichen Regionen nimmt ab, extrem in Ostdeutschland. Dies wird erhebliche Probleme für die Kommunalfinanzen und die Lebensverhältnisse mit sich bringen. Immer wichtiger wird eine vernünftige Regionalpolitik.
Fachkräftemangel: Infolge der Bevölkerungsentwicklung fehlen in vielen westlichen Industriestaaten in den nächsten Jahren Fachkräfte. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) prognostiziert für 2020 in Deutschland eine Lücke von bis zu 425.000 Ingenieuren und Naturwissenschaftlern. Bis 2014 sollen schon 220.000 fehlen. 2010 sollen schon bis zu 400.000 Fachkräfte einschließlich Facharbeiter fehlen. Damit ist es 2010 erstmals zu einem Kipp-Effekt gekommen: die demographische Entwicklung überlagert die konjunkturelle. In den USA ergibt sich die Lücke durch eine Änderung im Studienverhalten: immer mehr Ausländer und immer weniger Amerikaner studieren technische Fächer. Eine vorausschauende Personalpolitik wäre also sehr sinnvoll. Schon 2009 konnten in Deutschland nicht mehr alle Lehrstellen besetzt werden (100.000 weniger Bewerber als 2008, es fehlt den Bewerbern auch an Wissen und Interesse). 61.000 Stellen in naturwissenschaftlichen Bereichen konnten 2009 nicht besetzt werden. Über 100.000 offene Stellen gab es in der Zeitarbeit. Mittlerweile werden auf zahlreichen Internet-Plattformen ausländische Facharbeiter umworben. Die Arbeitsministerien wollen eher mit regionalen Lösungen arbeiten. 2011 macht die Wirtschaft Druck bei der Zuwanderung und fordert eine am Bedarf orientierte Zuwanderung. Logisch gesehen müsste die Fachkräftelücke von Frauen (höhere Erwerbsquote), von Älteren (längere Lebensarbeitszeit) und Zuwanderern (Hochqualifizierte) gedeckt werden. 2011 ist der Ingenieurmangel auf einem Zehn-Jahres-Hoch (es fehlen allein 31.000 Maschinenbauingenieure). Jeder Vierte bricht das Studium ab. Man sollte darüber nachdenken, Absolventen deutscher Hochschulen automatisch ein Bleiberecht zu geben. 2011 werden die arbeitsrechtlichen Hürden für bestimmte Gruppen von Arbeitskräften gelockert (Ingenieure, Ärzte). Außerdem wird die Einkommensgrenze für die Aufenthaltserlaubnis gesenkt (und in den ersten drei Jahren nicht Hartz IV). Es wird auch die Einführung einer "Blue-Card" beschlossen (Einreise von Fachkräften aus Nicht-EU-Ländern, Hochschulabschluss, 44.000 € Jahresgehalt). Immer mehr Unternehmen setzen auch auf flexiblere Arbeitszeiten mit Arbeitszeitkonten. Fachkräfte haben eine große Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, das Potential sollte nachhaltig entwickelt werden. Dies gilt besonders für Ingenieure. Nach einer Prognose des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) gibt es 2013 zu viele Akademiker in Deutschland und zu wenige Facharbeiter. "Über Vergangenes mache dir keine Gedanken, dem Kommenden wende dich zu", Tseng Kuang. Der Demographiebericht der Bundesregierung 2011 geht davon aus, dass von rund 50 Mio. Erwerbstätigen 2011 bis 2050 noch 26,5 Mio. übrig bleiben. Der Fachkräftemangel ist im Bau und der Industrie besonders hoch. Er scheint aber noch nicht flächendeckend zu sein. Darauf deuten regionale Umfragen. Im Ingenieurbereich wird mit der Manipulation von Statistiken (kleine Stichprobe, falsche Interpretation der offenen Stellen) gearbeitet.
Ältere Menschen: Die Gesellschaft in
Deutschland und den anderen Industrieländern, aber auch in vielen
Schwellenländern, wird immer älter. Die Beschäftigungsquote bei den 60- bis
64-jährigen ist aber auf 23,4% im Jahre 2009 in Deutschland gestiegen. Die
Beschäftigungsquote der über 55-jährigen beträgt 56%. In der
gleichen Zeit sind aber 145.00 ältere Menschen arbeitslos gemeldet. Die
älteren Menschen - auch "Silver Hairs" genannt - spielen als Kunden eine immer
größere Rolle. Allerdings herrscht ein Statistik-Wirrwarr: Die Zahlen von
Statistischem Bundesamt, Bundesagentur für Arbeit, Eurostat der EU und
Familienministerium stimmen nicht überein. Andererseits ist der Anteil der
Kinder und Jugendlichen 2010 in Deutschland mit 16,5% am niedrigsten in Europa.
Seit 2000 ist die Zahl der Kinder um 2,1 Mio. gesunken.
Ältere Menschen auf der Erde: Das Durchschnittsalter
der Weltbevölkerung liegt 2011 bei 28 Jahren. Im Jahr 2050 wird es vermutlich
bei 38 Jahren liegen. Japan und Deutschland besitzen die älteste Bevölkerung mit
durchschnittlich 44 Jahren. Uganda und Niger haben die jüngste Bevölkerung mit
15 Jahren. Das Rentenproblem ist nicht das einzige. Bleiben wir auch
länger gesund, so dass die Menschen länger arbeiten können? Die sozialen
Probleme werden zunehmen.
Das größte davon ist die Altersarmut. Langzeitarbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigungsformen, aber auch die Umstellung der Rentenformel, werden zu Versorgungsproblemen im Alter führen. Die Bundesregierung will mit einer Zuschussrente den langjährig Versicherten mit Niedrigeinkommen eine Rente von 850 € garantieren. Wer bei der Rente mit 67 früher aussteigt, muss Abschläge bis zu 18 Prozent in Kauf nehmen. Dies kann zu einer spürbaren Rentenkürzung führen. Es soll ein Konzept zur Bekämpfung der Altersarmut entwickelt werden (Gesetz). Darin enthalten ist eine Zuschussrente für Geringverdiener und höhere Zusatzverdienste für Frührentner. Das durchschnittliche Arbeitsleben in der EU dauert 35 Jahre. Am längsten sind die Schweden in Arbeit mit 40 Jahren. In Deutschland sind die Erwerbstätigen 37 Jahre aktiv.
Kinderzahlhypothese von Gary S. Becker (geb. 1930, Nobelpreis 1992). Er überträgt die ökonomische Betrachtung auf Ehe, Liebe, Familie, Bildung und Diskriminierung. Bezogen auf die Kinderzahl stammt von ihm folgende berühmte Hypothese: "Die Verringerung der Anzahl senkt jedoch den Schattenpreis für Qualität, was eine Substitution zugunsten der Qualität zur Folge haben wird" (Ders.: Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens, Tübingen 1993, S. 219). Investitionen in die Ausbildung von Kindern - bei der Verpflichtung, die Eltern im Alter zu unterstützen - bringt meist höhere Erträge als eine Rentenversicherung. Er wendet sein Modell auch auf kriminelles Verhalten an. Deutschland hat einen Nettoverlust an hoch qualifizierten Arbeitskräften. 2007 verließen mit 161.000 Auswanderern so viele Deutschland wie seit 1954 nicht mehr (Ergebnis einer Prognos - Studie 2008). "Ich bin der Auffassung, dass der ökonomische Ansatz so umfassend ist, dass er auf alles menschliche Verhalten anwendbar ist", Gary Becker.
Berühmt ist auch das Bevölkerungsgesetz von Thomas R. Malthus (1766-1834): die Bevölkerung verdoppelt sich alle 25 Jahre, während sich die Nahrungsmenge nur in arithmetischer Reihe erhöht ("Die Macht der Bevölkerung ist unendlich viel größer als die Macht der Erde, allen Menschen den Unterhalt zu ermöglichen"). Seine Prognose ist ein Leben am Rande des Existenzminimums für die Menschheit. Dies liegt daran, dass die nutzbare Ackerfläche begrenzt ist und der Grenzertrag zusätzlicher Arbeitskräfte auf den Feldern abnimmt. Zudem hält Malthus die Amortisationszeit von Investitionen in der Landwirtschaft für zu lang. Vergessen hat er den technischen Fortschritt und damit Produktivitätssprünge. Trotzdem ist seine ökonomische Grundidee heute aktueller denn je und es stellt sich immer mehr die Frage: Hatte er doch recht? Implizit warnte Malthus damit auch vor den Grenzen des Wachstums. Das Ackerland könne die wachsende Bevölkerung bald nicht mehr ernähren. "Indem ich meine Postulate als gesichert voraussetze, behaupte ich, dass die Vermehrung der Bevölkerung unbegrenzt größer ist als die Kraft der Erde, Unterhaltsmittel für den Menschen hervorzubringen", An Essay on the Principle of Population". Nach UN-Schätzungen 2009 soll die Weltbevölkerung 2010 6,91 Mrd. betragen (4,17 in Asien). 2050 soll sich die Zahl auf 9,15 Mrd. Menschen erhöhen (nur in Europa schrumpft die Bevölkerung).
Günther-Paradoxon: Bei einem Geburtenrückgang verringern sich die Arbeitskräfte. Wegen des Nachfragerückgangs steigt zuvor jedoch die Arbeitslosigkeit. Konsum und Investitionen hängen auch von der Bevölkerungszahl ab. "Wir müssen aber auch sehen, dass Europa von außen betrachtet als ein alternder, schrumpfender und undynamischer Kontinent erscheint", Puprecht Polenz, CDU, Auswärtiger Ausschuss.
Arbeitsmigration: Wanderungen von Menschen in der Regel aus weniger entwickelten Ländern in ökonomisch starke Länder. Quantitativ zur Zeit am stärksten ist die Migration aus Lateinamerika in die USA. Schätzungen gehen davon aus, das unter den 22 Mio. Lateinamerikanern in den USA ungefähr 6 bis 10 Mio. Illegale sind, davon rund 60% Mexikaner. Tausende von Flüchtlingen versuchen auch jeden Monat, die grüne Grenze von der Türkei nach Griechenland zu überqueren. Viele Flüchtlinge aus Afrika sind in der Vergangenheit auch über Libyen in die EU gekommen (mittlerweile ein Abkommen). Die Unruhen in Nordafrika 2011 lassen die Flüchtlingszahlen nach Lampedusa wieder ansteigen. Das ILO schätzt die Zahl der Migranten insgesamt auf 200 Mio. Wegen der Einwanderungsbeschränkungen haben hoch qualifizierte Arbeitskräfte die besten Chancen. Hochqualifizierte Auswanderer (Ärzte, Facharbeiter) stellen eine erhebliche Belastung für die deutschen Sozialkassen dar: kostenlose Ausbildung gegen fehlende Sozialbeiträge (463.000 € bei einem Arzt). Eigentlich brauchen wir ca. 500.000 Einwanderer pro Jahr oder das Renteneintrittsalter muss drastisch erhöht werden (70?). Mindestens 200.000 pro Jahr werden gebraucht, um den Fachkräftemangel zu decken (BA). Dies gilt für eine Erhaltung der Wirtschaftskraft. Als Benchmark in der Zuwanderung gilt das System in Kanada. Ein differenziertes Punktesystem steuert den Zustrom qualifizierter Arbeitskräfte. Eine Arbeitsmigration nach Deutschland könnte ab Mai 2011 durch Öffnung des Arbeitsmarktes für Arbeitskräfte aus Mittel- und Osteuropa entstehen. Probleme könnten sich im Niedriglohnbereich ergeben, wenn durch die Dienstleistungsfreiheit Zeitarbeitsfirmen aus dem Osten konkurrieren. Sicher wäre es besser, die Erwerbstätigen aus der EU zu holen (z. B. aus Spanien) als Migranten aus entfernten Kulturkreisen. Ab 1. Mai 2011 wird der Arbeitsmarkt für die Arbeitskräfte aus Osteuropa geöffnet (Freizügigkeit). Jährlich werden 140.000 Arbeitskräfte erwartet. Bis 2012 rechnet das Institut der deutschen Wirtschaft allerdings mit einer ganz anderen Zahl (800.000). Es könnte Verlierer geben wie die Geringqualifizierten, ebenso könnten Auswirkungen auf Löhne und Saison-Arbeitskräfte auftreten. 2012 führt die Bundesregierung die Blue Card ein. Damit wird die Hochqualifiziertenrichtlinie der EU umgesetzt. Nach drei Jahren wird eine dauerhafte Niederlassungserlaubnis erteilt. Die mindestverdienstgrenze liegt bei 44.800€ (für Mangelberufe 34.944€). Vgl. als klassischen Aufsatz zum Thema: Harris, J./ Todaro, M., Migration, Unemployment and Development, in: AER, 1970. Im Bereich der Arbeitsmigration gibt es auch eine große illegale Dimension. Am bekanntesten ist dies an der Grenze zwischen den USA und Mexiko. In der EU ist 2012 vor allem der Fluss Evros an der Grenze zwischen der Türkei und Griechenland ein Problem. 2007 verließen 161.000 Menschen Deutschland. In Deutschland leben 2,5 Mio. Menschen mit türkischen Wurzeln. Auffällig ist, dass nur 10% der jüngeren Männer, aber 25 der jüngeren Frauen Abitur haben; dass 63,1% Arbeiter sind. Insgesamt leben 2010 6,7 Millionen Ausländer in Deutschland (Ausländerregister, 80% europäischen Pass, 412.000 in Deutschland geboren). 16 Mio. Deutsche haben ihre Wurzel im Ausland, d. h. haben einen Migrationshintergrund. "Deutschland rekrutiert seine Einwanderer vorrangig aus den Niedrigleistern des Auslands, Und deren Nachwuchs schleppt die Bildungsschwäche weiter", Gunnar Heinsohn, Uni Bremen. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung kommt 2010 zu dem Ergebnis, dass junge Migranten besonders erfolgs- und leistungsorientiert sind (2000 Menschen wurden befragt, mit und ohne Zuwanderungsgeschichte). Das Frauenbild der Migranten (auch der Muslime) ist nicht konservativer als das der Deutschen. 2009 haben zum zweiten Mal nacheinander mehr Menschen Deutschland verlassen als zugezogen sind: 733.800 raus, 721.000 rein.
Integration: Laut dem Integrationsbericht der Bundesregierung 2010 zeigen ca. 15% der Migranten kein Interesse, sich zu integrieren. Es soll ein Programm aufgelegt werden, das unterschiedliche Maßnahmen von Bund, Ländern und Kommunen zusammenfasst. Die Debatte wurde durch folgendes Buch ausgelöst: "Deutschland schafft sich ab" von Thilo Sarrazin: Zurzeit bekanntestes Buch zur Bevölkerungsentwicklung und Migration. Er formuliert eine Art Untergangsvision eines überfremdeten Deutschlands. Anhand von Theorien über Intelligenz und Fertilität macht er Modellrechnungen über zukünftige Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur: höhere Geburtenrate muslimischer Frauen bei sinkender Intelligenz. Methodisch problematisch ist die Fortschreibung jetziger Raten und teilweise die Vernachlässigung intervenierender Variablen (z. B. Religion, Kultur, Abstammung, Bildungsniveau). Die Intelligenzforschung ist heute auf einem anderen Stand: die Rolle der Gene wurde lange überschätzt. Die kognitiven Fähigkeiten sind viel formbarer als gedacht. Kindern aus sozial schwachen Familien hilft gezielte Förderung, das Potential des Gehirns zu entfalten. Ende 2010 erhält in der Schweiz in einer Volksabstimmung die so genannte "Ausschaffungsinitiative" eine Mehrheit: Kommen Ausländer mit dem Gesetz in Konflikt, können sie ausgewiesen werden. 2012 findet ein Runder Tisch zur Integration bei der Kanzlerin statt: Es entsteht ein Integrationsplan. Hauptpunkte sind die frühkindliche Erziehung, Arbeitsmarkt und Bildung, Sprach- und Integrationskurse, Sport, Medien, Gesundheit und Öffentlicher Dienst. 2012 wird eine Integrationsstudie im Auftrag des Bindesinnenministers vorgelegt. Die Ergebnisse sind sehr umstritten. Eines ist, dass die 14- bis 32-jährigen Muslime in Deutschland nur zu 48% integrationswillig seien. "Die Ursache von Nicht-Integration ist nicht ein Ausländer oder ein Muslim zu sein, sondern die Armut. ... Man gewinnt die Menschen für die Leitkultur nicht mit Stammtischgegröle, sondern indem man ihre Herzen gewinnt", C. Gruber, Die Rheinpfalz, 31. 10. 2010, S. 1.
Arbeitsproduktivität: Output pro eingesetzter Einheit Arbeit. Langfristig ist die Produktivitätszunahme die wichtigste Basis für Einkommenssteigerungen. Anstieg 2006 in D um 2%, im Schnitt der vergangenen 10 Jahre 1,7%, USA 2,3%. Ursprung der Arbeitsproduktivität ist die Arbeitsteilung, die Adam Smith anschaulich in seinem Stecknadelbeispiel beschreibt (Der Wohlstand der Nationen, München 1978, S. 11f). Durch verschiedene Maßnahmen kann man erreichen, dass in Betrieben mehr Beschäftigte gehalten werden als man braucht, gemessen am langfristigen Produktivitätstrend (Kurzarbeit, Arbeitszeitkonten). 2009 sind dies eineinhalb bis zwei Millionen. In der Industrie entdeckte F. W. Taylor als erster, dass Serienprodukte am billigsten hergestellt werden können, wenn die Arbeit in möglichst kleine Teilaufgaben zerlegt wird. Dies fand bei Henry Ford großen Anklang, der nach dieser Idee die Fließfertigung aufbaute. Schwieriger als nur die Arbeitsproduktivität ist die totale Faktorproduktivität zu ermitteln (vgl. Krugman: Die große Rezession a. a. O., Kap. 2), die als Maß für das technologische Niveau einer Volkswirtschaft gilt (Produktionsvolumen je Inputeinheit, wobei die verschiedenen Inputs mit ihren Faktoranteilen gewichtet werden). Die Änderung wird als Solow-Residuum gemessen. R. M. Solow (1924, Nobelpreis 1987) sah in der totalen Faktorproduktivität das Geheimnis des Wachstums. "His promotion came like a bolt from the blue - Seine Beförderung kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel".
Arbeitseffizienz (Efficiency of labor): Variable des Solow-Wachstumsmodells, die Wissen, Gesundheit, Ausbildung, Fähigkeiten der Arbeitskräfte erfasst. "Genius is one percent inspiration, ninety-nine percent perspiration", Thomas A. Edison, 1932.
Effizienzlohn: Lohn über dem Gleichgewichtsniveau, den Unternehmungen freiwillig, in erster Linie zur besten Selektion, zur Senkung der Fluktuation und zur Steigerung der Motivation (Shirking), bezahlen. Das berühmteste Beispiel für positive Wirkungen ist Ford. In diesem Falle entscheidet weniger das Bargaining zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden in Tarifverhandlungen über den Lohn als der freiwillige Aufschlag. Insbesondere die Besonderheiten des Arbeitsvertrages werden in den Mittelpunkt gestellt. Die Theorie ist gut in die neoklassische Theorie des Lohnes einzubauen. "Wer baute das siebentorige Theben?", Berthold Brecht.
Lohnspanne: Differenz zwischen tariflichem Lohn und tatsächlich gezahlten Lohn (Effektivlohn). Die Entwicklung im Zeitablauf zwischen beiden heißt Lohndrift. Das Verhältnis des realen Produzentenlohns (reale Arbeitskosten der Unternehmen einschließlich aller Lohnnebenkosten) zum realen Konsumentenlohn wird durch die Lohnschere gemessen. Das Lohndifferential bezeichnet Gehaltsunterschiede, die sich infolge von bestimmten Merkmalen ergeben (z. B. Geschlecht, Alter, Region); vgl. Wagner, T./ Jahn, E. J.: Neue Arbeitsmarkttheorien, Düsseldorf 1997, S. 291ff. In der EU erhalten Frauen im Durchschnitt 15% weniger Geld für die gleiche Arbeit als Männer. In Deutschland beträgt die Differenz 22%. Das Lohngefälle in D ist sogar steiler geworden in den letzten 10 Jahren.
Der Mindestlohn ( Kombination von Entsendegesetz, Sittenwidrigkeit und Auffang-Mindestlohn möglich. Bei Post - Dienstleistern kommt er ab 1.1.08 bei hauptberuflichen Briefzustellern mit 8 € zustande. Weitere Branchen streben den Mindestlohn an (Zeitarbeitsfirmen, Wachgewerbe, Großwäschereien, Abfallwirtschaft, Maler und Lackierer). Die Pflegeberufe folgen 2010 mit 8,50€. Die meisten gültigen Mindestlöhne in D sind im Entsendegesetz geregelt. Das Entsendegesetz wird 2009 auf die Entsorgungsbranche, Pflegedienste, Sicherheitsdienste, Großwäschereien, Abfallwirtschaft und Bergbauspezialdienste ausgedehnt (die Mindestlöhne schwanken zwischen 6 und 12,50 €). Für die Zeitarbeit wird eine Lohnuntergrenze eingeführt (Ende 2011). Der Wirtschafts- und Währungskommissar der EU J. Almunia will einen Mindestlohn für jedes Land). Der DGB strebt 2010 für Deutschland 8,50 € an. Die Zahl der Befürworter wächst in Deutschland, weil die Zahl der Niedrigverdiener wächst und damit auch die Armut im Alter. Auch CDU und FDP nähern sich dem Mindestlohn an. Die CDU will ihn am Mindestlohn der Zeitarbeit orientieren. Die Untergrenze soll durch eine Kommission, der die Tarifparteien angehören, ermittelt werden. Er stellt die untere Grenze dar, die nicht unterschritten werden darf ( in GB mit 8 € eher erfolgreich - 1,4 Mio. Arbeitnehmer, überproportional Frauen, profitieren; Produktivitäts- und Effizienzsteigerungen als positive Wirkungen - ; in D für einzelne Branchen nach Maßgabe der Tarifparteien, z. B. im Baugewerbe/ Gebäudereinigung). Den Mindestlohn gibt es schon in 20 EU-Ländern. Empirische Studien sehen in GB und den USA keine oder nur geringe negative Auswirkungen. In Frankreich scheint es negative Effekte, vor allem bei Jugendlichen, zu geben. Überlegenswert wäre ein allgemein gesetzlicher Mindestlohn (z. B. 4,50 €), der flächendeckend ist. Er könnte auch mit einem Kombilohn verbunden werden. Er würde den Problemgruppen helfen, die mit sinkenden Löhnen kämpfen. Schätzungsweise verdienen in Deutschland 2007 3,9 Mio. aller Beschäftigten weniger als 7,50 € pro Stunde. Vgl. "Why Has the British National Minimum Wage Had Little or No Impact on Employment", David Metcalf, CEP, London, LSE, Discussion Paper Nr. 781, April 2007. Eine empirische Studie des IAB in Nürnberg (Joachim Möller, Uni Regensburg, auch IAB-Direktor) sieht den Mindestlohn nicht als Job-Killer, weil der Mindestlohn nicht an sich das Problem sei, sondern seine Höhe. Folglich favorisiert das IAB eine gesetzliche Lösung: sei die Produktivität zu gering für einen auskömmlichen Lohn, müsse der Sozialstaat aufstocken. Theoretisch aus dem Modell des neoklassischen Arbeitsmarktes wird oft eingewandt, dass die Signalfunktion des Lohns verloren geht, der Anreiz zur Weiterqualifizierung wegfällt und Geringqualifizierte im Niedriglohnsektor verharren. Seit 2009 gibt es in Deutschland eine Mindestlohn-Kommission (Hauptausschuss, Expertengremium für Bereiche, in denen Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften keinen Arbeitnehmerschutz schaffen können). Bei den Koalitionsverhandlungen im Herbst 2009 wird ein Verbot sittenwidriger Löhne vereinbart. Bei neuen personalpolitischen Verhaltensweisen in Großunternehmen, Mitarbeiter zu kündigen und mit Werkverträgen wiedereinzustellen oder billigere Arbeitskräfte aus Osteuropa zu beschäftigen, scheint ein Mindestlohn unabdingbar. Außerdem führt er zu zusätzlichen Steuereinnahmen und Einsparungen bei Sozialleistungen. Empirisch kann ein Ansteigen der Arbeitslosigkeit durch den Mindestlohn nicht bestätigte werden. Eine Umfrage im Oktober 2011 zeigt, dass 86% in Deutschland für den Mindestlohn sind. "Forderungen, in den armen Ländern müssten höhere Löhne gezahlt werden und dieselben Arbeits- und Umweltstandards wie in reichen Ländern gelten, sind eine Form des Protektionismus", Jagdish Bhagwati, weltberühmter Professor für internationalen Handel an der Columbia-University, N. Y. In europa ist der gesetzliche mindestlohn am höchsten in Lzxemburg mit 10,41 € pro Stunde. Am niedrigsten ist er in Bulgarien mit 0,80 €.
Niedriglohn: Er wird in Deutschland statistisch definiert, d.h. wer weniger als zwei Drittel des mittleren Lohns (Median) verdient ist Geringverdiener. Die Niedriglohnschwelle lag 2005 bei 1779 € im Westen und 1323 € im Osten. In den letzten Jahren ist ein deutlicher Anstieg festzustellen. Nach dem IAB (Beschäftigten - Panel der BA) lag der Anteil der Niedriglöhner an den sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten 2006 bei fast 20% (über 3,6 Mio., vor allem im Hotel- und Gaststättengewerbe und im Einzelhandel). Zu ähnlichen Zahlen kommt das IAQ, Duisburg. Es unterscheidet bei seinen 22% für 2005 nicht zwischen Vollzeit und Mini-Jobs. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind die Nominallöhne der Niedriglohnbezieher zwischen 2000 und 2006 um 4,8% gesunken. Immer mehr Niedriglohnbezieher können vom Erlös ihrer Arbeit nicht mehr leben und sind auf staatliche Zuschüsse angewiesen (2005 747.000, 2006 1,2 Mio.). Rheinland-Pfalz erwägt ein Tariftreuegesetz. Wer Aufträge der öffentlichen Hand will, darf keine Dumpinglöhne zahlen. Die Hans-Böckler-Stifung kommt 2011 auf 7,3 Mio. Mini-Jobber, davon 4,8 Mio., die ausschließlich auf 400 Euro-Basis arbeiten (3,2 Mio. Frauen). Nach dem Armutsbericht der Bundesregierung 2008 sind 13% der Deutschen inzwischen arm. Ohne Sozialleistungen wären es schon ein Viertel. 1,3 Mio. Menschen in Deutschland können 2010 nicht leben von ihrem Verdienst. Der Niedriglohnbereich wächst immer weiter.
Reallohn: Eigentlich im Gegensatz zum Nominallohn der von Inflation bereinigte Lohn. Häufig wird er verwechselt mit dem Nettolohn, der sich vom Bruttolohn nach Abzug der Steuern und Abgaben errechnet. In den letzten Jahren sind auch die Nominallöhne gesunken, allein schon durch vermehrte Kurzarbeit und gestrichene Sonderzahlungen. Die Bruttolöhne fielen innerhalb eines Jahres (August 2008 - August 2009) um 7,5% (nur Betriebe über 50 Beschäftigte). Im Jahr 2009 schrumpften die Bruttogehälter um 5% (Kurzarbeit, geringere Vergütungen durch die Rezession). Bereinigt um diese Faktoren schrumpften die Bruttolöhne 2009 erstmals seit 1949 um -0,4 Prozent. Zwischen 2000 und 2008 schrumpften die Reallöhne um 0,8% (in fast allen anderen EU-Staaten stiegen in dieser Zeit die Reallöhne). Zwischen 2008 und 2010 sind die Reallöhne in Deutschland um 1,5% gesunken (seit 2005 um 7%, DIW). 2011 ergab sich ein Rückgang von 0,3% (Inflation 2,3%). Das Statistische Bundesamt berechnet für 2011 einen Anstieg von 1% (Nominallöhne+3,3%, Inflationsrate 2,3%, 2010 +1,5%). Ab 2014 sollen die Reallöhne wieder steigen, weil das Arbeitsangebot zurückgeht.
Managergehalt: Trend geht in Richtung Cafeteria-Systeme und Erfolgsabhängigkeit. Reform 2009 in Deutschland nach der Finanzkrise: Vorstandsgehälter vom gesamten Aufsichtsrat, auch zwischendrin kündbar, längerfristige Orientierung durch Verkauf von Aktienoptionen erst nach 4 Jahren, Verschärfung der Haftung, bessere Offenlegung. Gegen eine einheitliche weltweite Regelung gibt es Widerstände aus den USA und GB. allerdings verschärfen die USA auch ihre Regelungen: bei staatlich kontrollierten Firmen soll bei Top-Managern um 90% gekürzt werden. Als vorbildlich gilt die Regelung bei BMW, wo die Managervergütung an die Arbeiterlöhne gekoppelt ist. Das Grundproblem besteht darin, dass der Unterschied zwischen Chefgehältern und Normallöhnen zu groß geworden ist (darauf hat schon Peter Drucker vor 25 Jahren hingewiesen). Das System ist auch verzerrt: Nicht die Besten werden gut bezahlt, sondern die, die gut bezahlt werden, sollen die Besten sein. 2012 fordert die "Kommission für gute Unternehmensführung" eine Obergrenze für die Vorstandsbezahlung. Topverdiener unter den DAX-Vorständen ist der VW-Chef. "Wo Gier und Geiz verherrlicht werden, da ist der umsichtig handelnde der Dumme. Übersteigerter Egoismus ist eine Haltung, die eine Gesellschaft zerstört", Klaus-Peter Müller, Vorsitzender Corporate-Governance-Kommission.
Kurzarbeitergeld: Das Instrument dient dazu, Betriebe bei vorübergehenden Flauten von Entlassungen abzuhalten ("gekaufte Zeit"). Geht dem Betrieb die Arbeit aus, kann die Bundesagentur für Arbeit (BA) anstelle des vom Arbeitgeber gezahlten Lohns mit Kurzarbeitergeld einspringen. Dieses beträgt - wie das Arbeitslosengeld - je nach Familienstand 60 bis 67 Prozent des regulären Lohns. Außerdem übernimmt die Agentur für Arbeit einen Teil der Sozialabgaben (30% des Bruttolohns). Ab dem 7. Monat sind die Arbeitgeber künftig von Sozialabgaben befreit. Die Höchstbezugszeit lag bei 18 Monaten. 2009 wird die Dauer auf 24 Monate (ab 07. 09) verlängert. Diese "Kurzarbeitergeld-Regelung Plus" gilt nur für Anträge bis Ende 2009 (diese Frist soll um 18 Monate verlängert werden). Der Betriebsrat muss der Kurzarbeit zustimmen. Der Betrieb muss die "wirtschaftlichen Gründe" oder das "unabwendbare Ereignis" belegen. Ein geplanter "Schutzschirm für Arbeitsplätze" soll noch ein einfacheres Antragsverfahren und geringere Sozialabgaben für Kurzarbeit bringen. Man unterscheidet konjunkturelles, Saison-, Transferkurzarbeitergeld (KuG). Verbessert werden müsste die Verknüpfung zur Qualifizierung. Kurzarbeitergeld ist eine deutsche Besonderheit. Es wird nicht in den USA gewährt. In Großbritannien gibt es staatliche Beihilfen, die bei einem Arbeitspensum von weniger als 16 Stunden gezahlt werden können. Frankreich gibt Lohnzuschüsse. Das Kurzarbeitergeld trägt theoretisch zur Arbeitskräftehortung bei (Labor hoarding). Eine wichtige Frage ist, wie lange die aktuelle Krise anhält und damit die Arbeitslosigkeit nur verschoben ist. Es gibt auch über 110 verdächtige bzw. Betrugs-Fälle in Deutschland. Kurzarbeit hilft auch vielen kleineren Firmen. Im April 2010 wird die Kurzarbeit bis März 2012 verlängert. 2008 sind die Kurzarbeitsfälle rapide auf über 50.000 gestiegen. Im Januar 2009 steigen sie um 1671% auf 290.636 an; im Durchschnitt des ersten Quartals 2009 auf 950.000. Im März 2009 sind rund 2,1 Millionen Menschen für Kurzarbeit angemeldet. Für 2009 sind von der BA 2,1 Mrd. € eingeplant, wahrscheinlich werden 5 Mrd. benötigt (IAB). Seit 2007 wurden bis Mitte 2009 5 Mrd. € ausgegeben. Mitte 2009 gibt es 1,4 Mio. Kurzarbeiter in Deutschland. Die höchsten Anstiege melden die exportabhängigen Bundesländer B. -W.-, Bayern und NRW. Im Jahresdurchschnitt 2009 werden 1,1 Mrd. Kurzarbeiter erwartet. Im August 2009 sank die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden um 10,2% gegenüber August 2008. Die Kurzarbeit soll in Deutschland etwa 400.000 Arbeitsplätze gerettet haben (2009 allein 300.000).2010 sinkt die Empfängerzahl unter 300.000 (Prognose 2011 unter 200.000, Regelung gilt bis 2012). Nach einer Studie des IMK zusammen mit dem WSI 2010 konnten durch die Kurzarbeit ca. 3 Mio. Stellen in Deutschland gerettet werden. "Das optimale Kurzarbeitskonzept gibt es nicht. Viel hängt von Ausmaß und Dauer der Krise ab", Alexander Hijzen, OECD.
Gewerkschaft: der deutsche Gewerkschaftsbund besteht 2009 60 Jahre. Insgesamt gibt es ca. 6,2 Mio. Mitglieder (2,26 in der IG Metall, 443 Mio. € Beiträge; 2,14 bei Verdi). Bei 694 Unternehmen sitzen Gewerkschafter im Aufsichtsrat (1253). 1,6 Mio. Beschäftigte haben 2008 ihre Arbeit niedergelegt. Die Gewerkschaften sind ein Akteur der Lohnpolitik zusammen mit den Arbeitgeberverbänden. Einige Gewerkschaften zerfallen in immer kleinere Splittergruppen, die alleine sehr viel Macht haben. Extrem ist dies am Frankfurter Flughafen, wo es 180 Gewerkschaften gibt.
Tariftreueregelungen: Bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen sollen soziale Mindest-Standards (nicht der billigste Anbieter) beachtet werden. die Regelungen sind sehr unterschiedlich in den einzelnen Bundesländern und müssen mit dem Europarecht übereinstimmen.
Tarifverhandlungen: In Deutschland gilt die Tarifautonomie, d. h. Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände verhandeln unabhängig über die Lohnpolitik. Der Prozess ist langwierig und kompliziert (kann spieltheoretisch analysiert werden). In der Tabellenerhöhung wird die dauerhafte Erhöhung der Entgelte festgelegt. Daneben können Einmalzahlungen vereinbart werden. Weiterhin wichtig sind die Laufzeit, die Stufen, die Nullmonate (zwischen Ende des alten und Beginn des neuen Vertrags) und die Ausnahmeregeln.
Arbeitskosten: Sie setzen sich aus Bruttolöhnen plus Lohnzusatzkosten zusammen. Im EU-Vergleich der Arbeitskosten (je geleistete Stunde) in Euro liegt Dänemark vor Belgien und Schweden an der Spitze. Hinten liegen Großbritannien, Spanien und Griechenland. Deutschland liegt im Mittelfeld (29,20€ 2010).
Lohnstückkosten: Lohnkosten, die durchschnittlich für die Erstellung einer Einheit physischer Produktionsmenge aufgewendet werden müssen. Die Messung erfolgt durch die Relation aus Arbeitskosten und Arbeitsproduktivität. Sie sind zu einem wichtigen Indikator für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes geworden. So sind diese in Griechenland, Spanien und Portugal wesentlich höher als in Deutschland. Lohnstückkosten spielen auch in den Tarifverhandlungen eine Rolle. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes sind die Lohnstückkosten in Deutschland in den Jahren 1991 bis 2011 um mehr als 20% gestiegen (Sondereffekte der Krisenjahre 2008 und 2009: sinkende Produktion, mehr Kurzarbeit und Abbau von Überstunden). Im Mai 2012 empfiehlt die EU-Kommission sogar Lohnerhöhungen, um die Nachfrage anzuheizen.
Irrtümer: Arbeitsmenge kann nicht beliebig verteilt werden. Insofern ist Arbeitszeitverkürzung immer auch betriebswirtschaftlich zu sehen. Löhne müssen auf Arbeitsproduktivität und Stücke bezogen werden. Niedrigere Steuersätze führen nicht notwendig zu größeren Arbeitsanstrengungen. Verallgemeinerungen sollten also gerade in diesem Bereich vermieden werden.
Gender Pension Gap: Indikator, der Unterschiede in der Rentenhöhe zwischen Frauen und Männern messen soll. Er wurde vom Bundesfamilienministerium entwickelt. In der Regel weisen aber Ausländer und Geringqualifizierte größere Rentenlücken auf als Frauen. Außerdem sind Kleinstrenten enthalten, die nicht nach dem Arbeitsvolumen normiert sind. Außerdem muss der Haushaltskontext stärker berücksichtigt werden.
Neue Arbeitsformen/ Steuern (und Gerechtigkeit)
Grundlegender Wandel des Arbeitsmarktes: Seit Mitte der Neunzigerjahre wandelt sich der Arbeitsmarkt in Deutschland und in anderen Industrieländern dramatisch. Die Normalarbeitsverhältnisse gehen zurück, dafür steigen die atypischen Beschäftigen (auch prekäre Formen genannt). Diese sind häufig mit Niedriglohn verbunden, sie treffen auch die Jugend und die niedrig qualifizierten Arbeitskräfte stärker. Außerdem nehmen die älteren Belegschaften zu. Hier steigt nicht die Krankheitshäufigkeit, sondern die Dauer. Unternehmen teilen ihre Beschäftigten implizit oder explizit in Kern- und Randbelegschaften. Immer wichtiger wird die Weiter- und Fortbildung, auch um das Lernen nicht zu verlernen. Wir müssen auch immer mehr zu einem Einwanderungsland werden, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Noch ist die unbefristete Vollarbeitszeit (sozialversicherungspflichtige unbefristete Beschäftigung) die Regel. Die durchschnittliche Beschäftigungsdauer liegt 2010 bei 10,8 Jahren. Vgl. generell zum Thema Norbert Blüm, Ehrliche Arbeit, Gütersloh 2011. 1,8 Mio. Arbeitskräfte könnten 2020 fehlen. 8,2 Prozent weniger Ausbildungsverträge wurden 2009 abgeschlossen. Im Jahre 2012 sind ca. 20% aller Beschäftigten in einer prekären Arbeit (unter 8,50 € Stundenlohn).
Zeitarbeit: atypische Beschäftigung im Gegensatz zur unbefristeten und sozialversicherungspflichtigen Vollbeschäftigung. Aus Unternehmenssicht auch Personalleasing und Fremdpersonal. Es besteht ein Dreiecksverhältnis zwischen Leiharbeiter, Zeitarbeitsunternehmen und Entleihbetrieb. International ist die Zeitarbeit in allen Industrieländern stark angestiegen (Spitzenreiter Großbritannien). Zeitarbeiter sind deutlich häufiger krank und unzufrieden mit Einkommen und Perspektiven. Zur Blüte der Zeitarbeit trugen arbeitsrechtliche Änderungen bei. Mittlerweile gründen auch viele Unternehmen Zeitarbeitsfirmen, um eigene Mitarbeiter in Leiharbeitskräfte zu verwandeln (damit können Tariflöhne und Kündigungsschutz umgangen werden, Beispiel "Schlecker"). Von Mai 2011 gilt Freizügigkeit für alle europäischen Arbeitnehmer. Entweder einigt sich die Branche auf einen Mindestlohn-Tarifvertrag oder es gibt strengere Gesetze. Die Erhaltung der Zeitarbeit ist notwendig als Instrument der Flexibilisierung. Die Zeitarbeit - so zeigen empirische Studien des IAB - ist nur "ein schmaler Steg" in dauerhafte Beschäftigung.2010 kommt ein Gesetz gegen den Missbrauch: Verhinderung der Verschlechterung der Arbeitsbedingungen bei der so genannten Arbeitnehmerüberlassung. In der Stahlindustrie wird 2010 als erste Branche gleicher Lohn für Leiharbeiter vereinbart. Die zwei Verbände "Bundesverband für Zeitarbeit (BZA)" und "Arbeitgeberverband Mittelständischer Personaldienstleister (AMP)" wollen sich zusammenschließen. Das Bündnis christlicher Gewerkschaften wird vom Gericht nicht anerkannt, was die Verträge ungültig macht (damit sind viele mittelständische Zeitarbeitsfirmen vom Konkurs bedroht). Der "Drehtüreffekt", das Unternehmen Stammbelegschaft abbauen, um sie anschließend als billigere Leiharbeiter einzustellen, soll durch ein Gesetz verhindert werden. Wahrscheinlich kommt auch ein Mindestlohn, wenn ab Mai 2011 die Dienstleistungsfreiheit für Mittel- und Osteuropäer kommt. Über die Regulierung in der Zeitarbeit wird 2011 verhandelt. Die BA bezeichnet die Zeitarbeit als "Steg" zu einem dauerhaften Arbeitsplatz.2011 geht es im Zusammenhang mit den Verhandlungen um den Hartz IV-Regelsatz um die Entlohnung der Zeitarbeit. Einig ist man sich in der Höhe des Lohnes (gleich hoch wie die Beschäftigten), gestritten wird um den Zeitpunkt. Eine Änderung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes soll den Drehtüreffekt unterbinden. Die Flexibilisierung durch die Zeitarbeit war notwendig, die Lohnspirale nach unten muss gestoppt werden. Nach einem Entscheid des Bundesarbeitsgerichts gegen die Tarifgemeinschaft CGZP droht in der Leiharbeitsbranche eine Pleitewelle. 2011 findet man für den Westen einen Mindestlohn von 7,79, für den Osten von 6,89. Die großen Firmen arbeiten oft mit festen Leiharbeitsorganisationen zusammen, so Daimler in Wörth mit Gabis, Speyer. Toyota will allein 2011 4000 Leiharbeiter einstellen, um die Produktionsausfälle durch das Erdbeben aufzufangen. Nach einer Untersuchung des DGB 2011 ist Leiharbeit schlechter bezahlt bei schlechteren Arbeitsbedingungen. In Deutschland ist zwischen 1991 und 2007 das atypische Beschäftigungsverhältnis um 14% angestiegen (2008: 800.000 Leiharbeiter). In der Wirtschaftskrise ist die Zahl wieder auf 550.000 gefallen (Febr. 09). Nach der Finanz- und Weltwirtschaftskrise sind in Deutschland 35% der neuen Arbeitnehmer Zeitarbeiter. Im Juni 2010 steigt die Zahl gegenüber dem Vormonat um 32,8%. Es sind schon wieder 826.000 Menschen bei Zeitarbeitsfirmen beschäftigt (Juli 2010); im Dezember 2010 liegt die Zahl bei 1 Mio. (den höchsten Anteil haben Facharbeiter vor ungelernten Arbeitern und Hochschulabsolventen). Der Jahresdurchschnitt 2010 beträgt 793000 Arbeitnehmer, April 2011 873.000. Die Zahl geht 2011 noch über 900.000 (910.000, +13% gegenüber 2010). Eine DGB Studie kommt 2011 zu dem Ergebnis, dass die Zeitarbeiter im Schnitt die Hälfte des Lohnes verdienen wie die Vollzeitbeschäftigten. Nach einer Prognose der Bundesagentur für Arbeit soll es 2013 1.570.000 Zeitarbeiter in Deutschland geben. Der aktuelle unterste Mindestlohn soll ab 01.05.2011 im Westen bei 7,80 und im Osten bei 6,80 liegen für 2011, dann in Stufen bis 2013 steigen. Über 60% aller Zeitarbeiter haben einen Berufsabschluss. 11% haben einen Hochschulabschluss. 2012 kommt ein Tarifvertrag für die Zeitarbeit in der Elektro- und Metallbranche BW zustande (bessere Bezahlung). Dies könnte zum Vorbild anderer Branchen werden..
Geringfügige Beschäftigung: Mini-Job oder Beschäftigung auf 400 €-Basis (seit 1999 ist vom Arbeitgeber eine Pauschale an die Sozialversicherung zu entrichten). Die Beschäftigung wird geringfügig entlohnt oder sie ist kurzfristig (keine Sozialabgaben, aber Steuerpflicht). Bei Bezahlungen zwischen 400 und 800 € im Monat spricht man von Midi-Jobs. Diese zahlen reduzierte Beiträge zur Sozialversicherung. Am Jahresende 2007 waren dies 1,2 Mio. in Deutschland. Besonders betroffen sind Schulabbrecher Die Quote ist zwischen 2008 und 2009 geringfügig gesunken auf 7% (ohne Hauptschulabschluss). Daneben gibt es noch "Midi-Jobs". Es geht um die Gleitzone zwischen Mini- und Maxi-Job. Es geht um die Einkommen zwischen 401 und 800 €. Die Sozialbeiträge steigen allmählich, die Menschen aber aber Anspruch auf Arbeitslosengeld. "Jeder, der auch nur einen Besen halten kann, sollte einer bezahlten Arbeit nachgehen", Thilo Sarrazin, ehemaliger Vorstand der Bundesbank. Ende 2010 hatten 7,3 Mio. Menschen in Deutschland eine 400-Euro-Stelle. Nach der BA 1,6 Mio. mehr als 2003. 2011 hatten etwa 7,4 Mio. Menschen in Deutschland einen Minijob.
Ein-Euro-Jobs: Die Bundesagentur für Arbeit will damit die Beschäftigungsfähigkeit von Langzeitarbeitslosen erhöhen. Die Jobs müssen im öffentlichen Interesse sein ("gemeinnützig") und sollen keine regulären Arbeitsplätze verdrängen. Hartz-IV-Empfänger bekommen dafür zusätzlich zum Arbeitslosengeld II ein bis zwei Euro pro Arbeitsstunde. Der statistische Effekt ist, das diese Gruppe nicht mehr in die Arbeitslosenstatistik eingeht. Der Bundesrechnungshof kritisiert 2010 diese Jobs, weil sie im öffentlichen Sektor Arbeitsplätze doch vernichten. Zumindest entstehen kaum feste Arbeitsverhältnisse. Deshalb will die Bundesagentur 2011 die Jobs um ein Drittel reduzieren.
Teilzeitarbeit: Immer mehr Beschäftigte in Deutschland arbeiten Teilzeit. Der Lohn garantiert oftmals keinen ausreichenden Lebensstandard. Es gibt 2008 ca. 7,72 Mio. atypisch Beschäftigte in Deutschland. Davon sind 4,9 Mio. Teilzeitbeschäftigte (die anderen befristet, geringfügig und Zeit- beschäftigt). Einen wesentlichen Einfluss hat der Strukturwandel zur Dienstleistungsgesellschaft. Die Formen sind mittlerweile sehr vielfältig (z. B. Job-Sharing, Sabbatical, Altersteilzeit, geringfügige Beschäftigung). Fünfmal so viele Frauen wie Männer arbeiteten 2009 in Teilzeit (80% Frauen). Von 2000 bis 2010 nahm die Zahl der Teilzeit-Jobber um 43% zu (DIW). Bei 22% aller Teilzeitarbeitskräfte war dies erzwungen.
Befristete Arbeit: Die Zahl der befristeten Arbeitsverträge wird in Deutschland immer größer. Jüngere Arbeiter und Ausländer sind überdurchschnittlich häufig betroffen, ebenso die Dienstleistungssparte. Die Gründe sind sehr unterschiedlich: sie reichen von der Verlängerung der Probezeit bis zur besseren Kapazitätsanpassung. 2008 hatten 2,7 Mio. oder 8,9% aller Erwerbstätigen eine zeitlich befristete Stelle (StBA). Der Anteil der Zeitverträge hat sich zwischen 2001 und 2009 vor allem bei Neueinstellungen kräftig erhöht (von 32 auf 47 Prozent). 2011 ist fast jeder zweite Arbeitsvertrag befristet (2,7 Mio.). Frauen sind mehr betroffen als Männer.
Solo-Selbständige: Von 1996 bis 2008 hat diese Zahl um 40% zugenommen (von 1,5 Mio. auf 2,1 Mio.). Der angestellte Selbstständige wird das Modell der Zukunft sein. Also muss der Angestellte von morgen denken und handeln wie Selbständige heute. Smartphone und Notebooks machen Büros immer mehr überflüssig und führen zum Arbeiten, wo immer man gerade ist. Immer mehr Selbständige beziehen 2011 Hartz IV ("Aufstocker"). Die Zahl ist von 2007 bis 2010 um mehr als 50.000 gestiegen (Jahresdurchschnitt 125.000). Dabei haben Selbständige mehr Möglichkeiten, ihr Einkommen herunterzurechnen (Betriebsausgaben). Von den Solo-Selbständigen zu unterscheiden sind die Scheinselbständigen. Viele werden in Großstädten wie München, Frankfurt u. a. wie Tagelöhner angeheuert und auf der entsprechenden Basis beschäftigt. 2011 kommen die meisten Tagelöhner aus Bulgarien (türkische Minderheit).
Werkverträge: 2011 und 2012 expandieren in Deutschland die Werkverträge sehr stark. Bestimmte Branchen sind die Vorreiter (Fleisch- und Wurstindustrie, Automobilindustrie, Gebäudereinigung). Teilweise hängt dies mit der Bekämpfung der auswüchse der Zeitarbeit zusammen. Arbeitsrechtlich besteht eine Grauzone zwischen Arbeits- und Werkvertrag. Schon lange werden Werkverträge als Übergangslösung eingesetzt (z. B. zwischen Renteneintritt und endgültigem Ruhestand in Japan).
Bürgerarbeit: Modellprojekt der Bundesregierung, um Langzeitarbeitslosen einen Weg auf den ersten Arbeitsmarkt zu ebnen. Sie werden zuerst sechs monate beraten und qualifiziert. Dann bekommen sie für maximal 36 Monate eine sozialversicherungspflichtige Stelle. Die Arbeiten müssen im öffentlichen Interesse liegen. Von Juli 2010 bis Ende 20111 konnten die Job-Center bundesweit 28.000 Hartz-IV-Empfänger in Bürgerarbeit vermitteln.
Negative Einkommensteuer: Niedriglohnbezieher bekommen eine Einkommensteuergutschrift, die ihnen ein existenzsicherndes Einkommen ermöglicht. Es handelt sich um ein Kombilohnmodell, das mit der Förderung durch Steuergutschrift das Ziel verfolgt, die Armut zu bekämpfen und neue Arbeitsanreize zu schaffen. Entsprechende Modelle waren in den USA (earned income tax credit) und Großbritannien (working families tax credit) erfolgreich. In Frankreich bekommen Arbeitgeber die Sozialbeiträge erstattet und die Arbeitnehmer einen kleinen Zuschuss. Die Idee stammt von M. Friedman. Nach der OECD-Studie "Taxing Wages" 2007 haben in Deutschland von den Steuer- und Sozialreformen der letzten Jahre vor allem Gutverdiener profitiert. Die Belastung sinkt insgesamt, aber es gibt höhere Abgaben bei kleinen Einkommen. Im März 2007 beschließt die Bundesregierung einen Kombilohn für junge Arbeitslose (Qualifizierungs-Kombilohn) und Lohnzuschüsse für besonders schwer Vermittelbare.
Kalte Progression: Wenn der Einkommensteuertarif nicht kontinuierlich angepasst wird, führt ein Einkommensplus als Inflationsausgleich wegen des progressiven Tarifs zu einem höheren Steuersatz und damit zu einer größeren Steuerbelastung, obwohl das Realeinkommen gleich bleiben kann. Dies ist eine Art heimliche Steuererhöhung. Mikroökonomisch wird dies in der Grenzbelastung gemessen. Makroökonomisch ist dies eine "Built-in-Flexibility" in Boomzeiten. Auch Einkommensteuer-Freibeträge müssten ständig angepasst werden. Im Schnitt können 2% Lohnerhöhung zu 4% mehr Steuerbelastung führen (überproportional=progressiv). Die Progression steigt besonders stark oberhalb der Freibeträge. Jede Korrektur zugunsten der Steuerzahler hat aber ihren Preis: Irgendjemand muss zahlen. Im so genannten "Mittelstandsbauch" (Steuerkurve steigt zunächst steil an zwischen 14% und 24% und verläuft dann flacher bis 42% und dort ist die Mehrzahl der Steuerzahler angesiedelt. Hinter dem Progressionsvorbehalt stand ursprünglich das Bemühen um Steuergerechtigkeit. Die Anwendung ist mittlerweile zu kompliziert (Kurzarbeitergeld, Kapitaleinkommen mit Abgeltungsteuer, Anwendung bei Ehegatten - Splitting und AL eines Partners). Eigentlich müsste die "kalte Progression" abgeschafft werden durch einen "Tarif auf Rädern" (Verschieben gemäß der Inflationsrate). "In der modernen Gesellschaft sind Selbstvertrauen und sozialer Status untrennbar mit unserer Arbeit und unserem Einkommen verbunden", Robert Solow.
Abgabenlasten und Steuergerechtigkeit: Die Durchschnittssteuerlast wird ermittelt, indem der Belastungsbetrag durch das Haushaltsbruttoeinkommen dividiert wird. Zu den Abgaben zählen Sozialversicherungsbeiträge, Kraftfahrzeugsteuer, Mineralölsteuer, Mehrwertsteuer, Einkommensteuer, Gebühren und Beiträge. Bestimmte Akteure können sich auch der Steuerüberwälzung bedienen und andere tragen Zusatzlasten der Besteuerung.
Zweitjob: Die Zahl der Bundesbürger mit mehreren Beschäftigungsverhältnissen ist stark angestiegen. Meistens handelt es sich um eine geringfügige Beschäftigung neben einer Haupttätigkeit. Innerhalb von sieben Jahren (von 2003 auf 2010) ist die Zahl von 1,2 Mio. auf 2,4 Mio. gestiegen.
Personalpolitik (Human Resources Management)
Arbeitsteilung: Eine der wichtigsten Grundbegriffe der Ökonomie. Schon Adam Smith sah hierin die Quelle aller Produktivität. Berühmt ist sein Stecknadelbeispiel (siehe unten). Man unterscheidet betriebliche, zwischenbetriebliche und internationale Arbeitsteilung. Berühmt ist die Gliederung der Arbeit nach dem deutschen Wissenschaftler Bücher von 1919: Arbeitsvereinigung, Arbeitsgemeinschaft und Arbeitsteilung. Perfekte Arbeitsteilung zeigt das Bienenvolk: es gibt Berufe, Leistungsträger und Krisen (wenn Rohstoffe fehlen). Jeder macht das, was er am besten kann.
Gruppenarbeitsmodelle vs. Fließbandarbeit: Letztere wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von dem Ingenieur Frederik M. Taylor konzipiert und zuerst von Henry Ford in seinem Unternehmen umgesetzt. Gruppenarbeitsmodelle wurden vor allem in Japan konzipiert . Kein Modell dürfte grundsätzlich dem anderen überlegen sein. Es kommt auf die Rahmenbedingungen an. Vgl. zu den Gruppenmodellen aus Japan auch Management/ Japan auf der Asienseite.
Humankapital: Humankapital ist der Bestand an Wissen und Fähigkeiten, die die Produktivität eines Arbeitnehmers determiniert. Das Konzept führte zur Auflösung des Leontief-Paradoxons. Der Begriff wurde vor allem vom amerikanischen Ökonomen Harry G. Johnson (1923 - 1977) entwickelt: "Die Weigerung, den Investitionscharakter eines Problems anzuerkennen, weil es dabei um Menschen geht, könnte dazu führen, dass Menschen künftig schlechter behandelt werden als Maschinen". Die Bedeutung von Humankapital und Qualifikationen steigt mit der Globalisierung: dadurch hat sich einerseits die Nachfrage in Richtung qualifizierte Arbeit in Industrieländern erhöht (unqualifizierte Arbeit kann in Entwicklungs- und Schwellenländern gemacht werden) und andererseits wird durch den immer schnelleren technologischen Wandel unqualifizierte Arbeit durch Maschinen ersetzt. Deutschland hat nur den Rohstoff "Intelligenz" und sollte ökonomisch mit ihm umgehen. Man kennt auch den Begriff "Sozialkapital". Hierbei handelt es sich um den intrinsischen ökonomischen Wert, den ein Netzwerk aus Beziehungen mit Kollegen, Kunden und anderen ökonomischen Agenten haben kann. Es besonderes Problem stellt die Humankapitalbewertung dar. Möglich sind eine quantitative Bewertung, nicht-monetäre Ansätze, Nachhaltigkeitsbericht und Mitarbeiterbefragungen. "Und wenn du auch die Kraft hast, einen Berg zu versetzen, so brauchst du doch einen Verstand, der so groß und ruhig ist wie ein Ozean", Chinesisches Sprichwort. Einer der ersten Ökonomen, der auf die Idee des Humankapitals kam, war Friedrich List (1789-1846). Hier ein Zitat dazu: "Wer Schweine erzieht, ist (nach Adam Smiths Theorie) ein produktives, wer Menschen erzieht, ein unproduktives Mitglied der Gesellschaft. Ein Newton, ein Watt, ein Kepler sind nicht so produktiv wie ein Esel oder ein Pferd", zitiert nach Wirtschaftswoche, Nr. 11/2012, S. 41.
Bildungsökonomie: Gegenstand ist der Zusammenhang zwischen Bildung und Wirtschaftswachstum, Bildung als Humankapitalinvestition und die Finanzierung der Bildung. Die Bildungsökonomie, die in Deutschland in der 70er Jahren boomte, erlebt in letzter Zeit wieder eine Renaissance. Vgl. z. B. Piopiunik, M./ Wößmann, L.: Folgekosten unzureichender Bildung durch entgangenes Wirtschaftswachstum, in: Wirtschaftsdienst 2011, Sonderheft, S. 34-41. Vgl. auch den Beitrag von R. Schettkat im gleichen Heft (Bildung, Wirtschaftswachstum, Arbeitsmarkt, S. 4ff.).
Wissensmanagement: Mittlerweile ein Begriff, der zuerst definiert werden muss. Er kann für alles verwendet werden, was mit dem Wandel und der Beeinflussung von menschlichem Wissen zu tun hat. Das Phänomen hat schon immer eine Rolle gespielt. Nach dem Griechen Pythagoras, der auch die Erde schon fast als Kugel sah und auf den π zurückgeht, ist Lernen eine Sache zwischen Alten und Jungen: Ich bin alt und gebe euch etwas. Ich verliere dabei nichts, und ihr gewinnt etwas, deshalb ist Lernen schön - womit die "Modeidee" des Wissensmanagements uralt ist. Neben der Übergabe von Wissen (spielt in der Personalwirtschaft eine große Rolle) ist auch die Anpassung von Wissen an sich verändernde Anforderungen wichtig. Viele verstehen heute Wissensmanagement auch als die Bearbeitung und Konservierung von Wissen durch die Informationstechnologie. Wenn wir heute in einer Wissensgesellschaft leben, ist auch das Wissensmanagement extrem wichtig.
Zuerst hatte der amerikanische Soziologe Daniel Bell 1973 Wissen als "zentrale Achse" der Wirtschaft postuliert. Bahnbrechend war das Buch der japanischen Innovationsforscher Ikujiro Nonaka und Hirotaka Takeuchi von 1995 mit dem Titel "The Knowledge-Creation Company". Danach ist der Innovationsprozess ein Prozess, in dem Wissen erfasst, erzeugt, wirksam eingesetzt und bewahrt wird. Mittlerweile ist Wissen ein vierter Produktionsfaktor. Vgl. hierzu den klassischen Aufsatz von Friedrich August Hayek: The Use of Knowledge in Society, in: AER, 1945. "El saber no ocupa lugar" - Wissen schadet nicht. "Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt", Albert Einstein.
Kreativität: Mit richtigem Führungsstil und passender Arbeitsumgebung kann Kreativität gefördert werden. Kreativität ist eine wichtige Führungsqualität. Bestimmte Methoden führen zu mehr Kreativität: Brainstorming, Mind Map, Methode 653, Sechs-Hüte-Methode, Umkehrmethode u. a.
Employability (Beschäftigungsfähigkeit, Arbeitsfähigkeit): "Die Summe aller Faktoren, die einen Mann oder eine Frau in einer bestimmten Situation in die Lage versetzen, eine gestellte Aufgabe erfolgreich zu bewältigen" (Ilmaringen 2000). Es gibt dabei physische und kognitive Faktoren. Häufig wird es als Ansatz verstanden, der die Eigenverantwortlichkeit der Menschen für ihren Arbeitsplatz und ihre Qualifizierung in den Vordergrund stellt. So gibt es Initiativen (z. B. Selbst), die Netzwerke von Unternehmen, Wissenschaft und öffentlicher Hand zur Förderung der Beschäftigungsfähigkeit darstellen (die Gewerkschaften kritisieren das Abrücken von der Arbeitsplatzsicherheit). Im Vordergrund steht das Wissensmanagement. Es gibt auch Kollegen, die den Ansatz auf die gesamte Personalpolitik anwenden. Dies darf allerdings nicht dazu führen, dass man den Arbeitsmarkt ausschließlich aus dieser Perspektive betrachtet, denn würde das Konzept zur Ideologie, vor allem, wenn die Definition nicht klar herausgestellt wird. "A man who misses his opportunity, and a monkey who misses his branch, cannot be saved", Hindu proverb.
Weiterbildung: Fachkräftemangel und Kapazitätsunterauslastung rücken die Weiterbildung als wichtige Investition in die Zukunft wieder in den Mittelpunkt. Besonders die betrieblichen Qualifizierungsanstrengungen sollten verstärkt werden, wobei das Duale System im Mittelpunkt stehen sollte. In Deutschland wird 2009 die erste Hochschule für Weiterbildung in Berlin gegründet. Sehr umstritten ist die Weiterbildungsindustrie im Zusammenhang mit Transfergesellschaften (Bildungsträger sind auch häufig in der Hand von Gewerkschaften oder Arbeitgeberverbänden). Transparenz und Qualität sind verbesserungswürdig. Europaweit haben die skandinavischen Länder, die Niederlande und Frankreich prozentual mehr Weiterbildende Unternehmen. Vgl. Behringer, F.: Betriebliche Weiterbildung in Europa, in: Wirtschaftsdienst 2011, Sonderheft, S. 15-19.
General Knowledge: Information, die nicht teuer zu kommunizieren ist. Specific Knowledge: Information, die kostenreich zu kommunizieren ist. Subjective Information: Information, die schwer zu beschreiben oder zu quantifizieren ist. Private Information: Information, die nur bei einer Partei ist (z. B. wenn ein Arbeiter schon weiß, dass er Ende des Jahres geht, nicht aber der Arbeitgeber).
Modern job design: intrinsisch motiviert. Charakterisiert durch hohen Abwechslungsreichtum bei Aufgaben und Fähigkeiten. Betont vor allem das Lernen. Kann durch Performance evaluation gemessen werden, bei der numerisch oder subjektiv die performance des Arbeiters zu Feedback- oder Anreizzwecken beurteilt wird. "Wenn die Arbeit sinnlos ist, nähert sich auch das Leben der Sinnlosigkeit", A. Maslow, US-Psychologe.
Die Mitarbeiterbindung an die Unternehmen sinkt in Deutschland beständig. 2008 fühlten sich neun von zehn Beschäftigten kaum an ihr Unternehmen gebunden (Umfrage von Gallup, 2000 Arbeitnehmer, seit 2001). Damit geht auch die Motivation der Mitarbeiter zurück. Davon ist die Leistungsfähigkeit und die Zahl der Fehltage abhängig, ebenso die Fluktuation. Gallup ermittelt die Zahlen international: Deutschland liegt im unteren Mittelfeld. Ein besonders Problem ist die Mitarbeiterbindung in China. Als Faktoren, die Bindung herstellen können, gelten Einkommen, betriebliche Sozialleistungen, Personalentwicklung, Arbeitszeitflexibilität und Mitarbeiterbeteiligung.
Kündigung: Das deutsche Kündigungsrecht verstößt gegen EU-Recht, weil es die Arbeitnehmer diskriminiert, die unter 25 Jahren in einen Betrieb eingetreten sind (Dauer der Kündigungsfrist). Die Kündigungsnormen zählen zu den umstrittensten Regulierungsmaßnahmen des Arbeitsmarktes.
Personalrekrutierung: Die meisten festen Arbeitsstellen in Deutschland werden nicht ausgeschrieben. 27 Prozent aller Neueinstellungen kommen über persönliche Bekanntschaften in Deutschland zustande (IAB). Extrem wichtig ist der Weg über persönliche Kontakte und Bekanntschaften im Mittelstand. Jeder Achte findet einen Job durch blinde Bewerbung bei einem Unternehmen. Auch Plattformen, wie z. B. Xing, haben an Bedeutung gewonnen. Viele Hochschulabsolventen finden direkt über die Hochschule, z. B. durch Praktika oder Veranstaltungen, eine Stelle. Erfahrene Führungskräfte werden häufig durch "Headhunter" vermittelt. 2012 läuft ein Versuch in der Wirtschaft mit anonymen Bewerbungen. Dadurch soll die Verhinderung von Diskriminierung (Frauen, ältere Arbeitnehmer, Migranten) verhindert werden. Untersuchungen haben gezeigt, dass gerade Frauen und Migranten von anonymen Bewerbungen profitieren. "I sent the club a wire stating, Please accept my resignation. I don`t want to belong to any club that will accept me as a member", Groucho Marx, 1959.
Frauenquote: 2011 sind 55,7% eines Abiturjahrgangs Frauen, 51,0% haben ein abgeschlossenes Studium, aber nur 21,7% aller Führungspositionen sind von Frauen besetzt (StBA). In den Top-Gremien der größten börsennotierten Unternehmen sind in Deutschland 13% Frauen. Der Durchschnitt in der EU liegt bei 12%. Am höchsten ist der Anteil in Norwegen mit 39%. Als erstes deutsches Unternehmen führt die Telekom 2010 eine Frauenquote für Führungspositionen ein. In den Vorständen der 30 DAX - Unternehmen ist nur eine Frau. Änderungen streben Eon, Daimler, Bosch, BMW und Airbus an. Die besseren Noten der Frauen in Gymnasium und Hochschule finden noch kaum eine Auswirkung in den Führungsstrukturen der Betriebe. Interessant ist der Einfluss des Frauenanteils an den Führungskräften auf die Unternehmenskultur. In Skandinavien und den Niederlanden ist der Frauenanteil wesentlich höher (siehe oben). Die Selbstverpflichtung folgt auch betriebswirtschaftlichen Zielen. 2010 wirkt auch die Bundesregierung auf eine Frauenquote hin (Regierungskommission Corporate Governance): bis zum Jahr 2015 sollen Unternehmen jeden dritten Vorstandssessel mit einer Frau besetzt haben. Notfalls Gesetz, wenn Regelwerk nicht wirkt. Im Jahre 2011 sollte die Frauenquote gesetzlich eingeführt werden (30%-Schlüssel als Mindestmarge für Frauen und Männer, scheitert). Man legt nur ein Bekenntnis zur Förderung von Frauen in Führungspositionen ab (30 DAX-Unternehmen). In der Personalökonomie ist dadurch das Konzept "Diversity" in den Vordergrund gerückt. Es geht dabei um die zentrale Frage, ob Frauen bei Karriereerfolg männliche Verhaltensweisen annehmen müssen. Viel intensiver müsste hier über Messinstrumente und -verzerrungen diskutiert werden. Der Monitor Familienleben 2011 des Instituts für Demoskopie in Allensbach zeigt auf, dass Job und Familie immer noch schwer zu vereinbaren sind. 2012 droht die Justizkommissarin der EU Viviane Reding mit einer Frauenquote. "Der beste Kandidat unabhängig von Nationalität, Hautfarbe oder Geschlecht", Siemens AG zu ihrer Personalpolitik. Ca. 27% aller Führungskräftepositionen sind in Deutschland 2010 von Frauen besetzt. Sie verdienen rund 28% weniger als Männer auf vergleichbaren Positionen (DIW). "Wenn ein Mann in der Politik mit der Faust auf den Tisch haut, ist das männlich. Wenn eine Frau auf den Tisch haut, ist sie hysterisch", Viviane Reding, EU-Justizkommissarin 2010 zu ihrer Reaktion auf die Abschiebung französischer Roma.
Ältere Arbeitnehmer: Unternehmen, die mehr Ältere beschäftigen, sind nicht weniger leistungsfähig. Dies gilt für Dienstleistungssektor und Industrie (vgl. C. Göbel/ T. Zwick: Age and Productivity-Sector Differences? ZEW-Discussion Paper 11-058, Nov. 2011). Die Gruppe stellt ein wichtiges Potential bei schrumpfender Bevölkerung dar (auch im Hinblick auf die Rentenversicherung). Im Wissensmanagement geht es auch um "Vererbung" von Wissen an die nachfolgende Generation. Auch die Einstellung zur Weiterbildung in dieser Gruppe muss sich ändern.
Zeitmanagement bzw. Zeitpolitik: Falsche Zeitpolitik oder Zwänge von außen führen zu Stress. Arbeitswelt und gesellschaftliche Entwicklungen haben sich nicht gleich entwickelt. Besonders in Familien ist der Wunsch nach mehr gemeinsamer Zeit mit den Kindern sehr groß. 40 Prozent der Eltern leiden unter Zeitdruck. (vgl. 8. Familienbericht: "Zeit für Familie").
Resource-Based View (in der Personalpolitik): Die aktuelle Weltwirtschaftskrise wirkt sich auf die Personalpolitik aus, indem die Personalkapazitäten an die verringerte Güternachfrage angepasst werden müssen. Mit Personalfreisetzungen geht wichtiges Know-How verloren. Hier muss ein strategisches Management der Personalpolitik ansetzen. Ausbildung, Engagement und Loyalität müssen optimal kombiniert werden. "Manchmal reicht es schon, wenn man kein Arschloch ist", Dieter Zetsche, Daimler.
Parkinson-Gesetz: Arbeit lässt sich wie Gummi dehnen, um die Zeit auszufüllen, die für sie zur Verfügung steht. Das heißt, Arbeit expandiert mit dem Zweck, die Zeit bis zu ihrer Vollendung auszufüllen, C. N. Parkinson im Jahre 1955 im "Economist". "Eine Kommission ist ein Gremium, das sich mit dem Entwerfen des Entwurfs für den Entwurf zum Entwurf beschäftigt".
Peter - Prinzip: "In a hierarchy every employee tends to rise to his level of incompetence", Laurence Peter & Raymond Hull, 1969. "Je höher Sie aufsteigen, desto eher sind Ihre Probleme Verhaltensprobleme", M. Goldsmith, Bestsellerautor.
Psychologische Grundlagen bieten wichtige Lösungsansätze: Für den Einzelnen ist die Identität wichtig. Mit anderen zählt das Arbeiten im Team. Störungen im Führungsverhältnis können gelöst werden. Schwierige Situationen können gemeistert werden, wie Mobbing, Machtspiele, Konflikte und Manipulationen. Stress im Beruf muss bewältigt werden, im Idealfall mit Work-Life-Balance.
Work-Life-Balance: Wahrung eines Gleichgewichts zwischen denen verschiedenen Lebenswelten und Rollen, insbesondere zwischen Arbeit und Privatleben. Die Personalwirtschaft muss mehr auf Lebensphasen orientiert ausgerichtet werden. Ein großes Ungleichgewicht kann zum Burn-Out-Syndrom führen. Dieses reicht von Erschöpfung über Verhaltensänderungen zur Depression. Im Zeitalter der Globalisierung ist Schnelligkeit und maximale Flexibilität zur gesellschaftlichen Norm geworden. Traditionelle Netzwerke wie Familie, Vereine und Kirche verlieren an Bedeutung. Die Gesellschaft individualisiert.
Karriere: Über beruflichen Erfolg entscheiden Ausbildung, Intelligenz und innere Einstellung. Letztere wird als Charakter bezeichnet. Die Karrieredeterminanten unterscheiden sich in den einzelnen Organisationstypen. In der öffentlichen Verwaltung spielt auch die Parteimitgliedschaft eine große Rolle. Bei Männern macht Karriere auch glücklicher.
Flexicurity: Ein Kunstwort, zusammengesetzt aus Flexibility und Security. Beides soll in Einklang gebracht werden. Es wird als Konzept gegen die Trennung in Kern- und Randbelegschaften entwickelt. Die Gewerkschaften kritisieren die Betonung auf Beschäftigungssicherheit statt Arbeitsplatzsicherheit verbunden mit einer Deregulierung des Arbeitsrechts.
Bachelor und Master auf dem Arbeitsmarkt: Die meisten Unternehmen scheinen keinen großen Unterschied zu machen. An der Hochschule erwirbt die Mehrheit aber einen Masterabschluss. Berufsbegleitende Master sind wenig bekannt. Studenten benötigen mehr Informationen über die Komplexität der Karrierefaktoren. Vgl. Konegen-Grenier, C.: Bachelor und Master auf dem Arbeitsmarkt: Ergebnisse aus zwei Unternehmensbefragungen, in: Wirtschaftsdienst 2011, Sonderheft, S. 20-26.
Mobbing: Psychoterror am Arbeitsplatz. Schikanierung durch Kollegen und Chefs, bis der Arbeitsplatz verlassen wird oder die betroffenen Person krank wird. Besonders in sozialen Berufen wird gemobbt. In Deutschland sind ca. 1,8 Mio. Menschen betroffen (EU, Statistisches Bundesamt). 2,5 Mrd. € könnten die Fehltage durch Mobbing kosten. 20% aller Suizidfälle in Deutschland könnten auf Mobbing zurückgeführt werden.
Arbeitsmarkttheorie und -statistik
Auf dem (fiktiven) Arbeitsmarkt tauschen die Anbieter der Arbeit (Arbeitskräfte, Haushalte) ihre Arbeitskraft (Zeit, Fähigkeiten, Kenntnisse, Erfahrungen) gegen das Arbeitsentgelt der Nachfrager nach Arbeit (Arbeitgeber, Unternehmen). Das Arbeitsangebot wird vom Lohnsatz, den Präferenzen, den Lohnersatzeinkommen, den Sozialversicherungsbeiträgen, Nichtarbeitseinkommen (mikroökonomisch) und von der Bevölkerungs- und Erwerbspersonenentwicklung (makroökonomisch) beeinflusst; die Arbeitsnachfrage vom Lohnsatz, den Lohnnebenkosten, der Produktivität der Arbeitnehmer, den Arbeitschutzbestimmungen, den Kündigungsschutzgesetzen (mikroökonomisch) und der Konjunkturlage, Nachfrage nach Gütern (makroökonomisch) bestimmt. "Die Angst, arbeitslos zu werden, frisst sich durch die Gesellschaft", Wilhelm Heitmeyer, Soziologe Uni Bielefeld.
Arbeitslosenquote in Deutschland (statistische Erfassung der Arbeitslosigkeit): im Zähler stehen die offiziell arbeitslos Gemeldeten (Registrationsmethode), im Nenner sind die Erwerbspersonen ausgewiesen. In der Statistik erscheinen folgende Gruppen nicht: berufliche Weiterbildung, Trainingsmaßnahmen, Ein-Euro-Jobs, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Förderung der Selbständigkeit, Vorruhestand, Stille Reserve, Arbeitslose über 58 Jahren. Im Zähler müssten die freiwillig Arbeitslosen (oft Sozialleistung - induziert) abgezogen werden. Neben den gemeldeten Arbeitslosen gibt es in Deutschland eine hohe Zahl versteckt Arbeitsloser (2009 etwa 1 Mio.). Weiterhin verzerrt die Zahl der Kurzarbeiter die Arbeitslosenquote. Es gibt viele verschiedene Arbeitslosenquoten für Deutschland. Sie werden von verschiedenen Organisationen berechnet: von der BA, vom StBA, vom ILO, von der OECD. Die ALQ der ILO berücksichtigt auch weder die verdeckte Arbeitslosigkeit noch den Anteil der Unterbeschäftigten (weniger als 15 Std. in der Woche). An dieser Stelle können die Methoden nicht näher erläutert werden. Die Arbeitslosen in den USA werden durch Umfragen ermittelt. Als notwendige Bedingung gilt auch die Jobsuche. So kann die paradoxe Situation eintreten, dass die ALQ sinkt, wenn die Zahl der Jobsuchenden zurückgeht. Das Risiko, arbeitslos zu werden, hängt in allen EU-Ländern vom Bildungsniveau ab. Von den niedrig Gebildeten waren 2007 in der EU 9,2% arbeitslos, von den höher Gebildeten nur 3,6%. Arbeitslosenzahlen lassen sich auch anhand von Suchbefehlen bei Google vorhersagen (Askitas, N./ Zimmermann, K.: Prognosen aus dem Internet, IZA Standpunkte Nr. 13, Bonn 2009. Für 2010 prognostiziert die OECD eine ALQ von 12% und über 5 Mio. AL. In der EU hat Dänemark mit 1,8% 2008 die geringste und Spanien mit 11,2% die höchste Quote. 2010 rechnet das IAB mit einem nur geringen Anstieg der Arbeitslosigkeit in Deutschland (ca. 3,5 Mio., + 120.000). Schon im Herbst 2010 zeichnet sich allerdings ein deutlicher Rückgang ab: schon bald könnten es weniger als 3 Mio. sein: erstmals im November 2010 mit 2,9 Mio. und 7%. Im Jahresdurchschnitt 2010 lag die Zahl der Arbeitslosen bei 3,24 Mio. (Prognose 2011 3 Mio.). Im April 2011 liegt die Arbeitslosenzahl bei 3,078 Mio. Arbeitslosen (7,3%), sie sinkt im Juni 11 unter 3 Mio. auf 2,893 (6,9%) und erreicht im Oktober den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung (6,5%). Im Jahresdurchschnitt 2011 lag sie auf dem niedrigsten Stand seit 20 Jahren unter 3 Mio. (2,98 Mio.). Anfang 2012 steigt sie wieder saisonbedingt auf 7,4% im Februar 12 (3,11 Mio.), dann sinkt sie wieder im April 12 auf 7,0% (2,963 Mio.). Für 2015 wird von einigen Experten Vollbeschäftigung in Deutschland erwartet (Bevölkerungsrückgang und Wirtschaftsentwicklung). Das IAB rechnet nach 2011 mit kaum noch sinkender Arbeitslosigkeit, weil die Dynamik der Hartz-IV-Reformen beendet ist und die Lohnpolitik weniger zurückhaltend sein wird.
Natürliche Arbeitslosenquote: Die normale (gleichgewichtige) ALQ, um die herum die ALQ zyklisch schwanken (auch Hypothese). Diese begründet nach M. Friedman und E. Phelps langfristig eine senkrechte Phillips-Kurve. Es besteht eine enge Beziehung zur friktionellen Arbeitslosigkeit, die daraus resultiert, dass Arbeitnehmer Zeit brauchen, um einen Arbeitsplatz zu suchen (vgl. auch Aktuelles, Namen). Daneben gibt es noch Keynesianische bzw. konjunkturelle , strukturelle und wachstumsdefizitäre Arbeitslosigkeit. "Eine der schauerlichsten Folgen der Arbeitslosigkeit ist wohl die, dass Arbeit als Gnade vergeben wird. Es ist wie im Kriege: Wer die Butter hat, wird frech", Kurt Tucholsky.
Jugendarbeitslosigkeit: Sie hat eine entscheidende Bedeutung für das Wachstum und den sozialen Frieden eines Landes. Gemessen wird die Quote in % bei den 15- bis 24-Jährigen. Insgesamt geraten die Nachwuchskräfte in Deutschland mehr unter Druck. Junge Beschäftigte unter 35 Jahren sind zur Hälfte mit dem Einkommen unzufrieden (jeder Vierte unter1500 € im Monat). Rund ein Fünftel ist befristet beschäftigt (Befragung des DGB unter 1200 jungen Arbeitskräften). Die höchste Jugendarbeitslosigkeit in der EU haben 2011 die Slowakei (35,6%), Griechenland (36,1%) und Spanien (44,4%). Am positivsten ist die Situation in den Niederlanden (6,9%) und Deutschland (7,9%, -0,9% gegenüber 2011). 2012 steigt die Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland auf 51,2%, in Spanien auf 51,1% (März).
Stille Reserve: Personen, die eine Arbeit suchen, aber nicht beim Arbeitsamt registriert sind (meist sind sie entmutigt und geben die Suche auf; es gibt eine aktive und passive stille Reserve). Den größten Anteil an dieser Gruppe haben Frauen, die wegen eines Kindes eine zeitlang beruflich ausgesetzt haben und den Einstieg nicht mehr schaffen. Auf die Stille Reserve wird es in Zukunft ankommen: die Anreize zur Aufnahme von Arbeit müssen weiter verstärkt werden. Daneben werden zunehmend ausländische Arbeitskräfte angeworben werden müssen. Nach einer Studie von McKinsey 2007 könnten in Deutschland bis 2020 6 Mio. Arbeitskräfte fehlen.
Arbeitszeitkonten: Viele Unternehmen flexibilisieren hiermit den Arbeitseinsatz. Sie wirken als Puffermechanismen in Rezessionen. Die Zeitarbeit stellt auch einen Puffer dar, Arbeitslosigkeit in diesem Bereich tritt zeitlich verzögert auf. Die Reformen auf dem Arbeitsmarkt haben die Beschäftigungsschwelle weiter sinken lassen, so dass weniger Wachstum gebraucht wird, um auf dem Arbeitsmarkt Verbesserungen zu erreichen.
Okuns Gesetz (nach M. Okun, 1929-1979): negative Beziehung zwischen Arbeitslosigkeit und realem BIP. Es handelt sich um eine empirisch beobachtete Regelmäßigkeit (Faustregel: + 2,5% BIP, -1% AL). Umgekehrt gilt die Relation auch, wodurch Sockelarbeitslosigkeit entsteht. "Im Jahre 2010 wird die Marke von fünf Millionen übertroffen", OECD-Prognose zur Arbeitslosigkeit in Deutschland.
Googlemetrie: Weil Wirtschaftsprognosen in Krisen besonders schwierig sind, entwickelte das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn alternative Frühindikatoren für den Arbeitsmarkt. Das IZA - Arbeitslosigkeitsbarometer stützt sich auf Suchaktivitätsstatistiken von Google Insight. Dieses Instrument kann mit dem DAX und dem Ifo - Beschäftigungsbarometer kombiniert werden. Vgl. Googlemetrie und Arbeitsmarkt, in: Wirtschaftsdienst 2009/7, S. 489 ff.
Regionales Arbeitsmarktmonitoring (Ramon): Es wird im Herbst 2009 von der Bundesagentur für Arbeit eingerichtet und schätzt Chancen und Risiken regionaler Arbeitsmärkte. So werden Beschäftigungsrisiko und Entwicklungspotential beurteilt. Ebenfalls wird der Stellenindex der BA entwickelt, der die Nachfrage nach Arbeitskräften anzeigt (BA-X). "Wir befinden und auf der Schnellstraße zur Vollbeschäftigung", Rainer Brüderle, Bundeswirtschaftsminister im November 2010.
Strukturelle Arbeitslosigkeit: Viele Faktoren tragen dazu bei. Genannt seien z. B. Mindestlöhne, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände, Effizienzlöhne, Nebenwirkungen der Wirtschaftspolitik. Die Arbeitslosigkeit bei der Stellensuche führt zu friktioneller Arbeitslosigkeit. Beide zusammen führen zur natürlichen Arbeitslosenquote. Daneben gibt es noch konjunkturelle und saisonale Arbeitslosigkeit. "Verdeckte Arbeitslosigkeit" entspricht in etwa der "Stillen Reserve". Dies sind 2011 in Deutschland ca. 1,4 Mio. Versteckte Arbeitslosigkeit gab es in Planwirtschaften (geringe Arbeitsproduktivität). 2010 scheint die Wende am Arbeitsmarkt in Deutschland geschafft. Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel rechnet für 2011 mit weniger als 3 Mio. Arbeitslosen (zuletzt 1992). Dies tritt schon im Mai 2011 ein (2,96 Mio.). Anfang 2012 steigt die Arbeitslosenquote in Deutschland saisonbedingt wieder auf 7,4% (3,11 Mio.)
Kosten der Arbeitslosigkeit: in Deutschland sind es der Finanzbedarf der Bundesagentur für Arbeit und Mehrausgaben für das steuerfinanzierte Hartz -IV - System. Hinzu kommen die Opportunitätskosten der Steuerausfälle. Die Kosten steigen mit dem Anstieg der Arbeitslosigkeit. Die Bundesagentur für Arbeit braucht bis 2013 insgesamt 52,4 Mrd. € mehr als vor der Krise geplant. Hartz IV kostet in dieser Zeit 34,5 Mrd. € mehr. Ende 2010 werden 4,4 Arbeitslose erwartet.
Langzeitarbeitslose: in allen Industrieländern die Problemgruppe des Arbeitsmarktes. Ein markantes Merkmal ist die geringe Qualifikation. Auch die Hartz-IV-Reform in Deutschland hat kaum zu besseren Chancen für diese Gruppe geführt. 2009 sind laut IAB 75% aller Arbeitslosen in Deutschland Langzeitarbeitslose. Die Eingliederung dieser Gruppe in den Arbeitsmarkt stellt eine große Herausforderung dar. Als besonders positiv haben sich die Betreuungsintensität und die Kooperation von öffentlicher und privater Arbeitsvermittlung bewährt. Insgesamt ist die Langzeitarbeitslosigkeit durch die Hartz - Reformen zurückgegangen. Die Langzeitarbeitslosen bemühen sich intensiv, wieder eine neue Stelle zu bekommen. Aber die Vermittlung ist nicht optimal. 2010 gibt es Überlegungen, die Langzeitarbeitslosen in Bürgerarbeit zu beschäftigen. Dies soll vor allem im Pflegebereich, Tourismus, in Sportvereinen und in der Straßenreinigung passieren (Modellprojekte, 900 € für 30 Std. in der Woche, sozialversicherungspflichtig, bis zu drei Jahre, ab 2011). 197 Jobcenter beteiligen sich. 2006/ 2007 haben nur 25 Prozent derjenigen, die 12 Monate oder länger arbeitslos waren, wieder einen Job bekommen (Jutta Allmendinger 2009 in einer Untersuchung am Wissenschaftszentrum Berlin). 2010 ermittelt das IAB in einer empirischen Studie, dass die Vermittlung an den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Menschen vorbei arbeitet. Der Bildungsbericht der Bundesregierung 2010 weist darauf hin, dass jeder sechste Schulabgänger keinen Abschluss hat, bei Ausländern sogar jeder Dritte. Hieraus rekrutieren sich viele Langzeitarbeitslose. Es soll mit Bildungslotsen geholfen werden. 1,5 Mio. junge Menschen in Deutschland zwischen 20 und 29 Jahren sind ungelernt (729.00 Frauen, 2010). Langzeitarbeitslose über 58 Jahren tauchen in der Statistik der Arbeitslosigkeit oft nicht mehr auf. "Rund ein Viertel unserer Langzeitarbeitslosen wird nie mehr einen regulären Job finden", Hannelore Kraft, SPD-Chefin NRW (Begründung für den Vorschlag, Hartz-IV-Empfänger zum Vorlesen in die Schulen zu schicken).
Jobturnover: Summe aus den absoluten Brutto-Stellengewinnen und den Brutto-Stellenverlusten. Der funktionale Zusammenhang zwischen der Quote der Vakanzen und der Arbeitslosenquote wird als Beveridge-Kurve bezeichnet.
Jobwunder: 2011 ist der deutsche Arbeitsmarkt so gut wie lange nicht mehr. Die Arbeitslosenquote ist mit 6,5% sehr niedrig; die Zahl der offenen Stellen ist hoch. Für das Jahr 2012 wird mit einer Konjunkturabkühlung gerechnet. Bankenkrise, Energiewende, Euro-Krise, Schuldenkrise trüben die Stimmung.
Arbeitsmarktinstitutionen: Arbeitsmarktinstitutionen in verschiedenen Ländern unterscheiden sich erheblich und sorgen für eine unterschiedliche Performance. R. Freeman, Harvard: Labor Market Institutions around the World, Working Paper, July 2007. Zu den Institutionen gehören Arbeitsanbieter und Nachfrager (Unternehmen), Interessensverbände der Arbeiter und Arbeitgeber, Arbeitsgerichte, Staat (mit Sozialversiche-rungen) u. a. Auch Tarifautonomie, Tarifvertrag und Verhandlungsprozess gehören dazu. Vgl. hierzu meine Veranstaltung Arbeitsökonomik und den Aufsatz: Wagner, T./Jahn, E., Institutionen des Arbeitsmarktes, in: WISU 5/09, S. 726 ff. Radikaler Gegner der Macht von Institutionen auf dem Arbeitsmarkt war F. A. von Hayek (1899-1992): Arbeitskräfte gehören seiner Ansicht nach auf den freien Markt. Löhne sollen sich frei durch Angebot und Nachfrage bilden. Er ist folglich ein Gegner von Sozialleistungen. In Deutschland ist die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg die wichtigste Institution. In Konjunkturhochs bildet sie Rücklagen aus den Mitteln der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung (bis 2010 2,8%, 2009 sind die Rücklagen in Höhe von 17 Mrd. € aufgebraucht, das Defizit beträgt schon im ersten Halbjahr 10 Mrd. €, im ganzen Jahr 18 Mrd. €). In Rezessionen werden die Mittel als Arbeitslosengeld und Kurzarbeitergeld ausgezahlt. Bis 2015 sollen 10.000 der insgesamt 115.000 Stellen bei der BA gestrichen werden, wegen der anhaltend guten Arbeitsmarktlage. "Irgendwann ist nicht mehr klar, wer Arbeiter ist und wer Unternehmer", H. Schneider, Arbeitsmarktforscher.
Arbeitsmarkt - Segmentation: Aufspaltung des gesamten Arbeitsmarktes in voneinander abgrenzbare Teilarbeitsmärkte. Vor allem institutionelle Besonderheiten sind Trennungskriterien und können Diskriminierung und Langzeitarbeitslosigkeit erklären. Am bekanntesten ist die Theorie des Dualen Arbeitsmarktes, die vor allem auf die USA zugeschnitten ist (Piore). Besonders dramatisch ist Jugendarbeitslosigkeit. Am höchsten ist sie in der EU in Spanien mit 44,6% (2011, bis 25 Jahre, 2012 steigt sie auf 46%).
Struktur des deutschen Arbeitsmarktes: Es gibt in Deutschland 2009 30,9 Mio. Arbeiter und Angestellte in der Privatwirtschaft. Daneben sind 4,5 Mio. Selbstständige und 4,5 Mio. im öffentlichen Dienst. Größter staatlicher Arbeitgeber ist die Bundeswehr (359.000), die größte Behörde ist die Bundesagentur für Arbeit (100.000 Mitarbeiter). Darunter sind 15.000 Arbeitsvermittler. Ein Problem ist die ungünstige Relation Vermittler zu Arbeitslosen. Im April 2009 gab es 39,96 Mio. Erwerbstätige in Deutschland. In Prozent sind Selbständige 10,8 West, 11,6 Ost, Normalarbeitnehmer 65,5 West, 68,2 Ost, Befristet Beschäftigte 7,2 West, 10,5 Ost, Teilzeitbeschäftigte 15,4 West, 9 Ost, Geringfügig Beschäftigte 7,5 West, 7,1 Ost Zeitarbeitnehmer 1,7 West, 1,9 Ost. Durch die zunehmende Volatilität der Wirtschaft und das Wachsen des Dienstleistungssektors werden die atypischen Beschäftigungsformen in Zukunft zunehmen. Frauen sind häufiger in Teilzeit als Männer (tragen die Hauptlast der Familienarbeit). Frauen verdienen immer noch für gleiche Tätigkeiten fast ein Viertel weniger als Männer. Die Hartz - Reformen und andere Entwicklungen haben die Struktur des deutschen Arbeitsmarktes bis 2009 völlig verändert: 5,1 Mio. haben Mini-Jobs, 4,9 Mio. Teilzeitarbeit, nur noch 22,1 Mio. Menschen Vollzeit-Arbeitsplätze. 69,9% aller Frauen im erwerbsfähigen Alter arbeiten in Erwerbsarbeit. Nur noch unter 5 Mio. Beschäftigte arbeiten 2010 im Verarbeitenden Gewerbe (Industrie). 2011 steigt diese Zahl allerdings wieder auf 5,2 Mio. Insgesamt gibt es in Deutschland 2010 40,3 Mio. Erwerbstätige. Die Zahl der offenen Stellen beträgt Ende 2010 1 Mio. 2011 steigt die Zahl der Erwerbstätigen auf 41,041 Mio. (+535.000, +1,3%; höchster Stand in Deutschland). Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten liegt 2011 aber nur bei 29,0 Mio., davon Vollzeit 23,2 Mio.
Mismatch: Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage weichen in regionaler oder qualifikatorischer Hinsicht voneinander ab, so dass gleichzeitig auf dem Arbeitsmarkt Arbeitslosigkeit und viele offene Stellen vorkommen. Seit 1970 ist diese Ursache immer bedeutsamer geworden (Verschiebung der Beveridge-Kurve nach außen). Steigt die gleichgewichtige Arbeitslosigkeit an, liegt die Ursache in Hysterese (kurzfristiger Schock führt zu dauerhafter Verschiebung der NAIRU). Vgl. Baßeler/Heinrich/Utecht, Volkswirtschaft, Stuttgart 2010, Kapitel 26.
Arbeitsmarkttheorie: Die neoklassische Theorie sieht den Lohn als Ursache. Löhne über dem Gleichgewichtslohn werden auf Deregulierung, Lohnnebenkosten, Effizienzlohn und bilaterales Monopol zurückgeführt. Keynes bezieht auch Lohnstarrheiten nach unten in die Betrachtung ein, sieht die Ursache aber mehr in fehlender Nachfrage, die durch Staatsnachfrage stabilisiert werden sollte. Zusätzlich analysiert er die Liquiditätsfalle, in der die Geldpolitik wegen der Zinsen auf unterstem Niveau wirkungslos ist. "Es gibt weltweit nicht ein einziges Beispiel dafür, dass Kürzungen von Löhnen, Renten und Sozialleistungen ein krankes Land gesunden ließen", Joseph Stiglitz, US-Ökonom, Nobelpreisträger.
Phillips-Kurve: Beziehung zwischen Arbeitslosenquote (ALQ) und Inflationsrate (IR): normalerweise sind eine hohe IR mit niedriger ALQ und Preisstabilität mit hoher ALQ verbunden A. W. Phillips (1914-1975, Erkenntnis 1958: "TheRelationship between Unemployment and the Rate of Change on Money Wages in the United Kingdom, 1861-1957", Economica (für die USA von Samuelson und Solow festgestellt). Auf dieser Kurve basiert auch das Modell des politischen Konjunkturzyklus von W. Nordhaus (geb. 1941, The Political Business Cycle, Review of Economic Studies 1975). Der Nobelpreisträger von 2006 E. Phelps (geb. 1933) kritisierte die unterstellte Geldillusion und untersuchte die Rolle von Inflationserwartungen: Als einer der ersten bezeichnete er den Trade-off als kurzfristig und nannte als Bedingung, dass die tatsächliche Inflation von den Inflationserwartungen abweicht. "Wenn man jemanden sucht, der auf eine Inflation von null Prozent zielt, während die Arbeitslosigkeit auf 13 Prozent steigt, dann ist Weber der richtige Mann", Paul Krugman, in: Handelsblatt, 21.06.2010, S. 4.
Offene Stellen: basieren auf einer Statistik des IAB unter Betrieben und Verwaltungen. Die Statistik ist ungenau, weil einerseits viele Betriebe die freien Stellen nicht mitteilen (besetzen selbst), andererseits die Meldung nichts kostet und daher überzogen ist. 2011 fehlen ca. 500.000 Arbeitskräfte. Engpässe gibt es bei Ingenieuren, Altenpflegern, Erziehern und Sozialarbeitern.
Weltarbeitsmarkt: Bisher gibt es den nur im Bereich hoch qualifizierter Arbeitskräfte (HQA, wie Künstler, Wissenschaftler u. a.). Die nationalen Arbeitsmärkte haben sich durch Regulierungen und Zugangsbeschränkungen abgeschottet. Nach der OECD sind seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2007 in den Industrieländern 13 Mio. Arbeitsplätze vernichtet worden. Nur in Deutschland und Chile sind die Arbeitslosenquoten 2011 niedriger. "Die Beschäftigungssituation verschlechtert sich in Europa, und in vielen anderen Ländern verbessert sie sich nicht mehr", Raymond Torres, Direktor der Internationalen Arbeitsorganisation der UN 2012.
Arbeitsmarktpolitik: hier als Beispiel Anstöße für eine zukunftsorientierte AM-Politik (Petersberger Erklärung, Dez. 2008): Arbeit fördern statt Arbeitslosigkeit finanzieren, Förderung von frühkindlicher Bildung und lebenslangem Lernen, Soziale Dienste marktfähig machen, Zuwanderung stärker an wirtschaftlichen Interessen Deutschlands ausrichten, Trennung von Umverteilung und Sozialversicherung im Steuer- und Transfersystem, Soziale Sicherung ermöglicht Risikobereitschaft). What does no man want, yet no man wants to lose? Solution: work, employment.
Qualifizierung durch die BA: In Deutschland gibt es 2009 drei Säulen. Erstens können Arbeitslose qualifiziert werden (932 Mio. €). Zweitens können Arbeitnehmer in Beschäftigung (WEGebAU) und Arbeitnehmer in Zeitarbeit qualifiziert werden (600 Mio. €). Drittens können auch Arbeitnehmer in Kurzarbeit qualifiziert werden (150 Mio. €, 16,5 Mio. € vom ESF). Herausforderungen liegen in der Verknüpfung von Umsetzung im Betrieb, Umsetzung durch Bildungsträger, rechtlicher Komplexität und Einstellungen. In der Qualifizierung sind auch Prozesse, die eigentlich nicht zu den Aufgaben der BA gehören, z. B. Finanzierung des Erwerbs von Hauptschulabschlüssen.
Hartz - Reform: Arbeitsmarktreform in Deutschland (Agenda 2010) zur Deregulierung und Verbesserung der Effizienz des Arbeitsmarktes, die aus vier Teilreformen besteht: Hartz I (Umverteilung der Arbeit), Hartz II (mehr Beschäftigung, z. B. Ich -AG), Hartz III (Umorganisation der BA, Umbenennung, Personal-Service-Center, Beratungs- und Vermittlungsgespräche), Hartz IV (Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe, ALG I und II). Neu bei Hartz IV sind auch die so genannten Ein-Euro-Jobs. Diese und andere Teile der Reform werden 2011 reformiert (mehr Kann-Leistungen). Die Bezugsdauer von Arbeitslosengeld I war sehr umstritten (Änderungs-Modell der CDU nach der Einzahlungsdauer, Modell der SPD nach Alter und Lebensumständen). Die tatsächliche Änderung kommt dem SPD-Modell nahe. Die Reform ist insgesamt nach dem ehemaligen Personalvorstand von VW benannt, der eine Regierungskommission leitete (Expertengruppe 2002). Von 2005-2007 war schon einmal jeder Siebte Hartz - IV - Empfänger. Hartz VI steht inoffiziell für das Korrumpieren von Betriebsräten über sexuelle Dienste. Der größte Vorteil der Hartz - Reformen war, dass sie regionalen Destabilisierungseffekten der Sozialhilfe entgegengewirkt hat. Positiv werden auch die Zumutbarkeits- und Mitwirkungspflichten der Arbeitnehmer gesehen, die den Anreiz zur Arbeitssuche und -aufnahme erhöhen sollen. Das Arbeitslosengeld II ist keine Versicherungs- sondern eine Fürsorgeleistung. Probleme bereitet immer wieder das Lohnabstandsgebot. 2010 wird erwogen, die Zuverdienste neu zu regeln. Die SPD beschließt 2010 ein Reformkonzept: ALG I bis 24 Monate mit Weiterbildung, ALG II ohne Vermögensanrechnung, Mindestlohn 8,50 €, 200.000 soziale Arbeitsplätze. "Ein großer Fehler, ein Betrug, wenn Sie so wollen, an denen, die jahrelang in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt haben", Peter Hartz in seiner Autobiographie über Hartz IV. Die Empfänger von Hartz IV bestehen aus drei Gruppen: Zu den erwerbsfähigen Hilfebedürftigen zählt, wer zwischen 15 und 65 Jahren alt ist und täglich mindestens drei Stunden arbeiten kann (2007: die Hälfte mit 5,1 Mio.). Die andere Hälfte ist erwerbslos, weil sie dem Arbeitsmarkt vorübergehend nicht zur Verfügung steht (Arbeitsförderung, Kindererziehung). 1,9 Mio. Menschen gelten als erwerbsunfähig. Anfang 2010 sind 6,75 Mio. Menschen Hartz-IV-Empfänger. Dies kostet 45 Mrd. € im Jahr. Bei 1,4 Mio. Menschen stockt der Staat 2010 den Lohn auf, weil sie so wenig verdienen (+4,4% gegenüber 2009). Im Jahr 2010 gab es insgesamt 4,18 Mio. Arbeitslose (2,18 Hartz IV, 1,06 Arbeitslosengeld I, 649.000 AL in Maßnahmen, 294.000 Stille Reserve im engeren Sinne, Quelle: IAB).
Hartz - IV - Verwaltung: Den Kern bilden die Jobcenter. Sie werden von ARGEn (Arbeitsgemeinschaften) betrieben, die von Arbeitsagentur und Kommune gemeinsam gebildet werden. Daneben gibt es Optionskommunen, die Alles in eigener Regie machen (Modellversuch). Formal arbeiten Arbeitsagentur (Bewilligung von ALG II, Arbeitsvermittlung, Arbeitsförderung) und Kommune (Wohnkostenhilfe, Schuldnerberatung, Suchtberatung) getrennt. Die Organisation bereitet in der Praxis immer wieder Probleme. 2010 sollen die Job-Center reformiert werden (Zusammenarbeit von Arbeitsagentur und Kommunen freiwillig). Die Grundgesetzänderung soll die Zusammenarbeit weiter ermöglichen. Bund und Länder einigen sich 2010 auf eine Beibehaltung der Joncenter mit Grundgesetzänderung. Die Bundesagentur für Arbeit gab 2008 25% ihres Haushalts für versicherungsfremde Leistungen aus (dafür ist eigentlich der Staat zuständig). 2010 werden die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung wohl angehoben werden müssen (derzeit 2,8%, zwischen 3 und 4%). Im Zusammenhang mit Hartz IV beim ALG II kommt es zu Prozessen um den Regelsatz für Kinder und um die pauschale Festsetzung. 2009 in der Wirtschaftskrise wird von Fachleuten zu einer Verlängerung der Bezugsdauer geraten (in Zukunft immer automatisch nach Konjunkturzyklus). 2009 in der Koalitionsvereinbarung wird das Schonvermögen verdreifacht. Bezieher des Arbeitslosengeldes II sind zur Annahme jeder zumutbaren Arbeit verpflichtet. Wenn sie dies ablehnen oder die Zusammenarbeit mit dem Jobcenter verweigern, wird ihnen das Geld um 30% oder mehr gekürzt. Die Sanktionsquote schwankt stark zwischen den Job-Centern und den Bundesländern. Jüngere arbeitslose Empfänger werden häufiger sanktioniert. 2010 steigt die Zahl der Reduzierungen um 14% auf 829.000. Jeder vierte Arbeitslose erhält 2011 sofort Hartz IV (Arbeitslosengeld II), weil er wegen Leiharbeit oder geringfügiger Beschäftigung keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld I hat (2008: 21,5%, 2011: 26,4%). Umstritten ist die Auszahlung von Hartz IV an Ausländer. Für Bürger der EU und der Türkei wird der Zugang 2012 erschwert. Betriebliche Trainingsmaßnahmen erhöhen deutlich die Chancen von Hartz-IV-Empfängern. Schulische Trainingsmaßnahmen und Ein-Euro-Jobs hätten dagegen eine wesentlich geringere Wirkung (IAB). 2010 war die Änderung der Bezeichnung von Hartz IV geplant. Es kursierten Begriffe wie Basisgeld, Leyengabe, Ursel I, Twix (Hartz IV heißt jetzt Twix, sonst ändert sich nix) oder Alles Ömesöns. Daraufhin wurde der Plan fallengelassen.
Bildungskarte: Ab dem 01. Januar 2011 haben Kinder und Jugendliche aus Hartz-IV-Familien einen Rechtsanspruch auf eine individuelle Bildungsförderung. Die zusätzliche Kaufkraft kann nicht zweckentfremdet werden. Die Begünstigten können zwischen verschiedenen Anbietern wählen (Wettbewerb). Im Bildungspaket sind Zuschüsse für Schulmaterial, Mittagessen und Nachhilfe. 10€ gibt es für die Mitgliedschaft in einem Sportverein oder Unterricht in einer Musikschule. Rund 2,5 Mio. Kinder hätten Anspruch, der aber nur selten 2011 geltend gemacht wird. 19 Prozent der berechtigten Geringverdiener zeigen kein Interesse. Der bürokratische Aufwand ist relativ hoch. Es sollen Werbebriefe verschickt werden. Bis November 2011 wurden dann für gut 44% der Kinder aus Hartz-IV-Familien Anträge gestellt.
Reform der Arbeitsmärkte in den Südländern der EU (Italien, Spanien, Portugal, Griechenland, "Agenda del Sol"): Hauptziel ist die Bewältigung der Schuldenkrise und die Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit. Spanien reduziert drastisch die gesetzlichen Abfindungen, lockert den Kündigungsschutz, lässt ein Aushandeln von Löhnen und Arbeitszeiten in Unternehmen zu und gibt staatliche Prämien für neu eingestellte Jugendliche. Griechenland strecht Lohnzuschüsse, verkürzt die Laufzeit von Tarifverträgen, senkt die Mindestlöhne ab und schafft unkündbare Arbeitsverträge ab. Portugal streicht Feiertage und Urlaubstage, erhöht nicht den Mindestlohn, lockert den Kündigungsschutz und differenziert Tarifverträge nach Branchen. Italien lässt untertarifliche Löhne zu, macht befristete Arbeitsverträge teurer, lässt betriebsbedingte Kündigungen zu und richtet Schnellverfahren bei Arbeitsprozessen ein.
Internationale Arbeitsorganisation (ILO, International Labour Office): Gründung 1919, Sitz Genf. Mitglieder sind ca. 182 Staaten. Aufgaben sind die Formulierung und Durchsetzung internationaler Arbeits- und Sozialnormen, also eine soziale und faire Gestaltung der Globalisierung mit menschenwürdiger Arbeit. Wichtigstes Organ ist die Internationale Arbeitskonferenz. 2010 nach der Krise schätzt die ILO die weltweite Arbeitslosigkeit in den Industrieländern auf 213,4 Mio. (durchschnittliche ALQ von 6,5%, +34 Mio. im Vergleich zu vor der Krise). Die weltweite Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen (15- bis 24-Jährigen) steuert 2010 mit 13% auf den höchsten Wert seit dem 2. Weltkrieg zu (Folge der Finanz- und Weltwirtschaftskrise). 2012 kritisiert die ILO die Arbeitsmarktpolitik in der EU. Vor allem in den südeuropäischen Ländern würde zu viel gespart. Die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien steigt auf den Rekordwert 46%.
Transferzahlungen: Zahlungen des Staates an Wirtschaftssubjekte, hier Haushalte, die nicht im Tausch gegen Güter erfolgen. "Transfer payments" an Haushalte, die nicht im Marktprozess bestehen können (Kranke, Alte), ist ein wesentliches Element der Sozialen Marktwirtschaft. Zahlungen an Unternehmen werden Subventionen genannt. Aktuell geht es z. B. um die Fragen, ob uns der Sozialstaat glücklicher macht und ob er zugleich einfach und gerecht sein kann. "Nur der Staat kann die Würde des Einzelnen gewährleisten", Gustav Horn, Wirtschaftsforscher.
Hartz IV-Regelsätze: 2010 werden die Regelsätze von Hartz IV vom Bundes - Verfassungsgericht für verfassungswidrig erklärt, insbesondere die Regelsätze für Kinder (60-70% eines Erwachsenen, Bildung fehlt). Bis Ende 2010 muss eine Änderung erfolgen. Die EVS als Grundlage darf weiter genommen werden. Die Sätze müssen auch nicht zwingend höher ausfallen, die Berechnung muss aber transparenter werden. Die Bundesregierung koppelt nach dem Verfassungsgerichtsurteil die Steigerung von Hartz IV statt an die Renten an Preise und Löhne (70 - 30). Erwogen wird, die Leistungen für Kinder zum großen Teil als Sachleistungen (Gutscheine für Bücher, Essen, Kleidung) zu geben, um den Missbrauch auszuschließen. Ein erhöhter Hartz-IV-Satz für Erwachsene wäre sehr teuer und auch wohl das falsche Signal (Lohnabstandsgebot). Der Arbeitsanreiz verbunden mit der Mindestsicherung ist ein Dauerproblem. Der Satz sollte insgesamt besser in das Sozialsystem integriert werden (Kindergeld degressiv, Sozialabgaben progressiv). Viele Hartz-IV-Empfänger haben - nach empirischen Studien - Probleme mit bezahlbarem Wohnraum, fehlerhaften Bescheiden und dem Ermessensspielraum bei Zusatzleistungen (Härtefallregelung, vor allem für Kranke und Kinder). Tatsache ist auch, dass viele Migranten von Hartz IV leben. Im September 2010 legt die Bundesregierung den Regelsatz auf 364 € fest. Dieser wird vom Statistischen Bundesamt berechnet (Nahrungsmittel, Bekleidung, Wohnen, Haushaltsgeräte, Gesundheit, Verkehr, Freizeit, Telefon, Gaststätten, Bildung, Anderes). Hinzu kommt ein Bildungspaket für Heranwachsende. Die Hinzuverdienstregelung wird auch geändert ("Aufstocker"). Der Bundesrat drängt auf Modifikationen. Am 21.02.2011 einigt man sich: 5 + 3 €, Bildungspaket, Mindestlöhne in einigen Branchen. Die ständigen Korrekturen setzen das Hartz-IV-System in Stress und verschlingen hohe Verwaltungskosten. Mittlerweile geht es auch vielen Selbständigen so schlecht (über 270.000 unter 500 €, IfM-Bonn 2011), dass sie die Grundsicherung beantragen. "Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein", Guido Westerwelle, FDP-Vorsitzender 2010. Eine OECD-Studie 2010 stuft die Arbeitslosenhilfe in Deutschland als vergleichsweise gering ein. Der Anreiz, eine Arbeit aufzunehmen, sei für Hartz-IV-Empfänger mit Kindern gering. Dies liege auch an den hohen Sozialabgaben für Geringverdiener.
Folgen der Arbeitslosigkeit: Deutlich größer als angenommen sind die gesundheitlichen Schäden. Vor allem psychisch bedingte Arbeitstage steigen an. Arbeitslosigkeit ist ein Stress besonderer Art. Eine DGB-Untersuchung (Wilhelm Adamy) 2010 kommt zu dem Ergebnis, dass allein 2009 1,7 Mio. Arbeitslose sich krank gemeldet haben. Jeder siebte Arbeitslosengeldempfänger erhält Psychopharmaka verordnet.
Rentenmodelle: Im Zuge der schleichenden Altersarmut bei Langzeitarbeitslosen, Solo-Selbständigen und Niedriglohn-Bezieher ist eine Diskussion über das "richtige" Rentenmodell entstanden. Grundsätzlich wird 1. eine Grundrente bzw. ein Grundeinkommen (G. E. Werner von DM), 2. eine Grundsicherung mit "Riesterbonus", 3. ein Rürup - Modell mit Rentenaufstockung, 4. eine Sockelrente mit Pflichtversicherung und 5. eine Versicherung für alle Erwerbstätige diskutiert. Natürlich sind auch weitere Kombinationen möglich. Die Rentenreformen der vergangenen Jahre haben die Nachhaltigkeitslücke mehr geschlossen. 2035 wird die gesetzliche Bruttorente nur noch knapp 40% des letzten Bruttoeinkommens betragen (B. Raffelhüschen, Freiburg). Nur jeder zehnte Deutsche arbeitet bis zum 65. Lebensjahr. Von den 63- bis 65- Jährigen waren im September 2008 nur 10,6% sozialversicherungspflichtig beschäftigt. 400.000 über 65-Jährige sind 2009 auf die staatliche Grundsicherung angewiesen, weil die Rente nicht reicht. Unsere europäischen Nachbarstaaten haben ähnliche oder größere Probleme. In Frankreich soll das Renteneintrittsalter 2010 auf 62 hoch gesetzt werden von 60. 2010 liegt der durchschnittliche Renteneintritt in Deutschland bei 55 Jahren. Bei jedem Vierten ist Krankheit Grund für den vorzeitigen Ruhestand. An der Spitze der Frühverrentung liegen die Bauberufe. 2011 steigt die eiserne Reserve der Rentenversicherung auf einen der höchsten Werte in der Geschichte der Bundesrepublik. Jeder zweite Beschäftigte geht mittlerweile (2011) früher in den Ruhestand und nimmt Abschläge bei der Rente in Kauf. 2012 ist die Zahl derjenigen, die bis 65 Jahre arbeiten, stark gestiegen (41%). Allerdings gibt es in der Altersgruppe der 55 bis 64 Jährigen 800.000 Minijobber. "Der jetzigen Rentnergeneration geht es insgesamt so gut wie niemals zuvor! Die Gekniffenen sind die 25- bis 35- Jährigen, die Kinder in die Welt setzen wollen", Peer Steinbrück, Bundesfinanzminister im Sommer 2009.
Sozialversicherungen: Arbeitslosenversicherung, Krankenversicherung, Rentenversicherung, Pflegeversicherung (seit 1995). Die gesetzlichen Formen gehören zum Sektor "Staat" und damit zu den öffentlichen Haushalten. Es ist eine Pflichtversicherung für Arbeiter und Angestellte zur Minderung des individuellen Risikos. Sie wurde von Bismarck eingeführt. Die Arbeitslosenversicherung ist der Teil des Systems, das den Arbeitnehmern nach Verlust des Arbeitsplatzes für eine gewisse Zeit die Zahlung von Arbeitslosengeld garantiert. Kostenentwicklung und Kostenverteilung ist das Hauptproblem der Sozialen Sicherung. Durch die steigende Arbeitslosigkeit ist 2009 schon ein Loch von 50 Mrd. € entstanden.2009 beträgt der Beitragssatz noch 2,8% (ab 2011 3%); bis 2011 werden 5% erwartet. Der Krankenversicherungsbeitrag, der 2009 15,2% beträgt, dürfte 2011 auf 15,9% steigen. 2010 werden 17 Mrd. € Einmalhilfe für die Sozialkassen aus dem Bundesetat gegeben, um die Lücke zwischen einnahmen und Ausgaben zu schließen.
Einheitliche Volks - Krankenversicherung: In Deutschland sind etwa 90% in einer gesetzlichen Krankenversicherung, 10% sind privat versichert. Die privat Versicherten entziehen sich der Umverteilung der Beitragslasten, subventionieren mit ihren höheren Zahlungen aber die Ärzte. Die Voraussetzungen, auf denen die gesetzliche Krankenversicherung gründet, sind Vollbeschäftigung und ein funktionierender Generationenvertrag. Dies gilt nicht mehr. Auf Dauer wird eine Lösung kommen: eine Grundversorgung für jeden und eine Maxmalversorgung für den, der es sich leisten kann. Für 2011 sinkt die Beitragsbemessungsgrenze, der Beitrag steigt (der Arbeitgeberanteil wird dauerhaft festgeschrieben), Zusatzbeiträge können einkommensunabhängig und ohne Obergrenze erhoben werden.
Sozialverbände: Die wichtigsten sind der Sozialverband VdK (1,5 Mio. Senioren), der Paritätische Wohlfahrtsverband (10.000 Vereine) und der Sozialverband Deutschland (eine halbe Mio. Mitglieder). Weitere sind die Arbeiterwohlfahrt, die Volkssolidarität, das Deutsche Rote Kreuz und die Institutionen der Kirchen (z. B. Diakonie). Die Sozialverbände haben stark steigende Mitgliederzahlen. Sie entscheiden mit über die Sozialausgaben des Staates (2010 776 Mrd. €). Mittlerweile fast unüberschaubar ist der Markt für soziale Dienstleistungen. Es gibt auch Dumping - Löhne, befördert durch befristete Arbeitsverträge und Leiharbeit. "Gutes tun auf Kosten anderer - das ist der Widerspruch des Wohlfahrtsstaates", Milton Friedman (1912 - 2006).
Globalökonomik/ International Economics ( Außenwirtschaft, Handel, Global Government, Entwicklungsländer, Internationale Finanzmärkte, Interkulturelles Management):
Gliederung: Reale Außenwirtschaftstheorie, Monetäre Außenwirtschaftstheorie, Außenwirtschaftspolitik, Globale Institutionen, Europäische Union, Entwicklungsländer, Globalisierung, Internationale Finanzmärkte.
Vgl. auch Globalisierung, unter besonderer Berücksichtigung Ostasiens
Reale Außenwirtschaftstheorie (Internationaler Handel)
"Wir brauchen beides: Real- und Finanzwirtschaft. Ein Muskel braucht Blut. Sonst ist er nutzlos. Der Muskel ist die Realwirtschaft, die Wall Street das Blut", Jagdish Bhagwati, Vordenker der Globalisierung.
Theorem der komparativen Kosten: "Unter einem System von vollständig freiem Handel widmet natürlicherweise jedes Land sein Kapital und seine Arbeit solchen Verwendungen, die jedem am segensreichsten sind", David Ricardo (1772-1823, schon mit 25 J. durch Börsenspekulationen Millionär): On the Principles of Political Economy and Taxation, London 1817. Dies führe zu Handels- und Wohlstandsgewinnen. Berühmt ist sein Gutachten über den Außenhandel zwischen Portugal und England mit Wein und Tuch. "Die Zeiten überdauert hat jedoch das Gesetz der komparativen Kosten und die Methode der komparativ-statischen Analyse, die Ricardo erfand", Mark Blaug: Systematische Theoriegeschichte der Ökonomie, München 1971, S.256, über David Ricardo und sein Werk. Auch im zur Zeit weltweit dominierenden Lehrbuch der VWL von Mankiw, Grundzüge der VWL, hat diese Regel höchste Priorität (Kapitel 3). Mittlerweile häufen sich die Kritiker an dieser Lehre. So wird zumindest Outsourcing in Niedriglohnländer (Programmieren, Call - Center) als schädlich für entwickelte Volkswirtschaften angesehen (A. S. Blinder). Noch weiter gehender ist die Kritik von Samuelson.
Heckscher-Ohlin-Theorem: Zusammenhang zwischen internationalen Faktorausstattungsunterschieden und der Handelsstruktur: Ein Land hat in dem Gut einen komparativen Vorteil, das für seine Produktion den im Land relativ reichlicher vorhandenen Faktor relativ intensiv verwendet. (Heckscher, E. : The Effect of Foreign Trade on the Distribution of Income, vgl. Rose/ Sauernheimer: Außenwirtschaft, München 2006, III. Teil). Eli F. Heckscher (1879-1952), Bertil Ohlin (1899-1979). Schwedische Ökonomen. Ohlin war auch ein wichtiger Politiker. "Der Westen hat alternde Bevölkerungen und alternde Volkswirtschaften, der echte Glanz geht vom Osten aus", Mohammed Alabbar, Emaar Properties, Dubai.
Leontief-Paradoxon: Die hochtechnologisch geprägten Vereinigten Staaten exportierten 1947 vor allem arbeitsintensive Güter (sprach gegen das Faktorproportionen - Theorem von Heckscher - Ohlin). Die Auflösung konnte dann durch Einbeziehung des Human-Kapitals erfolgen. Das Faktorpreisausgleichstheorem von P. A. Samuelson präzisierte dann daraufhin das Faktorproportionentheorem. Danach kann der Außenhandel allein neben dem Ausgleich der Güterpreise auch den Ausgleich der Faktornutzungspreise herbeiführen, ohne dass es dazu einer internationalen Kapitalmobilität bedarf (restriktive Bedingungen!). Vgl. S. Husted/ M., Melvin: International Economics, Boston u. a. 2004, S. 121ff.
Rybczinski-Theorem: Wenn ein Land eine x-prozentige Zunahme seiner Kapitalausstattung und eine geringere y-prozentige Zunahme seiner Arbeitsausstattung erfährt, so steigt bei unveränderten Güter- und Faktorpreisen die Produktionsmenge des kapitalintensiven Gutes um mehr als x Prozent und die Produktionsmenge des arbeitsintensiven Gutes um weniger als y Prozent (vgl. zur Anwendung Sinn, Basarökonomie, a. a. O., S. 211).
Stolper-Samuelson-Theorem: Ein Anstieg des Preises eines im Ausgangspunkt produzierten Gutes, das bei seiner Produktion eine nicht spezifische Gesamtheit von mindestens zwei Faktoren erfordert, hat notwendigerweise zur Folge, dass sich eine Faktorentlohnung sogar in größerer Proportion erhöht und eine Faktorentlohnung zurückgeht. Vgl. Ethier: Moderne Außenwirtschaftstheorie, München1994, S. 821.
Marshall-Lerner-Bedingung: Bedingung für eine normale Reaktion der Leistungsbilanz bei einer Wechselkursänderung (Summe der Preiselastizitäten der Export- und Importgüternachfrage).
Die Neue ökonomische Geographie erklärt die wirtschaftliche Aktivität im Raum. Sie geht vor allem auf Paul Krugman zurück (Geography and Trade, Cambridge 1991), der sich stark an Gedanken von J. H. von Thünen anlehnt. Im Mittelpunkt stehen Marktgrößeneffekte. Am bekanntesten ist das Kern-Peripherie-Modell von Krugman: Industriefirmen ziehen in die Nähe großer Absatzmärkte. Ein anderes ist das Modell der industriellen Verflechtung und der industriellen Cluster.
Terms of Trade: Das reale Austauschverhältnis. Preisindex der Expote geteilt durch Preisindex der Importe (x Wechselkurs im Nenner). Wichtig sind die Veränderungen. Sie sind ein wichtiger Indikator für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Nach einer Studie von Prognos 2011 hängen in Deutschland fast 10 Mio. Arbeitsplätze am Export. Vom Export in die EU sind 4,5 Mio. Jobs abhängig (1,8 direkt, 2,7 indirekt).
Direktinvestitionen: Auslandsinvestitionen deutscher Unternehmen im Ausland oder ausländischer Unternehmen in Deutschland in den Kauf oder Bau von Produktionsstätten oder den Erwerb von Anteilen (Rein finanzielle Anlagen=Portfolioinvestitionen). Generell können die Motive im Kostenbereich oder Absatzbereich liegen. Im Absatzbereich gewinnt die Logistik zunehmend an Bedeutung. Empirisch überschneiden sich in der Regel die Ursachen (kann über die Steigung der Exportfunktion gemessen werden). Hinzu kommen Monopolüberlegungen und das Streben nach Internalisierung (Risikostreuung, Kontrolle aller relevanten Faktoren, z. B. der Steuern). Von herausragender Bedeutung ist die Absicherung gegen das Transferrisiko (Währungsrisiko, zeigte sich nach der Umstellung auf ein flexibles Weltwechselkurssystem). Auch strategische Erwägungen wie zukünftige Potentiale, Rohstoffsicherheit, Lerneffekte und Dumping können eine Rolle spielen. Nicht zu unterschätzen ist auch die Kultur einschließlich der Sprache (Beispiel: Irland). Sehr umstritten sind die Arbeitsplatzwirkungen im Inland bei Direktinvestitionen im Ausland. In der Regel analysiert man mit Exportfunktionen. Entscheidend ist, ob die DI komplementär oder substitutiv ist. Die DAX-Konzerne haben aber und verlagern weiter massiv Stellen ins Ausland. 2008 ändert die Bundesregierung das Außenwirtschaftsgesetz (AWG): Wollen Investoren außerhalb der EU und EFTA-Staaten mehr als 25% der Stimmrechtsanteile an einem deutschen Unternehmen übernehmen, bedarf es der Genehmigung durch das Bundeswirtschaftsministerium. "Unser internationales Wachstum geht nicht auf Kosten der Werke hierzulande", Frank-Peter Arndt, BMW-Produktionsvorstand (dies kann mit einer Exportfunktion nachgewiesen werden). Vgl. auch Exporte.
OLI-Ansatz von J. H. Dunning: O steht für Ownership-Advantage, L für Location-Advantage und I für Internalization-Advantage. Kombiniert mit den Eintrittsstrategien in einen Auslandsmarkt (Integration, Export, Lizenzierung/ Franchising können Wahlkriterien abgeleitet werden.
Holdup-Problem: Ergibt sich im Außenhandel, vor allem bei bestimmten Direktinvestitionen wie kooperativen Modellen. Morasch/ Bartholomae (Internationale Wirtschaft, Konstanz, München 2011, S. 326) stellen dies anhand eines Entscheidungsbaumes dar: entscheidet man sich für eine faktorspezifische Investition in China ist für den chinesischen Vertriebspartner opportunistisches Verhalten wesentlich lukrativer als Vertragserfüllung.
Monetäre Außenwirtschaftstheorie (ohne internationale Finanzmärkte, vgl. auch Geldpolitik bei Makroökonomik)
In der Zahlungsbilanzstatistik spiegeln sich die internationalen Transaktionen wider. Theoretisch unterscheidet man zwischen der Leistungsbilanz (wichtigster Bestandteil Handelsbilanz) und der Kapitalbilanz. In der Kapitalbilanz werden die Kapitalströme abgebildet, die zur Angleichung der Zinsdifferenz zwischen Ländern fließen und die ihre Ursache in den Unterschieden im internationalen Spar- und Investitionsverhalten haben.
Währungsrisiko: das finanzielle Risiko, das eingegangen wird, wenn Transaktionen in ausländischer Währung durchgeführt werden. Eng damit verbunden ist das Wechselkursrisiko: wird eine fremde Währung abgewertet, so verschiebt sich das Verhältnis zu ungunsten des exportierenden Unternehmens, sofern die Kaufpreiszahlungen in der fremden Währung vereinbart wurden, der Hin- und Rücktausch zeitlich weiter auseinander fällt und die Wechselkurse flexibel sind. In der Regel erfolgt die Absicherung über Hedging, indem ein zukünftig gültiger Preis bereits zum heutigen Zeitpunkt mit einem finanziellen Gegengeschäft vereinbart wird. Weitere Risiken sind das politische, wirtschaftliche und das Substitutionsrisiko. Die Liquidität einer Währung ist wichtig für Investments (je flüssiger die Währung, desto besser). Deshalb sind die Emerging Markets so interessant. "Die Null-Risiko-Gesellschaft ist eine kontinental-europäische Illusion", Walter Kielholz, Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse, zur globalen Finanzkrise 2007.
Wichtigste Währungen der Welt: Der Dollar ist die Weltleitwährung. Zwei Drittel aller Devisenreserven werden hierin gehalten. Als Devisen wird ausländisches Geld bezeichnet. Nach der Weltwirtschaftskrise 2008/ 2009 treibt die hohe Staatsverschuldung der USA und das niedrige Zinsniveau den Dollar in die Talfahrt. Globale Krisen sorgen nicht mehr für Auftrieb beim Dollar. Das Vertrauen bröckelt. 2011 flüchten Anleger aus der amerikanischen Währung wegen der hohen Staatsverschuldung. Nach einer Runterstufung im Rating durch die wichtigste Rating - Agentur S&P. Die führende Rolle des Dollar gerät weiter ins wanken. China hält 20% der im Ausland gehaltenen US-Staatsanleihen. Der Euro ist offizielles Zahlungsmittel in 22 EU-Staaten (Hoch: 1,60; Tief: 0,82; bei Einführung: 1,18 $). Als fairen Kurs haben Ökonomen 1,20 $ berechnet. Der € wurde 1999 als Buchgeld, also als Verrechnungseinheit im Finanzwesen, eingeführt. Drei Jahre später auch als Bargeld. Der japanische Yen war wegen des niedrigen Zinssatzes in Japan attraktiv für spekulative Carry - Trades. 2011 kommt es zu einer Aufwertung des Yen, weil Geld wegen der Naturkatastrophe nach Japan zurückfließt. 2009 gibt es auch Carry - Trades auf den Dollar. Die enorm hohen Devisenreserven in China und Japan und die Devisenvorräte der staatlichen Investitionsfonds stellen einen großen Einflussfaktor dar. Als Reservewährungen gelten zusätzlich noch das Britische Pfund (immer noch 2011 wichtiger als der Yen) und der Schweizer Franken (der oft eine Fluchtwährung ist). 2009 fordert der Chef der chinesischen Notenbank, vom Dollar als Leitwährung abzukehren und die Sonderziehungsrechte des IWF zu einer supranationalen Reservewährung auszubauen. Das Gleiche fordert Russland, wobei der Rubel, der Yuan, Rohstoffe und Gold zu berücksichtigen seien. 2011 fordern weitere Schwellenländer ein neue internationales Währungssystem (Brasilien, Indien, Südafrika). Die Abwertung des Dollar hält sich 2009 in Grenzen, weil die Konjunktur der Konkurrenten auch nicht besser läuft. Riesige Schulden der USA und die schwache Wirtschaft läuten aber das Ende des Dollars als Leitwährung ein (siehe oben, spätestens 2025?). Euro oder Yuan könnten den Dollar als internationale Reservewährung ablösen . Weltweit führend sind auf den Devisenmärkten administrierte Wechselkurse (managed exchange rates) , wonach WK grundsätzlich durch die Marktkräfte bestimmt werden, wobei aber die Notenbanken durch Devisenhandel eingreifen können (sehr auffällig in der Krise 2011 durch Japan, Brasilien und die Schweiz). Nach dem Greshamschen Gesetz verdrängt im einem System gebundener Währung das "schlechte Geld das gute". Tritt vor allem auf, wenn zwei Währungen mit unterschiedlicher Akzeptanz in ihrer Parität fixiert sind. Wahrscheinlich kommt es nach der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 zu einem Kräftemessen zwischen FED und EZB um die internationale Führungsrolle. Langfristig dürfte der chinesische Renmimbi sicher zu einer Reservewährung aufsteigen. Vgl. Dani Rodrik: The Social Cost of Foreign Exchange Reserves, Paper presented at the American Economic Association, Boston, Januar 2006.
Abwertung einer Währung: Schwachwährungsländer können ihre Probleme in der Regel durch Abwertung lösen. Dadurch werden die eigenen Waren, die man exportieren will, billiger. In der EU wurde durch den Euro dieses Währungsventil geschlossen. Damit hängen die Probleme der Peripherieländer der EU (Griechenland, Italien, Portugal) zusammen. Die eigene Wettbewerbskraft kann jetzt nicht mehr künstlich auf Kosten der Nachbarländer gestärkt werden. Der Vertrag von Maastricht verbietet ein Helfen bei Haushaltsproblemen (bail-out). Deshalb wird die Einführung eines Europäischen Währungsfonds erwogen. Eine Ab- oder Aufwertung ist auch häufig Gegenstand von Spekulationen. Historisch am meisten wurde mit dem britischen Pfund verdient (Soros). Aber auch Peso, Rubel, Yen, Euro und Dollar waren schon das Ziel. Der sinkende Eurokurs (Abwertung) 2010 wird die konjunkturelle Entwicklung in Europa stärken (Schätzung für Deutschland 2010 5 Mrd. €, 80.000 Arbeitsplätze). Daran sind vor allem die Produkte Autos, Elektrotechnik und chemische Erzeugnisse beteiligt. Dafür werden Öl und Rohstoffe teurer. Die Abwertung des Euro allein 2010 ist z. B. verbunden mit einer Aufwertung des Yuan um 6% (feste Bindung an den Dollar). Im Juni 2010 wird der Yuan wieder durch eine Bindung an einen Währungskorb flexibilisiert (wie von 2005 - 2008), was nicht notwendigerweise zu einer Aufwertung des Yuan führen muss. Der Yuan wird aber im Juni 2010 um 0,5% auf 6,79 Yuan pro Dollar aufgewertet. Vielleicht wird die Währung in einigen Jahren (2013 oder 2015?) freigegeben. 2011 befindet sich der Euro gegenüber dem Dollar wieder in einem Aufwertungsprozess. Abwertungsprozesse haben großen Einfluss auf den Wert der Staatsanleihen. Würde z. B. der Dollar um 20% abgewertet, verlöre die chinesische Zentralbank ca. 400 Mrd. Dollar. "Ich verstehe nicht, warum Länder ihre Währung abwerten, um den Export zu fördern, und dann andere Länder zwingen wollen, ihre Währung aufzuwerten", Wen Jiabao, Ministerpräsident Chinas vor dem Nationalen Volkskongress im März 2010.
Aufwertung einer Währung: Die Aufwertung einer Währung entspricht einem fallenden Wechselkurs aus Sicht der heimischen Währung (aus unserer Perspektive der Euro). Die Schwäche des Dollars 2011 aufgrund der amerikanischen Schuldenkrise führt zur Aufwertung der anderen Reservewährungen und der Währungen der Schwellenländer. Besonders betroffen sind Brasilien mit dem Real und Japan mit dem Yen. Japan interveniert am Devisenmarkt. Brasilien will seine Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Die Schweizer Nationalbank interveniert am Devisenmarkt zugunsten des Franken (Fluchtwährung) und macht eine geldpolitische Lockerung. Der Euro ist weniger betroffen wegen der Schuldenkrise in der EU. Aber auch die EZB gibt mehr Geld in den Markt (Tender). China lässt eine Aufwertung des Yuan nur in kleinen Schritten zu (ständige Intervention durch Dollarankauf).
Währungsreform: Das Geldwesen wird neu geordnet, verbunden mit einem Währungsschnitt und einer neuen Währungseinheit. Wichtig ist das Umtauschverhältnis zwischen neuem und altem Geld. Frühindikatoren sind eine Hyperinflation und ausufernde Staatsschulden. Deutschland hatte 1923 und 1948 Währungsreformen (Hauptursachen: Kriege). Experimente stellten die Lateinische Münzunion 1865 und die Kronenzone 1918 dar.
Chinesische Währungspolitik und Währungspolitik in Schwellenländern: Die chinesische Währung Renmimbi oder Yuan ist an einen Währungskorb von Dollar, Euro und Yen gebunden. Obwohl die Gewichtung geheim ist, dürfte der Dollar dominieren. Einerseits ist die Bindung ein Stabilitätsanker für Ostasien. Dies hat auch positive Auswirkungen auf die Stabilität der internationalen Wirtschaftsentwicklung. Andererseits kommt es zu Verzerrungen der Wirtschaftsstruktur. Hierzu werden zahlreiche Hausarbeiten im OAI geschrieben. Vgl. auch Schnabl, Gunther: Strukturelle Verzerrungen im Währungskrieg, in: Wirtschaftsdienst 2011/2, S. 102ff. Die Regierung in Peking treibt den Aufstieg ihrer Währung zur globalen Leitwährung voran. Wahrscheinlich 2020 wird der Yuan die gleiche Bedeutung wie der Dollar haben (die Frage ist, wann die Bindung aufgegeben wird). In Puzhai, einer kleineren Stadt in der Provinz Guangxi (an der Grenze zu Vietnam), läuft ein Pilotprojekt zur Weltwährung Renmimbi. Die Währungen der Schwellenländer werden nach der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 immer mehr aufgewertet. Hier ist vor allem der brasilianische Real zu nennen. Das Wachstum der Schwellenländer ist wesentlich stärker als das der Industrieländer (4,7% bis 2014 gegenüber 2,4%). Die USA versuchen mit allen Mitteln, den Bedeutungsverlust des Dollar zu verhindern. Gegen die EU setzen sie sicher auch ihre Rating - Agenturen ein, die sich ein Land nach dem anderen vornehmen und damit den Euro schwächen. Ab Ende 2011 kooperiert China mit Japan bei Währungen. Es wird die direkte Abwicklung von Handelsgeschäften in den Währungen Renmimbi und Yen vereinbart (bisher über Umweg Dollar, was teuer ist). Japan will auch ein Teil der Devisenreserven in chinesische Staatsanleihen investieren. Seit 2005 wird der Renminbi in kleinen Schritten liberalisiert und soll damit langfristig zu einer Weltwährung aufgebaut werden. Die Anbindung an den US-Dollar wurde etwas gelockert. Es wird eine größere Schwankungsbreite zugelassen. So konnte die währung seit 2005 um 23% aufgewertet werden. Hongkong ist ein wichtiger Testmarkt. Hier kann der Renminbi frei gehandelt werden. Es gibt auch seit 2010 Anleihen in RMB (für Banken, chinesische und internationale Unternehmen). Dies sind so genannte Dim-Sum-Bonds.
Online-Währungen: Eine Währung, die nur im Netz besteht. Bekannt sind Bitcoin und Facebook Credits. Bitcoin-Einheiten werden seit 2009 auf vernetzten Computern in Form von Zahlenkolonnen produziert. Wer die Cyber-Währung nutzen will, braucht eine Software auf dem PC, die als Geldbörse dient. In China gibt es eine Netzwährung im Internet-Portal Tencent (QQ-Münzen). Auch Paypal ist mittlerweile eine Parallelwährung.
Devisenhandel: Bausteine des Devisenhandels sind Investment/ Spekulationsgeschäfte (25% des Marktumsatzes geschätzt), Grauzone von Absicherungs- oder Spekulationsgeschäften (25% geschätzt), kurzfristige Hedge-Geschäfte von Unternehmen (10%), langfristige Hedge-Geschäfte von Unternehmen, Absicherung internationaler Aktieninvestoren, Absicherung internationaler Anleiheinvestoren. Infolge der Krise ist das Geschäft - ein wichtiger Zweig der Banken - noch wichtiger geworden. Größter Handelsplatz ist London (Börse 1430 Mrd. $ täglich, 119 Mrd. $ OTC täglich). Im Februar 2010 attackieren Spekulanten den Euro, nachdem in Peripherländern (Griechenland, Portugal, Spanien, Irland, Lettland, Ungarn) Haushaltsprobleme offenbar werden. Der weltweite Devisenhandel wächst auch deshalb so rasant, weil Computer die Macht übernehmen. Im Schnitt werden pro Tag Devisen im Wert von 3,98 Billionen $ gehandelt. Wichtigster Handelsplatz ist London mit einem Anteil von 37%. Der Dollaranteil ist mit 84,9% am höchsten, vor dem Euro mit 39,1%. "Die Devisenmärkte spiegeln die Stärke einer Volkswirtschaft direkt wieder", Zar Amrolla, Deutsche Bank.
Reservehaltung: Die Währungsreserven der Industrieländer liegen Ende 2010 bei ca. 2 Billionen US-Dollar. Die Devisenreserven der Schwellenländer liegen zum gleichen Zeitpunkt bei etwa 5 Billionen Dollar. Allein China hat Reserven von 2,6 Billionen Dollar (Ende 2010). Als Erklärungsansätze werden die beiden klassischen Theorien "Merkantilismus" und "Precautionary View" normalerweise herangezogen. Neuere Ansätze stellen das Versicherungsmodell und das Finanzstabilitätsmodell dar. Im Zusammenhang damit steht die wachsende Bedeutung der Staatsfonds in den Schwellenländern. Vgl. Baumert/ Gloede: Devisenreserven in Schwellenländern: Erklärungsansätze für "exzessive" Reservehaltung, in: WiSt, H. 12, 2010, S. 593-598. Nach dem IWF wurden ende 2010 61,4% in Dollar gehalten, 27% in Euro, 4,1% in Pfund, 3,6% in Yen und 3,9% in Sonstigen.
Gold: Die Gold-Währung war ein Welt-Währungssystem von 1823 bis 1943. Reserve war das Gold (umlaufendes Papiergeld jederzeit zu einem fixierten Austauschverhältnis in Gold umtauschbar). Interessant war der automatische Ausgleich durch Goldexport- und Goldimportpunkt. Großbritannien, das Mutterland der Goldwährung, verlässt 1931 den Goldstandrad im Zuge der Weltwirtschaftskrise. Das Pfund wertete um 30% ab. Auch im System von Bretton Woods und im heutigen flexiblen Wechselkurssystem (Dollar, Euro, Yen) ist Gold eine wichtige Reserve neben den Reservewährungen und den Sonderziehungsrechten. Die chinesische Zentralbank hält nur 1,6% ihrer Reserven in Gold, die US-Notenbank kommt auf 72,8%, die Bundesbank auf 68,1%. Sollte China seinen Anteil weiter erhöhen, wofür vieles spricht, könnte sich die "Goldrally" weiter fortsetzen. Die Angst vor der Inflation und der Zerfall des Weltwährungssystems nach der Weltwirtschaftskrise 2009 machen die Idee des Goldstandards wieder populärer. Umstritten ist, ob dadurch das Finanzsystem stabilisiert werden könnte. Auch als Anlage gewinnt Gold wieder an Bedeutung (Barrengold, Aktien, Fonds, Derivate). Gold gilt auch als Symbol gegen das Spiel der Banken und den schnellen Profit (Systemverdruss). 2011 kaufen die Zentralbanken der Schwellenländer sehr viel Gold. In Abu Dhabi wurde in einem Luxushotel 2010 der erste Goldautomat der Welt aufgestellt (1 Feinunze 31,1 g). Am meisten Gold produziert wird in China (330t 2009, 2011 entsteht eine neue Goldbörse in Hongkong), vor Australien und Südafrika. Die größten Firmen sind Barrik Gold, vor Newmond Mining und Anglogold Ashanti. Bekannt sind noch Newcrest Mining und Harmony Gold. Die größten Vorkommen sind in Usbekistan (50 Mio. Unzen), Russland und Alaska. 2011 ist auch das Silber so teuer wie nie zuvor (fast 50 Dollar je Feinunze). Auch Platin steigt rasant im Preis. Der Goldpreis ist 2008 weltweit auf einem Rekordniveau: über 1000 $ je Feinunze (geht wegen der Verkäufe auch mal wieder runter, unter 800 $, September 2009 wieder über 1000 $, Spekulation, Inflationserwartung, Indien, Chinanachfrage, Schuldenprobleme Griechenlands). Der Höchstpreis im Dezember 2010 und Anfang 2011 liegt bei über 1400 $ (1421), dann sinkt er stark ab. Im August 2011 steigt er auf den Rekordwert von über 1900 $ (1911,46, Krise in arabischen Ländern, Nachfrage aus China, Inflationserwartung, Schulden in USA und Europa, Abstufung der USA). Danach fällt er mal wieder stark (auf unter 1700 $, Gaddafi verkauft viel Gold). Im Mai 2012 fällt der Preis auf 1572 $. n ersten Halbjahr 2009 wurden schon 136 t Gold von den Notenbanken verkauft (Goldreserven: USA 8134t, Deutschland 3408t). Der IWF verkauft von 2009 bis 2010 403t Gold (Käufer war vor allem die Zentralbank von Indien). Langfristig ist der Goldpreis seit 1968 fast kontinuierlich gestiegen. "Gold hat keinen Nutzen, außer beim Schmuck. Das ist überhaupt das Beste, was sich vom Gold sagen lässt", Hilmar Kopper, Exchef der Deutschen Bank.
Sonderziehungsrechte: Offizielle Rechnungseinheit des IWF. Sie wurden 1969 eingeführt als Währungskorb (Dollar, Yen, Pfund, Euro). Es handelt sich um eine künstliche Reservewährung, um Liquiditätsengpässe zu verhindern.
Der Big-Mac-Index informiert darüber, welche Kaufkraft der US-Dollar in der jeweiligen Landeswährung gemessen in Big-Macs hat. Während er z. B. in der Schweiz 4,20 $ kosten kann, muss man in China nur 1,19 $ bezahlen. Meist ist er in Süd-Afrika am billigsten (0,90 $). Der Service wird vom britischen Wirtschaftsmagazin Economist jedes Jahr geboten. Der Index ist fast das einzige Instrument, um die Über- oder Unterbewertung einer Währung zu messen. Dadurch, dass Mc Donalds wegen der BSA - Krise nicht in jedem Land alle seine Produkte kauft, ist die Aussagefähigkeit sehr stark eingeschränkt. Indien kann nicht aufgenommen werden, weil es kein Rindfleisch isst. 2009 habe ich über den Big-Mac-Index einen Vortrag im Rahmen der Kinder-Uni gehalten (Vgl. Seite Öffentlich/ Public). Währungen von Entwicklungsländern sind tendenziell unterbewertet. Entwicklungsländer haben bei handelbaren Gütern eine niedrige Arbeitsproduktivität. Die Löhne werden aber maßgeblich von handelbaren Gütern bestimmt. Die Preise nicht handelbarer Güter sind in der Regel niedriger, so dass das niedrige Preisniveau bestehen bleibt (Belassa - Effekt). Vgl. auch: University of Western Australia, The Big Mac Index - Two Decades on an Evaluation of Burgernomics" 2010. Einerseits sind die Wechselkursprognosen auf Basis der Burgerpreise systematisch verzerrt. Andererseits lassen sich diese Fehler korrigieren. Damit sind die Vorhersagen mittel- bis langfristig gar nicht so schlecht.
Belassa-Samuelson-Effekt: Es gibt einen Zusammenhang zwischen Entwicklungsländern und ihren Währungen, die tendenziell unterbewertet sind. Nicht handelbare Güter beeinflussen die Kaufkraftparität, weil es Unterschiede in der Arbeitsproduktivität der Länder gibt. Davon hängen die Löhne ab, die zum großen Teil die Unterbewertung erklären.
Kaufkraftparitätentheorie von G. Cassel: Der Wechselkurs entspricht im Gleichgewicht der internationalen Kaufkraftparität, wobei diese am Verhältnis des ausländischen Güterpreisniveaus zum inländischen Güterpreisniveau gemessen wird. Meist arbeitet man mit dem Laspeyres-Preisindex: Geldsumme zu gegenwärtigen Preisen, die ein Wirtschaftssubjekt für den Kauf eines im Basisjahr ausgewählten Bündels von Gütern benötigt, geteilt durch die Kosten des gleichen Bündels zu Preisen des Basisjahres. Auch die Zinsparität zwischen zwei Ländern hat längerfristig einen Einfluss (Keynes). Der Wechselkurs ist der Preis für eine Einheit einer ausländischen Währung gemessen in einheimischer Währung. Extreme Zinsdifferenzen laden zu "carry trade" ein (im Niedrigzinsland Geld leihen und im Hochzinsland anlegen). Das Motiv ist dann Arbitrage, indem die Preisdifferenzen bei einem Gut auf verschiedenen Märkten ausgenutzt werden. Ein Land kann auch ein Currency Board errichten, indem es seine Währung fest an die eines anderen Landes bindet.
"Tobin-Steuer": Besteuerung kurzfristiger spekulativer grenzüberschreitender Kapitalbewegungen, um die hohe Volatilität der Wechselkurse zu beruhigen. "Die Ökonomie bedeutet für mich eine Faszination und Herausforderung für den Verstand..., sie bietet noch immer eine Hoffnung, durch größeres Verstehen das Los der Menschheit zu verbessern", James Tobin. Spekulationen üben einen großen Einfluss auf dem Devisenmarkt aus (Angebot und Nachfrage werden unberechenbar), so dass der Wechselkurs kurzfristig kaum zu prognostizieren ist. Von Tobin stammt auch das Separationstheorem, das die Risikoneigung des Investors in den Mittelpunkt stellt, von dem das individuelle Portfolio abhängt.2009 im Bundestagswahlkampf knüpft die SPD an Idee der Tobin-Steuer an und schlägt eine Finanz-Transaktionssteuer (0,01-0,05%) an den Finanzmärkten vor, um die Verursacher an den Folgen der Finanzkrise zu beteiligen. 1984 führte Schweden eine Tobin - Tax ein, was zur Folge hatte, dass die Investoren aus Stockholm abwanderten. Die Einnahmen waren gering. Die Tobin-Steuer macht nur bei einer weltweiten Einführung Sinn. 2010 erwägen die USA die Einführung einer Sondersteuer für die Spitzenbanken, um die Unterstützungszahlungen zurück zu bekommen. "Was die US-Notenbank praktiziert ist klassischer Mainstream-Keynesianismus", Nobelpreisträger James Tobin (1918-2002) zur Fed und damit als Prophet der Geldpolitik in der Finanzkrise 2008.
Zahlungsbilanzeffekte: Grenzüberschreitende monetäre Impulse, die besonders in der Globalisierung den internationalen Wirtschaftszusammenhang ausmachen (Einkommens-, Preis-, Zins-, und Wechselkurseffekt). Bei großen Volkswirtschaften (z. B. USA) kann der Einkommenseffekt eine Lokomotivfunktion (Locomotive effect) einnehmen. "Wenn die Weltwirtschaft nicht in Schwung kommt, wird auch Deutschland nicht wachsen, selbst beim vierten und fünften Konjunkturpaket nicht", Christoph Schmidt, RWI-Essen und Wirtschaftsweiser.
Wechselkursbindung: Flexible und feste Wechselkurse sind Grundformen, zwischen denen es zahlreiche Zwischenformen gibt. Oft wird im rahmen von Wechselkursbandbreiten eine Beziehung hergestellt. So funktionierte das EWS mit dem ECU. Crawling Peg ändert die Paritäten regelmäßig in festgelegten Schritten. Beim Currency Board (z. B. Argentinien 90er Jahre) wird ein festes Verhältnis beibehalten.
Mundell-Fleming-Wechselkurseffekt: ein niedrigeres Preisniveau mit der Auswirkung niedrigerer Zinssätze (Zinssatzeffekt von Keynes) kann auch zur Abwertung der Landeswährung führen und dadurch die Nettoexporte steigern. Er ergibt sich aus dem Mundell-Fleming-Modell. Diese Theorie berücksichtigte erstmals internationale Kapitalströme und deren Einfluss auf die inländische Nachfrage und das Angebot. Mundell und Fleming arbeiteten von 1961 bis 1963 beim Internationalen Währungsfonds zusammen.
Robert A. Mundell, geb. 1932, stellte auch eine Theorie optimaler Währungsräume auf (vgl. Robert Mundell, A Theory of Optimum Currency Areas, in: AER, 1961, S. 657-665, auch: Ders., A Plan for a European Currency, 1969). Sie war Bahn brechend für die EU und den €, er lieferte quasi den theoretischen Unterbau. Anhand eines Modells mit zwei Ländern untersuchte er schon 1961 die Wirkung asymmetrischer Nachfrageschocks (Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital mobil, Kapitalmärkte flexibel, Arbeitskräftewanderungen möglich; sie können dann Pufferfunktion des Wechselkurses übernehmen). Vgl. L. S. Copeland, Exchange Rates and International Finance, Harlow GB 2005, S. 172ff. "Länder mit einer gemeinsamen Währung treiben mehr Handel, schöpfen die Gewinne der Arbeitsteilung besser aus und weisen daher einen höheren Lebensstandard auf", R. A. Mundell (Nobelpreis 1999, Schloss bei Siena). Die erste europäische Währungsunion bildete das Römische Reich. Faktisch war das römische Geld dort die Einheitswährung, die weit über das heutige Gebiet der EU hinausging. Die Situation in Griechenland 2010/ 2011 (vor allem Überschuldung) bestätigt die Theorie. Mit der Einführung des Euro begann der Niedergang schleichend. Die ausländischen Währungen waren vorher stark gegenüber der Drachme. Weil dies gegenüber dem Euro nicht galt, blieben die Touristen, die Haupteinnahmequelle des Landes, aus. Die Preissteigerung betrug 20 bis 40% pro Jahr. Griechenland war nicht wettbewerbsfähig für die EU und die EWWU.
Außenwirtschaftspolitik (Zölle, Protektionismus, Merkantilismus, nichttarifäre Handleshemmnisse)
Protektionismus: Schutz der eigenen Wirtschaft bei Diskriminierung des Auslandes. Instrumente sind Zölle, Kontingente, Auftragsvergabe und nicht-tarifäre Handelshemmnisse (Normen, Verwaltungsabläufe, bürokratische Schikanen u. a.). In der Weltwirtschaftskrise 2009 verstärkt sich der Protektionismus wieder, vor allem in China ("Buy Chinese"), den USA und Frankreich. Die Verhandlungen in der WTO über ein neues Freihandelsabkommen schleppen sich seit Jahren dahin (Doha-Runde). So greifen immer mehr bilaterale Handelsabkommen um sich (vor allem Japan). Eine verschärfte Form des Protektionismus wird als Merkantilismus bezeichnet (nach dem Wirtschaftssystem des Absolutismus von Colbert zur Zeit Ludwig des XIV in Frankreich). Es entwickeln sich auch neue Formen: dazu gehört etwa eine Sondersteuer auf Kapitalzuflüsse. Dies führt Brasilien im Oktober 2009 ein, um eine weitere Aufwertung des Real zu verhindern, was die Exporte erschwert. Argentinien sperrt 2011 zunehmend Europas Exporteure aus. Dies ist ein Verstoß gegen WTO-Regeln. Argentinien konzentriert sich zunehmend auf Mercosur. 2011 hat Argentinien die massivsten Handelsbarrieren weltweit (Hintergrund sind die Wahlen im Herbst 2011).Man kann den Protektionismus auch instrumentell einsetzen, z. B. in einem Embargo. Die EU erlässt ab 1. Juli 2012 ein Ölembargo gegen den Iran. Nach der Weltwirtschaftskrise 2009 nehmen vor allem protektionistische Tendenzen auf den internationalen Rohstoffmärkten zu. 2012 tobt zwischen den USA und China fast ein Handelskrieg. Die USA erheben Strafzölle auf chinesische Solarmodule. China könnte mit Vergeltungsmaßnahmen drohen. Nach dem letzten Bericht der WTO 2009 sinkt der Welthandel 2009 um 10%. Ein Großteil davon geht nicht nur auf die Weltwirtschaftskrise, sondern auch auf neue Zölle, Bürokratie und Verbote zurück. Die Konjunkturprogramme fördern z. B. "Buy local" - Initiativen und "Anti-Dumping" - Initiativen. Von September bis Dezember 2009 wurden z. B. 105 neue Handelsschranken errichtet (Quelle: Global Trade Alert). Somit erlebt der Protektionismus nach der Finanzkrise und Weltwirtschaftskrise eine Renaissance. Die EU kappt 2012 die Zollvorteile für fast 100 Staaten (APS, betroffen sind Entwicklungsländer).
Merkantilismus: Der Begriff stammt vom Wirtschaftssystem des Absolutismus unter Ludwig dem XIV (begründet von Finanzminister Colbert). Eigene Wirtschaftsinteressen haben höchsten Vorrang. Es wird Autarkie angestrebt. Handel wird nur betrieben, wenn er unumgänglich ist. Merkantilismus gilt heute als Protektionismus in extremer Form.
Zolleffekte: Zölle heben den Binnenpreis und die Produzentenrente (Producer surplus), sie senken die Konsumentenrente (Nettowohlfahrtsverlust/ Deadweight: Nettoverlust der gesamten Rente, Konsumenten- plus Produzentenrente), sie verbessern die Terms of Trade. Insgesamt kommt es durch Deregulierung der Märkte zu einem Zollabbau. Die Terms of Trade stellen das Verhältnis der Export- zu den Importgüterpreisen dar (xWK im Nenner). Außer Zöllen zählen unter anderem auch Importquoten und nicht-tarifäre Handelshemmnisse zum Protektionismus. Der deutsche Ökonom Friedrich List gilt als einer der Vordenker auf diesem Gebiet, der auch als einer der ersten Kritiker der Freihandelsthese auftrat. Auf der anderen Seite führt die Liberalisierung durch Zollabbau besonders durch den Abbau von Zöllen auf Vorleistungen zu einer Produktivitätssteigerung (vgl.: M. Amiti/ J. Konings: Trade Liberalization, Intermediate Inputs and Productivity: Evidence from Indonesia, , in: American Economic Review, Vol. 97, S. 1611-1638 (Dezember 2007). "Schutzzölle wirken als Reizmittel auf diejenigen Zweige der Industrie, welche das Ausland besser liefert als das Inland, zu deren Produktion aber das Inland befähigt ist", Friedrich List (in Entwicklungs- und Schwellenländern einer der berühmtesten deutschen Ökonomen).
Metzler-Paradoxon: Wenn die Zollhöhe den Optimalzoll überschreitet, verschlechtert sich im Inland die Wohlfahrt, ohne dass es im Ausland zu Verbesserungen kommt.
Freiwillige Exportbeschränkungen: wenn ein Land die Ausfuhr bestimmter Güter auf eine Höchstmenge festlegt (Voluntary Export Restraint). Meist Antizipation eines Importkontingents. Die künstliche Verknappung kann den Anbietern des Exportlandes zusätzliche Gewinne (Quotenrenten) verschaffen, da der Preis des Gutes im Importland meist steigt (vgl. Krugman/ Obstfeld, a. a. O.). Das Gegenteil sind Exportsubventionen, mit denen die Industrieländer häufig z. B. bei Nahrungsmitteln arbeiten. In diese Kategorie gehören auch Exportkreditförderungen. Die Entwicklungsländer können nicht mit den billigen Importen aus reichen Ländern konkurrieren. Immer mehr Menschen in armen Ländern hungern (963 Mio. 2008). Insofern ist die Hungerhilfe vieler Länder ein regelrechtes Lebensmitteldumping. In der Weltwirtschaftskrise 2009 werden wieder Exportzölle eingeführt, z. B. in China für wichtige Rohstoffe (z. B. für Bauxit, Mangan, Silizium u. a.). China hat ein System von Export- und Importzöllen auf die gesamte Wertschöpfungskette aufgebaut, um wichtige Rohstoffe im Land zu halten. Schärfer sind Local-Content-Klauseln, die vorschreiben, dass ein bestimmter Teil des Endprodukts aus inländischer Herstellung stammen muss. Vgl. Krugman/ Obstfeld: Internationale Wirtschaft, München u. a. 2004, S. 265 ff.
Strategische Handelspolitik (P. Krugman, geb. 1954, Nobelpreis 2008, wichtigster Aufsatz: Scale Economics, Product Differentiation, and the Pattern of Trade, in: AER, 1980): Ein Land überlässt es nicht dem Markt, wo sich komparative Vorteile herausbilden, sondern greift wirtschaftspolitisch bei einem Oligopolisten ein, damit im Bereich der Schlüsseltechnologien und Spitzenprodukte gewinnbringende Weltmarktanteile für die eigene Wirtschaft gesichert werden. In der Regel geschieht dies über Subventionen, d.h. Geldleistungen des Staates an Unternehmen ohne marktliche Gegenleistung. Vgl. Krugman/ Obstfeld, Internationale Wirtschaft, München 2004, S. 289 ff. Ein gutes Beispiel ist die staatliche Unterstützung von Boing und EADS (Airbus), die auch vom Schiedsausschuss der WTO untersucht wurde. Die Idee der strategischen Handelspolitik geht unter anderem auf Brander/ Spencer zurück, die ein entsprechendes Modell entwickelt haben (Cournot-Dyopolisten, Konsumeffekte in Drittländern, Exportsubventionen, Rentenumlenkung). "Handel ist das große Allheilmittel, das ... sämtliche Nationen der Welt mit der gesunden und rettenden Vorliebe für Zivilisation impft", Richard Cobden.
Internationale Wettbewerbsfähigkeit: In der Globalisierung konkurrieren die immobilen Volkswirtschaften um das mobile Kapital. Es kommt auf die zugrunde liegenden Indikatoren an. Häufig werden Produktivität und Wirtschaftswachstum genommen. Manchmal auch die Direktinvestitionen, die Forschungsausgaben u. a.. Das World Economic Forum verdichtet über 100 Indikatoren zu einem Index (Global Competitiveness Report). 2008/2009 liegen die USA vor der Schweiz und Dänemark. Weiter Indikatoren und Indizes berechnen folgende Institutionen: Bertelsmann Stiftung, Fraser Institute, Heritage Foundation, IMD Schweiz. Vgl. auch: Küter, J.: Länderrankings zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit, in: Wirtschaftsdienst 2009, 10, S 691ff.
Welthandel und Welteinkommen: Der Welthandel ist in den letzten 25 Jahren schneller als das Welteinkommen gewachsen. Der Hauptgrund liegt in der Internationalisierung der Produktion. Multis versenden Produkte verschiedener Stufen um die Welt (Vorleistungen). Der Fall von Handelsbarrieren hat dies begünstigt.
Wachstumsraten weltweit: Es gibt erhebliche Unterschiede (sowohl beim realen BIP insgesamt als auch beim BIP je Einwohner). Dafür verantwortlich sind Investitionsausgaben (mit Sparen), auch Auslandsinvestitionen, Bildung, Infrastruktur, Forschung und Entwicklung. Hinzu kommen weitere Rahmenbedingungen wie politische Stabilität, Eigentumsrechte und staatliche Wirtschaftspolitik (auch Ausgabenpolitik).
Globale Institutionen (Global Government)
Integrationstheorie: Regionale Integrationen (z. B. EU) haben statische Handelsschaffende und Handelsumlenkende Wirkung und dynamische Effekte wie höhere Wettbewerbsfähigkeit und höhere Mobilität der Produktionsfaktoren (Viner). Die Europäische Union ist die größte funktionierende Wirtschaftsintegration der Erde. Die Einheitswährung wird von 330 Mio. Menschen genutzt (Euroland), deren BIP sich auf 4 Bio. € bemisst. Rund ein Dutzend weiterer Länder haben die Option auf die Euro-Zone. Konvergenz-Kriterien des Maastrichter Vertrages sind die Vorbedingung für den Beitritt. Der Austritt ist auch möglich durch eine Exit-Option für die EU-Mitgliedschaft.
World Trade Organization (WTO): sie ist eine internationale Organisation mit Sitz in Genf und wurde 1994 als Nachfolge zu GATT (1955) gegründet (ging aus der Uruguay-Runde von 1986-1994 zur Liberalisierung des Welthandels hervor). Außer GATT gehören Gats (Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen) und Trips (Abkommen über Urheberrechte) dazu. Sie befasst sich mit der Regelung der weltweiten Handels- und Wirtschaftsbeziehungen. Ihr Ziel ist die Liberalisierung und Transparenz des internationalen Handels und der Abbau von Handelshemmnissen. Handelskonflikte zwischen Mitgliedsländern werden vor dem WTO-Schiedsgericht ausgetragen. 2007 gehörten der WTO 151 Staaten an, die für 98% des Welthandels stehen. 2009 befindet sich die WTO in einer Art Krise, weil die Machtverteilung nicht stimmt, weil sie sich eher um Kleinigkeiten kümmert und weil sie nichts zur Krisenlösung beiträgt. Vgl. H. Sauter: Weltwirtschaftsordnung, München 2004, S. 130ff. Bis Ende 2011 soll Russland beitreten (18 Jahre Verhandlungen, wirksam erst im Juni 2012 mit Zustimmung des russischen Parlaments). Damit gibt es 154 Mitglieder (97 Prozent des Welthandels). Der durchschnittliche Zollsatz für alle Produkte soll auf 7,8% fallen. "Die Beihilfen der reichen Länder gefährden den Abschluss der WTO - Runde", Indiens Handelsminister Kamal Nath, 2007. "Es ist hier wie bei der Marine. Entweder ist man auf hoher See im Einsatz, oder man muss das Schiff klarmachen", Pascal Lamy, Chef der WTO, über die Aufgabe der WTO.
Internationaler Währungsfonds (IWF, IMF): Der internationale Währungsfonds, gegründet 1944 in Bretton Woods mit Sitz in Washington, hat zur Zeit 187 Mitgliedsländer. Chefposten seit 2011 Christine Lagarde, bis 2011 D. Strauss-Kahn, Vize John Lipsky. Die vorrangigen Aufgaben liegen in der internationalen Währungspolitik (stabile internationale Währungsordnung), der Unterstützung des Welthandelswachstums und in der Vergabe finanzieller Mittel an Mitgliedsländer zur Überwindung von Zahlungsbilanzproblemen. Es ist eine Art Devisenpool, aus dem Kreditfazilitäten und Sonderziehungsrechte zur Verfügung stehen. Die Kredite sind an teilweise scharfe wirtschaftspolitische Auflagen geknüpft (Konditionalität, oft auch Sozialabbau). die größten Kredite 2009 bekamen Mexiko (47 Mrd. $) und Polen (20,5 Mrd. $). Die Stimmrechte der Mitgliedsländer ergeben sich aus den Kapitalanteilen, die sich an der Wirtschaftskraft orientieren. Bei wichtigen Entscheidungen ist eine Mehrheit von 85% der Stimmen nötig. Für 2015 ist eine Reform der Stimmrechte geplant (mehr Einfluss der Schwellenländer). Nach der Finanzkrise 2008/ 2009 soll der IWF eine Art Frühwarnsystem für globale Krisen werden. Er wird auch mit zusätzlichen Liquiditätsmitteln ausgestattet (500 Mrd. $, 250 Mrd. $ in Sonderziehungsrechten). Mindestens einmal im Jahr findet eine Tagung statt. In der Regel wird der IWF von einem Lenkungsausschuss gesteuert, in dem die größten Anteilseigner sitzen (internationaler Währungs- und Finanzausschuss, IMFC). Im Oktober 2010 kommt es zu einer Reform: China und Indien bekommen mehr Stimmen (China überholt Deutschland als drittstärkste Macht). Dies soll weiter verändert werden. Die zehn größten Anteilseigner sind nun USA (16,8%), Japan (6,25%), China (3,82%) , Deutschland (5,83%), Großbritannien (4,3%), Frankreich (4,3%), Italien (3,17%), Russland, Indien, Brasilien. 2010 bildet sich die Palais-Royal-Initiative, die den IWF reformieren will. Sie wird vom ehemaligen Chef Camdessus angeführt. Die Überwachung soll verstärkt werden, um hohe Wechselkursschwankungen und Ungleichgewichte abzubauen. Damit wird der IWF zu einer Währungspolizei (2011). In der Praxis hat gegenwärtig noch die US-Bank Goldman Sachs großen Einfluss ("Government Sachs"). Im Herbst eines jeden Jahres findet die Jahrestagung statt (meist in Washington, und zusammen mit der Weltbank). Ende 2011 stockt die EU ihre IWF-Mittel um 150 Mrd. € auf. Im Januar 2012 wird das Kreditvolumen des IWF um bis zu 500 Mrd. $ aufgestockt. Die Schwellenländer fordern immer stärker mehr Macht. Sie wollen andernfalls nicht zusätzliche Milliarden an die EU-Länder geben. 2012 sieht die Stimmenanteilsverteilung wie folgt aus: USA 16,8; EU 31,0 (Deutschland 5,8); Japan 6,2; China 3,8; Russland 2,4; Indien 2,3; Brasilien 1,7. Die bisherigen Zuwendungen nützten vor allem dem Westen (Mexiko-Krise 1995/96 18 Mrd.$; Asienkrise 1097/98 40 Mrd. an Südkorea, Indonesien und Thailand; Euro-Krise seit 2009 107 Mrd. $ an Griechenland, Portugal und Irland). 2012 werden die IWF-Mittel aufgestockt (Eurozone 200 Mrd. $, Sonstige Europäer 61, Nicht-Europäer 171, darunter China und Japan je 60). "Die Mitarbeiter arbeiten in den entwickelten Staaten unter dem Druck, die Entscheidungsträger nicht zu verärgern", Unabhängige Evaluierungskommission des IWF. Ende 2010 werden von den Währungsreserven 3,062 Mrd. in US-$ gehalten, 1,346 Mrd. in €, 202,2 Mrd. in Pfund und 181,2 Mrd. in Yen.
Die Weltbank (Chef: Robert Zoellick, USA; Nachfolger Juli 2012 Jim Yong Kim aus den USA (gebürtiger Südkoreaner), Präsident von der Uni Dartmouth; Chefökonom Justin Yifu Lin, China) kümmert sich insbesondere um Entwicklungsländer und Schwellenländer. Hauptaufgabe ist heute die Unterstützung von weniger entwickelten Mitgliedsstaaten (insgesamt 187 Mitglieder) durch finanzielle Hilfen, Beratungen und technische Hilfen. Zusammen mit ihren Tochterinstituten (IDA: Internationale Entwicklungsorganisation, IFC: Internationale Finanzkooperation, MIGA und ICSID: Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung) bildet sie die Weltbankgruppe. 2008 lag das Kreditvolumen bei 24,7 Mrd. US-Dollar für rund 300 Projekte (ein Viertel nach Afrika, ein Fünftel nach Lateinamerika, ein Drittel nach Asien). 2008 wurden die Folgen des Anstiegs der Lebensmittelpreise abgefedert. 2011 betrug das Finanzierungsvolumen 177,1 Mrd. $. 2800 Projekte wurden in 30.500 Standorten durchgeführt. An der Spitze steht das Ziel bis 2015 die Zahl der Armen zu halbieren gemessen am Stand von 1990. (vgl. auch IMF und Weltwirtschaftsordnung bei Aktuelles). Wegen harter Auflagen bei der Kreditvergabe wird die Bank kritisiert. 2010 erwägt die EU nach der Griechenlandkrise die Einrichtung eines Europäischen Währungsfonds. Geregelt werden müssen Aufgaben, Finanzierung, Hilfsformen, Sanktionen, institutionelle Verankerung und Zeitplanung. Ähnliche Probleme hatten die USA in ihrer Frühgeschichte. "Für die innere Statik der Euro-Zone brauchen wir eine Institution, die über die Erfahrungen des IWF und über analoge Durchgriffsbefugnisse verfügt", Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. "Die Banker haben das Justizsystem gekauft", Jeffrey Sachs, US-Ökonom.
G8 (Great 8; auch andere G-Gruppen): Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada, USA, Russland. 13,2% der Weltbevölkerung, 55% der Weltwirtschaftsleistung, 37% des Welthandels, 17,5% der Weltbevölkerung. Die G8 ersetzen in Wirtschaftsfragen zunehmend die UN. 2007 hatte Deutschland den Vorsitz, Gipfeltreffen vom 6. -8. 06. 2007 in Heiligendamm (insgesamt waren hier 13 Staaten vertreten). Themen waren u. a. Kapitalmärkte, Afrika, Klimawandel, Schutz geistigen Eigentums und Weltwirtschaft( Risiken, Handel, Schwellenländer, Spielregeln). Seit 2008 hat Japan den Vorsitz. Im Sommer 2008 fand das Treffen in Toyako/ Japan statt. 2009 im Juli findet ein Treffen in den Abruzzen/Italien statt. Im Mai2012 findet ein Treffen in Camp David, USA, statt. Es geht um Wachstumsprogramme, Spekulationen und Klimawandel. Ab 2009 geht es insbesondere um die Finanzmärkte: Stress-Test für Banken, Anstieg der Rohstoffpreise, Umsetzung der G20-Beschlüsse, Ausstiegsszenario aus den Rettungsplänen. Die Bedeutung der Runde sinkt. Beim Treffen in Huntsville/ Kanada im Juni 2010 wird die Finanztransaktionsteuer abgelehnt. Beim Treffen im Mai 2011im französischen Deauville geht es um einen Stresstest für Atomkraftwerke (EU als Vorbild) und um Hilfen für Nordafrika. Ohne Russland spricht man von den G7. Wenn China zu den G8 dazukommt, ergeben sich die G9. Mit Indien spricht man von den G10. Die größten Gläubigerländer bilden die G14. Der informelle Zusammenschluss der 19 größten Gläubigerstaaten wird "Pariser Club" genannt. Die OECD setzt sich aus den G30 zusammen. Sarkozy will die G8 auf die größten Wirtschaftsnationen G13 erweitern.
Die G20 sollen künftig ein Forum für Finanzfragen sein (zwei Drittel der Weltbevölkerung, 85% der weltweiten Wirtschaftskraft, 80% des Welthandels, Treffen seit 1999) und vielleicht sogar eine Art Weltregierung. Hier sind die Finanzminister und Notenbankchefs von 19 Staaten vertreten. Hinzu kommt die EU. Außer den G7 gehören Russland, Argentinien, Australien, Brasilien, China, Indien, Indonesien, Süd-Korea, Mexiko, Saudi-Arabien, Süd-Afrika und die Türkei dazu. Es soll der Rahmen für eine neue weltweite Finanzordnung abgesteckt werden (globale Finanzaufsicht, Beschlüsse des Londoner Gipfels): Kontrolle von Hedge-Fonds, Begrenzung der Gehälter der Bankmanager, Aufstockung der Mittel des IWF, Schwarze Liste der Steueroasen. Aufwertung des Financial Stability Forum (FSF) zum Financial Stability Board (FSB). Schleichender Protektionismus soll gestoppt werden. In Pittsburgh werden erste Beschlüsse gefasst. Ende 2009 trifft man sich wieder in Toronto/ Kanada. Es geht um die globalen Finanzmärkte und ihre Regulierung. Beschlossen wird auch, die Schulden bis 2013 zu halbieren und bis 2016 ohne neue Schulden auszukommen. Im Juni 2010 findet ein wichtiges Treffen in Busan/ Süd-Korea statt. Es geht um eine stärkere Kontrolle der Banken und anderen Finanzinstitutionen und um die Reduzierung der Haushaltsdefizite. In Bezug auf das Eigenkapital der Banken sollen Vorschläge erarbeitet werden, eine weltweite Bankenabgabe kommt nicht. Im Oktober 2010 trifft man sich in Süd-Korea. Eine Reform des IWF wird beschlossen. Die USA stoßen mit ihrer Forderung nach Ausweitung der Binnenbachfrage auf Granit. Auf der Konferenz Ende 2010 in Seoul geht es um Handelsbilanzen (Exportbeschränkung, evtl. neue Zahlungsbilanz) und Währungspolitik (Schwächung des$ durch die Geldpolitik der USA). Man einigt sich auf eine Bankenrücklage für Krisenfälle und mehr Eigenkapital (Basel III). Der IWF soll weiter reformiert werden (mehr Stimmenanteile der Schwellenländer). Am 19.02.2011 einigt man sich auf einem Treffen in Paris (Finanzminister, Notenbankchefs) auf Indikatoren, an denen sich wirtschaftliche Fehlentwicklung festmachen lässt: Haushaltsdefizit, Gesamtverschuldung, private Sparquote, Investitionen, Handels- und Leistungsbilanz sowie Wechselkurs, Steuer- und Währungspolitik. Es herrscht große Sorge über die hohen Agrarpreise in der Welt.2011 einigen sich die G20 auf ein Alarmsystem gegen globale Ungleichgewichte. Aufgrund von Alarmschwellen sollen Schieflagen rechtzeitig erkannt werden. Im November 2011 beraten die G20 in Cannes über die globalen Finanzmärkte. Die 29 größten Banken der Welt sollen zusätzliches Eigenkapital aufbringen (Deutsche Bank, Commerzbank in Deutschland). Eine weltweite Finanztransaktionssteuer wird nicht beschlossen. Italien wird durch den IWF kontrolliert. Im Februar 2012 findet eine Tagung in Mexiko-Stadt statt (Finanzminister, Notenbankchefs). Europa solle mehr für die Stabilität tun, bevor sich der IWF stärker engagiere. "Es ist ihnen tatsächlich gelungen, ein paar Haasen aus dem Hut zu zaubern", George Soros, Großinvestor zum Ergebnis des Londoner G20-Gipfels.
Andere Staatengruppen (Schwellenländer): Die O4 (Outreach) sind die wichtigsten Schwellenländer Brasilien, China, Indien und Südafrika. Mittlerweile wird Mexiko noch als fünftes Land einbezogen und man spricht von O5. Die "Next 11" sind jene Schwellenländer, die in den nächsten Jahren ein besonders hohes Wachstum erzielen werden (u. a. Indonesien, Ägypten, Türkei, Philippinen). Seit 2008 werden als G5 China, Indien, Südafrika, Brasilien, Mexiko bezeichnet, als G3 Australien, Indonesien und Südkorea. Als BRIC - Staaten werden Brasilien, Russland, Indien und China (40% Weltbevölkerung, 20% Weltwirtschaftsleistung) benannt als dynamischste Schwellenländer. Das Konzept geht auf O` Neill, den langjährigen Chef-Volkswirt von Goldman Sachs zurück. 2009 kamen die Staatschefs dieser Staaten erstmals zusammen. Diese bilden auch die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ). Nach PROGNOS - Ergebnissen von 2008 wird ihre Attraktivität für deutsche Exporteure und Investoren überschätzt. Vgl. Prognos: Globalisierungsreport, Basel 2008 ( www.prognos.com/globalisierungsreport ). In neuester Zeit wird auch die Abkürzung BRICS gebraucht. Dann wird Südafrika noch dazu gerechnet. Zunehmend sind diese Länder aber Magneten für ausländisches Geld. Das spekulative Geld stellt eine große Gefahr in Brasilien (führt 2009 Sondersteuer ein) und Russland dar. Brasilien hat mittlerweile Großbritannien vom Platz 6 der Rangfolge der Volkswirtschaften (BIP) verdrängt. Das Problem des Interessenausgleichs zwischen Entwicklungs-, Schwellen- und Industrieländern wird die Welt in den nächsten Jahren in Atem halten. "Dieser G8-Gipfel muss denen Hoffnung bringen, die keine Hoffnung haben, und denen Nahrung, die keine Nahrung haben", Robert Zoellick, Weltbank-Präsident in Toyako 2008.
OECD: Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ist die Spitzenorganisation der westlichen Industrieländer (gegründet 30.09.1961, Koordinierung des Wiederaufbaus in Europa). Sie hat 34 Mitgliedsländer, zu denen auch Länder aus Asien und Osteuropa zählen, die sich zur Demokratie und Marktwirtschaft bekennen (20% der Weltbevölkerung und ein Drittel der Weltproduktion). Die Länder haben ein relativ hohes Pro-Kopf-Einkommen. Sie ging aus einer Organisation der Marshall-Hilfe-Mittel hervor, OEEC). Das Sekretariat ist in Paris und betreibt Forschungsprojekte über volkswirtschaftliche Entwicklungen und gesellschaftlichen Wandel. Das höchste Organ ist die Ministerkonferenz. Bekannt sind die Wirtschafts- und Bildungsprognosen der OECD. Am bekanntesten ist die Pisa-Studie geworden. Russland und China bemühen sich seit längerem, beizutreten. Der Wirtschaftsausblick für Deutschland für 2010 liegt bei 1,6% Wachstum und 4 Mio. Arbeitslosen (2011 4,3 Mio.). 2012 wird eine Konjunkturprognose im Mai 12 erstellt. Für Deutschland wird mit 1,2% Wachstum für 2012 gerechnet, für 2013 mit 2,0%.
Vereinten Nationen (UN), New York: Die UN beherbergen unter ihrem Dach viele wichtige Organisationen, vor allem für Entwicklungsländer. 2000 wurde acht Ziele formuliert, die bis 2015 erreicht werden sollen. Diese sind als Millenniums-Ziele bekannt. Sie richten sich auf Armut und Hunger, Kindersterblichkeit, Mutterschaft, Bildung, Krankheitsbekämpfung, Lebensbedingungen, Gleichberechtigung und globale Entwicklungspartnerschaft.
Vereinigte Staaten von Amerika (USA): Größte Volkswirtschaft der Erde und Träger der Leitwährung "Dollar". Das größte ökonomische Problem sind die Schulden. Bis Mitte Januar 2011 ist die Gesamtverschuldung auf 15,1 Billionen Dollar gewachsen. Die verfassungsmäßige Höchstgrenze liegt bei 14,3 Billionen $. Seit 2005 hat sie sich verdoppelt. Das Haushaltsdefizit liegt seit 2009 - nach der Finanzkrise - bei 10% des Bruttoinlandsprodukts, was das Dreifache der EU-Schuldengrenze darstellt und höher als Griechenland ist. Auch 2011 wird das Defizit zweistellig sein. Fast 900 Milliarden $ schulden die USA China. Extrem dramatisch ist die Schuldensituation einiger US-Bundesstaaten (Illinois, Kalifornien, Michigan, Arizona, Nevada). Sogar die US-Notenbank warnt 2011 immer wieder vor einer Schuldenkrise in den USA und fordert einen strikten Sparkurs. Diesen beginnt die Regierung 2011: für 2012 sind 90 Mrd. Dollar Einsparungen geplant. Im Jahre 2011 (Haushaltsjahr bis 30 Sept. 2011) beträgt das Defizit 1,6 Billionen $ (10,9% des BIP). Im Januar 2011 steigen die Preise schon um 1,6%. China hält 1,16 Billionen $ der US-Staatsanleihen und hat damit ein Druckmittel auf die US-Haushaltspolitik. Die Fed hat 1638 Mrd. $ (1149 Mrd. €) an US-Staatsanleihen gekauft. Im April 2011 kann der US-Staatsinfarkt (Haushaltsnotstand, Einsparung von 39 Mrd. $) knapp abgewendet werden. Regierung und Opposition streiten um die Anhebung der Schuldengrenze (derzeit 14,3 Billionen $). Ende Juli 2011 findet man einen Kompromiss, der aber nur 6 Monate gilt (Schuldenobergrenze in drei Schritten erhöhen bis 16,7 Billionen, Ausgabenkürzungen von 2,4 Billionen $). Die Schuldengrenze wurde 1917 durch den "Second Liberty Bond Act" eingeführt und 74-mal verändert. Die Rating - Agentur Standard & Poor´s will die Kreditwürdigkeit der USA herabstufen, was im August 2011 auch passiert (könnte 100 Mrd. $ kosten). Dies löst Turbulenzen an den Börsen aus. Die USA werden von den Rating -Agenturen, die in den USA zuhause sind, normalerweise eindeutig bevorzugt (Fitch bestätigt im August 2011 auch das AAA-Rating). Jeden Tag wachsen die öffentlichen Schulden um 4,38 Mrd. Dollar. Andererseits führen die schrumpfenden Ausgaben der öffentlichen Haushalte zu Bremseffekten beim Wirtschaftswachstum. Letztendlich muss man bei den Ursachen ansetzen (Nullzinspolitik der Notenbank, Niedrigsteuerpolitik der Regierung). Weitere Probleme der USA sind: Bevölkerungsgruppen mit geringer Bildung wachsen besonders stark, Unternehmen investieren in Aktienrückkäufe statt in Maschinen, Infrastruktur und Bildung brauchen Investitionen (hier könnten neue Konjunkturprogramme ansetzen), der private Verbrauch sinkt. Auch die Produktivität schrumpft. In den USA müssen oft Andere als Sündenböcke für den Abstieg herhalten: vor allem Europa wird für die Turbulenzen an den Finanzmärkten verantwortlich gemacht. In den USA werden zu wenig die strukturellen Probleme gesehen. Im Herbst 2011 wird ein Konjunkturprogramm von 450 Mrd. $ aufgelegt (neue Jobs, Infrastruktur, keine zusätzlichen Schulden). Eine "Warren-Buffet" - Steuer soll auf Einkommen über 1 Mio. $ erhoben werden. Immer mehr Menschen demonstrieren in den USA gegen die Macht der "Finanzjongleure" an der Wallstreet. Die USA sind auch nicht auf die ungewohnte Dauerarbeitslosigkeit eingestellt (über 20 Mio. leben unterhalb der Armutsgrenze). Der Arbeitsmarkt tritt auch 2012 noch auf der Stelle. Die Sanierung des US-Haushalts droht wegen Parteienstreitigkeiten zu scheitern. Sobald die Wirtschaft wieder durchstartet, dürfte auch die Inflationsgefahr steigen. Es ist zu viel Geld bei den Banken, durch die Fed ausgelöst. "Es geht darum, ob Amerika bloß ein Fleck auf der Landkarte ist oder ein Licht für die ganze Welt", Barack Obama, zur Lage der Nation 2011. 2011 sind 73,1% des gesamten privaten Nettovermögens in den Händen der reichsten 10 Prozent. 14,0 Mio. Amerikaner sind arbeitslos (9,1%) Mitte 2011.
Multinationale Konzerne (Multis): Zum Beispiel übertrifft der Umsatz von GM das BIP von mehr als 100 Staaten. Multis sind die treibende Kraft der Globalisierung, indem Sie die Haupt-Träger der Direktinvestitionen sind. In Bezug auf Umwelt, Korruption, Machtmissbrauch und Preisdiskriminierung kann Fehlverhalten auftreten, das durch Haftungsbeschränkungen verstärkt wird. Globale Gesetze und Machtbeschränkung verbunden mit sozialer Verantwortung müssen dem entgegenwirken. Multis arbeiten mit Verrechnungspreisen: dies sind interne Preise, zu denen Teile und Komponenten innerhalb eines Unternehmens von vorgelagerten an nachgelagerte Abteilungen "verkauft" werden. Hiermit kann man hervorragend Ertrags-Steuern sparen. Die Direktinvestitionen werden normalerweise innerhalb der Triade der Weltwirtschaft (Nordamerika, EU, Ostasien) abgewickelt. Nach dem Transnationalitätsindex ist das kanadische Unternehmen Barrik Gold Corp. an erster Stelle. In Deutschland ist die Linde AG am weitesten. Nach dem Aktienwert ist Siemens der größte deutsche Multi (Platz 42 in der Welt 2011, 2. Platz BASF). Weltweit führt Exxon vor Petrochina. Es gibt Bestrebungen in einzelnen Ländern, Multis mit Sondersteuern zu belegen. Diese soll bei Konzernen erhoben werden, die den Markt brauchen. Ungarn macht damit 2011 den Anfang. Einige multinationale Konzerne sind auch durch massiven Einfluss auf Politik aufgefallen (z. B. United Fruit Company/Chiquita). Die deutschen DAX - Unternehmen sind Multis. 2007 arbeiteten hier ca. 46% aller Beschäftigten in Deutschland. Diese Unternehmen wachsen vor allem im Ausland und schaffen auch dort mehr Stellen. In Europa ist Royal Dutch Shell das größte Unternehmen 2009. Die höchste Umsatzrendite haben russische Unternehmen. 2010 gehören bereits drei chinesische Unternehmen zu den zehn größten der Welt (Petrochina mit Platz 2, ICBC, China Construction Bank). Europäische Unternehmen scheuen die Übernahme von Unternehmen in Asien.
Vor- und Nachteile der EU: Der größte Nachteil der EU ist die Währungsunion ohne gemeinsame Wirtschaftspolitik (eher disparate Politik: z. B. ungleiches Renteneintrittsalter, Mindestlöhne, billige Immobilienkredite) und ohne wirkliche Konvergenz. So ist auch die eigentliche Ursache der Krise 2011 (Schulden usw.) der große Unterschied zwischen den Euro-Ländern. Dies war bei Aufnahme dieser Länder bekannt (aber die Finanzkrisen waren nicht vorhersehbar). Besonders kritische Differenzen gibt es bei der Staatsverschuldung (siehe unten), beim Wirtschaftswachstum (ganz hinten Portugal, Griechenland, Italien, Irland) und in der Industrieproduktion (hohe Rückgänge in Luxemburg, Italien, Griechenland und Spanien). Die Nordländer Luxemburg, Niederlande, Österreich, Finnland und Deutschland stehen in der Regel am besten da (BIP je Einwohner, Jahresnettoeinkommen je Haushalt, Schulden je Einwohner). Der große Vorteil für Deutschland liegt in der Vergrößerung des deutschen Binnenmarktes. Der Euro könnte an den Widersprüchen zerbrechen: 2010 liegen alle Euro-Länder beim Haushaltsdefizit über 3,0% (am stärksten drüber Irland, Griechenland, Spanien, Portugal und die Slowakei). Es werden gemeinsame Schuldscheine der Euro-Staaten (Euroanleihe) empfohlen, um den Druck von den Krisenländern zu nehmen. Deutschland und Frankreich lehnen diese ab, weil mittlerweile die Zinsunterschiede zu groß sind. Eine gemeinsame Geldpolitik für alle EU-Länder richtet auch Schaden an. No-Bail-Out ist nicht mehr möglich. Die vereinbarten Beitrittskriterien werden aufgeweicht. Sanktionen greifen oft ins Leere. Die Abschlusserklärung des Brüsseler Gipfels Ende Oktober 2011 deutet auf eine Spaltung in Euro-Zone (stärkere Koordinierung der Wirtschaft- und Finanzpolitik) und 27-Staatenbund. "Europa ist wie eine Wohngemeinschaft: Jeder greift in die Haushaltskasse und keiner trägt den Müll runter", Matthias Beltz.
Euro (€): Das wichtigste Argument für die Einführung des Euro war die Senkung der Transaktionskosten, insbesondere für mittelständische Unternehmen (Umtauschkosten fallen weg, Preistransparenz steigt). Sicher hat der Euro in den letzten zehn Jahren die deutsche Exportwirtschaft insgesamt beflügelt (Schutz vor Wechselkursschwankungen). Die Probleme 2010 nach der Finanzkrise sind ursprünglich von Ökonomen vorhergesehen worden. Vier Maßnahmen können zur Rettung des Euro beitragen: Eurobonds, Umschuldung, Anleihekäufe und eine Vergrößerung des Rettungsschirms. Zum Euro gibt es jetzt keine Alternative mehr (er ist zu einer Klammer geworden), zumal es sich nicht um eine Krise des Euro handelt. Einzelnen Staaten haben sich finanzpolitisch fehl verhalten. Die DM würde nach einer Wiedereinführung gnadenlos aufgewertet mit großem Schaden für unsere Exportwirtschaft; die Währungen der Südeuropäer würden abgewertet. Der Euro ist auch nicht nur ein ökonomisches Projekt (Integration und Konvergenz), sondern vor allem ein politisches (er forciert die Bildung einer europäischen Union). Über den Bestand des Euro werden die Schulden einzelner Staaten nicht entscheidend sein, sondern die Wettbewerbsfähigkeit der EU global. Insofern sollte man auch die EU als Ganzes im Auge haben, d.h. ihre Staatsfinanzen, ihre Wettbewerbsfähigkeit, ihre Beschäftigung und Ressourceneffizienz (Produktivität) und ihre private Verschuldung/ Auslandsvermögensposition. Kernproblem ist natürlich die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit im Süden Europas (vor allem relativ zur Türkei, Osteuropa, China). Die unterschiedliche Entwicklung der Lohnstückkosten war lange bekannt (2005 veröffentlicht). Notfalls müsste eine kleine und starke Eurozone selbstständig werden. Die Euroländer koordinieren ihre Wirtschafts- und Finanzpolitik in der so genannten "Euro-Gruppe (Chef: Juncker). Auf Initiative Deutschlands und Frankreichs wird 2011 der Wettbewerbs-Pakt gestartet. Die Staaten unterwerfen sich einem System strikter Vergleichskriterien (6 Punkte). Dazu gehören Sparregeln, Renteneintrittsalter, Lohnerhöhungen, Bildungsabschlüsse und Krisenmechanismen. Die Körperschaftsteuer soll auf eine einheitliche Bemessungsgrundlage gestellt werden (Gesetzentwurf 2011). Leider fehlen eine systematische Gläubigerbeteiligung und ein klares Ziel wie qualitatives Wirtschaftswachstum oder Europäischer Währungsfonds. Die größten Probleme dürften sich beim Renteneintrittsalter ergeben (Lebenserwartung, Geschlechterunterschied). Im März 2011 einigen sich die Staats und Regierungschefs der Euro-Zone über die Selbstverpflichtung. Im Worst-Case-Szenario müsste man die Südländer zu ihrer eigenen Währung zurückkehren lassen und ihn nur bei den Nordländern belassen. Ein Austritt bzw. ein Ausschluss ist juristisch nicht vorgesehen (in Griechenland zeigen sich schon negative Antizipationen, wie z. B. Geldtransfer ins Ausland, mit Liquiditätsproblemen der Banken). Die bislang nur finanziellen Sanktionen sollten erweitert werden. Ein Europäischer Währungsfonds startet vielleicht schon 2012. Zur Bekämpfung der Eurokrise gibt es Ende 2011 grundsätzlich noch drei Alternativen: Euro-Bonds mit gemeinsamer Haftung, Garantie der EZB verbunden mit unbegrenzten Anleihekäufen (Notenpresse?), Eiserner Sparkurs der Nationalstaaten. Wahrscheinlich ist eine Entscheidung zwischen Euro-Bonds und Notenpresse (für Deutschland Aversions-Aversions-Konflikt). Der Sparkurs soll aber auch durch eine Fiskalunion (Umbau der Währungsunion, besser abgestimmte Haushalts- und Wirtschaftspolitik) mit europäischer Schuldenbremse verstärkt werden. Ebenso soll es einen automatischen Sanktionsmechanismus (Strafenkatalog) geben. Die EU beschließt den Pakt am 09.11.11 (ohne Zustimmung Großbritanniens). Der ESM kommt schon 2012. Der erste Vertrag für eine "Stabilitätsunion" liegt kurz darauf vor (Unterzeichnung bis Mitte März). Nach einer Prognos-Studie 2011 hängen drei Millionen Jobs an der Euro-Zone. "Der Euro ist unsere Währung. Der Euro ist Europa von heute. Scheitert der Euro, scheitert auch Europa", Angela Merkel, Bundeskanzlerin.
Träger der europäischen Geldpolitik ist die Europäische Zentralbank (EZB). An die Spitze rückt im Herbst 2011 Mario Draghi (bis dahin noch Trichet, Chefvolkswirt ab 2012 Peter Praet, Belgien). Die Stimmanteile sind nicht nach Kapitalanteilen gewichtet. Das Grundkapital (eingezahlte Kapital) beträgt 6,48 Bill. Euro. Den größten Anteil hat Deutschland mit 26,6% vor Frankreich mit 19,9%. Die EZB kauft massiv Staatsanleihen verschuldeter EU-Staaten (2011 schon 100 Mrd. €). Im September 2011 hält sie 153 Mrd. € an Staatsanleihen, im November 183 Mrd. €. Es gibt auch empirische Untersuchungen und Berechnungen über den Nutzen des Euro für Deutschland. Die KfW kommt 2011 auf 25 bis 30 Mrd. Euro. Die EZB beginnt Ende 2008 in der Finanzkrise den damaligen Leitzins von 4,5% schrittweise zu senken. Der aktuelle Leitzinssatz liegt bei 1,0%; er wurde am 08.12.11 dahin von 1,25% gesenkt (bis November 1,5%). Investitionen sollen angeregt und die Schuldenpolitik der Staaten erleichtert werden. Die EZB gerät immer mehr in die Rolle als "lender of last ressort" (Staatsanleihekäufe stützen die Banken indirekt, indem sie tendenziell die Kurse von Anleihen angeschlagener Euro-Staaten stabilisieren und Risiken für die Bankenbilanzen reduzieren). So könnte der Euro gerettet werden, wenn Italien strauchelt. Die EZB könnte ein Limit für italienische Staatsanleihen festsetzen, und dann dieses Zinsniveau verteidigen. Ende November 2011 wird auch Deutschland seine Staatsanleihen nur mit Mühe los. Am 30.11.2011 wird ein Liquiditätsnetzwerk der Zentralbanken (EZB, USA, Kanada, Japan, Schweiz, GB) gebildet, um die Finanzmärkte mit Geld gegen die Schuldenkrise zu fluten. Die EZB leiht den Banken auch längerfristig Geld (3 Jahre, Planungssicherheit). Der Mindestreservesatz wird auf 1% gesenkt. Die US-Notenbank lehnt Ende 2011 direkte finanzielle Hilfen für Europa ab. Ende 2011 dreht die EZB den Geldhahn auf, indem sie drei Jahre unbeschränkt Liquidität zur Verfügung stellt (490 Mrd. €, 1%). Im März 2012 wird nochmals die Rekordsumme von 530 Mrd. € zu niedrigen Zins den Banken zur Verfügung gestellt (wobei die EZB hofft, dass die Banken auch Staatsanleihen kaufen). 2012 stößt H. - W. Sinn eine Diskussion über die Risiken der Bundesbank an. Es geht um die Target-Forderungen im Euro-System. Die Forderungen der Deutschen Bundesbank an das Euro-System steigen seit dem Ausbruch der Finanzkrise. Insgesamt liegen sie im ersten Quartal 2012 bei 498 Mrd. €. Das Risiko für den Ausfall trägen die Steuerzahler in Deutschland. Die Bundesbank bildet hohe Rücklagen, so dass der Bundesbankgewinn 2011 einbricht (nur 600 Mio. €; 2010 2,2 Mrd. €). "Der Euro hat schon heute auch das wichtigste Plus der D-Mark, nämlich das Vertrauen der Märkte. Dies wird auch in Zukunft so sein", Theo Waigel, damals Finanzminister bei Einführung des Euro.
Europäische Investitionsbank (EIB): Hausbank der EU. Präsident Werner Hoyer. Insbesondere für Förderprogramme (KMU) zuständig. 2012 soll die Bank eine intensivere Rolle bei der Förderung des Wachstums einnehmen. Dafür brauchte sie neues Kapital.
Optimaler Währungsraum (Euro-Raum): Von der Theorie (Mundell) und den Konvergenzkriterien her, insbesondere der Schuldenstand bewertet, passen am besten Deutschland, Schweiz, Österreich, Luxemburg, Niederlande, Dänemark, Schweden, Finnland und Norwegen zusammen. Belgien (97,2%), Irland (108,1%) und Frankreich (85,4%) fallen schon ab. Nicht wettbewerbsfähig und ungeeignet sind alle Südländer. Eine Währungsunion funktioniert auf Dauer normalerweise nur bei hochgradig flexiblen Löhnen und Preisen. Eine Harmonisierung der Steuersysteme ist auch erforderlich. "Das vorrangige Ziel des Europäischen Systems der Zentralbanken ist es, die Preisstabilität zu gewährleisten", Artikel 127 des Vertrags über die Arbeitsweise der EU (Maastricht).
Agrarsubventionen: In Deutschland seit 1953, als noch ein Viertel aller Beschäftigten in der Landwirtschaft arbeitete. Sie wurden dann in den EWG Verträgen 1957 verankert, um dauerhaft von Nahrungsmittelimporten unabhängig zu sein. 1999 wurde die Agrarförderung von der Produktionsmenge an die landwirtschaftliche Fläche gekoppelt. Es gibt zu viele kleine Höfe in Europa. Ab 2013 sollen die Subventionen beschnitten werden.
Haushalt der EU: Die größten EU-Geberländer sind Deutschland (2397 Mrd. €, Differenz von Zahlungen an und von der EU), Frankreich (1907), Großbritannien (1563), Italien (1521) und Belgien (339). An den vier großen Ländern geht nichts vorbei. Obwohl 2011 alle wichtigen Positionen in der EU von Nicht-Deutschen besetzt sind, ist die tatsächliche Macht enorm. Die EU will eine eigene Steuer, z. B. Umsatzsteuer. Die großen Länder lehnen dies ab. Größte Haushaltsposten sind der Agrarbereich und die Regionalfonds. Das Bundesverfassungsgericht stärkt im September 2011 das Haushaltsrecht des Bundestages in Deutschland. Der finanzpolitische Rahmen der EU muss verbessert werden (größte Projekt der EU).
Binnenmarkt der EU: Vier Freiheiten: Freier Warenverkehr, freier Personenverkehr, freier Dienstleistungsverkehr, freier Kapitalverkehr. Dies wird unterstützt durch Beseitigung der Grenzkontrollen, technische Harmonisierung und Normung, Liberalisierung des öffentlichen Auftragswesens, Freizügigkeit, Steuerharmonisierung und Kooperation von Unternehmen. Die EU-27 ist mit einem Bruttoinlandsprodukt von 16,4 Billionen $ 2009 der größte Wirtschaftsblock der Erde (USA 14,3 Billionen $). Als 28. Land soll Kroatien folgen. Um dauerhaft stabiler gegen Krisen zu sein, müsste man Richtung mobile Arbeitskräfte, flexible Löhne und zentralere Steuerverwaltung gehen. Ohne integrierte Arbeitsmärkte und eine einheitliche Fiskalpolitik wird man auch immer etwas großzügiger mit Inflation umgehen müssen. "Europa ist unser Heimatmarkt und der Euro unsere Währung, die wir mit unserer ganzen Kraft in die Waagschale werfen müssen", Martin Kannegiesser, Präsident von Gesamtmetall.
Lissabon-Vertrag der EU: Von 2014 an entscheiden die Staaten im Ministerrat mit doppelter Mehrheit: So müssen mindestens 55% der Staaten zustimmen, die wenigstens 65% der EU-Bevölkerung vertreten. Einstimmigkeit ist nur bei Steuer- und Sozialpolitik sowie beim EU-Haushalt, Verteidigung und Außenpolitik erforderlich. Das europäische Parlament entscheidet stärker mit (Haushalt, Agrarsubventionen). Der Vertrag tritt ab 1.12.09 in Kraft. Er eröffnet neue Chancen in der Handels- und Energiepolitik (Zuständigkeit bei EU). Er will die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft stärken und den Kampf gegen den Klimawandel verstärken. Er könnte auch zu einem Europa der zwei Geschwindigkeiten führen. 2010 versucht das Europaparlament, mehr Haushaltskompetenz zu bekommen als der Lissabon-Vertrag einräumt. Diese Flexibilitätsklausel zusammen mit mehr Eigenmitteln der EU kommt nicht durch. "Ein dauerhafter Ausweg aus der Krise erfordert, dass viele Staaten wieder Deutschland gegenüber wettbewerbsfähiger werden. Dafür gibt es bislang kein erprobtes Modell in der Währungsunion", J. Pisani-Ferry, Direktor von Bruegel in Brüssel.
Griechenland-Krise und Schuldenkrise in der EU (Irland, Portugal, Italien, Zypern, Spanien): 2010 wird Griechenland wegen seiner Verschuldungsprobleme von den Rating - Agenturen als nicht mehr kreditwürdig eingestuft (BB+). Griechenland hatte 2009 Staatsschulden in Höhe von 273,4 Mrd. €. Das sind 115,1% des BIP. Das Haushaltsdefizit betrug 13,6%. Bis Ende 2010 sind Staatsanleihen in Höhe von 16,2 Mrd. € fällig. Der IWF (30 Mrd. €, 3%) und die EU (80 Mrd. €, 5%) müssen mit Krediten helfen. Der Notfallplan zwingt Griechenland zu einem drastischen Sparprogramm (bis 2010 Defizit um 11 Prozentpunkte abbauen) und einer langen Rezession. Die Staatschefs von Euroland (16 Länder) beschließen den Plan am 07.05.10. Offen ist noch, wie die Banken am Kostenrisiko beteiligt werden können. Wir brauchen auch eine europäische Rating - Agentur, die kein Geld von anderen Finanzmarktakteuren nehmen darf. Spekulationen gegen den Euro führen zu einem Rekord-Einbruch an der New Yorker Börse von -1000 Punkten (als Ursachen werden auch Tippfehler und Computerfehler genannt). Viele Experten erwarten eine Umschuldung des Landes (ca. 50% müssten abgeschrieben werden). 2011 wird das Land von Moody`s auf B1 herabgestuft (im Juni 11 auf Caa1), von Standard & Poor`s (S & P) auf B, später auf CCC. 2011 drängt auch der IWF auf Umschuldung (EZB dagegen). In der Öffentlichkeit wird im Mai auch der Austritt Griechenlands aus der Eurozone erörtert. Dieser Austritt würde aber eine Spirale aus Inflation und Abwertung in Gang setzen. Es könnte das Ende der Eurozone sein und für das Land der Staatsbankrott (bei Abwertung der Drachme steigen die Schulden); die Gläubiger hätten das Nachsehen (deutsche Banken könnten das verkraften). Die Kunden würden die Banken stürmen oder ihr Geld vorher ins Ausland schaffen. Griechenland würde wieder für Touristen attraktiv, der EU-Binnenmarkt wäre nicht stark betroffen. Das Land muss sich immer wieder frisches Geld am Geldmarkt leihen (2011 Deckungslücke von 7 Mrd. €). Die Schulden sind auf 330 Mrd. € angewachsen. Es wächst der Druck aus der EU, Staatsbesitz zu veräußern (war schon mal zugesagt, 50 Mrd. € bis 2015). Hierzu gehört auch die Privatisierung von Staatsunternehmen. Mitte Juli könnte Griechenland zahlungsunfähig sein, wenn der IWF die nächste Tranche nicht auszahlt. IWF, EZB und EU schnüren ein neues Rettungspaket (12 Mrd. € sofort, nochmals 110 Mrd. € später). Private Gläubigerbanken werden auf freiwilliger Basis beteiligt, das Land muss mehrere Sparpakete bewältigen. Eine dauerhafte Lösung ist nur mit Umschuldung (Laufzeiten, mit Beteiligung der privaten Banken und EZB, wahrscheinlichste Lösung) oder einem Schuldenschnitt (oder Verbindung zwischen beidem) zu erreichen (Deutschland und Frankreich sind sich über den Schuldenschnitt uneins). Ein EU-Gipfel im Juli 2011 entwickelt eine Lösung: Günstigere Kredite und verlängerte Laufzeiten, freiwillige Beteiligung des Finanzsektors, effektiverer Rettungsschirm, Förderung von Wachstum und Investitionen in Griechenland. Durch die Wirtschaftskrise im Land wird immer unwahrscheinlicher, dass die Kreditbedingungen erfüllt werden können (Industrieproduktion und Umsätze im Einzelhandel sind 2011 im freien Fall). Die Euro-Länder, der IWF und die EZB machen Druck, dass die Sparzusagen umgesetzt werden (sonst keine Hilfszahlungen). Eine Troika von Experten (EU, EZB, IWF, 40 Experten, alle 3 Monate) kontrolliert. Eine Pleite und ein Ausschluss des Landes aus der Eurozone sind nicht unmöglich. Die Defizit-Ziele werden klar verfehlt. Es gibt eine EU-Task-Force für Griechenland (Horst Reichenbach Leiter), die die Verwaltung verbessern und die EU-Strukturhilfen überwachen soll. Im Oktober 2011 werden weitere 8 Mrd. € überwiesen. Erst 2021 dürfte Griechenland wider Geld von den Kapitalmärkten bekommen. Ecofin einigt sich darauf, dass die Banken auf die Hälfte ihrer Darlehen verzichten und ihr Kapital um rund 108 Mrd. € erhöhen. Damit kommt es zu einem Schuldenschnitt. Die Ankündigung einer Volksabstimmung in Griechenland zum Rettungspaket führt zu Einbrüchen an den europäischen und internationalen Börsen von im Schnitt 5 Prozent (eigentlich darf laut Verfassung zu öffentlichen Finanzen nicht gefragt werden). So entscheidet man sich für eine Notregierung mit Expertenhilfe, die das Notpaket unter Dach und Fach bringen soll (der frühere EZB-Vizepräsident Papademos als Regierungschef ). Anfang 2012 gefährdet der Reformstau in Griechenland die Auszahlung der nächsten Kreditrate. Die Troika prüft wieder und drängt auf Implementation der Sparprogramme. Ein Sparkommissar der EU ist im Gespräch (wird auf einem EU-Gipfel abgelehnt), ebenso ein EU-Beauftragter für die Geldpolitik. Die Geberländer verlieren an Geduld (Staatsinsolvenz?). Das Land nimmt das Sparpaket der EU an (auch Parlament), überprüft wird noch die Schuldentragfähigkeit (von 163% auf 120% 2020). Dieses Kriterium ist schwierig zu erfüllen. Im Februar 2012 wird das zweite Hilfspaket in Gang gesetzt (private Gläubiger verzichten auf 107 Mrd. €, Sonderkonto, Beitrag der nationalen ZB, insgesamt 130 Mrd. € bis 2014). Fitch stuft Griechenland weiter herab, weil ein höheres Haushaltsdefizit erwartet wird. S&P stuft das Land Ende Februar 2012 als "teilweise zahlungsunfähig" ein. Der Schuldenschnitt kann erfolgreich durchgeführt werden. Die finanzielle Hilfe erfolgt schrittweise (18 Mrd. € vom IWF). Griechenland braucht einen Aufbauplan, um zu einer Industrieinfrastruktur zu kommen. "Griechenland braucht eine Insolvenz. Das Land wird seine Schulden niemals bezahlen können", Maurice Obstfeld, Berkeley. 2011 stürzt die Regierung in Portugal über die Verschuldung. Dies treibt die Zinsen für portugiesische Staatsanleihen hoch. Das Land muss unter den Rettungsschirm im April 2011. Im Juli 11 stuft Moody´s Portugals Anleihen als Ramsch ein. Deutschland muss ca. immer ein Viertel schultern (diesmal von 80 Mrd. €, aber nur im "worst case"). Dafür muss Portugal ein drastisches Sparprogramm erfüllen. S & P zweifelt 2011 auch an der Kreditwürdigkeit Italiens. Die Gesamtverschuldung liegt 2011 bei 120%. Die Aktienkurse fallen, die Zinsaufschläge für Anleihen steigen. Im September 2011 stuft S&P Italien tatsächlich herab. Auf der G20 Konferenz in Cannes im Herbst 2011wird beschlossen, dass der IWF Italien kontrolliert. Mario Monti wird neuer Regierungschef. Ende 2011 sinken die Zinsen für Italien wieder drastisch auf 3,25% (EZB-Geldspritze). Moody´s stuft Irlandanleihen als Ramsch ein. Im Sommer 2011 hat auch Zypern Schwierigkeiten. Im Dezember 2011 wird Ungarn von S&P auf BB+ herabgestuft. Im Januar 2012 stuft S&P Frankreich und Österreich von der höchsten Stufe auf AA+ herab. Sieben weitere EU-Staaten werden herabgestuft. Im April 2012 wird Spanien von S&P auf BBB+ herabgestuft. "Ob Griechenland über die Zeit wirklich in der Lage ist, diese Leistungskraft aufzubringen, wage ich zu bezweifeln", Josef Ackermann im Mai 2010 in der Sendung von Maybritt Illner. Vgl. Rogoff, K./ Reinhart, C.: This Time is Different, 2009. Hierin werden systematisch die Schuldenkrisen der letzten 800 Jahre untersucht.
Ausstieg aus der Eurozone: Für den Ausstieg gibt es keine Rechtsgrundlage. Nach der Wahl in Griechenland im Mai 2012 wird ein Ausstieg aus dem Euro immer wahrscheinlicher (dies würde insgesamt ca. 280 Mrd. € kosten, für den IWF 22 Mrd., für Deutschland 80 Mrd. €; insgesamt hat das Land schon 380 Mrd. € bekommen). Die ökonomische Situation des Landes wird immer dramatischer (2011: Staatsverschuldung 356 Mrd. €; BIP 182 Mrd. €; Arbeitslosigkeit 18%; Handelsbilanzdefizit 16 Mrd. €). Die EU arbeitet an einem Plan B, falls nach den Parlamentswahlen in Griechenland am 17. Juni 2012 eine Entscheidung gegen das Sparpaket fällt. In Griechenland liegt die Wiege der europäischen Kultur (Kreta). Deshalb muss das Land aber in der EU bleiben (notfalls wieder mit Beitrittsverhandlungen). "Das größte Problem ist nicht Griechenland, sondern Spanien und Italien", Robert Zoellick, Präsident der Weltbank.
Bankenkrise in der EU: Inhaber von Anleihen insolventer Banken werden auf Kosten des Steuerzahlers gestützt. Für die Rettungspakete fallen hohe Zinsen an, die die Wettbewerbsfähigkeit der schwächeren Länder weiter verschlechtern. Das Zinsgefälle war vorher viel zu niedrig, was in den schwächeren Volkswirtschaften zu einem Immobilienboom führte. Die Kreditinstitute konnten nach der Euroeinführung ihre Bestände an Staatsanleihen bei der EZB refinanzieren. Sie galten als risikolose Anlage. Die Banken in der EU tragen eine große Mitschuld an der Krise des Euro. Das liegt auch daran, dass es 17 Bankenaufsichten in Euroland gibt. Wünschenswert wäre eine zentrale Stelle für die Aufsicht über die Kreditvergabe. Nach Ansicht einiger Experten wird die Kreditschöpfung der Bundesbank durch EZB-Darlehen an Krisenländer immer weiter verdrängt. Eine massive Verzerrung der Geldschöpfung in der Euro-Zone sei die Folge. Vgl. Sinn, H.-W./ Wollmershäuser T.: Target-Kredite, Leistungsbilanzsalden und Rettungsschirm der EZB, Ifo-Arbeitspapier 105, Juni 2010. Weltweit gibt es 2011 eine Furcht vor der Banken-Pleite. Indikator ist der Bankenindex DJ-Stoxx-600-Banken. Er fällt im August 2011 auf 135,27. Mittlerweile seit Anfang 2011 gibt es eine Europäische Bankenaufsicht (EBA). 2011 warnt der IWF vor einem riesigen Kapitalloch bei den europäischen Banken (bis zu 200 Mrd. € frische Mittel). Er fordert Zwangs-Hilfen. Die amerikanische Regierung verklagt die größten Banken und auch einige ausländische Banken (u. a. Deutsche Bank), weil sie hochriskante Wertpapiere an die US-Hypothekenbanken verkauft haben. Wäre dies auch eine europäische Möglichkeit? Im Herbst 2011 kommt der Geldfluss zwischen den Finanzinstituten zum erliegen. Es entsteht große Unruhe, weil ein neuer Fall "Lehman" befürchtet wird. Die Rating - Agentur Moody`s stuft zwei französische Banken herab. Die Deutsche Bank wird neben Goldman Sachs als eine der Hauptschuldigen an der amerikanischen Immobilienkrise von der US-Regierung gesehen. Die UBS erleidet Milliardenverlust durch einen Investmentbanker. Im Oktober 11 gerät die französisch-belgische Dexia ins Straucheln. Bei der EZB ist auch ein Europäischer Risikorat (ESRB) angesiedelt. Er kann Warnungen und Empfehlungen aussprechen. Im Oktober 2011 legt die EZB ein Hilfsprogramm für Banken auf. Es handelt sich um ein 40 Mrd. € schweres Ankaufsprogramm für Pfandbriefe und andere gedeckte Anleihen. Im Oktober 2011 stuft die Rating - Agentur Moddy´s britische und portugiesische Banken herab. Der Kapitalbedarf europäischer Banken wird Ende 2011 auf mindestens 100 Mrd. € geschätzt. Weltbank-Chef Zoellik bemängelt das Fehlen eines Konzeptes und spricht von "Durchwursteln", um Zeit zu gewinnen. Im Oktober 2011 legt die EU-Kommission einen Bankenrettungsplan vor: vorübergehend höhere Kapitalquote. Die großen Banken müssen ihr Eigenkapital erhöhen (bis Juni 2012 auf 9%). Die gesamte Rekapitalisierungsquote liegt bei 106 Mrd. €. Auch auf der G20-Sitzung im November 2011 wird eine höhere Kapitalisierung beschlossen (Deutschland: Deutsche Bank, Commerzbank). Im Notfall soll der Euro-Rettungsschirm einspringen. Im Oktober 2011 findet eine Razzia bei Großbanken in der EU statt. Es geht um den Verdacht auf Zinsabsprachen. Im November 2011 werden 11 Landesbanken von Moody´s herabgestuft. Umstritten ist die Beteiligung der Bundesländer an der Bankenrettung. Am Stresstest 2011 (EBA) scheitern sechs deutsche Banken (Commerzbank, Deutsche Bank, Norddeutsche Landesbank, Landesbank Hessen-Thüringen, WestLB, und DZ). Die Banken brauchen Pläne zur Kapitalaufstockung auf 9% Eigenkapital. Am schlimmsten ist die Lage in Europa bei den spanischen Banken. Ende 2011 sind die kurzfristigen Bankeneinlagen bei der EZB auf einem neuen Höchststand mit 452 Mrd. € (Parken wegen gegenseitigem Misstrauen). die Deutsche Bank gerät 2012 wegen ihrer Geschäftspraktiken während der Finanzkrise in den USA unter Druck. "Es gibt derzeit keine Anzeichen für eine Kreditklemme. Ich betone: derzeit", Sabine Lautenschläger, Bundesbank-Vizepräsidentin im November 2011.
PIIGS: Portugal, Irland, Italien, Griechenland, Spanien. Die Länder der EU mit den höchsten Verschuldungsproblemen. Ende 2011 wird der Refinanzierungsbedarf dieser Krisenstaaten bis 2013 auf 920 Mrd. € geschätzt. Nach Griechenland kriselt 2010 auch Irland. Dann 2011 Portugal. Die hoch verschuldeten Staaten werden immer wieder Ziel von Spekulanten. Es würde ein Flächenbrand entstehen, der auch deutsche Banken mit in den Abgrund reißt (durchschnittlich mit 20% beteiligt). Insofern muss der Euro-Rettungsschirm zum Einsatz kommen. Unter diesen Schirm begibt sich Irland Ende November 2010. Hinzu kommen Mittel des IWF. Die Unterstützung könnte bis zu 100 Mrd. € betragen. Die Iren sollen im Gegenzug ihre Steuern erhöhen, insbesondere die Körperschaftsteuer. Portugal muss 2011 unter den Schirm (100 Mrd. €?). Das Defizit wurde auch noch statistisch falsch berechnet (jetzt 9,6%). Auch Spaniens Zinslast wächst. Gerät Spanien außer Kontrolle, wäre dies der "Worst-Case", der die ganze EU gefährden könnte. Die Rating-Agenturen (Moody´s) beginnen Ende 2010, Spanien herunterzustufen. Die schlechteren Noten verteuern Kredite. 2010 kauft China in großem Umfang europäische Staatsanleihen (Griechenland, Portugal). Diese Unterstützung erfolgt aus Eigeninteresse. Denn stürzt der Euro, trifft es alle großen Volkswirtschaften. China will zuerst den Yuan als Welt- und Leitwährung etablieren. 2011 bringt Portugal (Haushaltdefizit 2010 7,1%) neue Staatsanleihen an den Kapitalmarkt und muss dafür über 7% Zinsen zahlen. Moody´s stuft Mitte 2011 die Anleihen als Ramsch ein; die EZB akzeptiert dieses Rating nicht. Kurz darauf stuft die gleiche Agentur Irlandanleihen als Ramsch ein. Auch Italien weckt Zweifel an der Kreditwürdigkeit. Die Rating - Agenturen geraten immer mehr in die Kritik. 2011 werden die Defizitverfahren gegen Dänemark, Finnland, Zypern und Bulgarien gestoppt. Auch Zypern gerät in die Krise. Es besteht eine große Furcht vor einem Übergreifen der Staatspleite auf Italien und Spanien. Ab 08.08.11 kann die EZB Italien-Anleihen kaufen. Sie kauft Anleihen Italiens und Spaniens. Mittlerweile wird auch die Bonität von Frankreich in Frage gestellt (Gerüchte, Aktienverlust führender Banken, schlechte Wirtschaftsdaten). China und Russland kaufen 2011 zunehmend europäische Staatsanleihen. Im September 2011 wird Italien von S&P auf A herabgestuft (später auch von Moody´s auf A2; 120% Schuldenstand). Fitch stuft Italien im Oktober 2011 auf A+ (auch Spanien auf AA-). Das Land soll einen Stand-by-Kredit beim Rettungsfonds beantragen. Belgien wird auch herabgestuft (muss Banken unterstützen). S&P stuft im Oktober 2011 Spanien herab, auch Moody´s auf A1. Die Zinsen auf Staatsanleihen steigen immer mehr. Im November 2011 stuft Fitch Portugal auf BB+ herab. Auch Ungarn gerät in Bedrängnis. Die Anleihezinsen steigen Ende 2011 dramatisch an. Im Januar 2012 verlieren Frankreich und Österreich durch S&P die höchste Stufe. Fitch senkt im Januar 2012 das langfristige Emittentenrating (IDR) für Italien, Spanien, Belgien, Zypern und Slowenien. Im Jahre 2011 haben Irland (13,1%), Spanien (8,5%) und Griechenland (9,1%) die höchste Neuverschuldungsrate. Bei der Gesamtverschuldungsquote insgesamt führt Griechenland (165,3%) vor Italien (120,1%) und Irland (108,2%). Im Mai 2012 stuft Fitch Griechenland auf CCC herab. Spanien korrigiert sein Haushaltsdefizit im Mai 2012 zum dritten Mal auf 8,9%. "Die Eurozone ist der stärkste Wirtschaftsblock der Welt", Angel Gurria, OECD-Chef.
Südeuropa in der Rezession: Griechenland, Italien, Spanien und Portugal sind 2012 in der Rezession. Dies zeigt sich am Schrumpfen der BIP 2012 (Prognosen: Griechenland -4,3, Italien -1,3, Spanien -1,0, Portugal -3,3). Dies ist vor allem eine Folge ihrer mangelnden Wettbewerbsfähigkeit. Mittlerweile gibt es Auswirkungen auf die Nordländer, vor allem deren Unternehmen. Die Märkte für Kleinwagen verschlechtern sich. Die Versicherer haben kräftige Abschreibungen. Die Banken leiden unter den schlechteren Bonitätsnoten und Abschreibungen. Der Rüstungsindustrie brechen gute Kunden weg. Der Maschinenbau verliert wichtige Märkte.
Stabilisierungs-Mechanismus der EU ("Euro-Schutzschirm", Art. 122 des EU-Vertrags, EFSF): Am 09.05.10 in der Griechenland-Krise gegründet von den Finanzministern Eurolands als Schutzschirm. 60 Mrd. Sofort-Hilfe bei Zahlungsbilanzproblemen (EU-Kommission am Kapitalmarkt aufnehmen und als Notkredite geben). Kauf von Anleihen angeschlagener EU-Länder durch die EZB (wird schon 2011 massiv durchgeführt, obwohl Bedingungen noch nicht erfüllt sind). Deutschland und Frankreich als Garantiemächte (bilaterale Garantie). Insgesamt verfügt der Fonds über Mittel von 780 Mrd. € (60 Mrd. € EU-Kommission, 440 Mrd. € Euroland/ Bürgschaften (Zweckgesellschaft zur Kreditbeschaffung), 250 Mrd.€ IWF). Deutschland trägt davon maximal 211 Mrd. € (Anteil plus 20% Risiko-Puffer, 27,15%). Verhindern und Abwehr von Spekulationen gegen den Euro und Hilfe bei Staatsbankrott (Aufhebung des Schulden-Haftungsverbots aus dem Euro-Gründungsvertrag, No Bailout - Klausel). In Not geratene Staaten können Kredite bekommen, ohne die überhöhten Zinsen an den Kapitalmärkten zahlen zu müssen. Sanktionen gegen Defizit-Länder werden verschärft (Streichen von EU-Strukturmittel, verlieren von Stimmrechten). Das Programm ist auf drei Jahre begrenzt, es soll aber ein dauerhafter Mechanismus geschaffen werden. Der IWF will seine Unterstützungszahlungen erhöhen. Wahrscheinlich entsteht ein indirekter Transfermechanismus, der den Ankauf von Staatsanleihen regelt. Es zeigt sich immer mehr ein Konstruktionsfehler der Europäischen Währungsunion: sie hat ein starkes geldpolitisches, aber ein schwaches finanzpolitisches Standbein. Ende 2010 beschließt die EU einen dauerhaften Rettungsschirm, der aber vorerst nicht erhöht wird. Eine echte Transferunion wäre aber wohl der Ruin des Euro und würde die EU-Gegner stärken (Rechtspopulisten" wie z. B. in Finnland). "Wir müssen dafür sorgen, dass Italien nicht mehr für das schwache Glied in der Kette Europas gehalten wird", Mario Monti 2011 als Regierungschef Italiens.
Dieser Dauerrettungsschirm (Euro-Rettungsfonds, EFSM, "European Financial Stability Facility", Klaus Regling) sieht wie folgt aus: Höhe 750 Mrd. €, EU-Anteil 500 Mrd. € (60 EU-Haushalt, 440 EU-Staaten), IWF 250 Mrd. €; 2010 wurden 4% in Anspruch genommen. Deutschland muss etwa 211 Mrd. € tragen (Schätzungen des Ifo und der Deutschen Bank liegen zwischen 400 und 465 Mrd. €). Allerdings müssen in den kommenden Jahren 22 Mrd. € zeitlich gestaffelt in Bar eingezahlt werden (80 Mrd. € als Bar-Kapital von der EU). Eventuell ist eine Aufstockung notwendig, wenn Spanien oder Italien kriseln. Geplant sind 780 Mrd. € (reicht Volumen?). Zeit: Ab 2013 gilt er (soll auf 2012 vorgezogen werden). Die EFSF-Geschäfte wickelt eine 2010 in Luxemburg gegründete Aktiengesellschaft ab (sie braucht die AAA-Bonität). Sie heißt EFSF (Europäische Finanzstabilisierungsfazilität). Sie ist als Zweckgesellschaft für das EU-Kreditvolumen verantwortlich. Es soll eine "Wirtschaftsregierung" der Euro-Zone entstehen (bessere Koordinierung). Die Konzeption wird 2011 von Deutschland und Frankreich noch mal bekräftigt. Es gibt zusätzliche Maßnahmen wie Eingriffe in nationale Haushaltspolitik und deren verschärfte Überwachung (Wettbewerbspakt, siehe oben). Auf dem Gipfel Anfang 2012 wird die Schuldenbremse von 25 Staaten beschlossen (ohne GB und Tschechien). Die Ausleihkapazität und der Aktionsradius sollen erweitert werden. Ein Beschluss der EU erfolgte Ende März 2011. Meiner Meinung nach müssten die öffentlichen Einnahmen höchste Priorität bekommen, was auf eine Unternehmensteuerharmonisierung hinausliefe. Das "Plenum der Ökonomen" (189 deutsche Volkswirte) lehnt den weiteren Ausbau des Euro-Rettungsschirms ab. Sie fordern eine Insolvenzordnung für Staaten. Mehrheitlich lehnen die Ökonomen auch mehr Fiskalkompetenz für die EU ab. Vgl. Mehr Fiskalkompetenz für die EU? in: Wirtschaftsdienst 2011/ 2, S.79ff. Auch der wissenschaftliche Beirat beim Bundesministerium der Finanzen kritisiert die Beschlüsse, weil sie die Geberländer überforderten. Der Schirm muss immer wieder überprüft werden, da ein Überspringen der Schuldenkrise auf Italien und Spanien im Raum steht. In Deutschland ist umstritten, inwieweit der Bundestag zustimmen muss. Das Bundesverfassungsgericht fällt dazu ein Urteil im September 2011: weitere Rettungsaktionen nur mit Zustimmung des Bundestages, die Haushaltsautonomie des Bundestages darf nicht gefährdet werden. Die die Zustimmung zum EFSF gibt der Bundestag Ende September 2011 (211 Mrd.€). Im Dezember 2011 kündigt S&P an, den Euro-Rettungsschirm eventuell herabzustufen. Dies könnte nach der Heranstufung Frankreichs im Januar 2012 geschehen. So kommt es im Januar 2012: S&P entzieht dem EFSF das AAA. Italien fordert eine Aufstockung, um die eigenen Zinsen abzusenken (auf 1 Billion €). Deutschland lehnt dies im Januar 2012 ab, sagt aber eine Überprüfung für März 2012 zu. Es wird erwogen, neben dem Dauerrettungsschirm auch den Stabilisierungsmechanismus weiter laufen zu lassen. So wird eine neue "Brandmauer" errichtet, die den EU-Anteil auf 800 Mrd. € anhebt (Haftungsrisiko für Deutschland steigt auf 280 Mrd. €). Die endgültige Höhe wird 2013 festgelegt. "Europa muss ein klares Konzept gegen die Krise vorlegen. Es muss erst seine Hausaufgaben machen", Wen Jiabao, Chinas Premierminister beim Merkel-Besuch im Februar 2012.
"Hebel" des Eurorettungsschirms: Zusätzlich zu den 440 Milliarden Euro Volumen (eigentlich nur die 250 Mrd. €, die noch nicht als Kredite vergeben sind) werden Staatsanleihen der Eurokrisenländer versichert (z. B. zu 20-30%). Damit käme man auf eine erweiterte Finanzkraft von 1 Billionen Euro. Investoren kaufen Staatsanleihen und tragen Restrisiko. Der EFSF versichert teilweise gegen den Ausfall (Versicherungslösung, der Investor erhält maximal 20% vom Treuhänder). Das private Risiko könnte aber den Einstieg vieler Investoren verhindern. Eventuell soll die Absicherung über die Plattform IWF erfolgen, so dass auch China und andere Schwellenländer einsteigen können. Ziel insgesamt ist eine größere Wirkung und die Stärkung des Vertrauens bei Banken und Anlegern. Die Garantiesumme soll aber insgesamt nicht aufgestockt werden. Es geht in erster Linie um die Gewinnung von Zeit, um tragbare Regeln zu entwickeln. Als Alternativmodell wird in einer Zweckgesellschaft privates und öffentliches Geld zusammengeführt (Frankreich). Darin könnten Investitionen aus den Ölförderländern (Staatsfonds) und China aufgenommen werden. Man hätte dann das höchste Rating AAA (bei allen drei US-Ratingagenturen). Es gibt eine geregelte Rückzahlung. Alle Investoren erhalten ihr Geld zurück (EFSF nachrangig). Es sind auch Kombinationen zwischen beiden Modellen denkbar. Als historische Vorlage gilt das Vorgehen, dass der frühere amerikanische Finanzminister N. F. Brady in den achtziger Jahren für die Entschuldung Südamerikas entwickelt hatte (Brady-Bonds). Die Gläubigerbanken verzichten auf 50% und tauschen ihre Papiere in neue um (EU und IWF garantieren für 30 Mrd. €). Eine Verlagerung der Entscheidungsgewalt vom Bundestag auf ein Sondergremium (9 Personen) ist laut Bundesverfassungsgericht nicht möglich. Es wird auch erwogen, die Anleihen in der chinesischen Landswährung Renmimbi auszugeben, wenn die chinesischen Behörden eine Genehmigung erteilen. China verweist allerdings beim Merkel-Besuch im Februar 2012 darauf, dass Europa erst selbst die Hausaufgaben machen müsse. Vom wohlhabenden Deutschland wird mehr Vorleistung erwartet, bevor das Schwellenland China aktiv wird. "Was macht Mutter, wenn´s an der Tür schellt, und draußen steht die Verwandtschaft? Sie geht in die Küche, und man hört das Rauschen des Wassers, mit dem sie die Suppe streckt. So funktioniert der Hebel. Er macht die Suppe dünner", Hilmar Kopper, in Der Spiegel, 52/2011, S. 63.
Der Stabilitätspakt (Europäischer Stabilitätsmechanismus, ESM) soll insgesamt reformiert werden (Bankrott von Staaten möglich machen, Verlust von Stimmrecht bei Verstoß gegen den Stabilitätspakt). Die Haushaltsüberwachung in den Mitgliedsstaaten soll verbessert werden. Eurostat bekommt dazu zusätzliche Befugnisse. Die EU will einen Sanktionsmechanismus einrichten (viele Experten halten das Auflagensystem für Augenwischerei!). Die Finanzmarktregulierung soll verstärkt werden. Ein Frühwarnsystem soll Fehlentwicklungen (z. B. bei den Lohnstückkosten oder der Produktivität) aufzeigen. Eventuell soll ein Europäischer Währungsfonds eingerichtet werden. Dieser wäre allein schon wegen Großbritannien notwendig, das den Euro ablehnt. Der Stabilisierungsmechanismus hat die EU zu einer Haftungs-Union gemacht. Hoffentlich gibt es weitere Schritte Richtung politische Union. Positiv ist die Beteiligung des IWF und der Sparzwang. Die Eigentümer von Ramschanleihen werden zu sehr geschont. Der Euro-Stabilitätspakt soll gefestigt werden, indem Defizitsünder das Stimmrecht verlieren sollen. 2010 soll der Mechanismus dahingehend verändert werden, dass private Gläubiger in Mithaftung genommen werden können. Dies wäre eine entscheidende Maßnahme, denn bisher werden nur die Gewinne privatisiert und die Verluste der Banken sozialisiert. Dafür haben die Bevölkerung und die kleinen, stabilen Länder kein Verständnis. Der Grundstein für eine Transferunion scheint gelegt. Es wird versucht, vorbeugende Kreditlinien zu entwickeln, mit denen finanzschwachen Ländern geholfen werden soll. Den Banken sollen möglichst schnell Finanzspritzen bereitgestellt werden.
2012 kommt noch ein neuer Fiskalpakt hinzu. Dieser tritt in Kraft, wenn ihn 12 der 17 Euro-Staaten ratifiziert haben. Großbritannien und Tschechien machen nicht mit. Die zulässige Defizitobergrenze wird bei 0,5% der Wirtschaftsleistung festgelegt (Schuldenbremse). Dies soll auch in nationalem Recht verankert werden. Beim Gesamtschuldenstand von über 60% müssen jährlich mindestens ein Zwanzigstel abgebaut werden. Mitgliedsstaaten können vor dem europäischen Gerichtshof verklagt werden. Staaten, die ihn bis 2013 nicht ratifiziert haben, bekommen keine Mittel aus dem europäischen Rettungsfonds. "Die Märkte haben überreagiert und uns keine Zeit gelassen, mit politischen Maßnahmen auf die Krise zu reagieren", Giorgos Papandreou, Premier Griechenlands.
Euro-Bonds (Staatsanleihen der Euroländer der EU) sind vorläufig kein Thema mehr. Sie werden aber immer wieder gefordert (Italien). Die schwachen Länder würden profitieren, die starken müssten höhere Zinsen bezahlen. Umstritten wären Beschränkung des Volumens und Auflagen. Mittlerweile befürworten Grüne und SPD in Deutschland die Bonds, die FDP lehnt sie vollkommen ab. Wichtig ist die Kosten- Nutzenanalyse. Eine Stützung eines sehr wichtigen Landes wäre sicher teuerer als die Bonds. Wenn die bestehenden Rettungsschirme nicht ausreichen, wäre die Lösung vielleicht billiger. Gegen einzelne Staaten könnte nicht mehr spekuliert werden. Referenzgröße würden die US-Staatsanleihen. Andererseits müssten die haushaltstechnischen und finanzpolitischen Rahmenbedingungen erst geschaffen werden. Die Wurzel des Problems liegt allerdings bei den öffentlichen Haushalten der Staaten, hier muss auch jede Lösung ansetzen. Bei Einführung des Euro wurden diese Probleme alle vorhergesehen, aber eine solche Finanzkrise wie 2008 war unabsehbar. Wissenschaftlich sind wichtige Aspekte noch unerforscht wie Voraussetzungen, Haftung, exakte Zinskosten, Wirkungen und finanzpolitischer Handlungsspielraum. Wichtig wären die Optionen (komplett nationale Anleihen ersetzen, Begrenzung auf bestimmte Höhe, anteilige Haftungserklärung). Die Rating -Agentur S&P erklärt 2011, dass sie Eurobonds nur mit einem CC-Level bewerten würde. Die Eurobonds würden zu einem Dilemma führen: Stabilitätsdisziplin leidet oder Einfallstor zur Transferunion. Trotzdem bringt im November die EU-Kommission das Thema wieder auf die Tagesordnung ("Stabilitätsbonds", drei Modelle), weil sie Eurobonds als Mittel zur Milderung der Schuldenprobleme ansieht. Deutschland ist weiterhin strikt dagegen. Man wird aber eine adäquate Lösung finden müssen. Für zweijährige Staatsanleihen muss Deutschland Ende Mai2012 keine zinsen mehr zahlen. Für 10-jährige Anleihen werden 1,6% berechnet. Die Peripherieländer können unmöglich Zinsen zwischen 6 und 7% bezahlen. Die Lösung der jetzigen Krise wird mit Euro-Bonds nicht möglich sein", Bundeskanzlerin Angela Merkel im August 2011.Die Geschichte der Staatsanleihen beginnt im Mittelalter in Italien. Sie hießen Prestiti oder Prestanze. Im 14.Jahrhundert brauchen italiensche Städte wie Florenz, Genua, Venedig oder Pisa Söldner für ihre Auseinandersetzungen. Diese bezahlen sie mit den ersten Staatsanleihen. "Meines Erachtens überwiegen die Risiken der Euro-Bonds ihren potentiellen Nutzen bei weitem", Jens Weidmann, Bundesbankpräsident 2011.
EU-2020-Strategie: Wirtschaftsprogramm der EU, das 2010 beschlossen wurde. Es geht um die Erhöhung der Erwerbsquote, Forschung (3% des BIP), Klimaschutz, Bildung und Armutsbekämpfung. "Wenn die Euro-Zone nicht überlebt, wird die Europäische Union nicht überleben", Herman Van Rompuy, EU-Ratspräsident.
Stresstest: Banken müssen zeigen, ob sie mit ihrer Eigenkapitalausstattung bestimmten Belastungen an den Finanzmärkten gewachsen sind. Zu den Belastungen bzw. Verwerfungen rechnen Aktienpreisverfall, Rating - Verschlechterungen, Zahlungsschwierigkeiten von Staaten. Rückschläge beim Wirtschaftswachstum und Schocks an den Kapitalmärkten werden simuliert. Die Verantwortung liegt beim EU - Ausschuss für Bankenaufsicht. 91 Banken in der EU nehmen teil. 14 Banken aus Deutschland geben Unterlagen an die Finanzaufsicht BaFin. In den USA gab es den Test 2009. 10 von 19 Banken hatten eine Kapitallücke. Probleme des Tests sind Übertreibungen und falsche Interpretationen. Er wird von Vielen als Feigenblatt eingeschätzt. Umstritten ist die Veröffentlichung. In der EU wird im Sommer 2011 ein zweiter Stresstest durchgeführt von der Europäischen Bankenaufsicht (EBA). Acht Banken fallen durch.
Frankenkurs: Der Schweizer Franken wird von Anlegern und Spekulanten bei den Schuldenkrisen in der EU und den USA als "Fluchtwährung" benutzt. 2007 bekam man für einen Euro noch 1,65 Franken, 2011 waren es zeitweise nur ca. 1 Franken. Die Exportindustrie der Schweiz hat große Schwierigkeiten (Exportquote 54%). Mehr als die Hälfte der Schweizer Exporte gehen in den Euroraum. Als EFTA-Mitglied hat die Schweiz immer die Zoll-Vorteile der EU genutzt. Sie wollte nicht Mitglied in der EU werden, um nicht Nettozahler zu werden und Freiheiten aufzugeben. Am 06.09.11 muss die Schweiz den Franken an den Euro koppeln. Die Schweizer Nationalbank setzt einen Mindestkurs von 1,20 Franken zu einem Euro. Um dieses Kursziel durchzusetzen muss sie Devisen, insbesondere Euro, kaufen. Würde sie dies nicht tun, käme es zur Auswertung und Rezession. Voraussichtlich bleibt auch das Wirtschaftswachstum hinter den Erwartungen zurück (2011: 1,9%; 2012: 1,3%). Unter dem hohen Kurs leiden auch Hunderttausende von Osteuropäern, die ihre Kredite in Franken aufnahmen. Der Steuerstreit mit der EU kann beigelegt werden, auch eine Annäherung an die USA erfolgt. Es soll ein Steuerabkommen zwischen Deutschland und der Schweiz geschlossen werden. Grundprinzip ist die Wahrung des Bankgeheimnisses bei automatischer Erhebung der Steuern.
Target2-System: dient der Abwicklung grenzüberschreitender Zahlungsströme in der Währungsunion. Beteiligt sind Geschäfts- und Notenbanken. Dabei werden verschiedene Zahlungsströme saldiert. Dies geschieht auf zwei Wegen. Einmal durch die Außenhandelsdefizite der südeuropäischen Länder (Importkredite auf Basis frischen Geldes von der EZB). Zum anderen durch Kapitalbewegungen (Kapitalflucht aus Südeuropa). Deutschland müsste ca. 15 bis 20 Mrd. Euro anfallender Verluste tragen.
Wachstumspaket: Der Wahlsieg von Hollande in Frankreich, die hoffnungslose Lage Griechenlands und der Druck der G8 begünstigen eine neue (klimaverträgliche) Wachstumspolitik in der EU ab Mai 2012. Unbestritten dürfte eine Aufstockung des Grundkapitals der EIB sein. Die Strukturfonds könnten ebenfalls aufgestockt werden, wobei die Kontrolle verbessert werden sollte. Die Forschungs- und Innovationspolitik der EU könnte in ihrer Effizienz erhöht werden ("Horizon 2020"). Private Investitionen müssen angeregt werden. Außerdem soll die Jugendarbeitslosigkeit in den Peripherieländern bekämpft werden (EU-Mittel). "Die Vorstellung, dass Sparmaßnahmen die Konjunktur ankurbeln könnten, ist wenig glaubhaft, und unter den Bedingungen wie sie noch heute herrschen, ist sie absurd", Paul Krugman über die EU im Mai 2012. Der EU-Sondergipfel im Mai 2012 in Brüssel bringt keine konkreten Beschlüsse. Die Arbeitsvermittlung für Fachkräfte in der EU soll verbessert werden. Der Zeitplan für ESM und Fiskalpakt gerät ins Wanken.
Entwicklungsländer (Entwicklungspolitik) "Die Entwicklungsländer produzieren und die entwickelten Länder konsumieren", Gao Hucheng, Chinas Vize-Handelsminister 2011 bei einem Deutschlandbesuch.
Prebisch-Singer-Hypothese: Die realen Austauschverhältnisse entwickeln sich für die Entwicklungsländer, die überwiegend Primärgüter ausführen, langfristig negativ (Verschlechterung der Terms-of-Trade). Hinzu kommt, dass die Preise der Primärgüter auf dem Weltmarkt stagnieren oder sogar sinken. Viele Länder flüchten deshalb in die Schattenwirtschaft, z. B. in den Rauschgifthandel (Kolumbien). Sogar Schwellenländer, wie Mexiko, sind betroffen. Mexiko ist Drehkreuz für 90% des in den USA konsumierten Kokains.
Teufelskreis der Armut in Entwicklungsländern (Armutsfalle, G. Myrdal): Weil die HH in EL ein niedriges Durchschnittseinkommen haben, haben sie eine geringe Ersparnis. Folglich ist das Investitionsniveau gering und die Kapitalakkumulation schleppend. Daraus folgt eine geringe Produktivität und wieder von vorne... . "Like slavery and apartheid, poverty is not natural. It is man-made and can be overcome and eradicated by the actions of human beings", Nelson Mandela.
Freiheitseffekt der wirtschaftlichen Entwicklung (Amartya Sen, geb. 1933, Ökonomie für den Menschen, München 2003, Nobelpreisträger 1998): das individuelle Einkommen als Nutzenindikator wird erst dann aussagefähig, wenn es gleichzeitig Lebensmöglichkeiten schafft. "Von den Millionen Untertanen eines Fürsten gibt es sicher eine große Anzahl, die ebenso gute oder bessere Fürsten sein würden", Georg Simmel, Soziologe, 1857-1918.
Catch-up-Effekt (Aufhol-Effekt): Arme Länder erreichen, von einem gegebenen Ausgangspunkt betrachtet, tendenziell ein schnelleres Wachstum als reiche Länder. Man spricht auch von einem Basis - Effekt. Vgl. G. Mankiw: Volkswirtschaftslehre, S. 571.
Schocktherapie (Jeffrey Sachs, geb. 1954): bezieht sich auf die Art und Geschwindigkeit von Wirtschaftsreformen (Wohlstand schaffende Effekte des Marktes), in der Regel in Transformationsländern. In seinem neuen Buch "Das Ende der Armut, München 2005" erkennt er allerdings die hohen Transaktionskosten dieser Methode und plädiert in Afrika eher für Investitionen in Infrastruktur, Gesundheit und Bildung. Vgl. zu massiver Kritik an dieser Strategie die Globalisierungskritikerin Naomi Klein: Die Schock-Therapie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus, Frankfurt 2007.
Deutsche Entwicklungshilfe/ (Entwicklungsländer): Der Anteil von 0,36% 2008 soll auf 0,7% des BNP bis 2015 erhöht werden. Ca. die Hälfte fließt in bilaterale Projekte, die andere Hälfte wird über internationale Organisationen weitergeleitet. Schwerpunkt ist Afrika (24 Länder); Asien ist mit 14 Ländern vertreten, darunter auch die Schwellenländer China und Indien. China bekommt 27 Mio. €, Indien 63. Die Entwicklungsgelder werden in der Regel den Regierungen übergeben, deren Bürokratie oft korrupt und ineffizient ist, so dass die Gelder nicht bei der Bevölkerung ankommen. Viele Experten fordern deshalb, dass Entwicklungshilfeministerium aufzulösen im Außenministerium. 2004 betrug die Entwicklungshilfe insgesamt in der Welt 3,4 Mrd. $, 1984 waren es noch 8 Mrd. $ (Uno, FAO). Entwicklungsländer (LDC, Least Developed Countries) werden von der UN definiert nach dem Bruttonationaleinkommen pro Kopf und der Analphabetenrate (+ Zusatzkriterien). Es gibt seit 1990 auch einen Human Development Index (HDI, UNDP), der sich aus Lebenserwartung, Alphabetisierungsgrad und realer Kaufkraft zusammensetzt. 2008 haben die OECD-Staaten insgesamt 119,8 Mrd. $ an Entwicklungshilfe gegeben. "Ich bin noch immer überrascht, wie erfolgreich wir sind", Abhijit Banerjee, Poverty Action Lab, MIT.
Mikrofinanzierung bzw. Mikrokredite: Möglichkeit der Ungleichheits- und Armutsbekämpfung in Entwicklungsländern. Mikrofinanzierungen sind finanzielle Dienstleistungen für arme Menschen, die bisher von Finanzdienst-Anbietern diskriminiert wurden. Mikrokredite gehören dazu und werden armen Menschen, die "unbankable" sind, für selbst verwaltete Projekte zur Verfügung gestellt. Mohamad Yunus als Gründer der Grameen Bank bekam für die Verbreitung des Konzeptes, das aus Indien und Südamerika stammt, den Friedensnobelpreis 2006. Mikrofinanzierung wird auch in China eingesetzt. 2007 wurden 3552 Mikrofinanzierungen weltweit durchgeführt mit ca. 155 Mio. Kunden (Microcredit Sumnit Campaign, Jahresbericht 2009). 2010 fordert Yunus eine Reform der Mikrokredite mit einer gesetzlichen Obergrenze für Zinsen. Die ersten Mikrokredite gab es in der Geschichte im antiken römischen Reich. Wohlhabende Frauen verliehen Geld an andere, die es benötigten. Frauen durften ohne Zustimmung eines Vormunds (Mann) kein Geld bei Banken leihen. Es gab viele Kleinunternehmerinnen, die vom ererbten Geld wirtschafteten.
Fair Trade: Organisation, die den fairen Handel fördert: Internationale Föderation/Assoziation für fairen Handel. Am zweiten Samstag im Mai jeden Jahres ist der Welttag des fairen Handels.
Hunger: Laut der FAO (Welternährungsorganisation der UN) leiden 2010 925 Mio. Menschen Hunger in der Welt. Dies ist eine Senkung um 10% gegenüber der letzten Erhebung 2008. Die meisten Hungernden leben in Afrika und Asien. Einen Anteil von 35% und mehr an der Bevölkerung haben die Hungernden in Tschad, Kongo, Angola, Mosambik, Sambia, Eritrea und Äthiopien. Die sinkende Agrarfläche, die wachsende Bevölkerung und der Klimawandel verschärfen die Situation für die Zukunft. Damit ist die Erfüllung eines wichtigen Millenniums-Ziels bis 2015 in Gefahr, die Zahl der Hungernden zu halbieren. Dies ist eins von acht Zielen der Millenniums-Konferenz 2000. Die anderen beziehen sich auf Armut, Krankheiten, Bildungsmangel und Umweltzerstörung. Im September 2010 treffen sich 140 Staats- und Regierungschefs in New York, um über weitere Maßnahmen zu beraten. Extrem alarmierend ist die Hungerlage in Äthiopien, Eritrea, Kongo, Burundi und dem Tschad sowie Sierra Leone. Man müsste mehr Kleinbauern fördern, um Ernteausfälle zu minimieren. Auch die Stellung der Frau hat einen großen Einfluss (je weniger Gleichberechtigung, desto mehr Hunger). Das Welternährungsprogramm der UN (WFP) muss mit immer weniger Geld gegen den Hunger ankämpfen. Die großen Agrarkonzerne sind mittlerweile ausgestiegen. Die wichtigsten Nahrungsmittel sind Reis, Weizen und Maniok. Für die Hälfte der Weltbevölkerung ist Reis das Hauptnahrungsmittel (wichtigste Produzenten sind China, Indien und Indonesien). "Es gab noch nie eine große Hungersnot in einer Demokratie", Amartya Sen (Nobelpreis 1998, geb. 1933 in Indien, Professor in Harvard).
Weltbevölkerung: Im Oktober 2011 leben 7 Mrd. Menschen auf der Erde. Jede Sekunde kommen 3 dazu, 80 Mio. im Jahr (etwa deutsche Bevölkerung). Bis 2050 wird sie weiter rasant anwachsen bis auf 9,3 Mrd. Das Bevölkerungswachstum findet fast ausschließlich in den Entwicklungsländern statt. Dadurch werden Armut und Umweltprobleme verschärft. In Europa und Deutschland nimmt die Bevölkerung ab. Ein erheblicher Teil des Bevölkerungswachstums geht auf ungewollte Schwangerschaften zurück. Umso problematischer ist das verbot von Verhütungsmitteln durch den Papst.
Erneuerung der Landwirtschaft: Der Landwirtschaft kommt eine Schlüsselrolle in Entwicklungsländern zu. Als Musterland gilt hier Ghana. Seit 1990 sank die Zahl der Unterernährten auf rund acht Prozent. Die Zahl der Menschen in extremer Armut sank auf 29 Prozent 2009. Lokale Grundnahrungsmittel werden gefördert. Viel Geld gibt die Bill Gates - Stiftung. Das Problem der Konkurrenz subventionierter Importe aus Europa, Asien und den USA ist auch da. Die Sicherung der Welternährung ist bei schnell wachsender Weltbevölkerung eines der größten globalen Probleme. Übermäßige Spekulation stört immer wieder die Preisentwicklung. Auch das Vernichten von Lebensmitteln (schätzungsweise weltweit ein Drittel) ist skandalös. Vernünftiger Transport und rechtzeitige Verarbeitung könnten hier helfen. Sehr bevölkerungsreiche Länder, wie z. B. China, treffen Vorsorge durch den Ankauf von Ackerland im Ausland (Afrika, Südamerika, Asien). "Die gesellschaftliche Ächtung aller Börsenspekulationen auf Nahrungsmittel ist unerlässlich", Klaus Töpfer, Vizepräsident der Welthungerhilfe 2011.
Afrika: Dieser Kontinent ist in seiner Entwicklung am weitesten zurück und wird sich in den nächsten Jahren am stärksten ändern. Nördlich der Sahara sind die Demokratiebewegungen am stärksten (Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Sudan). Südlich davon gibt es in einigen Staaten Kriege und Aufstände (Kongo, Somalia, Madagaskar). In vielen Ländern gibt es auch Herrscher, die mit harter Hand regieren (Kamerun, Burkina Faso, Tschad, Angola, Simbabwe). Die Menschen haben zu wenig zu essen, um zu protestieren. Der prekäre Mittelstand in den Städten wird das Schicksal bestimmen. 2008 fällt der Kontinent in der Güterproduktion weiter zurück. Die 53 Länder haben nur noch 1% aller weltweiten Waren produziert gegenüber 1,2% im Jahre 2000. Diese Zahlen stammen von der UNCTAD, die Korruptionsbekämpfung, Bürokratieabbau und transparente Steuer- und Abgabensysteme fordert. Am Horn von Afrika werden die Folgen der Dürre immer schlimmer. Millionen droht der Hungertod. Am schlimmsten ist Somalia betroffen (3,4 Mio. sind 2011 auf ausländische Hilfe angewiesen). Von den Rohstoffen her ist Nigeria das wichtigste Land. Es hat die größten Erdöl- und Erdgasvorkommen in Afrika. Das wichtigste Land in Afrika, ein Schwellenland, ist Süd-Afrika.
China und EL: China ist zu einem wichtigen Geldgeber geworden. Die Hilfen werden über die China Development Bank (CDB) und die chinesische Export-Import-Bank abgewickelt (2009 und 2010 110 Mrd. $). Es geht dabei nicht nur um Rohstoffinteressen. Länder, die Taiwan nicht anerkennen, werden bevorzugt. Vgl. Dreher, A./Fuchs A.: Rogue Aid? The Determinants of China`s Aid Allocation, Uni Heidelberg/ Uni Göttingen, September 2011.
Globalisierung (vgl. auch meinen Artikel dazu auf der Seite "Ostasien)
Globalisierung: Den Begriff wie das Phänomen hat es immer schon gegeben (vgl. meinen Artikel). Den wirtschaftspolitischen Terminus in neuerer Zeit prägte Theodore Levitt 1983 mit dem Aufsatz "Globalization of Markets". Wichtig war die Erfindung des Seefrachtcontainers 1956. Die Vernetzung von Individuen in der Welt durch Web 2.0 und 3.0 ist die eigentliche Revolution ("globales Dorf"). Den Weltmächten und Weltinstitutionen wird immer weniger zugetraut. Das globalste Produkt ist wahrscheinlich Coca-Cola. Es ist in mehr als 200 Ländern zu haben. Vor 125 Jahren wurde es ursprünglich als Medikament entwickelt (vom Apotheker S. Pemberton, heute macht die Firma über 100 Mrd. Dollar Umsatz).
Grad der Globalisierung: Am Ziel einer vollkommen integrierten Weltwirtschaft gemessen hat die Globalisierung noch ein Riesenpotential: Es gibt noch zahlreiche "Border Effects" und "Home Market Bias". Auch das Feldstein-Horioka-Paradoxon deutet darauf hin. "Wir haben Hunderte Millionen von Menschen aus der Armut gehoben. Dieser Prozess wird uns allen nützen", Alan Greenspan, ehemaliger Chef der US-Notenbank.
Internationale Verflechtung: Sie wird im DHL Global Connectedness Index 2011 dargestellt. In diesen Index fließen u. a. Außenhandel und ausländische Direktinvestitionen ein. Federführend war Pankaj Ghemawat, Barcelona. Von 125 gemessenen Ländern haben die Niederlande, Singapur, Irland und die Schweiz die höchste weltwirtschaftliche Verflechtung. 20 Prozent der weltweiten Produktion geht in den Export. Dabei überwiegen als Zielregionen die Nachbarländer. Finanzwirtschaftliche Verflechtungen kommen in dem Index zu kurz. Sie wären für ein Übergreifen der Schuldenkrise von Europa nach Asien oder Amerika sinnvoll.
Race to the Bottom?: Führt die Globalisierung zu einem Dumping - Wettbewerb? Wer die niedrigsten Löhne, die schlechteste soziale Sicherung, die geringsten Umweltstandards und die niedrigsten Steuersätze hat, setzt sich im weltweiten Wettbewerb der Volkswirtschaften durch.
Kompensationhypothese (Dani Rodrik, Harvard): die Öffnung der Nationen in der Globalisierung muss durch eine stärkere staatliche Regulierung aufgefangen werden (Sozialtransfers, Steuervergünstigungen). Durch Handelsschranken kann das Tempo der Globalisierung verlangsamt werden, so dass Kapazitäten eher Zeit haben, sich anzupassen. Globalisierung ist nur gut für die Welt, wenn man sie sinnvoll gestaltet. Vgl. auch: Ders., What´s So Special about China´s Exports? NBER Working Paper Nr. 11947, Cambridge MA 2006. "Es stimmt: Wir sind längst nicht weit genug gegangen, sondern haben uns an den angeblichen Zwang globalisierter Märkte angepasst. Das war falsch", Sigmar Gabriel, SPD-Vorsitzender.
EPRG-Konzept von Howard Perlmutter: eine qualitative Betrachtung der Internationalisierung von Unternehmen: ethnozentrische Orientierung, polyzentrische Orientierung, regiozentrische Orientierung, geozentrische Orientierung.
GLOBE-Studie: Die aktuellste Untersuchung über Management in verschiedenen Kulturen. Es geht insbesondere um effektives Führungsverhalten in unterschiedlichen kulturellen Räumen. Die Systematik von Hofstede wurde erweitert.
Ungleichheit und Gerechtigkeit: Ungleichheit besteht zwischen Industrieländern (IL) und Entwicklungsländern (EL). Sie ist auch in EL und Schwellenländern viel höher als in IL. Ursachen sind die Globalisierung, die Struktur des Welthandels, die Kluft zwischen industriellem und traditionellem Sektor und das Bildungsniveau. Der Einbruch von Armut, sozialer Ungleichheit und prekärer Beschäftigung wird "Brasilianisierung" genannt. "Ungleichheit ist ein ökonomische Gut, das zu viel schlechte Presse hat", Finis Welch, Texas A&M University.
Reichtumsparadoxon: viele rohstoffreiche Länder haben niedrigere Wachstums- und höhere Armutsraten als rohstoffarme Länder. Die politische Dynamik in rohstoffreichen Ländern führt oft zu höherer Ungleichheit (Beispiele: Nigeria, Kongo, Venezuela, Mexiko, Aserbaidschan). Vgl. J. Stiglitz: Die Chancen der Globalisierung, München 2006, S. 176ff. Eine andere Erklärung ist die "holländische Krankheit": Erdgasfunde in der Nordsee führten in den 60er Jahren zu einer Aufwertung des Gulden. Unter der Aufwertung der Währung durch Exportüberschuss haben viele rohstoffreiche Länder zu leiden. Außerdem führt die Monostruktur häufig zu einer Vernachlässigung anderer Branchen. Als Vorbild gilt Norwegen, das seine Exporterlöse über einen Fonds in der ganzen Welt anlegt. Viele Länder stecken auch in einer Art Energiefalle. Das beste Beispiel ist Nigeria. Seit die Regierung die Subventionen für Energie 2011 gestrichen hat, explodieren die Preise. Der niedrige Ölpreis der Vergangenheit hat den Bau von Raffinerien verhindert. Das Land könnte sich in einen muslimischen Norden und christlichen Süden spalten.
Globalisierungsparadox: Das politische Trilemma der Weltwirtschaft besteht darin, dass Hyperglobalisierung und Nationalstaat (Goldene Zwangsjacke) sowie Hyperglobalisierung und politische Demokratie unvereinbar sind. Das gleiche gilt für Nationalstaat und politische Demokratie (Kompromiss von Bretton Woods). Deshalb fordert er internationale Regeln (Globalregierung). Vgl. Rodrik, Dani: Das Globalisierungsparadox. Die Demokratie und die Zukunft der Weltwirtschaft, München (Beck) 2011.
Globalisierungskritik (z. B. Attac): In erster Linie wird gegen die niedrigen Löhne der Arbeiter in der Exportindustrie protestiert. Dies gilt sicher nicht für die Entwicklungsländer, wo die Arbeiter mehr verdienen als vorher. Mindest-Standards für Beschäftigungsverhältnisse werden von den Entwicklungsländern selbst abgelehnt. Weiter wird über Probleme der kulturellen Homogenisierung und des Umweltschutzes diskutiert. Moralische Aspekte sind sehr schwierig. Mittlerweile sammeln sich die Kritiker auch in der "Occupy"-Bewegung und der Acta-Bewegung (gegen ein umstrittenes internationales Urheberrechtsabkommen). Symbol ist dabei die Maske, die dem englischen Bombenleger Guy Fawkes nachempfunden ist, der im Jahre 1605 das englische Parlament in die Luft sprengen wollte. Wahrscheinlich werden diese Masken billig in China oder Bangladesch hergestellt und pervertieren so die Kapitalismuskritik.
Globalisierungswende: Von Zeit zu Zeit kommen Hypothesen auf, die ein Zurückschrauben der Globalisierung behaupten. Das war im Zusammenhang mit globalen Seuchen (Vogelgrippe, SARS) oder militärischen Konflikten so. Neuerdings wird diese These im Zusammenhang mit der Ölknappheit vorgebracht. Vgl. Jeff Rubin: Warum die Welt immer kleiner wird, Öl und das Ende der Globalisierung, München/ Hanser 2010. Auch Stiglitz, J.: Im freien Fall, München/ Siedler 2010.
Globalisierungswellen: Die bisherigen Verläufe der Globalisierung werden immer mehr in Frage gestellt. Z.B. versuchen die USA und Großbritannien, die lange die Dienstleistungsgesellschaft propagiert haben, wieder eine Art Re-Industrialisierung. Die Suche nach immer billigeren Produktionsstandorten scheint auch vorerst zu Ende zu gehen. Es wird viel mehr Wert auf sichere Lieferketten in globalen Wertschöpfungsketten gelegt.
Globalisierungsfolgen: In Deutschland ist die Industrie immer wettbewerbsfähiger geworden. Dies ist nicht gleichbedeutend mit einer Wertsteigerung. Dies wurde zum Teil mit Lohn-Dumping erkauft. Die Hauptursache liegt aber in einer erfolgreichen Spezialisierung. Auch historische und regionale Besonderheiten wirken positiv. Die nationale Verknappung des Produktionsfaktors "Arbeit" wurde aufgehoben, vor allem die gering qualifizierte Arbeit ist der Verlierer der Globalisierung. Technisch wirkt sich Globalisierung positiv auf Innovationen aus. Sozial führt sie zu wachsender Ungleichheit. Es kann sein, dass die Bedingungen für Investitionen im Inland vernachlässigt werden, ebenso wie eine Stärkung der Nachfrage im Inland (problematisch durch sinkende Reallöhne).
Globalisierungsauswirkungen: In allen Volkswirtschaften dieser Erde, insbesondere den modernen, zeigen sich Wirkungen in der Geld- und Währungspolitik, der Finanzpolitik (Steuerpolitik), der Lohnpolitik, der Sozialpolitik und der Umweltpolitik. Es ist sehr schwierig, eine Balance zu finden zwischen Aktion und Reaktion. Oft sind auch nur einzelne Regionen von Staaten betroffen. "Die Globalisierung hat sich zu einer Goldgrube für die Superreichen der Welt erwiesen", Jeffrey Sachs, Earth - Institute N. Y.
Globalisierungsrisiken: Die größten Risiken liegen in der Störanfälligkeit und möglichen Störfaktoren der weltweiten Vernetzung. Atomkraftwerke in der Nähe von Ballungszentren in aller Welt, Großflughäfen und Containerhäfen, Internetknotenpunkte, wichtige Seestraßen (Malakka, Suez, Panama, Hormus, Gibraltar, Bosporus, Taiwan), wichtige Energielieferanten, Anbieter Seltener Erden, entscheidende Finanzzentren (New York, London) sind Achillesfersen. 80 Prozent des globalen Warenhandels wird über Schiffe transportiert.
Globale Krankheiten und Hysterie: BSE, Dioxin im Futtermittel, Schweinegrippe, Vogelgrippe, SARS und EHEC sind zu nennen. Die Hysterie verursacht meist mehr Kosten als die Krankheit selbst. Die Pandemien werden oft als Vorwand für protektionistische Maßnahmen genommen.
Deutschland in der Globalisierung: 40,8% betrug 2009 der Anteil der Exporte am BIP. In der Euro-Zone liegt der Anteil bei 36,3%. Etwa jeder dritte Arbeitsplatz hängt direkt oder indirekt vom Außenhandel ab. Exportschlager Nummer eins sind Maschinen. 63 % aller Ausfuhrgüter gehen in die Länder der EU. Nach Schätzungen (Pankaj Ghemawat) verbleiben rund 70% der Wertschöpfung im Land. Rund 90% verbleiben in Europa. Deutschland macht etwa 5% der Weltwirtschaft aus, Europa 32%. Prognosen sagen, dass diese Anteile am Welthandel bis 2030 auf 3% und 21% fallen.
Kinderarbeit: In vielen Teilen der Welt noch an der Tagesordnung (nach Bericht des US-Arbeitsministeriums in 71 Ländern). Die höchsten Anteile gibt es in Indien, Bangladesch und Philippinen. Bei großen ausländischen Firmen war die Bekämpfung durch Marketing erfolgreich, z. B. durch Label. Die ökonomischen Verhältnisse in den Ländern verhindern eine Ächtung. Sehr verbreitet ist diese Arbeit in Afrika (z. B. in den Minen des Kongo beim Abbau von Tantal), in China und Indien (in der Landwirtschaft, im Haushalt und in Steinbrüchen, vor allem Mädchen, auch für Grabsteine in Deutschland) und in Pakistan (Sportartikel, T-Shirts nähen). In Kasachstan gibt es Kinderarbeit in Zigaretten-Firmen. Laut UN soll mittlerweile jedes zweite hungernde Kind in Indien leben. Häufig hungern auch die Eltern. Wer hungert, der braucht sein Kind als Arbeitskraft . Die Wirtschaftskrise verschlimmert die Situation. Besonders nachteilig ist die Verhinderung des Schulbesuchs (ab 2012 bekommen in Indien alle Kinder das Recht auf einen kostenlosen Grundschulplatz). Es gibt weltweit ca. 218 Mio. arbeitende Kinder (ILO, Genf). Zu diesem Thema habe ich eine Sonderveranstaltung in Internationale Wirtschaft durchgeführt. Die Kinderarbeit hat eine lange Tradition in Zusammenhang mit den Kindersklaven in der Antike. Schon 500 v. Chr. gab es sie im antiken Griechenland, auch später im Römischen Reich. Die G8 beschließen 2010 in Huntsville/ Kanada rund 4 Mrd. € zur Verfügung zu stellen (Deutschland über 5 Jahre mit 400 Mio. € beteiligt). Als erstes Vorbild einer Kampagne in der Geschichte gilt das Vorgehen von E. D. Morel gegen den Kautschukabbau in der belgischen Kolonie Kongo zwischen 1890 und 1907. Er gründete sein eigenes Magazin und eine Vereinigung (Congo Reform Association).
Piraten am Horn von Afrika: Piraten aus Somalia, Investoren, Reeder, Unterhändler, Piratenjäger, Regierungen, Islamisten und Richter (meist aus Kenia) sowie Verteidiger aus aller Welt liefern sich immer wieder das gleiche Spiel. Es wird so lange weiter gehen, wie die wirtschaftliche Rechnung aufgeht. Die Überfälle gibt es nicht nur vor Somalia, sondern auch vor Indonesien, in der Straße von Malakka und im Golf von Bengalen. Am wirksamsten wäre die Piraterie durch einen rechtsstaatlichen und wirtschaftlichen Neubau Somalias zu bekämpfen. Bekämpft werden müssten die Ursachen, nicht die Symptome. Die Aktivität der Seestreitkräfte sollen auch auf das Land ausgedehnt werden. Die EU verlängert 2012 die Mission des Anti-Pirateneinsatzes bis 2014. "Seeräuber reagieren wie alle Individuen auf Anreize", Peter Leeson, George Mason University. 2010 gab es 445 Piratenüberfälle mit 1200 Geiseln. 69 deutsche Schiffe waren betroffen.
Regimewechsel in Nordafrika: In Nordafrika (Ägypten, Tunesien, Libyen) und einigen arabischen Ländern (Jemen, Bachrain) erhebt sich die Bevölkerung gegen das Regime. Ursachen sind Wohlstandsgefälle, keine Demokratie, Nepotismus, Korruption und Ausbeutung. Die Länder haben große ökonomische Bedeutung für Europa wegen ihres Ölreichtums, möglichen Migranten, Rückzugsgebiet für Terroristen u. a.
Werte und ihr Wandel: Die ökonomischen Rahmenbedingungen beeinflussen stark die Wertvorstellungen. Damit werden die Präferenzen der Menschen mittlerweile auch in der VWL hinterfragt. Dies hat große Bedeutung im Hinblick auf die Entwicklung in Ostasien. Die Werte stellen auch eine Ursache für die Ökonomie dar (Kultur). Quelle: Di Tella, R./ Galiani, S./ Schargrodsky, E.: The Formation of Beliefs: Evidence from the Allocation of Land Titles to Squatters, in: Quarterly Journal of Economics, Vol. 122, 2007/Februar, S. 209-241. Berühmt ist die These von Max Weber, dass ohne die Protestantische Ethik (Askese, Leistungsmotivation) die Entwicklung des Kapitalismus in Deutschland nicht so erfolgreich verlaufen wäre. Nicht minder berühmt die These von Karl Marx: Die materialistischen Lebensbedingungen (Dasein) bestimmen das Bewusstsein und Denken der Menschen. Vgl. auch Karl Marx, Daten und Bedeutung. In der globalisierten Welt scheint der Religion wieder eine wachsende Bedeutung beizukommen. Eine besondere Rolle spielt dabei der Islam. "Die Unteilbarkeit der Klimabedrohung weltweit kann die im vergangenen Jahrhundert gemeinschaftsbildenden Werte der Mitmenschlichkeit und Solidarität wieder beleben, je spürbarer die Bedrohung ist", Claus Noe, Ex-Staatssekretär, gestorben 2008.
Empathische Zivilisation: Der Begriff wurde von Jeremy Rifkin geprägt. Er geht davon aus, dass sich globale Empathie entwickeln kann, so dass Kooperation über Konkurrenz siegt. Den größten Einfluss haben dabei Internet und Kommunikationstechnologie. Vgl. J. Rifkin: Die Empathische Zivilisation, Frankfurt/ New York 2010.
Konvergenzthese: geht unter anderen auf Jan Tinbergen zurück. Unterschiedliche Gesellschafts- und Wirtschaftsordnungen nähern sich an und bilden eine optimale Mischform. Sehr aktuell in der Weltwirtschaftskrise 2009, in der auch der Marxismus wieder eine Renaissance erlebt. (Vgl. hierzu auch meinen Beitrag). Der Konvergenzhypothese zufolge verringern sich auch tendenziell die internationalen Unterschiede im realen BIP je Einwohner im Zeitverlauf. Dies gilt heute offenbar für die reichen Länder, aber nicht für die Welt insgesamt. Vgl. Krugman/Wells, Volkswirtschaftslehre, Stuttgart 2010, S. 807. "Wir können nicht zulassen, dass religiöse Unterdrückung an die Stelle der kommunistischen tritt", Hillary Clinton, US-Außenministerin 2009 in Berlin.
Standards: Diskutiert werden Umwelt- und Sozialstandards. Umweltstandards müssen nach dem Prinzip der Klimagerechtigkeit festgelegt werden, was mittelfristig gleiche Pro-Kopf-Emissionsrechte für alle Menschen bedeutet. Alle Nationalstaaten haben Kern-Sozial-Standards der ILO verabredet, die aber unterwandert werden. wünschenswert wären globale Verträge, wobei Finanzierung und Balancierung die Hürden sind.
Trilaterale Kommission USA, EU, Japan: 400 Mitglieder, die nicht in einer Regierung sein dürfen. Die Mitglieder sind führende Wirtschaftsmanager, Politiker oder Wissenschaftler. Es geht um globalen persönlichen Kontakt. Chef der 20 deutschen Kommissare ist Michael Fuchs (Vize-Vorsitzender CDU/CSU-Fraktion). Bei der Jahreskonferenz 2012 im April in Tokio geht es um Chinas rolle in der Weltpolitik.
Internationale Finanzmärkte (Kapitalmarkt, Aktienmarkt, Devisenmarkt)
"Die Ökonomen haben sich durch den Glauben an die Kraft der Mathematik so verhalten wie Kapitäne mit einer schlechten Karte, auf der die gefährlichen Klippen nicht aufgezeichnet waren. Also ist das Schiff beinah auf Grund gelaufen", Robert Johnson, Leiter von INET und Hedge-Fonds-Manager 2012 (zitiert nach Die Zeit, 16/2012, S. 30).
Auf dem hypothetischen Kreditmarkt finden Sparer und Kreditnehmer zusammen. Dort werden im Gleichgewicht nur Investitionsprogramme finanziert, deren Ertragsrate größer oder gleich dem gleichgewichtigen Zinssatz ist. Budgetdefizite können zur Verdrängung von privaten Investitionen führen ("crowding-out"). Es ist schwierig zu entscheiden, ob Budgetdefizite des Staates das Wirtschaftswachstum erhöhen oder verringern. Finanzielle Vermögensobjekte sind Darlehen, Anleihen, Aktien und Bankeinlagen. Diese haben Transaktionskosten und finanzielle Risiken. Beides sollte zur Diversifikation führen. Finanzintermediäre sind Institutionen wie Lebensversicherungen, Kreditinstitute, Investmentfonds. Finanzmärkte sind der Aktien-, Devisen- und Kapitalmarkt. Die Hypothese effizienter Märkte impliziert, dass Kursschwankungen unvorhersehbar sind aber rational. Viele nennen den heutigen Zustand der internationalen Finanzmärkte auch "Diktatur der internationalen Finanzmärkte", weil sie von den Staaten nicht mehr kontrollierbar sind. Sie haben sie auch von weiten Teilen der Realwirtschaft abgekoppelt. Ausgangspunkt war die Deregulierung der US-Finanzmärkte in den Achtzigerjahren. Reagan befreite 1982 die regionalen Sparkassen von staatlichen Vorschriften und erlaubte Darlehen mit variablem Zinssatz. Clinton hob die Trennung zwischen Geschäfts- und Investmentbanken auf. Bush erlaubte den Investmentbanken, ihre Geschäfte unbegrenzt auf Pump zu betreiben und wollte, dass sich jeder Amerikaner ein Haus leisten konnte. Vgl. als klassischen Aufsatz: Dale Jorgenson, Capital Theory and Investment Behavior, in: AER, 1963. Vom Volumen her ist der Devisenmarkt der größte (950 Billionen $ 2010, 1990: 150 Billionen $). Dann folgen außerhalb der Börsen gehandelte Finanzderivate mit einem Volumen von 600 Billionen $. Im gleichen Jahr wurden Aktien und Bonds für 90 Billionen $ gehandelt. Das weltweite BIP betrug 2010 63 Billionen $ (1990: 22 Billionen $). Dies zeigt wie deplaziert das Finanzsystem mittlerweile ist.
Geldmarkt: mit Finanzmitteln mit Laufzeiten von überwiegend einem bis höchstens zwei Jahren. Gehandelt wird vorwiegend von Banken und Zentralbanken. Analytisch wird der Markt in Anlehnung an Keynes mit dem Geldangebot bzw. der Geldschöpfung, der Geldnachfrage (Spekulationskasse, Transaktionskasse) und dem Gleichgewicht beschrieben. Auf dem Kapitalmarkt handeln Investoren Darlehen und Beteiligungskapital. Auf dem Interbankenmarkt haben Banken die Möglichkeit, ohne Sicherheiten Geldmittel zu leihen oder zu verleihen.
Aktienmarkt: Die internationalen Aktienmärkte sind wichtige Frühindikatoren internationaler Konjunkturen und Krisen. Sie orientieren sich an Risiken wie Schulden, Kreditwürdigkeit usw. Man könnte sagen dass am Aktienmarkt die Zukunft genadelt wird. Immer noch am wichtigsten ist der US-Aktienmarkt mit dem Dow Jones. Die wird eine Zeitlang noch so bleiben ("Corporate America", Reichtum). Sehr wichtig sind auch der deutsche und japanische Markt (DAX, Nikkei). Je stärker das Vereinte Europa wird, desto mehr verliert der DAX an Gewicht. Immer bedeutsamer werden die Aktienmärkte der Schwellenländer (Brasilien, China, Indien). Die Aktienbörsen spiegeln immer deutlicher die Aktivitäten des internationalen spekulativen Finanzkapitalismus wieder. Die Volatilität der Aktienkurse hat dramatisch zugenommen, insbesondere seit dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008. Das hängt auch mit der Zunahme der Geschwindigkeit durch das Internet zusammen. Hinzu kommen zunehmend so genannte "Fat Finger", d. h. eine zu große Order (meistens ein Tippfehler des Händlers). Der Aktienmarkt soll "entschleunigt" werden (Haltefristen von 48 Std. bei Wertpapieren?). Die psychologischen Faktoren "Angst" (Gerüchte) und "Gier" wirken ebenso immer stärker. Der Zusammenhang zur Gewinnsituation des Unternehmens hat sich gelockert. Die Korrelationen zu Anleihen, Rohstoffen und Devisen müssen systematischer untersucht werden. Wachstum der Weltwirtschaft, technischer Fortschritt und sinkende Ungleichgewichte in der Welt (Schwellenländer) wirken stabilisierend. Symbole des Marktes sind Bär (für abwärts) und Bulle (für aufwärts). Am 08.0811 und in den folgenden Tagen kommt es zu einem starken Abwärtstrend der Börsen weltweit (DAX innerhalb von 10 Tagen -20%). Auslöser sind die Schuldensituation führender Staaten und die Abwertung der USA durch eine Rating -Agentur. Die hohe Volatilität kommt durch Spekulanten (kommen leicht an billiges Geld), Gerüchte und Leerverkäufe zustande. Am 18.08.11 brechen der DAX und die anderen Börsen weltweit nochmals so stark wie seit 2008 nicht mehr ein (DAX -6%, Fat Finger?, Prognose der Weltwirtschaft). Am 05.09. erreicht der DAX einen Zweijahrestiefststand (Gerüchte um Italien). Im Mai 2012 geht der Index weiter in den Keller wegen der Unsicherheiten um Griechenland. Der Börsengang von Facebook (erst überhöhter Kurs, asymmetrische Information, Gier) ist Wasser auf die Mühlen derjenigen, die die Finanzmärkte wieder stärker regulieren wollen. Der US-Kongress und die Börsenaufsicht prüfen ("Done is better than perfect", Motto von Mark Zuckerberg, Facebook-Gründer).
Grauer Kapitalmarkt: Der Teil der Finanzmärkte, der nicht reguliert ist und damit keiner staatlichen Aufsicht unterliegt. Häufig sind hier unseriöse Produktanbieter mit sehr hohen Renditeversprechen unterwegs. Der jährliche Schaden für Sparer in Deutschland wird auf 20-30 Mrd. € geschätzt. Over the Counter (außerhalb offizieller Börsen, über den "Ladentisch") werden vor allem unregulierte Spekulationen mit Derivaten abgewickelt. Abhilfe kann "Clearing" schaffen, denn Clearínghäuser machen den Derivatehandel transparenter und sicherer. Es wird geschätzt, dass 2010 Schattenbanken Kredite von 16 Billionen Dollar in den Büchern haben. Banken gehen in Schlupflöcher in die Länder, die weniger regulieren und kontrollieren (z. B. Singapur). Auch in China gibt es Schattenbanken. Berühmt ist das Schattenbanksystem von Wenzhou. "Wenn wir ein gutes Tagesergebnis gemacht hatten, sagten uns die Bosse: Hey, ihr habt heute gut angeschafft! - als seien wir Prostituierte", Jerome Kerviel, Exbörsenhändler über seine Spekulationen.
Anleihen: Lange Zeit ging es fast ausschließlich um Staatsanleihen. Der Prestigeverlust weckt immer größeres Interesse an Firmenbonds und Zinspapieren von Unternehmen. Hinzu kommt die größere Transparenz bei Unternehmen im Vergleich zu Staaten. Damit erhalten Länder, die auf neue Kredite angewiesen sind, keinen Zufluss mehr aus Ländern mit Kapitalüberschüssen. Die Kapitalmärkte fördern damit die Reintegration.
Finanztransaktionen sind durch neue Produkte immer komplexer geworden. Zu nennen sind Derivate, Rohstoffhandel und Devisengeschäfte (reale Güter und Dienste 70 Billionen Dollar, 1007 Billionen Dollar auf Devisenmärkten). Hinzu kommt die enorme Beschleunigung der Märkte (die Händler sind junge Leute zwischen Zwanzig und Vierzig). Moral war schon immer eher hinderlich. Die ganze Welt wird als globale Spielwiese genutzt. Um das Vertrauen in die Finanzmärkte wieder zu stärken beschließt die Bundesregierung 2012 einen "Finanz-Tüv". Es handelt sich um eine Stiftung Finanztest, die an die Stiftung Warentest angedockt werden soll.
Risiken bei Banken und ihre Absicherung: Durch die Finanzkrise ist dieses Thema in den Vordergrund gerückt. Man arbeitet mit Eigenkapitalunterlegung, Verlustdatensammlung und Risikoidentifizierung bzw. -bewertung. Letzteres kann mit Self Assessment und Szenarioanalyse bzw. Key-Risk-Indikatoren durchgeführt werden. Im Herbst 2011 kommt es wieder zu einem großen "Bankenbeben". Die Aktienkurse fallen, die Gewinne schrumpfen. Wie stabil ist das weltweite Bankensystem? Ist das Geschäftsmodell der heutigen Banken überholt?
Bretton Woods II bzw. Savings glut-Hypothese: Zinsen (Niedrigzinsen), Defizite (große Leistungsbilanz- und Haushaltsdefizite) und extrem steigende Preise von Vermögenswerten (Immobilien, Aktien) können so unnormal bleiben, solange große Schwellenländer (China, Indien, Brasilien) Grund haben, auf die Exportstrategie zu setzen. Dies dauert wegen des riesigen Potentials an Unterbeschäftigung dort an; außerdem können wegen der schlechten rechtlichen Rahmenbedingungen dortige Ersparnisse noch nicht relativ sicher in lokale Finanzprodukte investiert werden. (B. Bernanke, R. Caballero, M. Dooley). "Es ist unverschämt, wenn das Schicksal der Weltgemeinschaft von der Zukunft einer Handvoll gigantischer Finanzunternehmen abhängt", Ben Bernanke, Chef der US-Notenbank.
Auslandsvermögen deutscher Unternehmen: Die Exportüberschüsse Deutschlands wurden überwiegend im Ausland angelegt. Der größte Teil nicht in Realvermögen (Direktinvestitionen), sondern in ausländischen Finanztiteln. Darunter waren viele Schrottpapiere, aber auch die Dollar-Abwertung und der Akienkursverfall haben einen großen Teil dieses Finanzvermögens "verbrannt". Hinzu kommt, dass die Schuldnerländer oft Defizitländer sind, die die Inflation zur Entwertung der Forderungen nutzen.
Minsky-Moment (benannt nach dem US-Makroökonomen H. P. Minsky, 1919 - 1996): Erklärung für Finanzkrisen, insbesondere die von 2007/2008. "Unser Finanzsystem pendelt zwischen Stärke und Zerbrechlichkeit" (Stabilizing an unstable economy). In Stabilitätsphasen lockern Banken ihre Sicherheitsstandards bei der Vergabe von Krediten. Weil es keine Kreditausfälle gibt, werden Banken immer laxer. Irgendwann kommen Schuldner zum Zuge, die ihre Kredite nur mit neuen Schulden bedienen können. Dann kommt die Abwärtsspirale. Der Immobilienmarkt spielt dabei immer eine Schlüsselrolle. Finanzinnovationen hielt er für einen Katalysator großer Krisen. "Die vier führenden europäischen Industrienationen wollen ein Frühwarnsystem für Börsen einführen, dies wurde Ende Januar 2008 in London beschlossen". Die internationale Finanzkrise trifft auch die ökonomische Theorie: "Manche ökonomischen Theorien werden diese Krise nicht überstehen", Joseph Stiglitz. Die erste große Finanzkrise gab es in Deutschland während des siebenjährigen Krieges 1763. Banken in Hamburg und Amsterdam verspekulierten sich im Boom des Krieges mit Anlagen in Preußen. Mehr als 100 Geldhäuser gingen unter.
Finanzkrise: Es liegen keine umfassenden Modelle für die Erklärung solcher Krisen vor. Das liegt daran, dass solche Krisen zu komplex auf drei Dimensionen sind: Versagen der Märkte, Versagen der Institutionen, Versagen der individuellen Moral. So fehlt insbesondere ein Modell für den Finanzsektor, das auch Ausfälle von Krediten und Bürgschaften verarbeiten kann. Erfahrungen mit Konsequenzen vom Konkurs einer Großbank ("Too big to fail") gab es nicht. Auch für die Verstaatlichung von Kreditinstituten gibt es keine theoretische Richtschnur. Die Zusammenhänge zwischen Devisenmarkt, Kapitalmarkt (mit Aktienmarkt) und Geldmarkt und die Verbindungen zum realen Bereich müssen intensiver erforscht werden. Am besten definiert man Finanzkrise über eine Verschuldungskrise. Die Verhaltensweisen der Menschen (Herdentrieb, fehlendes Vertrauen, Gier u. a.) müssen besser integriert werden. Paul Krugman entwirft in seinem Buch "Die Neue Weltwirtschaftskrise" ein rudimentäres Modell. Gravierende Folgen der Finanzkrise sind eine Zunahme der Macht des Staates, eine starke Abnahme des privaten Finanzvermögens (siehe unten), ein Explodieren der öffentlichen Verschuldung, eine weltwirtschaftliche Rezession und ein Anwachsen des Protektionismus. Langfristig entstehen solche Krisen durch künstlich erzeugtes Wachstum über Verschuldung und zu niedrige Leitzinsen. Hinzu kamen Finanzinnovationen und eine lasche Regulierung der Immobilienfinanzierung. Auch die Regulierung der Banken muss verbessert werden: Die Probleme bei der Bilanzierung nach Marktpreisen müssen gelöst werden. Vgl. den interessanten Beitrag von George Soros: Die Analyse der Finanzkrise ...und was sie bedeutet - weltweit, München 2009. Die Finanzkrise 2008/2009 soll zu einem Wohlfahrtsverlust von 15 Billionen $ geführt haben. Von September 2009 an werden noch Verluste von 4 Billionen $ erwartet. Vgl. auch Behavioral Finance und Soffin. Bemerkenswert bleibt, dass das Weltfinanzsystem im Herbst 2008 nur mit den Garantien von Steuerzahlern gerettet werden konnte (das sollte man in Diskussionen immer wieder betonen). "Wir werden in einer Phase der ökonomischen und sozialen Malaise leben, in der wir alle den Gürtel enger schnallen müssen. Es wird bitter werden, sehr schmerzhaft. Die Arbeitslosigkeit wird massiv ansteigen", Nouriel Roubini, N. Y , 2009. Durch die Finanzkrise 2008/ 2009 ist das durchschnittliche Finanzvermögen eines US-Bürgers von 113.563 € auf 98.869 € gefallen. In Deutschland fiel die entsprechende Größe von 55.224 € auf 53.777 €. Insgesamt sollen sich die Kosten der weltweiten Finanzkrise bis Ende 2009 auf 7,3 Billionen € beziffern.
Ansteckungseffekte: Zwischen Finanzkrisen, allgemeinen Wirtschaftskrisen in der Realwirtschaft, den Haushalten und Unternehmen und den Banken bestehen Ansteckungseffekte. Diese Effekte müssten viel mehr erforscht werden.
Hedgefonds: 2008 gibt es etwa 10.000 solcher Fonds (vom englischen to hedge - absichern) mit einem Volumen von schätzungsweise 2,0 Bio. $. Der erste Hedgefonds wurde 1949 von A. W. Jones aufgelegt, um Aktienpositionen abzusichern. Hedgefonds geben Anteile an Anleger aus. Mit den Geldern werden Assets erworben (Aktien, Rohstoffe, Devisen, festverzinsliche Wertpapiere). Es soll ein absoluter Return erzielt werden: Gewinne werden periodisch verteilt. Die Anlagestrategien wechseln ständig. Es wird ein Leverage-Effekt angestrebt, deshalb wird möglichst viel Fremdkapital eingesetzt (dies kann durch Carry Trades verstärkt werden). Sie wählen ihren Standort und ihre Rechtsform so, das sie vom Staat nicht streng kontrolliert werden können. Wird überhaupt nicht reguliert und keine staatliche Kontrolle ausgeübt, spricht man vom "grauen" Finanzmarkt. Der berühmteste Fall des Erfolgs eine Hedgefonds ist die erzwungene Abwertung des britischen Pfunds durch George Soros 1992. In der Finanzkrise 2007/ 2008 haben die Fonds Hunderte Milliarden und auch ein Großteil ihrer Macht verloren. In der Metropolregion Rhein-Neckar ist der Hedge - Fond K1 in Schwierigkeiten. Im Jahre 2009 bekommen die Fonds in den USA eine strenge Aufsicht (voraussichtlich von SEC). Hedge-Fonds und die sie kontrollierenden Rating - Agenturen müssen Transparenz- und Lizenzpflichten unterliegen. Insgesamt bremsen die USA aber strengere Regulierungspläne, wie sie von der EU vorgeschlagen wurden. Die schärferen Kontrollen in der EU konkretisieren sich nach der Griechenland-Krise. Sie mussten gegen Großbritannien beschlossen werden, wo 80% aller Hedge-Fonds zu Hause sind. Die meisten Hedge-Fonds haben aber ihren Sitz in Cayman Islands, einer britischen Kronkolonie. Die Hedge - Fond - Manager sollen eine Zulassung beantragen müssen. Insgesamt soll die Transparenz erhöht werden. 2011 spekulieren die Hedge-Fonds in großem Stil am US-Markt. Weltgrößter Devisen-Hedgefonds ist FX Concepts in den USA. Eine Betrachtung der Hedgefonds muss differenziert erfolgen. Die vielen "schwarzen Schafe" müssen konkret analysiert werden. "Ein Mensch, der voller Neid vernimmt, dass alle Welt im Gelde schwimmt, stürzt in den Strom sich munter, doch siehe da: Schon geht er unter! Es müssen - wie´ s auch andere treiben - Nichtschwimmer auf dem Trockenen bleiben!", Eugen Roth.
Derivate: Handelbare Papiere, die von variablen Basiswerten wie Rohstoffpreise oder Aktienkurse abgeleitet sind. Zu den Derivaten zählen Optionen, Termingeschäfte (Futures) und Swaps (Tauschgeschäfte). Im Grunde genommen handelt es sich um Wetten auf die zukünftige Entwicklung. Kreditderivate ähneln entweder einer Versicherung oder einer Anleihe auf Kredit und werden überwiegend zwischen Banken, Versicherungen, Pensionsfonds und Hedge-Fonds gehandelt. Wichtigste Variante sind Credit Default Swaps (CDS), eine Art Kreditversicherung. Auch so genannte Asset Backed Securities (förderungsbesicherte Wertpapiere) zählen zu den Derivaten. Bisher konnten die Banken die Preisgestaltung frei durchführen und mussten keine Gebühren an Dritte leisten (Lizenz zum Geldverdienen). 2012 legt die EU fest, dass zukünftig ein Großteil der Produkte über klassische Börsenbetreiber abgewickelt werden muss. "Finanzmärkte haben einen sicheren Weg, die Zukunft vorherzusagen: Sie schaffen sie", George Soros (zitiert nach Der Spiegel 34/2011, S64).
Leerverkäufe: Auch "short selling". Es sind Verkäufe von Papieren, die man nicht hat. Man leiht sich Papiere, bei denen man einen Kursverlust erwartet und verkauft diese dann zum aktuellen Kurs. Wenn der Kurs tatsächlich fällt, kann man die Papiere billiger kaufen und zurückgeben und die Differenz stellt den Gewinn dar. Fast alle Länder haben die Leerverkäufe, die kurzfristig in der Krise verboten waren, wieder erlaubt. So die USA und Deutschland. China hat die Leerverkäufe 2008 erst eingeführt. Auch Kreditversicherungen (Credit Default Swaps/ CDS) werden zu ähnlichen Spekulationen genutzt. Eigentlich sind sie eine Versicherung, die vor dem Ausfall eines Schuldners schützen soll. Hedge-Fonds kaufen CDS, ohne die zugrunde liegenden Anleihen (z. B. Griechenland, 8,3%) zu halten. Sie spekulieren auf steigende Prämien, wobei sie den Schutz dann weiterverkaufen. Als größter Leerverkäufer gilt der Amerikaner James Chanos. Er sieht die Leerverkäufer als die Finanzpolizisten der Märkte in Echtzeit. Viele Experte fordern, die Leerverkäufe zu verbieten werden (sind aber wichtig für die Liquiditätsversorgung der Banken, die USA erwägen eine Erschwerung). Leerverkäufe können unter vernünftigen Rahmenbedingungen Kurse glätten und Blasen verhindern. Am 18.05.10 verbietet die Bafin ungedeckte Leerverkäufe (naked shorts) in Deutschland. Das Verbot bezieht sich auf Anleihen von Staaten der Eurozone (auch auf CDS). "Ungedeckt" ist Anleihen bzw. Aktien-Verkauf, ohne sie zu besitzen. Der Bundesfinanzminister darf auch Derivate verbieten, die auf deutschen Aktien oder dem Euro-Kurs basieren. Nettopositionen aus Leerverkäufen müssen veröffentlicht werden. Im August 2011 werden nach Turbulenzen an den Aktienmärkten Leerverkäufe vorübergehend in vier weiteren Staaten verboten (Frankreich, Italien, Spanien, Belgien). Später beschließt die EU, dass die europäische Börsenaufsicht ESMA in Krisenzeiten Leerverkäufe befristet verbieten kann. "Wetten auf Börsenkurse, auf Staatspleiten und künftig wohl auf Rohstoffpreise schaffen keine Werte und auch keine Nachfrage", Wilhelm Segerath, Gesamtbetriebsrat Thyssen-Krupp.
Leverage-Effekt: Der Hebeleffekt beruht darauf, dass ein Fonds sich durch die Aufnahme von Krediten finanzielle Mittel für den Kauf von Wertpapieren beschaffen kann, die weit über das in den Fonds eingezahlte Kapital (Eigenkapital) hinausgehen. Der Effekt ist die Grundlage jeder Neuerung in der Finanzwelt, es geht immer um Investitionen mit geborgtem Geld. Andererseits müsste auf den Finanzmärkten auch ein Deleveraging installiert werden, also eine Entschuldung und ein Rückbau der Finanzmärkte im Verhältnis zur Realwirtschaft. "We simply attempt to be fearful when others are greedy and to be greedy only when others are fearful", Warren Buffet (b. 1930, American investor, businessman, philanthropist.
Spekulation: Spekulationen ("Wetten" auf zukünftige Preisentwicklungen) beeinflussen zunehmend die Preise auf wichtigen Märkten. Zuerst waren Hightech-Aktien und Immobilienkredite sowie Devisen betroffen. Neuerdings sind immer stärker die Rohstoffmärkte einbezogen. Damit greifen Spekulationen stark in globale Märkte ein, setzen die normalen Marktmechanismen außer Kraft und führen zu Unberechenbarkeit. Warentermingeschäfte sollen die Marktteilnehmer gegen große Marktrisiken absichern, die Spekulanten kaufen aber Futures nur des Profits wegen. Der Spekulationsdruck führt zu Blasen. Mit neueren Theorien (Chaostheorie, Spieltheorie) versuchen Ökonomen, die Entwicklungen zu erklären. Zunächst wurden Spekulationen als unvorhersehbare Entwicklungen (externe Schocks) in die Marktgleichgewichtsmodelle eingebaut. Die Finanzkrise hat auch eine Debatte über den Nutzen der Spekulation ausgelöst. Ist der Spekulant mehr Investor oder mehr Glücksspieler. Wenn man Finanzinnovationen zulässt, hat man damit immer eine Wette auf ein neues Produkt. Glücksspiel hat immer mit Glaube an Schicksal zu tun. Bei der Arbitrage wird bei einem bestehenden Preisdifferential zwischen zwei Märkten angesetzt. Spekulation und die Derivate - Märkte richten aber nicht nur Chaos an, sondern geben auch wichtige Signale. Deshalb müssen diese Märkte gesteuert und nicht verboten werden. Ein Teil der Mehrkosten der Regulierung werden die Banken an die Kunden weitergeben. 2010 werden nach Immobilien, Firmen, Krediten und Rohstoffen Staaten zum Spielball globaler Spekulanten. Es taucht sogar der Verdacht auf, das die Finanzmarktakteure mit automatischen Computersystemen arbeiten. Grundsätzlich helfen gegen Spekulationen Abgaben, Verbote und Gebote und eine zentrale Abwicklung. "Gesetze und Institutionen müssen nicht an gute Menschen angepasst werden, sondern an schlechte", John Steward Mill, The Subjection of Women (Über Freiheit, Hamburg 1987).
Carry Trade: Seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers kommt es zu weiteren Verwerfungen auf den Finanzmärkten. Die Spekulanten spielen mit dem Dollar. Investoren verschulden sich in US - Währung und investieren dann in der ganzen Welt. Das Risiko ergibt sich daraus, dass der Zinsvorteil schwindet, wenn die Verschuldungswährung aufgewertet wird. Durch die Unübersichtlichkeit des Devisenmarktes und die Vielzahl von Einflussfaktoren auf Devisenkurse ist eine rationale Verhaltensweise schwierig. Steigen die Zinsen in den USA wieder, ist der Yen als Verschuldungswährung wieder interessant. Die Euro - Schwäche durch die Griechenlandkrise führt zu einem Rücktausch und verstärkt den Dollar. "Die größte Innovation der Finanzindustrie in den letzten 20 Jahren war der Geldautomat", Paul Volcker, ehemaliger Fed-Chef, jetzt Vorsitzender des "President`s Economic Recovery Advisory Board".
Theorien über die Instabilität/ Volatilität der Finanzmärkte: Die Wirtschaftswissenschaften sind damit gescheitert, Märkte berechenbar zu machen. Viele Ansätze scheitern daran, dass sie zu stark formalisiert sind, wie etwa die Spieltheorie. Historisch -philosophische Ansätze sind von der Mathematik verdrängt worden, die aber ihrerseits gescheitert ist. Auch die Chaostheorie, die auf den Griechen Herodot zurückgeht und in der Physik eine wichtige Rolle spielt, hat die Erwartungen nicht erfüllt. Im Moment werden Ansätze sehr stark beachtet, die Unfälle und Unerwartetes in ihre Erwartungen systematisch einbauen. Hier steht der Begriff der Emergenz im Mittelpunkt: Systeme werden immer komplexer und bringen plötzlich neue Phänomene hervor, die sich daraus ableiten lassen. Der Begriff stammt aus der Biologie. Volatilität ist ein zentraler Begriff in der Finanzwelt (Prognose von Zeitreihen, Bewertung von Finanzprodukten). Besonders das Gebiet der Varianz aus der Statistik sollte bekannt sein. Der Physiker Didier Sornette von der ETH Zürich versucht ein neues Modell zu entwickeln, das er "Physik des Drachenkönigs" für statistische Extremereignisse nennt. Vgl. http://www.er.ethz.ch/fco. Andere wie Nassim N. Taleb sprechen bei der Finanzkrise von einem "Schwarzen Schwan", der unvorhersehbar ist. Maurice Obstfeld und K. Rogoff prangern das hohe Leistungsbilanzdefizit der USA an. Andere gründen ihre Thesen darauf, dass die Verbraucher in den USA dauerhaft über ihre Verhältnisse leben. Nouriel Roubini sieht die Macht der Großbanken als Auslöser und fordert eine Beschränkung (Roubini/ Mihm: Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft, Frankfurt 2010). Einige Ökonomen halten auch das amerikanische Finanzsystem für marode: Fed und US-Regierung hätten die Krise verursacht. Einige Finanzmarktexperten plädieren für umfassendere Ansätze. Rajan aus Chicago sieht die Einkommensungleichheit in den USA als Ursache der Finanzkrise. "Wir müssen Volatilität als den neuen Normalzustand betrachten", Kasper Rorsted, Henkel-Chef.
"Bad Bank": In dieser Zweckgesellschaft kann eine Geschäftsbank "giftige" Wertpapiere (auch "Schrottpapiere" genannt) einbringen. Dabei handelt es sich um Kredite, deren Nehmer nicht mehr zahlen können, oder um Wertpapiere, die ihren wirtschaftlichen Wert verlieren. Banken müssen je nach Ausfallwahrscheinlichkeit der gehaltenen Wertpapiere Eigenkapital vorhalten. Für die Risikopapiere erhält die Bank Anleihen, die staatlich garantiert werden und für die eine Gebühr zu entrichten ist. Die hohen Abschreibungen aufgrund der amerikanischen Kreditabenteuer greifen die Eigenkapitalbasis an. Die Papiere müssen mit einem Abschlag übertragen werden. Die Bank zahlt über die Garantielaufzeit (max. 20 Jahre) die Differenz zwischen 90% des Buchwerts und dem Fundamentalwert (von der Soffin mit geschätztem Wertverlust berechnet) an den Staat. Nach dem Ende der Garantielaufzeit werden verbleibende Verluste mit künftigen Gewinnen verrechnet. Die deutschen Banken haben im Oktober 2009 "Giftpapiere" in Höhe von 230 Mrd. €. Am stärksten sind die WestLB und die Commerzbank betroffen. Als erste Bank lagert die WestLB auch Giftpapiere aus. Es folgt 2010 die HRE, die 210 Mrd. € auslagern will. Im Herbst 2010 muss der Bund weitere 40 Mrd. € Staatsgarantien geben. Im Oktober 2011 kommt heraus, dass sich die HRE (FMS Wertmanagement) um 55,5 Mrd. € verrechnet hat (Buchungsfehler, weniger Schulden). Die Landesbanken in Deutschland sind generell in der Krise, weil sie überdimensioniert und kundenfern sind. Die EU dringt auf eine Änderung der Struktur, wobei allerdings bedacht werden muss, dass diese Banken auch wichtige Kreditgeber für den Mittelstand und Großunternehmen sind. Nach einer Schätzung Anfang 2010 gibt es bei den Banken insgesamt noch 90 Mrd. € Abschreibungsbedarf. 2012 dürfte der Stand sein, dass die Banken in Deutschland insgesamt 430 Mrd. € an Schrottpapieren loswerden müssen. "Der Herr des Silbers regiert den Himmel, und der Gott des Geldes herrscht über die Erde", der chinesische Richter Zhang Tao im 17. Jahrhundert.
Multinationale Banken: Im Zusammenhang mit der Finanzkrise 2008 und der folgenden Weltwirtschaftskrise wird immer wieder das Zerschlagen von Großbanken gefordert. Die entscheidende Frage ist, sind diese Großbanken ein Unsicherheitsfaktor oder ein Stabilisator. Dabei spielt eine Rolle, ob sie bei regionalen Schocks ausgleichen, bei einem "Credit Crunch" gegensteuern oder einen internen Kapitalmarkt nutzen. Vgl. Navaretti, G./ Calzolari/ Pozzolo/ Levi: Multinational Banking in europe: financial Stability and Regulatory Implications, in: Economic Policy 2010. "Wer multinationale Banken für einen Unsicherheitsfaktor hält, hat nicht verstanden, was diese Institute tun", Giorgio Barba Navaretti, Uni Mailand. "Wir sollten die größten Banken aufspalten", James Bullard, Federal Reserve Bank St. Louis.
Credit Crunch (Kreditklemme) durch das Misstrauen der Banken untereinander. Sie leihen sich gegenseitig kein Geld mehr, weil sie bei den Konkurrenten zu viele Schrottpapiere befürchten. Zuletzt 2010 haben die Banken 369 Mrd. Euro über Nacht bei der EZB angelegt. Die hohe Summe der Einlagefazilität ist ein Parken des Geldes bei der Notenbank als es sinnvoller zu verwenden. "Hohe Summen in der Einlagefazilität bedeuten, dass wir einen Geldmarkt haben, der nicht einwandfrei funktioniert", Jean-Claude Trichet, Chef der EZB bis 2011.
Offshore - Finanzplätze: Solche mit liberaler Bankenaufsicht und ein hohes Maß an Diskretion. Sie erheben in der Regel keine oder nur geringe Steuern auf Einkommen und Vermögen. Außerdem gelten sie als Plätze der internationalen Geldwäsche. Sie werden auch als Steueroasen bezeichnet. Zu den Steueroasen rechnen der US-Staat Delaware (Platz 1), Luxemburg, Schweiz, Kaiman-Inseln, Bermudas, Monaco, Liechtenstein, Gibraltar, Jersey, Isle of Man u. a. Die OECD hat eine graue und schwarze Liste aufgestellt. China versucht, Hongkong zu einem Offshore - Bereich zu machen. Mitte 2011 macht Deutschland ein Abkommen mit der Schweiz (ab 2013, Stichtag vorbei). Auslandskapital unterliegt einer Abgeltungssteuer (gilt auch für Steuersünder, 26,4%). Cross-Border-Leasing (CBL) bezeichnet das Leasing über Nationengrenzen, wobei Leasingnehmer und -geber unterschiedliche steuerrechtliche Vorteile ausnutzen. Von großer Bedeutung war in den letzten Jahren CBL mit den USA, wo langfristige Mieten wie Eigentum behandelt werden. "Nicht die Oase oder die umgebende Wüste sind das Problem, sondern die großen Kamele in der Oase, die den anderen das Wasser weg saufen", Renate Künast.
Neue Weltfinanzordnung nach der Weltwirtschaftskrise 2009: 1. Finanzreform in den USA 2009: US-Notenbank bekommt umfassendere Überwachungsvollmachten, es wird eine neue Finanz- und Verbraucherschutzbehörde geschaffen, Hedge-Fonds und Privatinvestoren werden staatlich überwacht. Die Krisen-Hilfen der Notenbank werden einer externen Überprüfung unterzogen. Leerverkäufe bleiben auf unbestimmte Zeit nicht erlaubt. Neue Regeln sollen riskante Geschäfte radikal einschränken (Banken dürfen keine Hedgefonds haben, die Größe der Banken wird beschränkt, Trennung zwischen Banken- und Kapitalmarktgeschäft (Volcker - Regel), keine Einlagen auf eigene Rechnung). Banken sollen eine Sondersteuer zahlen. Es wird eine Insolvenzordnung für Banken eingeführt, sie müssen auch mehr Eigenkapital vorhalten. Schutz für die Verbraucher (Behörde) statt Transaktionsteuer. Derivate und Pensionsfonds sollen kontrolliert werden und transparenter werden (Clearing-Stellen oder Börsen). Die Reform ist in einem Dokument und muss noch durch den US-Kongress und Senat. Im Mai passiert sie den Senat, im Juni und Juli 2010 den Kongress. Die Bankenabgabe wird gekippt. 2. Asien: Bei Regulierungsmaßnahmen hält man sich weitgehend zurück. Es wird kaum Reformbedarf gesehen. Allenfalls geht es um neue Kapital- und Liquiditätsregeln. 3. Kirchen: Sozialenzyklika von Papst Benedikt XVI. am 07.070.09: das zügellose Profitstreben wird angeprangert. Verurteilt werden kosmopolitische Manager, die oft nur den Anweisungen er Hauptaktionäre folgen. Die Wirtschaft braucht für ihr korrektes Funktionieren die Ethik. 3. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) gibt mit der Sozialkammer eine Denkschrift über "Unternehmerisches Handel in evangelischer Perspektive" heraus. Sie kommt zu der Einsicht, dass man ethische Grundsätze nicht zerlegen kann, und es deshalb eine Unternehmensethik nicht geben darf. Die Wirtschaft soll dem Menschen dienen. Auf dem 4. G20-Gipfel in Pittsburgh ging es um folgende Punkte: Einlagengarantie, Bankenrettungen, Aufsichtsstärkung, Anlegerschutz, Managervergütung, Eigenkapitalregeln, Rating - Agenturen, Kreditderivate und Handel, Hedge-Fonds, Rechnungslegung, Steueroasen. Die Runde der Finanzminister und das internationale Finanzmarktstabilisierungs-Gremium FSB (früher Forum) entwickelte Details, insbesondere zum Eigenkapital. Insgesamt dürfte die Profitabilität der Banken in Zukunft sinken. Machen nicht alle Länder bei der Kontrolle der Hedge-Fonds mit, dürfte es zu Umzügen kommen (Singapur wirbt). Weitere Beschlüsse werden 2010 in Südkorea gefasst. Weltweit kommt die Bankenabgabe nicht (aber in den USA, GB, EU). Neue Regel für das Eigenkapital sollen erarbeitet werden. Der Baseler Ausschuss und das Financial Stability Board arbeiten für zukünftige Konferenzen konkrete Regelungen aus (u. a. für Toronto). Basel III: Erhöhung der Kernkapitalquote von 4 auf 6% ab 2013. Die 10 größten deutschen Kreditinstitute brauchen dann bis 2019 rund 50 Mrd. €. Die 5. Europäische Union will generell die Finanzaufsicht unter dem Dach der EZB ansiedeln. Die neue EU-Börsenaufsicht soll Derivate zähmen. Sie hat in London, Paris und Frankfurt ihren Sitz. Die Behörde kann besonders gefährliche Finanzprodukte verbieten. Der außerbörsliche Derivatenhandel hatte Ende 2009 einen Umfang von 425 Billionen US-Dollar erreicht. In Deutschland soll die Bundesbank die Banken- und Versicherungsaufsicht bekommen. Als erstes wird konkret in der EU ein Risikorat als Frühwarnsystem für die Finanzmärkte bei der EZB eingerichtet. Geplant ist auch die Gründung einer europäischen Rating -Agentur. Im Euroland wird ein Stabilisierungs-Fonds eingerichtet (in Verbindung mit einer weiteren Konkretisierung des Stabilitätspaktes). Die Hedge-Fonds sollen stärker kontrolliert werden (80% in London, deshalb GB dagegen). Auch eine europäische Rating - Agentur soll aufgebaut werden. Es werden 2010 Grenzen für Banker - Boni gezogen: Kopplung an das Grundgehalt, nur 30% bar, Rest 3 bis 5 Jahre zurückhalten und je nach Erfolgsfall auszahlen. Es werden im Herbst 2010 in der EU drei Finanzaufsichtsbehörden eingerichtet: für Banken in London, für Versicherungen in Frankfurt, für Wertpapierbörsen in Paris. Die Behörden sind weisungsbefugt. In Paris wird auch die Aufsicht für die Rating - Agenturen angesiedelt sein. 2012 werden härtere Regeln für die Finanzmärkte eingeführt. Termingeschäfte sollen schärfer kontrolliert werden. Zentrales Element ist die Meldepflicht. Währungsderivate, Zinsderivate und Kreditausfallversicherungen stehen im Vordergrund. Offen ist in 6. Deutschland, ob die BaFin in die Bundesbank integriert wird oder ob eine Holdinglösung kommt. Die Bundesregierung führt eine Bankenabgabe ein, die die Banken an den Kosten für die Soffin beteiligt (1,2 Mrd. €, Notfallfonds für zukünftige Krisen, differenziert nach dem Risiko der Banken). Unklar ist noch, ob die Sparkassen, Genossenschaftsbanken und Bausparkassen in der Pflicht genommen werden. 2013 soll die Soffin in dem Bankenfonds aufgehen. Außerdem soll die Befugnis für die Bankenaufsicht so erhöht werden, dass Krisenbanken zerlegt werden können. Die Haftungsrisiken bei börsennotierten AGs sollen verlängert werden. Das Beispiel HRE zeigt aber deutlich, dass politische Kontrolle und globales Bankgeschäft nicht zusammen passen. Die Bafin verbietet ungedeckte Leerverkäufe. Das Eigenkapital soll eine größere Rolle spielen im Verhältnis zu Krediten. 2010 werden erstmals Aufsichtsräte von der Bafin abberufen. Künftig wird auch ein "Beipackzettel" für Finanzprodukte Pflicht. Als Resümee lässt sich festhalten, dass die effiziente Finanzmarktregulierung weniger an der Komplexität der Märkte als an mangelnder Unabhängigkeit der nationalen Regierungen scheitert, was eine Gefahr für das demokratische System ist. "Während die Schulden steigen und die Rezession anhält, erleben wir, wie Regierungen versuchen, ihre Last durch Eingriffe am Finanzmarkt, höhere Inflation und teilweise Staatsbankrott zu erleichtern. Das Endspiel der großen Rezession wird kein schönes Bild abgeben", Kenneth Rogoff, US-Ökonom 2009. Vgl. auch: Stiglitz, Joseph E.: Freefall: Free Markets and the Sinking of the Global Economy, Norton Company 2010.
Staatsverschuldung in der Welt: 2009 und 2010 ist die Staatsverschuldung überall in der Welt dramatisch angestiegen. Der Schnitt liegt 2010 bei ca. 100% Gesamtverschuldung (mit einer Spanne von Japan mit 198% bis zu Schwellenländern mit ca. 40%. Diese Spanne ist eine Bedrohung für das Gleichgewicht in der Welt. Die Konjunkturpakete mussten finanziert werden, Banken mussten vom Staat gerettet werden. In den USA, Japan, Großbritannien und im Euro-Raum stiegen die Staatsschulden um ca. 3,9 Billionen €. Die Staatsanleihen der Länder, die damit ihre Kredite finanzieren, werden von Rating - Agenturen bewertet. Die Skala geht von AAA bis CCC+. Beabsichtigt ist, die Banken an der Krise zu beteiligen, entweder mit einer Bankenabgabe oder einer Finanztransaktionssteuer. Die Griechenlandkrise in der EU ist auch eine Verschuldungskrise, keine Krise des Euro. Besonders die sehr wichtigen Länder USA, Japan und Großbritannien müssen dringend ihre öffentlichen Haushalte anpassen. Absolut am höchsten sind die Staatsschulden der USA (10.040 Mrd. Euro 2010). Dann folgen Japan (9840), Deutschland, Italien, Brasilien, Frankreich, Großbritannien und Indien. Die Staatsschuldenkrise verwischt auch immer mehr die Grenzen zwischen Geld- und Finanzpolitik. 2011 sind in den OECD-Staaten die Staatsschulden bei 102% gemessen am BIP. Am besten (geringsten Schulden) stehen Kanada, Norwegen, Schweden, Schweiz und Singapur da. 2011 haben die Volkswirtschaften der Welt Schulden in Höhe von 55 Billionen Dollar (Der Spiegel 1/2012, S. 62). Besonders bedrohlich ist die Situation in Japan (206%) und den USA (101%). Im März 2012 sperrt die EU Fördergelder an Ungarn wegen zu hoher Defizite. "Ich würde mal tippen: 6000 €", Silvana Koch - Mehrin, FDP, EU-Wirtschaftspolitikerin, auf die Frage um wie viel die deutschen Schulden während der Fernseh-Sendung "Hart aber fair" gestiegen sind. Richtige Antwort: 20 Mio. €. Ende 2011 dürfte die Schuldenlast aller OECD-Staaten bei 45 Billionen Dollar liegen.
Finanzstrategie in der Schuldenkrise: Die Anleihezinsen werden durch Regulierungen relativ niedrig gehalten. In Deutschland sind sie für 10-jährige Anleihen mit 1,6% im Mai 2012 historisch niedrig. Weltweit üben die Staaten Druck auf die Zentralbanken aus, die Zinsen nicht zu erhöhen. Die USA wollen die Zinsen sogar bis 2014 auf niedrigen Niveau halten. Insgesamt soll auch mehr Inflation zugelassen werden, damit die Staatsschulden real entwertet werden.
Rating - Agenturen (Rating=Bewertung): Sie bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen und Staaten. Stufen sie das Ausfallrisiko von Krediten höher ein, verlangen die Geldgeber in der Folge höhere Zinsen. Am bekanntesten sind Standard & Poor` s (S&P, seit 1860, 8000 Mitarbeiter, Tochter von McGraw Hill). Daneben gibt es noch Moody`s (seit 1909, 4000 Mitarbeiter, größter Einzelaktionär ist Warren Buffet)) und Fitch (seit 1913, 1800 Mitarbeiter, 60% beim französischen Finanzdienstleister Fimalac). Problematisch für die Unabhängigkeit und Macht sind die Eigentumsverhältnisse, der Sitz in den USA und die Bezahlung durch die Auftraggeber. Rating - Agenturen sind auf Gewinn ausgerichtete Privatfirmen. Die Einstufung reicht in der Regel von AAA bis D. Viele Großanleger orientieren sich an den Ratings. Als z.B. im Herbst 2011 zwei französische Baken von Moody´s herabgestuft werden, sinkt deren Aktienkurs. Immer wieder wird kritisiert, dass die Rating-Agenturen Schuldner in Sprüngen herabstufen. So wurde z. B. Irland in fünf Stufen auf einmal herabgesetzt. Die Agenturen erkennen meist Krisen viel zu spät. Es gibt auch den Verdacht unangemessener Bewertung von Hypothekenpapieren (US-Justizministerium ermittelt gegen S&P). Schon lange werden Rating-Agenturen in Europa und Asien gefordert. China hat mittlerweile eine eigene Rating-Agentur, auch Japan. Diese haben aber keine große Bedeutung. Die chinesische Agentur Dagong wurde 1994 gegründet. Sie hat rund 500 Mitarbeiter und 34 Niederlassungen (seit 1998 heißt der Chef Guan). Andere Ratingagenturen sind in Kanada (DBRS), und Deutschland (Euler Hermes). Die EU will eine unabhängige Agentur schaffen (Stiftungsmodell, eventuell privat finanziert). 2012 steht diese kurz vor dem Start. Roland Berger ist federführend (bisher Stiftungskapital von 300 Mio. €, Berater Markus Krall). Sitz wird wahrscheinlich Holland sein. Haftung bei fehlerhafter Analyse soll dabei sein. Binnen drei Jahren sollen 1000 Mitarbeiter eingestellt werden. Im April 2012 scheitern vorerst diese Rating-Pläne, weil nicht genügend Investoren für das Gründungskapital von 300 Millionen Euro gefunden werden. Dies scheint bis Herbst 2012 da zu sein, so dass dann gestartet wird. Die EU-Kommission präsentierte auch ein Gesetzespaket, um die Rating - Agenturen mehr an die "kurze Leine zu nehmen" (mehr Transparenz, kürzere Bewertungszyklen, mehr Infos für Investoren, Beteiligungsobergrenzen). Problematisch ist, dass Rating - Agenturen und Hedge - Fonds implizite Allianzen eingehen: Die Agenturen nehmen sich einzelne Länder in Europa vor und stufen sie herab (weil sie in den USA sind?). Die Hedge - Fonds machen nun Leerverkäufe entsprechender Anleihen, wodurch deren Kurs fällt. So können sie die Papiere billig einkaufen. Bonitätsurteile waren angeblich auch politisch motiviert (deshalb muss S&P-Chef Deven Sharma zurücktreten, D. Petersen wird Nachfolger). Im November 2011 wird Frankreich irrtümlich herabgestuft von S&P (120 Min. mit schlimmen Folgen). Ende 2011 droht S&P 15 EU-Länder herabzustufen (eventuell den Rettungsschirm), auch Deutschland. "Das unkontrollierte Auseinanderbrechen der Währungsunion muss unbedingt verhindert werden", Beatrice Weder di Mauro im Handelsblatt vom 16.07.11, S. 7.
Finanztransaktionsteuer (Finanzmarktsteuer): Im Kampf gegen Spekulationen in der Diskussion. Sie geht über die Devisenspekulationsteuer von Tobin hinaus. Sie soll alle extrem kurzfristigen und spekulativen Finanzbewegungen (Wertpapier, Derivate- und Devisenmärkte) steuern, aber langfristige Kapitalanlagen begünstigen. Sie wirkt ähnlich wie eine Umsatzsteuer und wird sowohl auf Gewinne wie Verluste erhoben. Mit dem Aufkommen (bis 30 Mrd. € jährlich in D, weltweit 500 Mrd. $) könnten die Finanzmärkte einen Beitrag zur Krisenbewältigung leisten. Das Problem ist, dass die Steuer nur auf internationaler Ebene Sinn macht, aber die Unterstützung in den USA und Großbritannien fehlt. Hier bremsen unterschiedliche Interessen. Entscheidend dürfte die Gestaltung der Steuer sein. Diskutiert werden Sätze von 0,01 bis 0,05% des Wertes. In der EU könnte die Steuer eine Chance haben im Zusammenhang mit der Einführung einer EU - eigenen Steuer (im Herbst 2010 soll es mehrere Optionen geben). Im Herbst 2011 sprechen sich immer mehr Staaten dagegen aus (Großbritannien, Schweden). 2012 wollen Frankreich und Deutschland eine solche Steuer in den Euroländern einführen. Partiell werden Transaktionssteuern erhoben in Großbritannien ("Stamp Duty" auf Spots), Irland, Süd-Korea, Schweiz, Indien, Taiwan. Alternativen wären eine Börsenumsatzsteuer (gibt es bereits in London, dem größten Bankplatz Europas) oder eine Bankenabgabe (diese soll vor allem Finanzriesen, evtl. auch Versicherungen treffen). Letztere wurde in D schon beschlossen, der Beitrag orientiert sich an der Bilanzsumme minus Eigenkapital und dem Systemrisiko (Einlagen). Berücksichtigt werden soll auch die internationale Verflechtung (Sparkassen, Volksbanken werden verschont). Die Abgabe soll in einen neuen Stabilitätsfonds fließen. Weltweit wird die Bankenabgabe nicht kommen. 2011 bringt die Bankenabgabe in Deutschland 600 Mio. € ein (ursprünglich war mit 1,3 Mrd. € gerechnet worden). In der Diskussion ist auch eine Finanzaktivitätssteuer, die nur auf außerordentliche Gewinne und die Summe der Boni erhoben werden soll. Diese schlägt der IWF vor. Diskutiert wird ein Steuersatz von 2%, Spekulationen werden weniger eingedämmt. 99% aller Börsentransaktionen in der EU laufen über die Finanzplätze London und Frankfurt. 2011 fordert die CDU eine Finanztransaktionssteuer in der kleinen Lösung Deutschland, Frankreich und Österreich. 2011 fordert das Europaparlament eine Finanztransaktionssteuer. Sie hat den Charakter wie eine Mehrwertsteuer in der Realwirtschaft. Sie soll auf Umsätze an den Finanzmärkten erhoben werden, ohne Kreditkartenzahlungen und Bargeld-Devisenumtausch. 2012 beginnt Frankreich damit. Allerdings scheitert die Transaktionssteuer auf europäischer Ebene vorerst im März 2012 (Gegner GB, Luxemburg, Irland). Eventuell kommt es zu einer Stempelsteuer auf Aktienkäufe, die auf Derivate erweitert werden könnte. Die Bundesregierung sieht auch in einer möglichst breit gefassten Börsensteuer eine Alternative. "Wir sehen einen Herdentrieb im Markt, ein regelrechtes Rudelverhalten, wie in einem Wolfsrudel. Und wenn wir diese Rudel nicht stoppen, werden sie die geschwächten Länder auseinanderreissen", Anders Borg, Schwedens Finanzminister.
Finanzmarktregulierung: Wichtig wäre eine weltweite Koordination, da die internationalen Finanzmärkte am stärksten globalisiert sind. Deshalb ist sie auch immer wieder Gegenstand von G8 und G20-Treffen. Grundsätzlich gibt es folgende Ansatzpunkte: 1. Bankeninsolvenzrecht ("too big to fail"). 2. Eigenkapitalquote (höhere Mindestquoten). 3. Bankenabgabe (Beteiligung der Verursacher). 4. Leitzinsen (Beeinflussung des Geldkreislaufes und der Kreditvergabe). 5. Transparenz (Derivate - Handel, Hedge - Fonds). 6. Wirtschaftspolitik (Sparen oder Konjunktur ankurbeln? Der G20-Gipfel in Toronto beschließt Halbierung der Schulden bis 2013). Auf den Finanzmärkten muss eine neue Balance von Markt und Staat gefunden werden. Eine Finanzaufsicht mit Interventionsrechten national muss ordnungspolitisch genau umrissen sein. In der EU hat 2011 die ESMA in Paris ihre Arbeit aufgenommen. Sie ist zuständig für die Neuzulassung der Ratingagenturen in Europa. Sie soll zu einer Art Finanzaufsicht entwickelt werden. Hauptproblem sind die Interessen Londons. Die EZB wird immer mehr zur "Feuerwehr an den Finanzmärkten" (Anleihekäufe). Sie folgt damit der US-Notenbank Fed, die immer weniger geldpolitisch unabhängig ist. "Drei Dinge treiben den Menschen zum Wahnsinn. Die Liebe, die Eifersucht und das Studium der Börsenkurse", John M. Keynes.
Staatsfonds der Welt: Es gibt ca. 12 große Staatsfonds in der Welt. Die größten haben Abu Dhabi (627 Mrd. $), Norwegen (512 Mrd. $) und Saudi-Arabien (439 Mrd. $). Diese Rangfolge gilt nur wenn man die vier chinesischen Staatsfonds nicht addiert: SAFE Investment Company, China Investment Corporation, National Social Security Fund und Hongkong. Danach folgen Singapur (2 Fonds, einer Temasek Holdings, das Vorbild aller Fonds), Kuweit, Russland und Katar. Die Regierungen treten als Investor auf.
Liquiditätsschwemme: ausgelöst durch Zentralbankgeld seit dem Ausbruch der Finanzkrise bis Anfang 2011. Die USA pumpen 1112 Mrd. $ in den Geldmarkt durch Repogeschäfte, Käufe von Wertpapieren und Zinssenkungen. Dagegen ist der Betrag der EZB mit 173 Mrd. € gering. Japan bringt 9000 Mrd. Yen durch Zinssenkungen, Anleihekäufe und Devisenmarktinterventionen in den Markt. China setzt 1300 Mrd. Yuan ein.
Deutsche Börse und New Yorker Börse (Nyse Euronext) wollen sich 2011 zusammenschließen. Die Deutsche Börse soll 60%, New York 40% halten. Der Börsenwert würde etwa bei 19 Mrd. € liegen, der Umsatz bei 4,1 Mrd. €. Die Einsparungen durch diese Fusion sollen bei 300 Mio. € liegen. Das größte Börsenunternehmen der Welt würde entstehen; bisher ist es Hong Kong Exchanges & Clearing, Hongkong. Die EU-Kommission ist gegen die Fusion. Umstritten ist die Derivatebörse Liffe. Die USA genehmigen die Börsenfusion. Das größte Börsenunternehmen der USA ist die CME Group (Nummer 2 in der Welt). Anfang 2012 verbieten die EU-Wettbewerbshüter den geplanten Zusammenschluss. "Ich denke, es ist lächerlich, dass dieses Land den Deutschen erlaubt, die New York Stock Exchange zu kaufen. Es ist großartig für Deutschland, aber es ist ein blaues Auge für die USA", Donald Trump.
Diktat der Finanzmärkte: Großbanken und Rating - Agenturen setzen ihre Prinzipien gegen demokratische Staaten durch. Sie haben die Regierungen in Griechenland, Italien, Belgien und Spanien zu Fall gebracht bzw. Regierungswechsel erzwungen. Staaten verlieren ihr Budgetrecht. Immer schwieriger erweist sich der Faktor "Zeit" in der Demokratie. Das Vertrauen in Marktwirtschaft schwindet. Es hat sich eine neue "außerparlamentarische Opposition" herausgebildet, die durch nichts legitimiert ist. "Die Finanzkrise wird die Welt so stark verändern wie der Fall der Mauer", Wolfgang Schäuble, Bundesfinanzminister.
Kamikaze-Kapitalismus: Von David Graeber mit einem Buch geprägt (Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus, München 2012). Im Mittelpunkt steht der Einfluss von Geld auf die Politik und zu hohe Schulden jeder Art. Graeber, Professor für Ethnologie, ist einer der führenden Köpfe der Occupy Wall Street - Bewegung. Der Autor prangert die ungerechte Verteilung des Wohlstands an sieht ein spürbares Ende des Kapitalismus.
Mittelstandsökonomik (Kleine und mittlere Unternehmen/KMU, Entrepreneurship, Innovation, Finanzierung/ Steuern, Managerial Economics, Familienunternehmen):
Gliederung: Definitionen, Empirische Erhebungen, Personal, Management/ Organisation, Werteorientierung, Marketing, Controlling/Logistik, Finanzierung, Steuern, Innovation/Investition, Mittelstandspolitik.
"Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muss auch tun", Johann Wolfgang von Goethe.
Definitionen (Begriffe, Konzepte)
KMU-Definition: EU: bis 249 Mitarbeiter und Umsatz bis 50 Mio. € oder Bilanzsumme bis 43 Mio. €. Wirtschaftsministerium und IfM - Bonn: bis 499 Beschäftigte und bis 50 Mio. € Umsatz. Der BDI versucht beide Definitionen zu verändern, um die Fördergrenze auf 1000 Beschäftigte anzuheben. International gibt es weitere verschiedene Abgrenzungen.
Familienunternehmen: keine allgemeingültige Abgrenzung. Merkmale: Kopplung Familie - Unternehmen; Einfluss der Familie; Generationen übergreifend (nachhaltig). Das IfM-Bonn hält die Kriterien Eigentum und Leitung in Verbindung für notwendig: Danach sind 95% aller deutschen Unternehmen Familienunternehmen (41% des Gesamtumsatzes, 16% Eigenkapitalquote). Weitere Punkte: Die Firma ist kein Business, sondern eher Lebenszweck. Ziel ist der Erfolg vor Geld. Hinzu kommt die besondere Beachtung der Mitarbeiter, und das Hören auf die Kunden. Mittlerweile werden alle Familienunternehmen auch als Mittelstand definiert ohne Berücksichtigung der Beschäftigtenzahl (anders nur bei Unternehmen, in denen Besitzer und Geschäftsführer nicht identisch sind). Vgl. Klein, S. B.: Familienunternehmen, Wiesbaden 2004. Inhabergeführte Unternehmen sind keineswegs generell erfolgreicher. Wenn die Kinder das Ruder übernehmen, geht es oft bergab. Die beiden mächtigsten Familien ("Clans") in Deutschland sind Piech und Klatten/Quandt. Ihnen gehören nicht nur die Automobilfirmen (VW, BMW), sondern auch viele andere Unternehmen (Altana, Nordex, SGL Carbon, Datacard, Gemalto). Das größte nicht börsennotierte Familienunternehmen in Deutschland ist nach dem Umsatz (2010) die Schwarz-Gruppe (Lidl) vor Aldi, Haniel (Metro) und der Merkle-Gruppe. Dann folgen Heraeus, Bertelsmann und Boehringer Ingelheim.
Entrepreneurship: ein vages Konzept, das noch nicht allgemeingültig definiert ist. Es hat insbesondere mit Gründung und Risiko zu tun und beinhaltet eine Innovations-, Wachstums- und Beschäftigungsfunktion. Der Begriff ist aber international in der Wissenschaft auf dem Vormarsch. Vgl. Dennis A. De: Entrepreneurship, München u. a. 2005, S. 1ff. Bei Gründungen liegt China natürlich vorn, vor den USA. Im Italien der Renaissance entstand eine besondere Art von Entrepreneurs: die Condottiere. Sie waren zu mieten und erledigten gegen Geld des Geschäft des Krieges. Die meisten dieser Unternehmer entstammten dem Adel, der durch das aufstrebende Stadtbürgertum an Macht verlor und Aufstiegsmöglichkeiten suchte.
Mittelstand: Wird am besten qualitativ abgegrenzt. Eigentum, Führung und Haftung fallen zusammen. Das Unternehmen ist kleiner, nicht marktbeherrschend; Werte und ein gutes Betriebsklima herrschen vor. Laut Arbeitsgemeinschaft Mittelstand gibt es in Deutschland 3,4 Mio. mittelständischer Unternehmen (99,6%), in denen fast 70% aller Beschäftigten arbeiten und der 45% der gesamten Wirtschaftsleistung erbringt. In früheren Zeiten war er eine gesellschaftliche Schicht, die gemessen an Eigenschaften wie Einkommen, Vermögen und Beruf einen mittleren Status einnahm. Für "Mittelstand" gibt es aber verschiedene Definitionen: EU bis 249 Beschäftigte (B.), bis 50 Mio. € Umsatz (U.) im Jahr; IHK 499 B., 100 Mio. € U.; Bundesministerium für Wirtschaft und IMF - Bonn 499 B. und 50 Mio. U.. Manche zählen auch Eigentümer geführte Familienunternehmen dazu (diese werden bei den Links teilweise auch dazu gerechnet).
Handwerk: In manchen Mittelstandsuntersuchungen arbeitet man mit einer Abschneidegrenze von 20, so dass das Handwerk raus fällt. Im Römischen Reich und Mittelalter kann man das Handwerk als erste Ausprägung des Mittelstands ansehen (Zünfte, wenn man die Hauswirtschaft der Antike ausschließt). Heute ringt das Handwerk oft mit Klischees und ringt ebenso um Nachwuchs. Es ist schwer, gute Fachkräfte zu bekommen. Das Handwerk gilt als Stabilisator der konjunkturellen Entwicklung. Dies gilt gemessen an der Umsatzentwicklung generell. Diese Funktion beruht auf einer geringen Exportabhängigkeit bei stabiler Binnennachfrage. Vgl. Thomä, J.: Das Handwerk als Stabilisator der konjunkturellen Entwicklung, in: Wirtschaftsdienst 2011/2, S. 127ff. 2009 blieben 10.000 Lehrstellen im Handwerk unbesetzt. 2010 werden es voraussichtlich genauso viele sein. Die Zahl der Schulabgänger sinkt stark. Es zieht ein Fachkräftemangel herauf. Nach einer Umfrage der Deutschen Handwerkszeitung 2011 (DHZ) wird ein Umsatzanstieg von 2,5% erwartet. Im ersten Quartal beträgt die Umsatzsteigerung schon 11,9%.
Unternehmer: Schon die frühen Ökonomen, z. B. J. - B. Say, beschrieben die Rolle des Unternehmers. Die Denkfigur des von Ideen und Innovation getriebenen Entrepreneurs geht auf Schumpeter zurück. 2010 erregt ein Buch großes Aufsehen, das zu belegen sucht, dass die wirklich erfolgreichen Größen der Wirtschaft ein Auge für Chancen, raschen Zugriff und die Bereitschaft komplett vom Plan abzuweichen hatten. Villette, Michel/ Vuilllermot, Catherine: From Predators to Icons - Exposing the Myth of the Business Hero, Cornell University Press. Damit geriete auch der Focus der Business Schools unter Druck.
Mittelschicht: Zur Mittelschicht (oft auch als Mittelstand bezeichnet, soziologischer Begriff) in Deutschland zählen Menschen mit guter Ausbildung und einer leitenden Stellung im Beruf. Ökonomisch zählen Singles mit einem Nettoeinkommen von 1000 bis 2200 € und alle Familien mit einem Haushaltseinkommen von 2100 bis 4600 zur Mittelschicht. Der Mittelschicht werden typische Werte zugeordnet wie Bejahung der gesellschaftlichen Ordnung, gute Steuermoral, Familienorientierung, Eigenheim.
Mittelstandsboom: In und nach der Weltwirtschaftskrise singen die Ökonomen der Welt, auch in den USA, ein Loblied auf den deutschen Mittelstand. Die Flexibilität und Wendigkeit der KMU hat zum schnellen Aufstieg Deutschlands aus der Krise entscheidend beigetragen. Dieser Aspekt wird in der makroökonomischen Theorie völlig vernachlässigt (ich predige schon seit vielen Jahren davon, vgl. Krämer, W.: Mittelstandsökonomik, München 2003). 2011 dürfte der Boom weiter anhalten, was weitere Investitionen und Personaleinstellungen bedeutet.
Empirische Erhebungen (empirische Forschung)
Ständige empirische Erhebungen über KMU in Deutschland: MIND (Mittelstand in Deutschland), Mittelstandsmonitor, BDI - Mittelstands -Panel. Das Mittelstandsbarometer (KfW, Frankfurt und Ifo, München; 5000 Unternehmen mit weniger als 50 Mio. € Umsatz) misst die Stimmung/Klima im Mittelstand mit einem Index. Im Mittelstands - Panel wird die konjunkturelle Entwicklung, aber auch das Finanzierungsverhalten gemessen. "Intellektuelle Erkenntnisse sind Papier. Vertrauen hat immer nur der, der von Erfahrungen redet", Hermann Hesse. Im Juli 2010 verzeichnet das Mittelstandsbarometer einen so starken Sprung nach oben wie noch nie.
Umfrage der Wirtschaftsauskunftei Creditreform: In unregelmäßigen Abständen. 2012 werden 4100 mittelständische Firmen befragt. Fast 59% schätzen ihre aktuelle Lage als gut oder sehr gut ein (positivster Stand seit der Wiedervereinigung). Das Beschäftigungswachstum und das Wachstum der Investitionen soll sich fortsetzen. .
KfW-Mittelstandspanel: Eine repräsentative Umfrage bei 12.500 Firmen. 2010 ist die Kreditwürdigkeit der Unternehmen gut geblieben. In den nächsten drei Jahren rechnen 44% der Mittelständler mit steigenden Umsätzen. Der Konjunktureinbruch wurde gut überstanden. Die Eigenkapitalquote verbesserte sich 2009 auf 26,4%.
KfW-Geschäftsklima-Indikator: Dieser wird von der KfW-Bankengruppe monatlich für den Mittelstand erhoben. Im Februar 2011 erreicht er mit 30,7 einen Rekordwert (im Vergleich zum Vormonat um 2,3 Zähler gestiegen).
KfW-Ifo-Mittelstandsbarometer: "Das KfW-Ifo-Mittelstandsbarometer deutet darauf hin, dass die kleinen und mittleren Unternehmen 2012 eine wichtige Stütze der konjunkturellen Entwicklung sein werden", Norbert Irsch, Chefvolkswirt der KfW (nach Handelsblatt, 6./.7. 1. 2012, S. 19).
BDI-Mittelstands-Panel: regelmäßige Umfrage bei 1200 Mittelständlern. Gefragt wird nach der aktuellen Lage, nach der Wirtschaftspolitik und nach der Zukunft. Durchgeführt wird die Erhebung vom Institut für Mittelstandsforschung in Bonn. Befragt werden KMU des Verarbeitenden Gewerbes, des Baugewerbes und der energie- und Wasserwirtschaft mit maximal 50 Mio.€ Umsatz und höchstens 499 Beschäftigten.
DIHK-Mittelstandsreport: befragt werden in der Regel mehr als 20.000 KMU (bis 500 Beschäftigte). Sie werden nach Geschäftserwartungen, Exporterwartungen und Beschäftigungserwartungen befragt. 2001 wollen KMU 300.000 neue Jobs schaffen.
DIHK-Industriereport: Grundlage ist eine Umfrage bei Hunderten Industriebetriebe. Es werden Lage, Investitionen und Beschäftigungsaussichten der Industrie erfragt. Die Befragung zum Jahreswechsel 2011/2012 ergibt, dass jeder dritte deutsche Industriebetrieb seine Kapazitäten ausbauen will. Es sollen 60.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. Der Umweltschutz ist ein wichtiges Investitionsmotiv.
Mittelstandsbarometer von Ernst & Young: 3000 mittelständische Unternehmen werden von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft befragt. Gefragt wird nach Zufriedenheit mit Rahmenbedingungen und dem Standort. 2011 halten 77% der KMU den Standort für gut.
Mittelstands-Umfrage des BDO (Wirtschaftsprüfungsgesellschaft): Befragt wurden 2011 750 mittelgroße Unternehmen aus 13 Ländern. Der Anteil des internationalen Geschäfts steigt. Die größte Herausforderung ist die Suche von qualifiziertem Personal vor Ort. Beliebtestes Land ist China vor den USA. 69 Prozent der Unternehmen habe keine Probleme, Finanzmittel zu bekommen.
Verbandsumfragen: Die Mittelstandsverbände (z. B. Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft, Verband der Familienunternehmen) führen eigene Umfragen durch. Befragt werden in der Regel um die 500 bis 1000 Unternehmen in einer Stichprobe. Dabei werden auch Zukunftsaussichten erfragt, besonders die Schaffung neuer Stellen.
Frühjahrsumfrage der genossenschaftlichen DZ Bank zur Geschäftslage im Mittelstand. Befragt werden 1500 Unternehmen. Ergebnis 2011: Jedes dritte Unternehmen will neues Personal einstellen. Die Aussichten werden sehr positiv eingeschätzt.
Small Business Act: 10 Grundsätze der Europäischen Kommission zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für Gründer und bestehende Klein- und Mittelbetriebe 2008. Es gibt ca. 23 Mio. KMU in der EU. Hier einige Auszüge: Die Verwaltungsbehörden sollen stärker auf die Bedürfnisse der KMU ausgerichtet werden. Die Unterstützung in Finanzierungs-, Innovations- und Bildungsfragen soll verbessert werden. Die Darlehen der EIB sollen erweitert werden. http://ec.europa.eu/enterprise/entrepreneurship/sba_de.htm
Mittelstandsneutralität: Sie besteht, wenn wirtschaftspolitische, insbesondere umweltpolitische, Maßnahmen KMU nicht stärker negativ treffen als größere Unternehmen.
Pfadforschung im Mittelstand: Pfadabhängigkeit bedeutet, dass jetzige Entscheidungen stark von in Entscheidungen in der Vergangenheit beeinflusst werden. So werden auch Investitionsentscheidungen aus Kostengründen ungern rückgängig gemacht oder Geschäftsmodelle werden nicht geändert. Pfade können Unternehmen blind machen und die Neigung ist groß, auf dem eingeschlagenen Pfad zu bleiben. Dagegen müssen Strategien entwickelt werden. Vgl. Grünewald, S.: Pfadabhängigkeit der Unternehmensentwicklung, Vdm, 2007.
Neuroökonomie: Die ökonomische Theorie wird mit den Methoden der Neurowissenschaft angereichert. Im Mittelpunkt steht das Gehirn als System. Sie ist überall dort nützlich, wo die Entscheidung zwischen Alternativen rational nicht mehr möglich ist, weil man emotional in verschiedenen Atmosphären ist. So könnte sie für das Marketing (Konsumentenverhalten) und für KMU (Unternehmerverhalten) die Theorie voranbringen. Eine große Rolle spielt sie auch im Finanzverhalten: An den Börsen müssen Menschen mit einer Art Risiko umgehen, an das das Gehirn möglicherweise nicht angepasst ist. Bestimmte Teile des Belohnungssystems im Gehirn reagieren auf einen höheren Geldbetrag mit einer deutlich stärkeren Aktivierung. Die Neuroökonomie arbeitet vor allem mit Experimenten. Am bekanntesten ist das Ultimatum-Spiel (Caltech, Colin Camerer). Hier wird mit Laboren gearbeitet, die mit Magnetresonanztomografen ausgestattet sind. Der antike Philosoph Platon bekommt immer mehr Recht (die Menschen lenken einen Wagen mit zwei Pferden: mit Vernunft und Gefühl). Klare Handlungsempfehlungen können noch nicht abgeleitet werden. 2009 wird das Buch von Martin Lindstrom Buy .Ology zum Bestseller (Ergebnisse einer Studie mit 2000 Teilnehmern in fünf Ländern). Das Neuromarketing unterscheidet 4 Konsumentengruppen: 1 Realistisch/ analytisch, 2 Realistisch/ Emotional, 3 Intuitiv/ Analytisch, 4 Intuitiv/ Emotional.
M-Dax (Mittelwerte-Index, Midcap): Deutscher Aktienindex, der 1996 an der Börse eingeführt wurde. 50 mittelgroße Industrie-Unternehmen, die überwiegend in Deutschland tätig sind. Daneben gibt es noch einen Smallcap-Index der Kleinwerte. Beide unterliegen dem Prime Standard höchster Anforderungen.
Personal (Human Resources, Beschäftigung)
Dynamische Unternehmer (Joseph A. Schumpeter , 1883-1950, vgl. www.schumpeter.cz): Der kleine, selbständige , hoch motivierte Unternehmer ist der Erfolgsgarant für das kapitalistische Wirtschaftssystem, der auch Quell des technischen Fortschritts ist. Seine Funktion besteht darin, "die Produktionsstruktur zu reformieren oder zu revolutionieren entweder durch die Ausnützung einer Erfindung oder, allgemeiner, einer noch unerprobten technischen Möglichkeit zur Produktion einer neuen Ware bzw. zur Produktion einer alten auf eine neue Weise, oder durch die Erschließung einer neuen Rohstoffquelle oder eines neuen Absatzgebietes oder durch die Reorganisation einer Industrie usw.", Ders.: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, München 2005, S. 214. Schumpeter startete an der Uni Graz, war kurz österreichischer Finanzminister, Partner eines Bankhauses in Wien, dann an der Uni Bonn, bevor er nach Harvard wechselte. Er unterschätzte immer die Rolle des Staates in modernen Volkswirtschaften. Er sah den Kapitalismus als ein "Prozess der schöpferischen Zerstörung". Berühmt ist sein Vierphasenmodell der Konjunktur. (vgl. auch: Th. K. McCraw, Joseph A. Schumpeter. Eine Biografie, Hamburg 2008).
Beschäftigung im Mittelstand (Mittelstand und Arbeitsmarkt): 70,5% aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (einschließlich Azubis und tätige Inhaber) arbeiten in KMU. 83,1% aller 1,7 Mio. Auszubildenden haben einen Ausbildungsplatz in KMU, (Schlüsselzahlen des IfM - Bonn 2009). Mittelständische Unternehmen haben nach einer Schätzung von Creditreform allein in 2007 400.000 Arbeitsplätze geschaffen (2003-2005 nach KfW - Mittelstands - Panel auch 400.000, 2009 in der Krise werden aber allein im Maschinenbau 50.000 Stellen abgebaut). Im Handwerk sollen in der Krise 40.000 Arbeitsplätze verloren gegangen sein. Mit einem Wachstum und damit mehr Arbeitsplätzen wird erst ab 2011 gerechnet (ZDH). 2011 ist der Mittelstand im Stimmungshoch. Jedes vierte Unternehmen will Personal aufstocken. "Für Familienunternehmer sind Entlassungen eine persönliche Niederlage", Jürgen Thömmes, Mittelstandsforscher.
Personalsuche und -auswahl: Die wichtigsten Suchwege sind über Eigene Mitarbeiter und persönliche Kontakte, vor Eigene Inserate und Arbeitsagentur. Dies habe ich schon vor 35 Jahre in einer Untersuchung festgestellt. Hieran hat offenbar das Internet Nichts geändert. Zum gleichen Ergebnis kommt 2012 das IAB der Bundesagentur für Arbeit.
Fachkräftemangel: Der Mittelstand dürfte stärker betroffen sein, weil er oft nicht so hohe Löhne zahlen kann und häufig in unattraktiveren Regionen liegt. Abhilfe könnten Arbeitgeberzusammenschlüsse schaffen. Dabei teilen sich mehrere Firmen Fachkräfte.
Mittelstandshypothese: die Beschäftigung in unteren Beschäftigungsklassen nimmt besonders stark zu, d. h. kleine und mittlere Unternehmen schaffen überproportional viele Arbeitsplätze (damit wird die Mittelstandspolitik gerechtfertigt und der nationale Bedeutungszuwachs der KMU in der Globalisierung erklärt). Die Mittelstandshypothese ist schwierig empirisch zu überprüfen, weil es eine Menge intervenierender Variablen gibt (Downsizing, Outsourcing, Rationalisierung u. a., Job-turnover Messungen sind teuer). Auch nach der Krise entstehen 2010 im Mittelstand wieder zahlreiche neue Arbeitsplätze (200.000). Mittelständische Unternehmen haben nach einer Schätzung von Creditreform allein in 2007 400.000 Arbeitsplätze geschaffen (2003-2005 nach KfW - Mittelstands - Panel auch 400.000). In der Weltwirtschaftskrise versuchen deutsche KMU betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden mit folgenden Maßnahmen: Reduzierung von Arbeitszeitkonten, Kurzarbeit, Abbau von Zeitarbeitskräften, Betriebliche Bündnisse für Arbeit, Altersteilzeit. Laut einer umfrage von Creditreform 2010 bei 4100 KMU will jedes fünfte Unternehmen Mitarbeiter einstellen, 44% planen Investitionen. Eine Befragung 2011 des Verbandes der Familienunternehmen kommt zu dem Ergebnis, dass 40% der mittelständischen Unternehmen 2011 neue Arbeitsplätze schaffen. Die Auftragslage ist sehr gut.
Duale Berufsausbildung: System der beruflichen Lehre in Deutschland, wobei gleichzeitig im Betrieb und in der staatlichen Berufschule ausgebildet wird. Sie gilt als der Erfolgsgarant mittelständischer Unternehmen. In mittelständischen Unternehmen werden 66% aller Auszubildenden herangezogen. Eine neue Studie der OECD 2009 zeigt eindeutig, dass Länder mit dualer Berufausbildung eine geringere Jugendarbeitslosigkeit haben. In vielen Ländern, z. B. USA und China, erweist sich das Fehlen als Bremse. Deshalb bilden deutsche Firmen im Ausland ihre Facharbeiter häufig mit dem dualen System vor Ort aus (sie müssen aber auch Traditionen der Ausbildung vor Ort beachten). Ein Mangel in Deutschland ist oft die fehlende Kooperation von Berufsschulen und Betrieben. "Wer im Frühling nichts sät, hat im Herbst nichts zu ernten", Chinesische Weisheit.
Unternehmensnachfolge: Eines der größten personellen Probleme im Mittelstand. Häufig durch unerwarteten Generationenwechsel verursacht. Möglich ist eine familieninterne Nachfolge, ein außen stehender Geschäftsführer, eine Stiftung oder ein Verkauf des Unternehmens (MBO, MBI). Zwischen 2010 und 2014 suchen 110.000 Familienunternehmen einen Nachfolger (IfM - Bonn).
Arbeitsmarkt für kleine und mittlere Unternehmen: Es gibt ein spezielles Segment des Arbeitsmarktes für KMU. Persönliche Beziehungen und soziale Netzwerke spielen eine größere Rolle als normal. Hierzu habe ich einige Beiträge geschrieben (vgl. Veröffentlichungsliste). Vgl. auch: Cappelari, L./ Tatsiramos, K.: Friends` Networks and Job Finding Rates, CESifo Working Paper Nr. 3243 (Nov. 2010).
Interkulturelle Kompetenz: Fähigkeiten, sich zurecht zu finden, im Wirtschaftsleben einer globalisierten Welt. Dazu gehört die Kompetenz, kulturelle Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern und Unternehmen herauszufinden und zu berücksichtigen. Unterschiedliche Esskultur, Trink- und Ausgehkultur, Arbeitskultur müssen beachtet werden. Diese Fähigkeit ist auch immer mehr im Mittelstand erforderlich.
Interaktionsgesetz von Homans: Wenn sich die Häufigkeit der Interaktion zwischen zwei und mehr Personen erhöht, so wird auch das Ausmaß ihrer Neigung füreinander zunehmen, und vice versa. Dies kann z. B. die höhere Arbeitszufriedenheit in KMU erklären. Die dort häufig vorhandene höhere Arbeitszufriedenheit (im Vergleich zu Großunternehmen) wirkt sich positiv auf den Unternehmenserfolg aus. Es ist jedoch schwierig, in empirischen Studien intervenierende Variablen wie z. B. die Qualität des Managements auszuschalten.
Internetnetzwerke (soziale Netzwerke): Soziale Netzwerke im Internet sind Plattformen, in denen man sich mit Freunden, Bekannten, Kollegen, Kunden u. a. verständigen kann. Jede zweite mittelständische Firma ist in sozialen Netzwerken im Internet aktiv. Am beliebtesten sind Facebook, Xing, You Tube und Twitter. Besonders für Dienstleistungsunternehmen sind die Netzwerke interessant, weil sie auch kostenlos sind.
Management, Führung, Organisation (einschl. Krisen- und Turnaround -Management, Wachstum)
Management und Organisation: Eine Nominalisierung des englischen Verbs "to manage" (von lateinisch "manus" die Hand, später italienisch "maneggiare" handhaben). Im deutschen Sprachraum erst ab 1945. Erscheinungsform einer späten Stufe des Kapitalismus. Erste Theorien entstehen gegen 1920; die Harvard Business School führte 1921 zuerst den MBA ein. Im Mittelstand gibt es noch keine Globalmanager (mit hoher Mobilität). Nach der idealen Organisation sollte ständig gesucht werden, Unternehmensführung ist ständig im Wandel. Anpassungsfähigkeit, Offenheit, Demokratisierung und Experimentierfreude (Kreativität) werden immer wichtiger. Das nötige Wissen für das optimale Funktionieren von mittleren Unternehmen kommt immer mehr aus den Erkenntnisfortschritten von Bio- und Neurowissenschaften. Dies liegt auch daran, das die heutige Managementkultur dem schnellen technologischen Wandel nicht mehr gewachsen ist.
Bürokratieabbau: Wird immer wieder angeführt als ein bestimmtes Bündel der Mittelstandspolitik. Dazu rechnen etwa eine Reform der Bilanzierungs-Vorschriften oder bessere Vergaberichtlinien. In den Koalitionsverhandlungen im Herbst 2009 werden entsprechende Punkte vereinbart.
Entscheidungsprozesse: Experimentelle Wirtschaftsforschung und empirische Studien zeigen eindeutig, dass Gruppen (Teams) anders als Individuen entscheiden. Vom Erfolg her sind Gruppen auch besser als "Einzelkämpfer". "Drei Köpfe sind besser als einer", Matthias Sutter, Uni Innsbruck. Diese Erkenntnis hatte die BWL allerdings schon seit Jahrzehnten (vgl. zum Beispiel meinen Aufsatz von 1983 mit W. Biehl). Im individuellen Entscheidungsprozess schaden zu viele Informationen und intuitive Entscheidungen sind oft ökonomischer und schneller. Fakten-huberei kann die Sicht vernebeln. In Grenzsituationen sollte man sich auf die Intuition verlassen. (G. Gigerenzer, MPI für Bildungsforschung, Berlin, Bauchentscheidungen, Wissenschaftsbuch 2007). Als der Klassiker der Entscheidungsforschung gilt H. A. Simon (1916-2001, Nobelpreis 1978). Er erforschte die eingeschränkte Rationalität in Entscheidungsprozessen.
Change Management: Unternehmen, Märkte, Technik, Lebensmodelle verändern sich rasant. Noch nie vorher in der Geschichte war so viel Anpassungsfähigkeit verlangt. Die Zyklen, innerhalb derer sich Unternehmen erneuern müssen, werden immer kürzer. Der planvolle Umgang mit diesem Wandel ist der Gegenstand von Change Management, das immer mehr zur Daueraufgabe der Unternehmensführung wird. So werden Qualifikationen immer wichtiger, die für dieses Management notwendig sind: Ressourcen organisieren, Technologiesprünge managen, gesellschaftliche Akzeptanz herstellen.
Peter-Prinzip: In einer Hierarchie tendiert jeder dazu, bis zu der Ebene aufzusteigen, auf der sich seine Inkompetenz zeigt. Dazu gibt es im Mittelstand nicht so viel Gelegenheit.
Elena: Staatliche Datenbank zur Erfassung der Einkommensdaten. Es gibt Kritik von Datenschützern, weil auch Absentismus, Gesundheit und Abmahnungen enthalten sind. Es gibt auch Zweifel an der Praxistauglichkeit für kleine und mittlere Unternehmen. So erwägt 2010 der Bundeswirtschaftsminister einen Stopp.
Unternehmenslebenszyklus: Er erstreckt sich von der Gründung über die Wachstumsschwellen, die Unternehmensnachfolge bis zur Insolvenz. Interessant sind hier Gesetzmäßigkeiten. 2009 gab es rund 34.300 Insolvenzen; 2010 werden 40.000 erwartet.
Alternative Wachstumsstrategien: 1. Mergers, d. h. jegliche Transaktion, die zwei oder mehr Wirtschaftseinheiten zu einer Einheit fusioniert. 2. Joint Ventures, d. h. ein Zusammenschluss von Teilbereichen zweier oder mehrerer Unternehmen für spezielle Geschäftszwecke über eine befristete Zeitdauer. 3. Andere Formen: Franchising (Konzessionsverkauf des Geschäftsnamens, der Reputation oder des Geschäftskonzepts), Investments (Beteiligung ohne Kontrolle), Allianzen (langfristige, eher informelle Beziehungen), Lieferantennetzwerke.
Beratung für KMU (externe): Es kann verschiedene Gründe für die Inanspruchnahme solcher Beratungsleistungen geben: Probleme in bestimmten Bereichen, Kostenvorteile, fehlendes Know-how in speziellen Gebieten, Implementierungsaspekte und psychologische Rahmenbedingungen.
Unternehmens-Ethik: Gewinnstreben und und ethisches Handeln müssen auch im Mittelstand in Einklang gebracht werden. Nachhaltigkeit, Vertrauen und die eigene Vorbildfunktion sind wichtige Elemente. Haftung, persönliche Integrität, Fairness und Beteiligung sind wichtige Bedingungen. Ohne Reputation kann Marktwirtschaft nicht funktionieren und können KMU nicht agieren. Dieser gute Ruf muss aufgebaut werden. Die Theorien, die heute an Business Schools gelehrt werden, erzeugen oft die Amoral der Manager mit (so Sumantra Ghoshal). "Der Markt ist kein moralfreier Raum. Nur moralische Handeln bringt langfristig ökonomischen Erfolg," Reinhard Marx, Erzbischof von München.
Corporate Citizenship (auch Corporate Social Responsibility, CSR): Das Engagement von Unternehmen in wohltätigen, insbesondere kulturellen, Aktivitäten. Rund 94% aller KMU in Deutschland sind hier aktiv und wenden im Durchschnitt 0,07% des Jahresumsatzes für Geldspenden, Schenkungen, kostenlose Dienste, Mitarbeiterfreistellungen, Nutzungsgestattungen und anderes auf. Das Rahmenthema ist Mittelstand und Gesellschaft. Dazu gehört auch die Abhängigkeit der KMU von den Umfeldbedingungen der Wirtschaft und Gesellschaft. Die soziale Verantwortung der Unternehmen hat in der globalen Wirtschaft rapide zugenommen. Drei Punkte werden an Bedeutung gewinnen: die Analyse schlechter Nebenfolgen, Kontrolle durch unabhängige Dritte, Ausdehnung entlang von Wertschöpfungsketten. Insgesamt hat CSR drei Dimensionen: die wirtschaftliche, d.h. Unternehmen sollen Produkte und Dienstleistungen anbieten, aber auch Arbeit und Wissen zur Verfügung stellen. Eine ökologische Dimension, d. h. Unternehmen müssen die physische Umwelt schützen (Öko-Effizienz). Drittens eine soziale Dimension, d. h. Unternehmen sollen die grundlegenden Menschenrechte schützen. ISO 26000 soll bei der Internationalen Organisation für Normung (ISO) zum Standard für gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen und Organisationen werden. In Deutschland ist die Wirtschaft strikt dagegen (zu schwammig formuliert) Seit 2004 wird um diese "Ethiknorm" für unternehmerische Initiativen gerungen. Staatliche Förderung für CSR ist für Erweiterung oder Intensivierung möglich. Mittlerweile gibt es eine Reihe von Preise: Es gibt den Deutschen CSR-Preis (seit 2011), den Deutschen Engagement-Preis und den Mittelstandspreis für soziale Verantwortung (Caritas B.-W.). Die CSR hat auch eine starke kulturelle Komponente. Zum Beispiel ist das Leitbild der CSR in China ganz anders. Viele Wirtschaftspioniere in Deutschland sind auch durch ihr soziales Engagement aufgefallen (z. B. Bosch, Otto).
Corporate Governance (CG): mittlerweile auch im Mittelstand. C. G. umfasst die Steuerung und Überwachung von regulatorischen Anforderungen innerhalb der Unternehmensorganisation. Es ist insofern ein Konzept für gute Unternehmensführung, das allerdings wegen der Heterogenität von KMU nicht einheitlich sein kann. Als die drei Säulen gelten unternehmensexterne Elemente, familiengerichtete Elemente und unternehmensinterne Elemente. Besonders bei mittelständischen Unternehmen kann ein Interessenausgleich zwischen verschiedenen Stakeholdern als wichtiges Unternehmensziel neben der Unternehmenswertsteigerung angesehen werden.
Compliance (Recht und Integrität): Unternehmen und deren Mitarbeiter müssen Gesetze und interne Richtlinien befolgen. Es umfasst Regeln und Systeme, die deren Erhaltung garantieren sollen. Dazu gehören Risikoanalysen, Pläne und deren Umsetzung (z. B. Compliance-Beauftragter). Hiermit soll vor allem der Kampf gegen die Korruption geführt werden. Viele Unternehmen basteln an Regeln und Kontrollen, um Korruption und Gemauschel zu verhindern. Andererseits gehören in vielen Kulturen (z. B. China, Arabische Länder) Geschenke zu Geschäften dazu. Für KMU ist Compliance in der Regel schwieriger umzusetzen, da sie keine Rechtsabteilungen haben. So spielen Mitarbeiterschulungen eine große Rolle. "Grundlage des erfolgreichen Wirkens des Kaufmanns ist immer noch: Gewinne erwirtschaften und Werte schaffen. Werte schaffen aber bedeutet mehr als Cash-Flow", Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Springer AG (Handelsblatt 18.11.11, S. 13).
Ehrenamt: Wurzeln gehen in Deutschland auf die preußische Städteordnung und der Begriff findet sich erstmals 1856 in der Landesgemeindeordnung Westfalen. Dahinter stehen Religion und Bildungsbürgertum. Am stärksten ist das Ehrenamt in den USA ausgeprägt. Im Zusammenhang mit KMU müsste das Ehrenamt positiv in die Personalbeschaffung einbezogen werden.
Marketing (vor allem internationale Aspekte, Internationalisierung, Kooperation)
Markteintritt: Für die Unternehmen ist dies mit hohen Kosten verbunden. Diese liegen beim Export z. B. bei Anwälten für Importrechte und bei dem Aufbau von Vertriebskanälen. Diese Kosten ("sunkcosts") gingen verloren, wenn die Unternehmen den Auslandsmarkt wieder verlassen. Bei Direktinvestitionen im Ausland (Produktionsstätten) sind die Markteintrittskosten in der Regel am höchsten. Vgl. auch meinen Abschnitt über den Markteintritt in Ostasien. Besonders interessant sind die Chancen des Mittelstands in aufstrebenden Märkten wie Brasilien, Russland, Indien und China. Vor wenigen Jahren noch waren die niedrigen Produktionskosten Hauptmotiv für Investitionen. Heute ist es der Aufbau von neuen Vertriebsstellen.
Exporte: Sie sind immer noch die wichtigste Internationalisierungsstrategie im Mittelstand, häufig indirekt durch Einschaltung von Handelsmittlern. Die wichtigsten Exportgüter aller Unternehmen sind Kraftfahrzeuge und Kfz-Teile, gefolgt von Maschinen und chemischen Erzeugnissen. KMU werden erstaunlich gut mit dem hohen $ - Wechselkurs und der schwachen US-Konjunktur fertig (Modell der monopolischen Konkurrenz! doppelt geknickte Nachfragekurve). Die deutsche Exportquote ist von 24,0 im Jahre 1995 auf 40,1 im Jahre 2005 und fast 50% im Jahre 2008 nach oben geschnellt (Spitze vor Kanada und Südkorea). Im gleichen Zeitraum ist die Importquote von 23,5 auf 35,1 gestiegen. Vgl. auch Direktinvestitionen. Der Bund kann Exporte durch Hermes-Exportgarantien abstützen. Diese sichern das Ausfallrisiko der Zahlungen ausländischer Kunden ab. Im Haushalt 2009 sind dafür 117 Mrd. € vorgesehen. Weil der deutsche Heimatmarkt relativ klein ist, altert und schrumpft, sind dort die Absatzmöglichkeiten der hoch spezialisierten, effizienten deutschen KMU zu gering. Also hängt die Zukunft Deutschlands stark vom Export der KMU ab (es gibt keine Alternative zu diesem Geschäftsmodell). Allerdings wird es auch immer mehr aus dem Ausland kritisiert, weil uns Lohndumping vorgeworfen wird. Allerdings dürfte eine erfolgreiche Spezialisierung, auch mit regionalen Besonderheiten, eine große Rolle spielen. Bis 2008 war Deutschland Exportweltmeister. 2009 wird es von China überholt. 982 Mrd. € betrugen 2009 die Exporte, 40 % der Wertschöpfung. Den Ausschlag dürften die Wechselkurse gegeben haben. Im ersten Halbjahr 2009 kam es aufgrund der Weltwirtschaftskrise zu einem Einbruch, vor allem die Exporte nach Russland und den EU-Staaten schrumpften. Im Jahre 2010 kommt ein deutlicher Exportanstieg, vor allem aufgrund der Nachfrage aus China und den USA. Z. B. steigt der Export im dritten Quartal 2010 um 21,5%. Mitte 2011 gehen die Exporte wieder zurück, weil die Weltwirtschaft lahmt. Das "goldene Zeitalter" für die deutschen Exporteure geht weiter. 2011 steigen die Exporte insgesamt erstmals über 1 Billion Euro (1,06; Anstieg 2011 um 11,4%). Die Schwellenländer wollen ihre Infra-Struktur-Investitionen noch einmal deutlich steigern. Insbesondere befeuern die Türkei, Russland und China die deutschen Exporte. Es gibt in Deutschland und weltweit eine Debatte um die Exportorientierung, insbesondere um den Stellenwert der Einkommensungleichheit in den einzelnen Ländern. Unbestritten ist, dass eine Exportorientierung der beste Garant für Innovation ist. "Ich wüsste nicht, wessen Geist ausgebreiteter wäre, ausgebreiteter sein müsste, als der Geist eines echten Handelsmannes", Johann Wolfgang von Goethe. Für 2012 erwartet die deutsche Wirtschaft ein Anstieg der Exporte um mindestens 3 Prozent (zu Beginn des Jahres aber wesentlich stärker).
Exportquote: Hier in der Mittelstandsökonomie bezogen auf ein Unternehmen oder eine Branche (z. B. Verarbeitendes Gewerbe). Der Auslandsumsatz wird ins Verhältnis zum gesamten Umsatz in einer bestimmten Zeit gesetzt. Sie ist ein Indikator für die Exportstärke bzw. für die Auslandsabhängigkeit. Die Exportquoten einzelner Branchen sind sehr unterschiedlich. Sehr hoch ist sie im deutschen Maschinenbau. In der Solarbranche liegt sie bei über 50%. Rheinland - Pfalz hat eine überdurchschnittliche Exportquote von 57%. 2010 steigt diese Quote sogar auf 61%. Die größten industriellen Arbeitgeber BASF in Ludwigshafen und Daimler in Wörth erzielen Exportquoten von 70 und 65%. Die Exporte haben in Deutschland im 1. Quartal 2010 zu einem Anstieg des BIP um 1,7% gegenüber dem 1. Quartal 2009 geführt. Im Mai 2010 sind die Exporte um 28,8% im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen. Entscheidend sind die Exporte nach Asien. In den drei Monaten danach sind die Exporte sogar weit über 20% gestiegen (im Oktober 2010 um 19,8%). Im März 2011 gibt es einen neuen Rekord bei den Ein- und Ausfuhren (Anstieg in den ersten drei Monaten um 20%). Auch zu Beginn von 2012 steigen die Ausfuhren sehr stark an (Februar 2012 +8,6%, Bedeutung des asiatischen Marktes wächst, vor allem Produkte aus Umweltschutz, Klimawandel und Energiegewinnung).
Kooperation: In der Globalisierung nimmt die Bedeutung dieser Internationalisierungsstrategie (andere: Export, passiver Veredlung, Lizenz, Projektgemeinschaft, Beteiligung, Fusion) stark zu. Häufig sind die Kooperationen ohne Vertrag, um die Kosten beim Scheitern gering zu halten. Haupthindernis ist die Angst des Unternehmers, die Unabhängigkeit zu verlieren. Einige Länder schreiben gesetzlich Joint - Ventures vor oder machen mit nichttarifären Handelshemmnissen Druck. Wichtig bei Kooperationen ist die richtige Partnerwahl und das Vertrauen.
Vertrauen: Vertrauen ist eine zentrale Ressource für junge Unternehmen und ältere Unternehmen, die Kooperationen planen. Risiko, Unsicherheit und Informationsasymmetrie spielen dabei eine große Rolle. Vertrauen in die Investoren und Vertrauen in die Kooperationspartner unterliegt bestimmten Bedingungen. Vgl. Welpe, I. M.: Die Entstehung von Vertrauen im Kontext von Unsicherheit und Informationsasymmetrie, in: ZfB 2008, H. 12, S. 1251-1283. Die Bedeutung von Vertrauen als ökonomisches Handlungsmotiv im Rahmen der "animal spirits" (Adam Smith) wird zunehmend gesehen, auch um der gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden. Vgl. auch Beise, M./ Diederichs, L. (Hg.): Hoffnung Mittelstand, München 2009, S. 47 ff. Auch in der Weltwirtschaftskrise 2008 zeigt sich die Bedeutung des Vertrauens für die Marktteilnehmer, hier insbesondere das Vertrauen im Interbankenmarkt. Gesellschaftliches Vertrauen und Systemvertrauen stellen eine übergeordnete Ebene dar, die die Interdisziplinarität aufzeigt. Auf den Finanzmärkten muss der Staat in und nach der Weltwirtschaftskrise als Vertrauensgeber einspringen. Dadurch wird das Risiko von der Wirtschaft auf die Gesellschaft überwälzt. Vertrauensverlust ist auch ein zentrales gesellschaftliches Thema unserer Zeit: aktuelle Beispiele sind Toyota, die Kirche, die Banken. Über die Bedeutung von Vertrauen für eine Gesellschaft hat auch die Wirtschaftsnobelpreisträgerin 2009 Elinor Ostrom gearbeitet (Wege, die sicherstellen, dass andere vertrauenswürdig sind).
Ausrichten auf das asiatische Jahrhundert: China und Indien sind Märkte, an denen auch KMU nicht mehr vorbeigehen können. Diese Staaten werden die Weltwirtschaft bald dominieren. Japan ist immer noch stark. Hierauf muss man sich strategisch einstellen.
Weltmarktführer: Dies sind - bezogen auf KMU - Unternehmen, deren Produkte im weltweiten Wettbewerb eine Spitzenposition einnehmen. In der Regel ist die Umsatzhöhe entscheidend. Bei KMU bezieht sich diese Position auf Nischen, also Weltmarktsegmente. Man bezeichnet diese Unternehmen auch als "Hidden-Champions". Die 1000 größten mittelständischen Firmen der Kategorie Weltmarktführer erzielen jährlich einen Umsatz von 1,7 Billionen Euro und beschäftigen weltweit rund sieben Mio. Menschen. Rund 70 Prozent sind in Familienbesitz. Der größte Teil dieser Firmen ist im Maschinenbau tätig, gefolgt von der Elektroindustrie, Konsumgütern, Bauindustrie, Kraftfahrzeugindustrie und Medizintechnik. Die Unternehmen liegen überwiegend in den Bundesländern NRW, B. - W. und Bayern.
Controlling, Logistik (Produktionsstrategien, typische Branchen)
Controlling: Das Controlling ist im Mittelstand eher einfach gestaltet, vor allem strategische Elemente fehlen. Entsprechende Aufgaben werden von den wenigen Führungskräften insgesamt mit übernommen. Der Nutzen des Controlling ist aber groß: die Umweltdynamik ist für KMU gleich, die Kapitalgeber haben durch die Finanzkrise und Basel II höhere Standards, die intuitive Entscheidungsfindung reicht nicht mehr aus, die Aufgabenüberlastung nimmt zu. Die Softwareunterstützung ist so gestiegen, das ein Einstieg relativ einfach möglich ist. Generell werden neue technische Informationssysteme, effizienteres Management und die Einbindung in Strategieplanung das Controlling im Mittelstand aufwerten.
Tendenz der abnehmenden Fertigungstiefe: Anteil des Produkts in Eigenfertigung sinkt, wodurch Kosten eingespart werden, aber die Abhängigkeit zunimmt. Folge sind die Verlagerung von Arbeitsplätzen aus den Industrieländern, eine andere Bewertung von Exporten und evtl. eine Basarökonomie dort (vgl. Sinn, H. - W. Die Basarökonomie, Berlin 2005). Die These löst eine rege wirtschaftswissenschaftliche Diskussion aus. Folge ist in der Regel internationales Outsourcing: Übertragung von Sach- und Dienstleistungen aus dem Stammland auf eine Wirtschaftseinheit, die ihren Standort im Ausland hat. dies kann die gesamte Wertschöpfungskette betreffen. Einige Kollegen bezeichnen das Auslagern von Dienstleistungen als Offshoring. "Wir haben in den vergangenen Jahren die eigene Produktion in diesem Bereich (Unterhaltungselektronik) fast komplett ausgegliedert....Rund 90 Prozent der Geräte werden komplett von Zulieferern nach unseren Vorgaben hergestellt", Philips-Chef Gerard Kleisterlee.
Standortverlagerung: Der ganze Betrieb bzw. Teile der Fertigung werden in Deutschland geschlossen und im Ausland neu aufgebaut. Die Standortverlagerung kommt häufiger bei mittelständischen Unternehmen vor und erfolgt häufig in Osteuropa. Die Kosten der neuen Anlaufzeiten vor Ort werden dabei oft falsch eingeschätzt, genauso wie die Einsparung der Personalkosten. Die Folge ist, dass viele Betriebe die Entscheidung korrigieren. 2008 kann die Firma Steiff aus Giengen hier als Beispiel genannt werden, die die Produktion aus China nach Deutschland zurückverlagert. Auch steigende Transportkosten infolge der Energiepreisexplosion könnten zu einer Renaissance des Standorts Deutschland führen. Nach einer Studie des StBA wurden zwischen 2001 und 2006 durch Standortverlagerung 188.000 Jobs in Deutschland abgebaut. Nach einer Studie des VDI werden 74.000 Arbeitsplätze dadurch jährlich weniger in Deutschland. Eine Studie des IfW, Kiel, kommt 2009 zu dramatischen Ergebnissen: 11 Millionen Jobs könnten ins Ausland verlegt werden, das sind 42 % aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Durch den technischen Fortschritt seien viele Dienstleistungen digitalisierbar. Viele deutsche Unternehmen holen ihre Produktion aber auch zurück, vor allem aus Fernost. Andere verwerfen Verlagerungspläne. Insofern stößt die weltweite Arbeitsteilung an Grenzen. Die EU hat ein Programm für die Opfer von Arbeitsplatzverlagerungen (Globalisierungsfonds). Hier sind 500 Mio. € verfügbar, die aber kaum abgerufen werden (BenQ - Opfer bekamen 12,8 Mio.). "Viele chinesische Unternehmen überlegen, einen Teil ihrer Fertigung nach Europa zu verlegen, denn das ist günstiger als die Transportkosten. Die Fertigung kommt also teilweise wieder - aber unglücklicherweise nur der Zusammenbau. Ein interessantes Konzept - wir werden zur dritten Welt, für Einfach-Fertigung. Das ist der Kampf, dem sich die westliche Welt stellen muss", SAP-Aufsichtsratschef Hasso Platter auf der Mitarbeiterversammlung der SAP in Palo Alto 2012.
Produktion in KMU: Einzel- und Kleinserienfertigung sind vorherrschend. Daher ist die Arbeitsintensität hoch. Die Arbeitsteilung ist nicht sehr groß. Die Fertigungstiefe ist in der Regel hoch.
Maschinenbau: Der Maschinenbau in Deutschland ist durch den Mittelstand geprägt. Die Zentren sind im südlichen Ruhrgebiet/Süd-Westfalen, Raum Bielefeld/ Gütersloh und im Raum Stuttgart. Am stärksten ist der Maschinenbau im Südwesten (Raum Stuttgart) konzentriert. Der Jahresumsatz liegt bei ca. 160 Milliarden €. Die Branche hat eine hohe Exportneigung (ca. 60% des Umsatzes werden im Ausland erwirtschaftet), so dass sie von der Globalisierung und Weltwirtschaftskrisen besonders stark betroffen ist (Export 2009 -50%, -20% Umsatz). Beim ausfuhrwert nehmen Maschinen insgesamt den zweiten Platz ein (138,7 Mrd. € 2010, hinter Kraftwagen und Kraftwagenteile). Die Branche profitiert stark von den Ausrüstungsinvestitionen in China, Indien und Osteuropa. 10% aller ins Ausland gelieferten Maschinebau-Anlagen gehen nach China. Das Produktivitätsvolumen erhöhte sich in den letzten fünf Jahren um 40%. In den großen Schwellenländern Brasilien und Russland stehen Maschinen bei Importen an der Spitze, Bei Indien und China stehen sie an dritter und vierter Stelle. Der Mittelstand im Maschinenbau ist auch besonders innovationsstark (doppelter Gewinn für die deutsche Volkswirtschaft!). Deshalb entstehen hier besonders viele neue Arbeitsplätze. Allerdings könnte die Lohnzurückhaltung der letzten Jahre auch negativ mit auf die Binnenkonjunktur wirken. Weltweit ist Deutschland hier auf Platz drei, 15% am BIP, ca. 1 Mio. Beschäftigte. Insgesamt hat der Maschinenbau in Deutschland aufgrund des Strukturwandels im Verarbeitenden Gewerbe zwischen1999 und 2007 1,5% der Beschäftigten verloren. 2009 ist die Beschäftigtenzahl noch mal um 60.000 zurückgegangen, der Auftragseingang bricht um 38% ein. Insgesamt wurde 2009 für 151 Mrd. € produziert, davon gingen 110,3 Mrd. € in den Export, es waren 954.000 Menschen beschäftigt. 2010 signalisieren Maschinenbestellungen ein Ende der Talfahrt. Aber die wachsenden Bestellungen aus Asien und Südamerika können das schwache Europa-Geschäft nicht ganz kompensieren. Nach der Wirtschaftskrise 2010 zeigt sich besonders eindrucksvoll, wie wichtig ein exportorientierter schlagkräftiger Mittelstand für Deutschland ist. Dies besonders im Vergleich zu Ländern, in denen es anders ist (Spanien, Großbritannien). 2012 dürfte die Branche etwas langsamer wachsen (4%) als 2011 (14%). In vielen Schwellenländern ist mittlerweile auch ein Markt einfachere Qualität oder vernünftige Qualität. Höchste qualität für anspruchsvolle Kunden ist hier oft nicht zu bezahlen (z. B. in China). In den ersten 6 Monaten 2010 steigen die Auftragseingänge im Maschinenbau in Baden-Württemberg um 35%. Im November 2010 stieg der Auftragseingang für ganz Deutschland um 43%. Im Jahr 2011 wird mit 20.000 neuen Arbeitsplätzen gerechnet. 2011 steigt der Auftragseingang unaufhörlich. In den ersten vier Monaten stiegen allein die Exporte in die Türkei um 50%.Für 2012 rechnet die Branche mit 14 Prozent Produktionswachstum. Allerdings lässt Ende 2011die Nachfrage aus dem Ausland rapide nach (-14% Auftragseingang im Dezember). Besonders erfolgreich ist die Branche in China. 65% aller deutschen Exporte in das Land sind Maschinenbauerzeugnisse (davon 19% Maschinen, 2011).
Produktion im Ausland: Nach der Weltwirtschaftskrise scheint die Globalisierung ein Stück zurückgedreht zu werden. Die Firmen besinnen sich wieder mehr auf die Sicherheit des Inlandes. Auch Osteuropa rückt durch seine Nähe (auch kulturell, fehlende Zollschranken) wieder mehr ins Blickfeld. China wird durch die stark steigenden Lohnkosten, den Technikdiebstahl und die Rechtsunsicherheit an Boden verlieren. Auch die Entfernung macht sich stark negativ bemerkbar.
Basarökonomie: Produktionsverlagerungen ins Ausland bis auf dem heimischen Markt nur noch verkauft wird. Billig im Ausland produzierte Teile werden in Deutschland endmontiert. Verantwortlich ist mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, vor allem zu hohe Lohnstückkosten. Vgl. Sinn, H.-W., Die Basarökonomie, Berlin 2005. "Es genügt, wenn wir Engineered by Porsche in Germany auf unsere Autos schreiben können. Wir müssen nicht zwingend alle Autos auch in Deutschland bauen", Matthias Müller, Porsche-Chef 2011.
Energieeffizienz in kleinen und mittleren Unternehmen: Die KfW-Bank kann Energieeffizienz-Studien für KMU bezuschussen. Ziel ist die Investition in sparsame Technik. Qualifizierte und von der KfW anerkannte Energieberater führen die Studien durch. Vgl. www.mehr-aus-energie.de .
Softwarepaket für den Mittelstand: Die meisten KMU haben Einzelprodukte, die lose miteinander verknüpft sind. Im Mittelpunkt stehen in der Regel die Business bzw. Professional Pakete "Windows Office". Das Mittelstandspaket "Business by Design" von SAP wartet noch wie alle Versuche vorher auf Erfolg.
Finanzierung, Gründung
Banken: Die deutschen Großbanken (Deutsche Bank, Commerzbank) finanzieren mittelständische Unternehmen in der Regel erst ab einem Umsatz von 50 Mio. Euro. Darunter ist das Geschäft für Sparkassen und Volksbanken, die relativ ortsnah sind. Die Stärken der Großbanken liegen in Außenwirtschaftsgeschäften. Die Stärken der Regionalbanken liegen im "Relationsship Banking", was jedoch durch Basel II zurückgeht. Wegen der Staatsschuldenkrise vergeben die Banken weniger Kredite an KMU. Die europäische Bankenaufsicht EBA will helfen, indem das Risikogewicht für Mittelstandskredite um ein Drittel auf 50% gesenkt wird. Die neue Regel kann frühestens 2013 in Kraft treten, da sie 2 Jahre getestet werden soll.
Economies of Scale: Massenproduktionsvorteile, die bestehen, wenn die Fertigungskosten langsamer wachsen als die Produktionsmenge. Dadurch sinken die Kosten pro Stück (Anteil der Fixkosten an den Gesamtkosten) mit steigender Betriebsgröße. Die Economies of Scope sind Verbundvorteile, die sich ergeben, wenn verschiedenartige Güter in einem einzigen Unternehmen kostengünstiger hergestellt werden können als in mehreren spezialisierten Unternehmen. Naturgemäß haben KMU bei diesen Kostenbetrachtungen große Nachteile. Diese können aber durch Kooperationen ausgeglichen werden. Der Break-even-Point ist die Produktionsmenge eines Gutes, ab der ein Unternehmen mit dem Produkt Gewinne erzielt.
Profit (Gewinn): Vermögensbestände am Ende des Jahres (Immobilien, Vorräte, Bankguthaben) minus Schulden, Vergleich zum Vorjahr= positives Nettovermögen/ Gewinn. Eine andere Methode zieht vom Umsatz die Kosten wie Löhne, Mieten und Zinsen ab: Gewinn bleibt, wenn die Einnahmen höher als die Ausgaben sind. Der Gewinn kann im Unternehmen bleiben als Investition oder ausgeschüttet werden. Zur konkreten Berechnung gibt es präzise betriebswirtschaftliche Methoden. Wenn die Regeln eingehalten werden (fairer Wettbewerb) kann dies auch der Allgemeinheit nützen (Adam Smith, Milton Friedman). Karl Marx sah einen stetigen Fall der Profitrate und eine Krise des Kapitalismus voraus (durch fallenden relativen Mehrwert durch die Automatisierung). "Immer habe ich nach dem Grundsatz gehandelt: Lieber Geld verlieren als Vertrauen. Die Unantastbarkeit meiner Versprechungen, der Glaube an den Wert meiner Ware und an mein Wort standen stets höher als ein vorübergehender Gewinn," Robert Bosch, 1919.
Umsatzrendite: Nach der Finanz- und Weltwirtschaftskrise beträgt die Umsatzrendite in Deutschland 2009 im Durchschnitt 1,9%. An der Spitze liegen russische Unternehmen mit 13,7% vor Unternehmen in der Schweiz mit 9,1%. Die Umsatzrendite im deutschen Mittelstand liegt normalerweise noch unter dem Durchschnitt aller deutschen Unternehmen. "Effizienz ist schwer zu definieren, schwerer zu messen und noch schwerer zu verbessern", Paul Samuelson.
Dividendenfinanzierung: Bei Aktiengesellschaften kann es vorkommen, dass Bankkredite zur Finanzierung von Dividenden dienen. Diese Praxis belastet die Unternehmen und ist im Mittelstand qua Rechtform nicht verbreitet.
Eigenkapital: ist der auf den oder die Eigentümer eines Unternehmens entfallenden Teil des zu einem bestimmten Zeitpunkt investierten Kapitals (Gegenteil: Fremdkapital). Es steht auf der Passivseite der Bilanz. Es trägt das Verlustrisiko und übernimmt für die Verbindlichkeiten gegenüber den Gläubigern eine beschränkte Haftung. Der deutsche Mittelstand hat eine geringe Eigenkapitalquote, was auf das Steuerrecht zurückzuführen ist (Begünstigung von Fremdkapital). Die Reform des Steuerrechts versuchte dies zu korrigieren (Zinsschranke), führte aber zu Problemen in der Weltwirtschaftskrise. Kleine Unternehmen verfügen oft nur über sieben Prozent Eigenmittel. Von den 30 Dax - Konzernen haben Merck, Beiersdorf und SAP 2009 die höchsten Eigenkapitalquoten. Aus dem MDax sind dies Fielmann, Rational und Puma.
Mezzanin-Kapital: Begriff aus dem Italienischen, der Zwischengeschoss bedeutet. Zwischending zwischen Eigen- und Fremdkapital. Mezzanin-Geldgeber stellen einem Unternehmen Mittel zur Verfügung, ohne sich direkt an der Firma zu beteiligen. Sie tragen ein höheres Risiko, weil sie in einem Insolvenzfall hinten anstehen müssen. Dafür nehmen sie oft höhere Zinsen. Der Vorteil für die KMU besteht darin, die Eigenkapitalbasis zu stärken, ohne den Gesellschaftern (Banken, Versicherungen, Fonds) volle Gesellschafterrechte einräumen zu müssen.
Kapitalerhöhung: Eine AG kann ihr Eigenkapital durch die Ausgabe junger Aktien erhöhen. Diese sind nicht voll dividendenberechtigt. Es gibt Kapitalerhöhungen ohne und mit Bezugsrecht.
Mitarbeiterbeteiligung: Es gibt zwei Grundmodelle. Das erste ist betriebsbezogen. Bei diesem Investivlohn verzichten die Arbeitnehmer auf einen Teil der Tariferhöhung und werden dafür am Unternehmen beteiligt (CDU). Für die Arbeitnehmer gibt es eine Einkommenshöchstgrenze für die Teilnahme und eine Steuerbegünstigung. Es besteht das Risiko des Verlustes. Das zweite Modell ist betriebsunanhängig. Es wird ein Fonds eingerichtet (Deutschlandfonds, SPD), der steuerbegünstigt ist und kein Verlustrisiko hat. Die Mitarbeiter erwerben Anteile, bekommen Erträge und Rückzahlungen; die Unternehmen Mezzanine- oder Beteiligungskapital, für das sie Zins und Tilgung zahlen. In der Praxis gibt es 2010 noch keinen einzigen Fall. Nach der Finanzkrise bauen die Gewerkschaften, insbesondere die IG Metall, die Kapitalbeteiligung an großen Firmen aus. So soll es Belegschaftsanteile bei Daimler (320 Mio. €), bei VW, Schaeffler und Opel geben.
Modelle der Gründungsfinanzierung sind Self-feeding Business (primär Selbstfinanzierung), Bootstrap Financing (Eigenfinanzierung, daneben auch Fremdfinanzierung) und Big Money Model (Eigen- und Fremdfinanzierung in größerem Umfang). Vgl. Freiling, J.: Entrepreneurship, München 2006, S. 316. Es gibt folgende Risiken der Finanzierung: Gesamtrisiko (Abweichungen der tatsächlichen von den erwarteten Renditen), diversifizierbares Risiko und Marktrisiko (Konjunktur). Der Finanzierungsbereich gilt als größtes Problem mittelständischer Unternehmen. Basel II, der Wegfall der Gewährträgerhaftung und die Finanzkrise 2007/08 verschärfen die Schwierigkeit und erhöhen die Finanzierungskosten. Das Land Rhld. - Pfalz z. B. legt Ende 2008 ein Bürgschaftsprogramm auf, das drastische Auftragsrückgänge und Liquiditätsschwierigkeiten aufgrund der Finanzkrise bei KMU abfedern soll. Bei der Internationalisierung der KMU muss im Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit die Finanzierung gesichert werden (z. B. durch Bürgschaften). 2009 richtet die Regierung einen "Rettungsschirm" ein, der Unternehmen helfen soll, die wegen der Finanzkrise kaum noch Kredite bekommen (KfW, Kreditbürgschaften, 100 Mrd. €). "Wir haben keine andere Wahl, wenn wir Ländern wie China einen Schritt voraus sein wollen", Susanne Klatten, Quandt, über Startups.
Geschäftsmodelle für Unternehmensgründer: Eine Möglichkeit ist die Nachahmung (Imitation).
Verbriefung: Darüber gliedern Banken Kredite aus ihrer Bilanz aus und reichen sie an Investoren wie Pensionsfonds oder Versicherungen weiter. Dadurch kann in der Folge Eigenkapital freigesetzt werden, dass zur Vergabe von Finanzierungen (insbesondere an KMU) genutzt werden kann. Insofern verbriefen viele Banken ihre Mittelstandsdarlehen (auch direkt Mezzanine-Kapital). Es gibt sogar Programme, bei denen Firmen ihre Forderungen selbst verbriefen können. Verbriefungen sind in unterschiedliche Risikoklassen gestückelt, sie sind mit Forderungen besicherte Wertpapiere (Asset Backed Securities). Durch den Suprime Market in den USA ist diese Form erheblich in Verruf geraten. Bei den Garantien gibt es zwei Modelle: horizontal, bei der jede Tranche einer Verbriefung ein unterschiedliches Ausfallrisiko hat. Vertikal, bei dem der Staat für sämtliche Ausfälle mit einem bestimmten Prozentsatz haftet. KMU könnten also ein Interesse daran haben, dass sich der Markt erholt, weil sonst für sie eine Kreditklemme drohen kann. "Auf das gesamtwirtschaftliche Kreditvolumen haben Ökonomen und Notenbanken nicht geachtet", Carmen Reinhart, University of Maryland.
KfW-Bank: Über die Kreditanstalt für Wiederaufbau in Frankfurt laufen die meisten Fördermittel für KMU. Das gilt auch für die Mittel der EU. Hauptproblem ist die Tatsache, dass die Abwicklung der Kredite über die Hausbank laufen muss, deren Gewinnspanne oft zu gering ist. Deshalb hält sich das Interesse der Hausbanken in Grenzen. Insofern kann die KfW eine Kreditklemme nur begrenzt lindern. 2009 wird erwogen, durch die KfW direkt Kredite an KMU zu vergeben. Die KfW ist eine Gruppe: die Förderbank unterstützt insbesondere Umweltinvestitionen. Die Mittelstandsbank hilft Unternehmen bei der Kreditfinanzierung. Die Ipex-Bank macht Export- und Projektfinanzierung. Die Entwicklungsbank fördert Projekte in der Dritten Welt. Die DEG konzentriert sich auf die Privatwirtschaft in Entwicklungs- und Schwellenländern. Ende 2009 erleichtert die KfW nochmals die Kreditaufnahme für den Mittelstand: Kredite für Betriebsmittel in 2010, längere Laufzeit für Investitionen, längere Zinsbindung. In RLP läuft das Mittelstandsförderprogramm über die Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz (ISB). Dieses hatte zuletzt 2009 einen Umfang von 254,5 Mio. € (Inanspruchnahme). Ein wichtiges Instrument ist die stille Beteiligung. 2011 wird die ISB mit der Landestreuhandbank verschmolzen. Nach Vorgaben des Bundes muss auch eine Bürgschaftsbank gegründet werden.
Basel II: Regelungen des Basel Committee on Banking Supervision, das sich unter der Leitung der Bank für internationalen Zahlungsgleich (Bank for International Settlements) in Basel trifft. Es geht unter anderem um Eigenkapitalregelungen für Banken und Firmen und um Voraussetzungen der Kreditvergabe (z. B. Business Plan). In der EU ab 2007 in Kraft getreten. Andere Länder folgten oder folgen noch. Für KMU dürften sich die Kreditkosten erhöhen. Die Gewährträgerhaftung der Sparkassen, einer der Hauptkreditgeber für KMU, ist ab 2005 weggefallen. "Wenn jemand 1.000 $ Schulden an eine Bank hat, hat er ein Problem. Wenn jemand 1.000.000 $ Schulden an eine Bank hat, dann hat die Bank ein Problem", J. M. Keynes.
Kreditklemme: Schwierigkeiten der KMU bei der Kreditaufnahme (Credit Squeese). Die höchst Stufe ist die Kreditklemme (Credit Crunch). Viele KMU sind wegen massiver Ertragseinbrüche auf eine langfristig gesicherte Finanzierung angewiesen, weil die Rücklagen aufgebraucht sind. Die Banken sind wegen hoher Risiken oder mangelnder Liquidität nicht mehr willens oder in der Lage, Kredite zu vergeben. Auch direkte Darlehen der Bundesbank werden erwogen (Bundesbankpräsident dagegen, Eingriff in die Autonomie). Die Eigenkapitalquoten des deutschen Mittelstandes sind geringer als im Ausland. Genaue Aussagen sind jedoch nicht möglich, weil Personengesellschaften weniger deutlich ihre Vermögensverhältnisse in der Bilanz abbilden. Eine Umkehr ist allerdings sichtbar, weil Basel II mehr Eigenkapital bei KMU erfordert. Vor allem mittlere KMU haben Probleme mit der Fremdfinanzierung durch Kredite (Investitionen ab 5 Mio. €). Ende 2009 häufen sich die Klagen über Kredite (keine oder zu teuer, 42,9% bei einer Befragung) aus der Industrie, auch vom BDI. Die Finanzinstitute verlangen oft zu hohe Zinsen, zu viele Sicherheiten und zu viele Informationen. Vor allem die exportabhängige Industrie und die Bauindustrie ist betroffen. Ende 2009 wollen die privaten Banken und die Sparkassen die Klemme mit speziellen Kreditfonds für den Mittelstand bewältigen. Die Orientierung am Aktienkapital bringt Schwierigkeiten bei Genossenschaftsbanken und Sparkassen mit sich. So werden Genossenschaftsanteile und stille Beteiligungen nicht als Kernkapital anerkannt. Ein besonderes Problem stellt auch das Rating- System dar, das die Kredit gebenden Banken anwenden. Die Faktoren dieses Systems sind den Unternehmen oft unbekannt (ebenso wie die Gewichtung und die Auswirkungen des Ergebnisses). "Die Banken nutzen das billige Geld nicht, um die deutsche Wirtschaft zu finanzieren, sondern in erster Linie sich selbst", Volker Kauder, Chef der CDU/CSU Fraktion.
Kreditmediator: Vermittler zwischen Banken, staatlicher Förderbank KfW und Unternehmen, wenn es Konflikte um die Finanzierung mit Krediten geht. Vor allem in Zeiten einer Kreditklemme nach einer Finanzkrise soll dieser helfen. Das Bundeswirtschaftsministerium schafft 2009 diese Institution, die auch das Saarland erwägt. Der ehemalige Chef der ISB in Rheinland-Pfalz Metternich übernimmt als Erster diese Position. Firmen mit einem Jahresumsatz von bis zu 500 Mio. € können sich mit der Bitte um Vermittlung melden. Die Institution hat sieben Mitarbeiter und einen Jahresetat von fünf Mio. €.Es wird geschätzt, dass 2010 25.000 Firmen Hilfe brauchen. "Ich sehe die Gefahr einer breiten Kreditklemme für große Teile der deutschen Wirtschaft", Dieter Hundt, Arbeitgeberpräsident im Nov. 2009.
Unternehmensanleihe: Sie werden von Unternehmen herausgegeben zur Beschaffung von Fremdkapital. Sie haben in der Regel eine höhere Rendite als Staatsanleihen, allerdings auch ein höheres Risiko. Die Sicherheit der Firma ist entscheidend. In der Kreditklemme ("credit crunch", ausgelöst durch mangelndes Vertrauen und fehlende Liquidität) in der Weltwirtschaftskrise 2009 greifen auch viele mittlere Unternehmen nach dieser Finanzierungsmöglichkeit.
Steuerbelastung: Als theoretischer Begriff nicht exakt definiert und operationalisiert. Es können die Steuer- und Abgabenquote insgesamt sein. Hier liegt Deutschland im internationalen Vergleich im Mittelfeld. Historisch sind die Ertragsteuren seit den Fünfzigerjahren kontinuierlich gesunken. Es kann auch auf die Steuerlast einzelner Einkommensgruppen bezogen werden. Die Lohn- und Einkommensteuer hat das höchste Steueraufkommen und nach dem Leistungsfähigkeitsprinzip tragen die oberen Einkommensgruppen den größten Anteil. Sehr schwierig ist die Steuerbelastung bei Kapitalgesellschaften (Großunternehmen) und Personengesellschaften (KMU) zu vergleichen, weil verschiedene Steuerarten (z. B. Einkommensteuer vs. Körperschaftsteuer + Gewerbsteuer) und Verlustausgleich u. a. sowie internationale Aspekte betrachtet werden müssen. Das Thema gehört zur Steuer - Inzidenz, die die tatsächlichen wirtschaftlichen Auswirkungen oder Belastungen einer Steuer misst.
Steuersystem: Die Steuerbemessungsgrundlage ist eine technische oder monetäre Größe, die als Basis für die Ermittlung der Steuerschuld dient (Ertrag, Vermögen). Der Steuertarif legt fest, in welcher Weise die Steuerschuld von der Bemessungsgrundlage abhängt. Jede Steuer besteht aus einer Bemessungsgrundlage und einem Steuertarif, auch die Unternehmenssteuern. Nach der Bemessungsgrundlage können Einkommensteuern, Umsatzsteuern, Ertragsteuern, Grundsteuern und Vermögenssteuern erhoben werden. Die Steuern können proportional, progressiv oder regressiv wirken.
Erbschaftsteuerreform 2009: Erben, die den Betrieb sieben Jahre fortführen, bleiben von der Besteuerung von 85% des Betriebsvermögens verschont, wenn die Lohnsumme mindestens 650% der Lohnsumme zum Erbzeitpunkt addiert. Wer den Betrieb zehn Jahre fortführt, wird komplett von der Erbschaftsteuer befreit, wenn sich die Summe auf mindestens 1000 Prozent addiert. Die Regelung wird erheblich von der Krise beeinflusst, wenn sie Freisetzungen notwendig macht (Verknüpfung von Steuerbefreiung und konstanter Beschäftigung wirkt in einer Rezession katastrophal). Pro Jahr werden in Deutschland ca. 30.000 Unternehmen vererbt. Die neue Bundesregierung ändert Ende 2009 die Anforderungen an den Erhalt von Arbeitsplätzen, indem die Lohnsumme abgeschwächt wird.
Gewerbesteuer bei KMU: KMU unterliegen einem Staffeltarif und können die Steuer mit der Einkommensteuer verrechnen. Die Gewerbesteuer, die eine Kommunalsteuer ist, hat große Bedeutung für die Kommunalfinanzen. Die Städte mit höchstem Pro-Kopf-Aufkommen sind Coburg, Frankfurt a. M. und Schweinfurth. In der Weltwirtschaftskrise verzeichnete Friedrichshafen einen Rückgang um 74%. Zwischen den Parteien in Deutschland wird immer wieder über die Beibehaltung bzw. Abschaffung der Gewerbesteuer diskutiert. Es geht um die ertragsunabhängigen Komponenten und die Bedeutung der Einnahmequelle für die Kommunen. Im dritten Quartal 2010 steigt das Aufkommen sprunghaft an, es könnte sogar ein Rekordhoch erreichen.
Innovation/ Investition
Innovation: "Innovation distinguishes between a leader and a follower", Steve Jobs, b. 1955, CEO Apple Computers. Kern des technischen Fortschritts. Erstmalige Nutzung von Erfindungen. Institutionelle Rahmenbedingungen sind für die Verbreitung fundamental (Patentrecht, Wirtschaftspolitik - Innovationsförderung durch Technologiepolitik -, Wettbewerb, Kooperation Hochschule-Wirtschaft). Besonders wichtig ist eine Förderung von Forschung und Entwicklung (hier stecken Konkurrenten wie China sehr viel Geld rein). Mich interessiert speziell der Zusammenhang zwischen Kultur und Wirtschaft (insbesondere Einfluss der ostasiatischen Kultur). Man unterscheidet Produkt- und Prozessinnovationen. Prozessinnovationen kosten Arbeitsplätze, sichern aber das Überleben. Produktinnovationen können additiv oder substitutiv sein. Im weiteren Sinne können auch neue Märkte einschließlich ihrer Erschließung, neue Rohstoffquellen und neue Organisationsstrukturen dazu gehören. Seit 2008 erstellt INSEAD den Global Innovation Index. 2008/ 2009 liegt die USA vor Deutschland und Schweden. Bei den Firmen liegt Toyota an der Spitze. Der Bestsellerautor Stephen C. Lundin nennt Motivation und Atmosphäre am Arbeitsplatz als die wichtigsten Grundlagen; vier große Hindernisse sind Zweifel, Normen, Fehlschläge und Kontrolle ("Cats"). Im Bezug auf Firmen gelten als besonders förderlich für erfolgreiche Innovationen Nähe zur Praxis, intensives Netzwerk. Als Schwächen gelten fehlende Konzepte für Schwellenländer und teure Kostenstruktur. Innovation wird einerseits immer wichtiger, um Vorreiter und Verfolger zu unterscheiden. Andererseits sind die Entscheidungsstrukturen zu schwerfällig. "Auch das Kraftwerk ist mit seinen Turbinen und Generatoren ein von Menschen gefertigtes Mittel zu einem von Menschen gesetzten Zweck", Martin Heidegger, Die Frage nach der Technik, in: Die Technik und die Kehre, Stuttgart 2002.
Innovationsverhalten: Der Anteil innovativer firmen ist in den einzelnen Branchen sehr unterschiedlich. Die Firmen mit hohem Innovationsniveau investieren kontinuierlich in Forschung und Entwicklung. An der Spitze liegt in Deutschland der Fahrzeugbau vor der Elektrik und dem Maschinenbau.
Wissenschaft, Forschung, Technologie: Die Gewichte der Weltwirtschaft verlagern sich mehr und mehr nach Asien. Europa und Deutschland muss mit dem rasanten Innovationstempo dort mithalten. Dies ist nur durch eine optimale Zusammenarbeit von Unternehmen, Wissenschaft, Banken und Staat zu erreichen. Vgl. Clement, W./ Merz, F.: Was jetzt zu tun ist, Freiburg (Herder) 2010, S. 156ff. Aktuell forscht Deutschland überwiegend in gehobenen Gebrauchstechnologien. In den Spitzentechnologien verliert es immer mehr an Boden.
Investition: Der HB-Business-Monitor misst die geplanten Investitionen. Die Befragung im März 2010 ergibt, dass 36% von knapp 800 befragten Topmanagern mit höheren Investitionen in den nächsten 12 Monaten planen. Investitionsprozesse in KMU habe ich selbst ausgiebig erforscht. Vgl. die Publikationsliste. Die Form des Entscheidungsprozesses und die Qualifikation der beteiligten Führungskräfte hat einen großen Einfluss. Innovative Investitionsprozesse wiederum beeinflussen stark den Unternehmenserfolg. Ifo in München und BDL ermitteln die Investitionslust als Frühindikator. Ende 2010 zeigen diese Frühindikatoren zur Entwicklung der Investitionstätigkeit für 2011 nach oben. Vgl. als klassischen Aufsatz: Modigliani, F./ Miller, M., The Cost of Capital, Corporate Finance and the Theory of Investment, in: AER, 1958. "Creativity comes from looking for the unexpected and stepping outside your own experience", Masuru Ibuka (1908-1997), Japanese Founder and Chief Advisor of Sony.
Mittelstand als "industrielles Herz": Dies gilt - wie schon ausgeführt - für die Jobs und die Entstehung neuer Arbeitsplätze. Es beweist sich auch für die technologische Kompetenz (z. B. die flexiblen Weltmarktführer). Wo dieses Herz fehlt wie in den USA und Großbritannien kann man die negativen Strukturen "besichtigen". Besonders wichtig ist das Zusammenspiel der KMU bei Forschung und Entwicklung mit den Großunternehmen. Entsprechende Netzwerke und Cluster sind zu wenig erforscht.
Mittelstandspolitik (auch generelle Aspekte von KMU)
Mittelstandspolitik: Hierbei handelt es sich um staatliche Hilfen (Steuererleichterungen, Krediterleichterungen, Investitions- und Finanzhilfen, Beratung) für kleine und mittlere Unternehmen. Sie sollen die relativen Nachteile dieser Unternehmen gegenüber Großunternehmen und Multis und die Schwachstellen ausgleichen, die Effizienz und Innovation steigern. Um die Folgen der weltweiten Finanzkrise 2008 auszugleichen, richtet die EU spezielle Darlehen ein, die über die Europäische Strukturbank (EIB) zu erlangen sind (bis 2011 30 Mrd. €). Die Mittelstandspolitik ist Teilbereich der Strukturpolitik (neben regionaler, sektoraler). Eine vernünftige Evaluierung findet nicht statt (häufig nur Ermittlung der Bekanntheit).
Industriepolitik: Unterstützung der Unternehmen durch die Wirtschaft. Schlüssel- und Zukunftstechnologien sollen wachsen. Die unternehmen wollen allerdings keine Dauerintervention des Staates. Die Industriepolitik für KMU wird zur Mittelstandspolitik gerechnet. Im Hinblick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher KMU ist sie im Auge zu behalten (dazu habe ich 2012 einen Artikel geschrieben, vgl. Working Paper 1/ 2012 der HS LU).
Schwachstellen bei KMU: die größte Schwäche liegt bei der Finanzierung (insbesondere Verfügbarkeit von Risikokapital). Aber auch bei den Punkten Internationalisierung und Innovation liegen Schwachstellen. Exportierende Unternehmen haben auch Probleme mit der Instabilität des Euro und der inkonsistenten Steuerpolitik.
Wirtschaftsfonds Deutschland Rettungsschirm für Unternehmen nach der Finanzkrise. Er sollte die drohende Kreditklemme bei Unternehmen bekämpfen. Insgesamt 115 Mrd. € standen für Bürgschaften und Kredite zur Verfügung (75 Mrd. € für Bürgschaften, 40 Mrd. € für Kredite). Davon wurden bis November 2009 7,8 Mrd. € abgerufen. Bis Ende Juni 2010 wurden 13,2 Mrd. € abgerufen. Gestützt werden dürfen nur Unternehmen, die wegen der Finanzkrise in Not geraten sind. Jeder Antrag wird von Wirtschaftsprüfungsgesellschaften (PriceWaterhouseCoopers, KPMG) geprüft. Dossiers erhalten die Länder und Bundesministerien. Ein Lenkungsrat gibt Empfehlungen, ein Lenkungsausschuss entscheidet. Die Mittel stammen aus den Konjunkturpaketen I und II. Bis Mitte Juni 2009 kamen 434 von 440 Kreditanträgen aus dem Mittelstand. Bis zum gleichen Zeitpunkt wurden dem Mittelstand 600 Mio. € an Bürgschaften und Garantien bewilligt. Im September 2009 werden weitere 17 Mrd. € gegen die Kreditklemme zur Verfügung gestellt, insbesondere für KMU. Es handelt sich um 10 Mrd. an Globaldarlehen, die über die KfW und die Hausbank ablaufen. 7 Mrd. sind für Kreditbürgschaften im Zusammenhang mit Warenlieferungen. Bis Ende 2010 wird der Fonds wieder geschlossen.
Rettungsmaßnahmen (weitere) für KMU in der Weltwirtschaftskrise: Die FDP plant Ende 2009 einen Rettungsschirm für kleine Firmen. Den Arbeitgebern sollen die Beiträge für Sozialversicherungen gestundet werden. Das Wachstumsbeschleunigungsgesetz, das Ende 2009 beschlossen wird, enthält auch punktuelle Entlastungsmaßnahmen für KMU (Erbschaftsteuer, ermäßigter Mehrwertsteuersatz für Hotels u. a.). Die Abschreibungsregel wird auch geändert. Unternehmen können geringfügige Wirtschaftsgüter sofort abschreiben. Es fehlt aber die Steuersystematik. KMU bis zu einer Umsatzgrenze von 500.000 € können einen Zahlungsaufschub bei der Mehrwertsteuer erhalten, bis die Kunden bezahlt haben (gegen die Liquiditätsprobleme). Diese Regelung wird über 2011 hinaus verlängert.
Benchmarking: "A process in which a company compares its products and methods with those of its competitors, in order to try to improve its own performance". Der Begriff wird mittlerweile in der BWL als Fremdwort-Fachbegriff verwendet. Es gibt auch die Begriffe "Best Practice" und "Best-of-Class-Vergleich". Entscheidend ist, was als Benchmark gesetzt wird: z. B. der Brachendurchschnitt, die Marktführer oder andere. Weiterhin bereitet die Messbarkeit (Operationalisierung) Probleme. Globalisierung verschärft die Konkurrenzsituation und lenkt den Blick mehr auf die Wettbewerbsfähigkeit, daher die Aktualität des Benchmarking. Es handelt sich um einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess, an dessen Ende eine umfassende Kontrolle steht. Es gibt drei Formen: Internes, horizontales und vertikales Benchmarking. "Der Kern einer Strategie besteht darin zu bestimmen, was man nicht macht, Michael Porter, Prof. Harvard.
Innovationshilfe: Mit einer besonderen Förderung wird 2010 ein Topf eingerichtet (Gesetz), aus dem Machbarkeitsstudien und Gutachten finanziert werden können. Damit soll der Wissenstransfer von Hochschulen zu Unternehmen verbessert werden. So sollen marktfähige Produkte in Unternehmen schneller umgesetzt werden.
Gründungszuschuss: Maßnahme der Aktiven Arbeitsmarktpolitik der Bundesagentur für Arbeit seit 2005. Empfängern von Arbeitslosengeld I soll die Beendigung der Arbeitslosigkeit erleichtert werden. Unter bestimmten Voraussetzungen (u. a. gutachterliche Stellungnahme zur Geschäftsidee) kann auf Dauer von max. 15 Monaten gefördert werden. Sehr erfolgreich war zwischen 2003 und 2006 die Ich - AG. Vier von fünf gegründeten Unternehmen war am Markt erfolgreich. Die Förderungsdauer war länger und die Voraussetzungen lockerer als beim Gründungszuschuss. Existenzgründung wird immer wieder stark von staatlichen Maßnahmen beeinflusst: 2010 will die Regierung die freiwillige Arbeitslosenversicherung für Selbstständige verteuern. Damit droht eine Beitragsexplosion. Gründungsförderung ist ein anerkanntes Mittel im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit.
Mittelstandsförderung: Auf Bundesebene enthält das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) eine Mittelstandsklausel (Ausnahmeregeln bei der Kartellbildung). Die Bundesländer haben oft Mittelstandsförderungsgesetze. Diese greifen ein bei der öffentlichen Auftragsvergabe für KMU, bei der Zahlungsabwicklung für KMU durch öffentliche Auftraggeber und bei der Nachhaltigkeit der Förderprogramme (Evaluation der Effizienz ist noch Ausnahme). Beispielsweise hat RLP ein Gesetz zur Förderung mittelständischer Unternehmen von 1978. Dies wurde 2010 reformiert. Es sollen mehr Cluster, also regionale oder branchenspezifische Kompetenz-Verbünde, gefördert werden. Zahlungsverpflichtungen der öffentlichen Hand sollen schneller erfüllt werden. Eine Mittelstandsklausel soll Nachteile bei Gesetzen und Verordnungen verhindern.
Mittelstandslotse: Einige Bundesländer arbeiten mit dieser Institution (z. B. Hamburg, RLP), um einen zentralen Ansprechpartner für die mittelständische Wirtschaft zu haben. In der Regel geht es um Finanzierungsprobleme und eine Vermittlung zu den Banken. In RLP gibt es Mittelstandslotsen als einheitlichen Ansprechpartner (EAP) auch bei der Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd und auf kommunaler Ebene.
Industriepolitik: In den asiatischen Ländern ist die Mittelstandspolitik (SME-Policy) in die Industriepolitik eingebunden. So versuchen China und Japan, längerfristig ihre Wirtschaftsstrukturen zu beeinflussen. In der EU muss sich erstmal eine klare Arbeitsteilung zwischen EU-Mittelstandspolitik und den Politiken der Länder herausbilden.
Clusterpolitik: Hier wird KMU-Politik mit Regional- und Innovationspolitik verbunden. Zuverlässige wissenschaftliche Erkenntnisse über eine Wirksamkeit fehlen noch. Als erfolgreichstes Cluster der Welt gilt die Region um Mailand. Populär wurde das Konzept durch M. E. Porter. Der große Vorteil liegt in geballtem regionalen Wissen.
Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHT): Er vertritt auch die Interessen der KMU und berät im Hinblick auf die Mittelstandsförderung. Er wurde 1861 in Heidelberg gegründet (angestoßen von einem Weinhändler aus Neustadt/W., nach dem Krieg wieder gegründet in Ludwigshafen). Der DIHT setzt sich aus 80 Industrie- und Handelskammern zusammen.
"Ökonomie ist sowohl Kunst als auch Wissenschaft, weil das Verhalten von Menschen und Institutionen sich ständig ändert - unsere Theorien müssen sich mit ihnen verändern", Paul A. Samuelson, Nobelpreisträger und Lehrbuchautor (zusammen mit W. D. Nordhaus: Volkswirtschaftslehre, aus dem Amerikanischen, zuletzt 2006).
Fortsetzung des VWL - Lehrbuchs auf der Seite Fallstudie/ E-Learning: hier (Volkswirtschaftslehre, Inhalt: Fallstudien, Funktionsweise, Ideologien (Ideen) und Wirtschaft, wirtschaftspolitische Grundkonzeptionen, Marktbetrachtung (Grundlagen, Finanzmärkte, Umwelt, Arbeitsmarkt), Weltwirtschaftskrise, Wirtschaftsordnungen) und auf der Seite "Methode" (Übungsmodell, Spieltheorie, Lern-Datenraster, Methode der VWL, Wissenschaftstheoretische Grundlagen der VWL).
"Kein Ding sieht so aus, wie es ist. am wenigsten der Mensch, dieser lederne Sack voller Kniffe und Pfiffe", Wilhelm Busch, verstarb vor ca. 100 Jahren am 09. 01. 1908. Er war Satiriker, Dichter, Zeichner (Urvater des Comics) und Maler, auch Buddhist. Vgl. auch die W.-B.-Gesellschaft.